
Liebe Redensarten-Freundinnen und Freunde,
willkommen zu meinem zweiundzwanzigsten Newsletter.
In der letzten Ausgabe ging es ja um den Schatten und wie seine Eigenschaften in Redewendungen genutzt werden, um andere Bedeutungen zu vermitteln. Der Schatten hat aber darüber hinaus verschiedene symbolische Bedeutungen - nicht nur in Redensarten. Diese sind so häufig, dass der Schatten in seiner übertragenen Bedeutung - schätze ich mal - häufiger auftritt als in seiner gegenständlichen, und diese schauen wir uns heute mal näher an.
nicht wirklich, nicht real, nur dem Schein nach
Der Schatten bildet einen Körper in seinen Umrissen ab. Er lässt also die genaue Form und Gestalt des Körpers, den er abbildet, nur erahnen.
Somit ist der Schatten das ideale Sinnbild für Unechtheit und nur scheinbares Abbild der Wirklichkeit. Diese Symbolik lässt sich bis in die Antike verfolgen - genauer gesagt: Sie wird schon vom griechischen Philosophen Platon (428/427–348/347 v. Chr.) genutzt, um ein Gedankenexperiment zu konstruieren: das berühmte Höhlengleichnis - eines der grundlegendsten philosophischen Überlegungen der abendländischen Kultur.
Es geht so: Man stelle sich vor, in einer Höhle sitzen Menschen ihr ganzes Leben lang angekettet, sodass sie sich nicht bewegen können. Auch der Kopf ist fixiert, sodass sie nur in eine Richtung gucken können: auf die gegenüberliegende Wand. Hinter ihnen brennt ein Feuer. Vor diesem Feuer werden nun Gegenstände vorbeigetragen, die einen Schatten an die Wand werfen.
(Öffnet in neuem Fenster)Da nun die Menschen weder Feuer noch die Gegenstände sehen können, sondern nur deren Schatten, glauben sie, dass die Schatten nicht Abbilder sind, sondern die Wirklichkeit selbst. Was würde jetzt passieren, wenn einer dieser Menschen freigelassen würde? Er könnte aus der Höhle treten und würde zum ersten Mal das Sonnenlicht sehen. Er wäre geblendet und verwirrt. Und er würde zum ersten Mal die Dinge in ihrer Wirklichkeit erkennen. Er könnte auch zurückgehen zu den anderen und versuchen, sie aufzuklären. Doch diese würden ihm nicht glauben - zu sehr und zu lange haben sie es sich eingerichtet mit ihren Schatten. Wenn jemand versuchte, sie zu befreien und nach draußen zu führen, würden sie ihn umbringen, wenn sie könnten.
Dieses Gleichnis wurde in der Folgezeit vielfach aufgegriffen und interpretiert. Eine Deutung wäre, dass alle sinnlich wahrnehmbaren Dinge nur unvollkommene und daher fragwürdige Abbilder sind (Quelle (Öffnet in neuem Fenster)). In Zeiten von Fake News, Filterblasen und KI-generierten Filmen und Texten sind diese Überlegungen aktueller denn je!
Die Vorstellung, dass die Dinge sind nicht so sind, wie wir sie wahrnehmen oder wie wir sie uns vorstellen, finden wir auch in bestimmten Ausdrücken und Redensarten,
(Öffnet in neuem Fenster)so etwa das "Schattenboxen (Öffnet in neuem Fenster)" (Kampf mit einem Gegner, der nur gedacht oder eingebildet ist) und das "Schattengefecht (Öffnet in neuem Fenster)" (ein scheinbarer, nutzloser Streit, ein Scheingefecht / Ablenkungsmanöver).
