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Redensarten Nr. 23 - die Schattenseite des Schattens…

Liebe Redensarten-Freundinnen und Freunde,

willkommen zu meinem dreiundzwanzigsten Newsletter.

Im letzten Teil über den Schatten sprechen wir über das Negative, das mit dem Schatten verknüpft ist: Nachteile, bedrückende Gedanken und den Tod.

benachteiligt sein, in schlechten Verhältnissen leben

Wer nicht auf der "Sonnenseite des Lebens (Öffnet in neuem Fenster)" ist, der steht - dem Sinnbild entsprechend - "auf der Schattenseite des Lebens (Öffnet in neuem Fenster)", was z. B. bedeutet, dass er von Armut betroffen oder sonst wie benachteiligt ist. Eigentlich ist mit diesem Wort die beschattete Seite einer Sache gemeint, z. B. die Schattenseite eines Berges. Im übertragenen Sinn meint man damit die negative Seite, den Nachteil einer Sache. Auch ein Mensch kann eine Schattenseite haben, also negative Charaktereigenschaften wie Egoismus, Missgunst, Arroganz oder Aggressivität.

Der Gegensatz von Licht und Schatten mit ihren jeweiligen Sinnbildern kommt auch im Sprichwort "Wo (viel) Licht ist, ist auch (viel) Schatten (Öffnet in neuem Fenster)" zum Ausdruck.

Bäume beschatten einen Weg in sommerlicher Landschaft (Öffnet in neuem Fenster)
Wo Licht ist, ist auch Schatten (Quelle: https://commons.wikimedia.org)

Es drückt aus, dass alles seine zwei Seiten hat und jeder Vorteil auch einen Nachteil mit sich bringt. Das Sprichwort stammt von Goethe. Dass wirklich alles auch Nachteile hat, dürfte schwer zu beweisen sein. Möglicherweise gibt es Sachen, die ausschließlich positiv oder ausschließlich negativ sind. Wer das Sprichwort äußert, will lediglich darauf hinweisen, dass eine Sache auch Nachteile mit sich bringt:

  • Wo Licht ist, ist auch Schatten: Der Toursimus bringt zwar den Menschen vor Ort gute Einnahmen, ist aber auch mit Wohnungsknappheit, hohem Wasserverbrauch und Umweltschäden verbunden

schlecht, unheilvoll, bedrückend

Anschließend an die Hell-dunkel-Metaphorik (siehe hierzu "jemandem geht ein Licht auf (Öffnet in neuem Fenster)") wird der Schatten mit der Dunkelheit und damit auch mit all seinen negativen Eigenschaften in Verbindung gebracht. Dazu gehören Unwissenheit ("geistig umnachtet sein (Öffnet in neuem Fenster)"), aber auch düstere Gemütszustände wie Melancholie, Trauer, Angst und Pessimismus. Von den vielfältigen Möglichkeiten, den Schatten in diesem Sinn zu gebrauchen, sei hier nur ein Beispiel aus der Poesie, eine Strophe aus dem Gedicht "Tristesse" von Gottfried Benn, aufgeführt:

Gottfried Benn ca. 1951; Zeichnung von Tobias Falberg in 2005 (Öffnet in neuem Fenster)
Gottfried Benn ca. 1951; Zeichnung von Tobias Falberg in 2005 (Quelle: https://commons.wikimedia.org)

Die Schatten wandeln nicht nur in den Hainen,

davor die Asphodelenwiese liegt,

sie wandeln unter uns

und schon in deinen Umarmungen,

wenn noch der Traum dich wiegt.

(Quelle (Öffnet in neuem Fenster))

In den mythologischen Vorstellungen vieler Kulturen ist der Schatten ein Begriff für das Spiegelbild der Seele, und auch in der Psychologie spielt er eine große Rolle. Für den bekannten Psychiater Carl Gustav Jung (1875-1961) ist der Schatten ein Aspekt der Persönlichkeit. Er repräsentiert negative Charaktereigenschaften, die man gerne verdrängt oder nur im Unbewussten vorhanden sind und den eigenen Moralvorstellungen entgegenstehen. Erst durch Bewusstmachung und Auseinandersetzung mit seinen "Schattenseiten" kann man persönliche Konflikte lösen, und das ist eine wichtige Phase auf dem Weg zur "Ganzwerdung" (Quelle (Öffnet in neuem Fenster)). Dieser erstrebenswerte Zustand kann übrigens durch die Redensarten “mit sich im Reinen sein (Öffnet in neuem Fenster)“ oder “mit sich selbst im Einklang sein (Öffnet in neuem Fenster)“ ausgedrückt werden.

