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Pandemie: Ein Drama kommt selten allein.

 

In der ganzen Welt wütete 2020 die Pandemie. Die Menschen wollten geschützt sein vor dieser bescheuerten Grippe aus China. Nur geimpft und ohne Symptome durften Segler an Land gehen. Und dort fanden sie ein sehr eingeschränktes Leben vor. Keine Gastronomie, geschlossene Geschäfte oder nur mit spezieller Einlassregelung, um das Nötigste zu erhalten. Parks, Spielplätze, Museen, Behörden alles verrammelt, gesperrt, geschlossen. Die Menschen sollten keinerlei Kontakt mehr untereinander haben.

Eigentlich war man infektionsmäßig an Bord und weit draußen auf See in der denkbar sichersten Position. Wer sollte mich an Bord meines Segelschiffes anstecken, zehn, dreißig oder hundert Meilen vom Land entfernt? Oder auch nur hundert Meter vom Ufer entfernt vor Anker liegend? Aus welchem Grund das Behörden ganz anders sahen, wird sich mir nie erschließen. Selbst im Hafen gewährleistet mein Schiff ausreichend Distanz zu möglichen Infektionsträgern. Ein Rätsel.

In Pytagorion auf Samos waren Hannes und Thomas an Bord gekommen. Helge, der mich spontan eine Woche von Kos herüber begleitet hatte, wollte wieder seinem Job in Brandenburg nachgehen. Der Junge hatte ein respektables Unternehmen für Photovoltaik aufgezogen. War begeisternd, ihn kennenzulernen. Es gibt sie also, die jungen Leute, die ihre Ideen erfolgreich umsetzen. Helge hat das aus dem Nichts geschafft.

Seine Eltern hätten solide alternative Vorstellungen von Ausbildung gehegt, erzählte er grinsend. Sie unterrichteten ihn also weitgehend selbst und daheim. So kam er ohne irgendeinen Schulabschluss ins Erwachsenendasein. »Ich habe mich halt umgeschaut, was möglich war. Habe gefunden, dass Photovoltaik ein Geschäft sein könnte. Energie von der Sonne. Irgendwie schlau. Habe mich informiert, die Technik studiert, einen Plan entworfen, die Dinger gekauft und installiert. Läuft.«

Eine der kürzesten Erfolgsstories, die ich je hörte. Auf Samos hatte sein Telefon gedudelt. Neue Kundschaft. Er musste zurück zu seinem Laden.

Anfang März 2020 geisterten ganz andere Nachrichten durch den Äther. Die Bekämpfung der Pandemie würde harte Maßnahmen erforderlich machen. Es sollen dadurch Leben gerettet werden, hieß es. Wir konnten noch ein Auto mieten und verwunschene Dörfer und Klöster in den hohen und dicht bewaldeten Bergen der Insel Samos besuchen.

Tags drauf liefen wir mit der LOREA aus. Die Reise sollte uns nach Westen führen, quer durch die ganze Ägäis bis in den Saronischen Golf. Es wurde eine der schönsten Segelreisen in Griechenland, über Maratakambos an der Südseite von Samos, Ermoupolis auf Siros, Kap Sounion, Ägina, Epidauros, Kolphos und schließlich wieder Ägina. Am 20. März 2020 machten wir die LOREA in Ägina vor der Uferpromenade achteraus vor Buganker fest.

Eigentlich wollten Hannes und Thomas in Piräus von Bord gehen. Die Nachrichtenlage führte allerdings zu einer anderen Entscheidung. Es war zu hören und zu lesen: Die griechische Regierung plane, die Seefahrt vollständig zu unterbinden. In Griechenland würden die Häfen geschlossen werden, alle. Wer drin ist, werde nicht mehr raus dürfen. Zuwiderhandlungen würden mit 5000 Euro geahndet. Dauer der Sperre unbekannt: »Bis auf Weiteres.«

Wenn die LOREA »bis auf Weiteres« in der ZEA-Marina in Piräus festläge, würde das eine sehr teure Angelegenheit werden: Rund sechzig Euro pro Tag. Hier in Ägina kostete der Liegeplatz außerhalb der Saison keine zehn Euro. Und es gibt eine Schnellfähre, Tragflächenboote, die in einer guten halben Stunde Piräus erreichen. Vierzehn Euro pro Person.