Beispiele:
Als ich erkannte, dass ich die ganze Zeit nur Schattenboxen betrieb, dass die Menschen, die mir Probleme bereiten, ja gar nicht existieren, dass das alles wirklich nur von mir kommt, lösten sich wichtige berufliche Probleme
Dieser behauptete Interessenkonflikt existiert gar nicht. Er ist ein Schattengefecht
Im ursprünglichen Sinn ist das “Schattenboxen (Öffnet in neuem Fenster)” eine Trainingsmethode beim Boxkampf, wie auch im obigen Bild zu erkennen ist. Dabei boxt man in die Luft gegen einen imaginären Gegner, also gewissermaßen gegen den eigenen Schatten. Seit dem 20. Jahrhundert gibt es den Ausdruck auch in übertragener Bedeutung.
Dann kann man auch einem "Schatten nachjagen (Öffnet in neuem Fenster)" (ein unrealistisches Ziel verfolgen, einem Trugbild folgen). Diese Redewendung ist jedoch eher selten anzutreffen.
kraftlos, undeutlich, schwach, schwache Spur, nur in Umrissen und schemenhaft erkennbar
Dieses Bildfeld ist dem oben genannten ganz ähnlich. Weil der Schatten keinen Körper hat, im Gegensatz zur Sache selbst, kann er als Sinnbild für eine kraftlose Gestalt herangezogen werden.
Diese Verknüpfung des Schattens mit Schwäche ist schon in der Bibel zu finden. So klagt Hiob über sein Leiden: "Mein Auge ist dunkel geworden vor Trauern, und alle meine Glieder sind wie ein Schatten" (Hiob 17,7 (Öffnet in neuem Fenster)).
Übrigens wird in der Sprache der Bibel der Schatten oft positiv als Symbol des Schutzes und des Asyls verwendet (siehe hierzu meine Erläuterungen zur Redensart “aus dem Schatten treten (Öffnet in neuem Fenster)“). Das hat sich in deutschen Redewendungen allerdings nicht niedergeschlagen. Das dürfte klimatische Ursachen haben: Im Nahen Osten, wo die Bibel verfasst wurde, ist der Schutz vor der Sonne wichtiger als in Deutschland mit seinem gemäßigten Klima.
Aber zurück zum hier behandelten Bildfeld. Dazu gehört das "Schattengewächs (Öffnet in neuem Fenster)". Im gegenständlichen Sinn bezeichnet man damit Pflanzen, die im Schatten wachsen. Im übertragenen Sinn sind damit Personen gemeint, die unauffällig sind oder Dinge, die kaum beachtet werden.
Ganz ähnlich ist die Redensart "ein Schattendasein fristen (Öffnet in neuem Fenster)". Damit meint man Sachen oder Menschen, die kaum beachtet werden oder nur im Verborgenen existieren:
Der kleine Spielplatz in der Lilienstraße fristet ein Schattendasein. Die Geräte sind in die Jahre gekommen, und Kinder spielen hier nur selten
Coltene fristet an der Börse bisher ein Schattendasein. Ändert sich das?
Der Frauenfußball fristete früher ein Schattendasein, heute ist er populär wie nie zuvor
(Öffnet in neuem Fenster)Dann gibt es noch "etwas / jemanden in den Schatten stellen (Öffnet in neuem Fenster)" (besser sein als jemand / etwas, jemanden oder etwas übertreffen). Das Sinnbild erklärt sich hier von selbst.
Ganz häufig ist auch folgende Redewendung, die unterstreicht, dass etwas nicht im Geringsten vorhanden ist:
Dem Mann konnte nicht der Schatten eines Verdachts (Öffnet in neuem Fenster) angehängt werden
Ich habe nicht den Schatten eines Zweifels (Öffnet in neuem Fenster), dass sie die Prüfung bestehen wird
Für diese Anschuldigung gibt es nicht den Schatten eines Beweises (Öffnet in neuem Fenster)
Ich hab’ nicht den Schatten einer Ahnung (Öffnet in neuem Fenster), wovon du redest!
Sehr häufig auch: "einen Schatten haben (Öffnet in neuem Fenster)". Das sagt man von Personen, die leicht verrückt, geistig nicht normal sind. Wer also sagt
Der Typ hat echt 'nen Schatten!