Der Schritt, die "Angst vor dem eigenen Schatten (Öffnet in neuem Fenster)" zu bewältigen, kann auch durch die Redewendung "über seinen Schatten springen (Öffnet in neuem Fenster)" (sich überwinden; etwas tun, was eigentlich der eigenen Natur widerspricht) ausgedrückt werden. Die Redensart "sich vor seinem eigenen Schatten fürchten (Öffnet in neuem Fenster)" ließe sich daher auch als "Angst vor sich selbst" deuten, meist wird sie jedoch einfach gebraucht, wenn jemand übermäßig Angst hat und sich mehr fürchtet, als es der tatsächlichen Gefahr entspricht. Die Redensart ist allerdings nur selten in Gebrauch.

Zu unserem Sinnbild gehört auch die Redewendung "einen Schatten auf etwas werfen (Öffnet in neuem Fenster)" (etwas ungünstig erscheinen lassen, nachteilige Auswirkungen haben, einen Makel haben / bekommen, etwas beeinträchtigen):

  • Der unerfüllte Kinderwunsch hatte einen dunklen Schatten auf ihre Ehe geworfen

  • Neue Beweise werfen einen dunklen Schatten auf die Aufarbeitung der Flutkatastrophe 2021

Ganz ähnlich: “über etwas liegt ein Schatten; etwas liegt wie ein Schatten über etwas oder jemanden (Öffnet in neuem Fenster)” (etwas hat einen Makel; etwas erscheint freudlos / bedrückend / unheilvoll / unergründlich / verdächtig / unglaubwürdig). Beispiele:

  • Es lag ein dunkler Schatten über seinem Gemüt, oft blieb er wegen seiner Depressionen tagelang im Bett

  • Die Gefahr eines neuen Krieges in Europa lag wie ein Schatten über der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz

  • Schon bevor der erste Schwimmer in Paris ins Wasser springt, liegt ein Schatten über den Wettkämpfen in der La-Défense-Arena. Die Doping-Debatte um positiv getestete chinesische Schwimmer belastet das Verhältnis zwischen Sportlern, Funktionären und Dopingjägern

Vergänglichkeit und Tod

Das Reich der Toten, in dem sich die abgeschiedenen Seelen aufhalten, werden auch als "Unterwelt", "Reich der Schatten (Öffnet in neuem Fenster)" oder "Schattenreich" bezeichnet.

Grabsteine werfen in winterlicher Umgebung lange Schatten (Öffnet in neuem Fenster)
(Quelle: https://www.pexels.com, Jorge Pamplona Martín)

Sie kommt in den Mythen vieler Kulturen vor. In der griechischen Mythologie wacht der Unterweltsgott Hades über sein Reich. Mithilfe des Fährmanns Charon überquert man den Fluss Styx, der Ober- und Unterwelt voneinander trennt. Der dreiköpfige Höllenhund Zerberus bewacht den Eingang und sorgt dafür, dass kein Lebender den Hades betritt und kein Toter ihn verlässt.

Die Begriffe Schattenreich oder Reich der Schatten (Öffnet in neuem Fenster) sind aber noch weiter gefasst und in Literatur (z. B. Fantasy-Romane), Filmen und Computerspielen der Populärkultur häufig und in vielen Varianten zu finden. Mit ihnen verknüpft sind Aspekte des Unheimlichen, Verborgenen, Magischen und Bösen.

Mit Schattenreich oder Reich der Schatten (Öffnet in neuem Fenster) werden bisweilen aber auch Organisationen bezeichnet, die undurchsichtige Netzwerke betreiben und im Verborgenen fragwürdigen oder kriminellen Geschäften nachgehen.

So, das war es für heute. Ich hoffe, all das Negative hat Euch zum Jahresende jetzt nicht in eine schlechte Stimmung gebracht.

Ich wünsche Euch allen schöne Feiertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr (Öffnet in neuem Fenster)! Übrigens: Wenn ihr ihn noch nicht gelesen habt, dann möchte ich Euch passend zur Jahreszeit meinen Newsletter Nr. 3 (Öffnet in neuem Fenster) ans Herz legen (Öffnet in neuem Fenster). Da geht es um Ausdrücke und Redensarten, die einen Bezug zu Weihnachten haben. Schaut mal rein!

Viele Grüße,

euer Peter vom Redensarten-Index

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