Die Pier an der bunten Uferpromenade von Ägina-Stadt war bis auf das graue flache Motorboot der Hellenic Coast-Guard und dem rot-weißen Rescue-Motorboot des Hafens total leer. Nein, nicht ganz. Jetzt lag auch eine schmucke Ketsch dort vor Buganker und Heckleinen: Die LOREA. An die achtzig Meter Kette hatte ich an dem alten CQR-Anker rausgelassen und zwei Heckleinen durch zwei Eisenringe am Kai gezogen. Sah ganz so aus, als ob sie sicher liegen würde auch »bis auf Weiteres«.

Der Bug zeigte nach Westnordwest genau zur Hafeneinfahrt. Erfahrungsgemäß sind starke Winde von dort eher selten. Deshalb wohl hat man den Hafen vor vielen Jahrhunderten genau so angelegt. Doch leider hält sich auch Äolus nicht immer an seine Traditionen.

Hannes und Thomas hatten nicht gezögert zuzustimmen. Sie packten ihre Sachen und holten sich Tickets für das Tragflächenboot.

Tags drauf montierten Gemeindearbeiter jede zweite der hübsch ergonomisch geschwungenen Ruhebänke auf der Hafenpromenade ab. Sie kippten jede zweit Bank jeweils über die erste. Das Leben in den engen Gassen erstarb weitgehend. Die Gastronomie war dicht, geschlossen. All die Bars, Cafés und Tavernen entlang der Promenade und weiter draußen am Strand: Verrammelt, leer. Nur Lebensmittelgeschäfte waren zugänglich und das nur in kleinen Gruppen von drei oder vier Menschen, mit einer Maske vor Mund und Nase natürlich.

Es wäre nicht Griechenland, würden die Menschen nicht Auswege finden, das Geschäftsleben dennoch florieren zu lassen.  Die Anmeldung der LOREA bei der Hafenbehörde lief digital per E-Mail. Den elektronischen Schlüssel für Strom- und Frischwasseranschluß warf eine freundliche Bürokraft vom Balkon im ersten Stock herunter. Die 50-Euronote dafür sollte ich bitte unter der Haustür unten durchschieben. Wie lange dieser Zustand andauern würde, konnte mir niemand sagen. Sie wussten es selbst nicht.

Mach das Beste draus! Am Schiff gibt es immer was zu tun. Und wenn du Material brauchst, geh zum Chandler. Ach, auch geschlossen! Nein. Die Tür ist nur angelehnt. Blick über die Schulter, keiner auf der Straße und schon bist du drin. »Kalimera!«

Der Laden bietet so ziemlich alles, was ein Skipperherz begehren kann. Neben einigen navigationstechnischen Kleinigkeiten erfüllte ich mir den lang gehegten Wunsch, das Schiffssiegel als Wappen groß und in Farbe zu produzieren. Das Material dazu hatte ich längst an Bord: Sperrholz, Stichsäge, Farbe, Lack. Das Cockpit wurde wieder mal zum Atelier.

So vergingen diese außergewöhnlichen Tage. In dem uralten reizvollen Städtchen gab es immer wieder was zu entdecken. Der Ort war immerhin zur ersten Hauptstadt Griechenlands erklärt worden, nach der blutigen Befreiung von der Türkenherrschaft im Jahr 1821. Als sicheres Zentrum der Staatsgründung galt die viereckige Burg mitten in der Stadt. Spaziergänge durch die Gassen und hinaus am antiken Tempelbezirk vorbei brachten Abwechslung und so manche neue Einsicht in die Geschichte. So ließ sich die Pandemie einigermaßen aushalten.

Bis das Wetter umschlug. Kein Scherz, auch wenn es der 1. April 2020 war.

Der Wind drehte auf Nordwest.

Er wurde von Stunde zu Stunde heftiger, pfiff direkt in die Hafeneinfahrt und erzeugte dazu natürlich erheblichen Schwell. Das Heck der LOREA kam der Kaimauer immer näher. Der Anker! Der 35 Kilogramm schwere CQR und die achtzig Meter Kette begannen zu rutschen.

Kategorie Ankergeschichten

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