, dann ist das schon beleidigend und man unterstellt dieser Person auch eine gewisse Dummheit. Der Gedanke dahinter ist, dass ihr Verstand sehr schwach ist. Dabei spielt aber auch noch etwas anderes eine Rolle: Der Schatten steht für die Dunkelheit und ist damit der Gegensatz zur Helligkeit und zum Licht. Dieses wiederum ist - redensartlich gesehen - gleichzusetzen mit Erkenntnis: Erkenntnis ist eine Art Licht (siehe hierzu "jemandem geht ein Licht auf (Öffnet in neuem Fenster)").
Das Motiv der Schwäche kommt auch in der Redewendung "nur noch ein Schatten seiner selbst sein (Öffnet in neuem Fenster)" zum Ausdruck. Das sagt man von Menschen, die sehr krank sind oder von Dingen, die sich in einem sehr schlechten Zustand befinden. Die Vorstellung, die dieser Redewendung zugrunde liegt, ist, dass eine Person oder Sache so schwach, ja so erbärmlich aussieht, dass sie nicht mehr wiederzuerkennen ist:
Mit 70 Jahren war er aufgrund der vielen Krankheiten, die ihn immer mehr zusetzten, nur noch ein Schatten seiner selbst
Sparrunden, Werksschließungen, Jobabbau - der Traditionshersteller Opel ist nur noch ein Schatten seiner selbst
dunkel, verdunkeln, schlecht erkennbar
Dieses Bildfeld ist dem vorhergehenden wieder sehr ähnlich: Was dunkel ist, ist schlecht erkennbar. Dieses Sinnbild tritt sehr häufig auf. Aktuelles Beispiel ist die "Schattenflotte" Russlands, von der in den Nachrichten gerade oft zu lesen ist. Dazu gehören Öltanker (Schattentanker), die ihre russische Herkunft verschleiern, um die Sanktionen zu umgehen, die gegen das Land wegen seines Überfalls auf die Ukraine verhängt wurden.
Hierher gehört auch die Redensart "in jemandes Schatten stehen (Öffnet in neuem Fenster)". Es handelt sich dabei um einen Menschen, der nur wenig in Erscheinung tritt und kaum beachtet wird, weil er von einer anderen Person (z. B. seinem Chef, seiner Vorgesetzten) "überschattet" (überragt) wird:
Sie stand immer im Schatten von ihrem Bruder. Er wurde vom Vater sogar zum Chef des familieneigenen Betriebes gemacht, obwohl sie dafür extra studiert hatte
Man kann die Redensart aber auch auf Gegenstände oder abstrakte Bereiche beziehen. In diesem Sinne steht etwas im Schatten einer anderen Sache und wird von ihr dominiert. Veranstaltungen z. B. "stehen im Schatten (Öffnet in neuem Fenster)" eines bestimmten Themas:
Das diesjährige Treffen der Nobelpreisträger am Bodensee stand im Schatten der aktuellen Konflikte
Die Regierungszeit von George VI. stand im Schatten des Zweiten Weltkriegs
Man kann dementsprechend auch "aus dem Schatten treten (Öffnet in neuem Fenster)" , d.h. sichtbar werden, hervortreten, sich von einer dominierenden Macht befreien.
(Öffnet in neuem Fenster)Diese Bedeutung wird schon im ersten Beleg aus dem Jahr 1907 deutlich, in dem es um das damals aktuelle Wahlrecht für Frauen geht:
“Dank ihrer politischen Befreiung würde die Frau aus dem Schatten der Kirche in das volle Tageslicht des öffentlichen Lebens treten” (Quelle (Öffnet in neuem Fenster))
So, ich denke, wir belassen es mal dabei für heute. Eigentlich wollte ich das Thema mit diesem Newsletter abschließen, aber das wird dann wohl doch zu viel. Im nächsten und letzten Teil über den Schatten wird es um Benachteiligung, schlechte Verhältnisse, düstere Gedankenwelten wie Trauer und Pessimismus und den Tod gehen.
Bis dann!
Viele Grüße,
euer Peter vom Redensarten-Index
PS: Wenn Du den Redensarten-Index finanziell unterstützen möchtest, so geht das hier: