WAS IST NEU?
Frühling
Die ersten Osterglocken und Krokusse sprießen. Ich fände es schön, wenn der Plural Kroküsse lauten würde. Mein knapp vierjähriger Sohn bildet immer so niedlich lustige Mehrzahlen von Wörtern. “Schnullers“ und “Kinders.” Auch er freut sich über den Frühling, obwohl er die Sonne - oder wie er früher sagte: “die Nonne“ - nicht mag. Blendet ihn zu sehr. Beim Roller fahren stört in allerdings noch der Splitt auf den Gehwegen. Überbleibsel des harten Berliner Eis-Winters im Januar. Auch Ende März noch nicht vollständig weggeräumt. Gerade habe ich in der Süddeutschen Zeitung einen Abgesang auf Berlin gelesen: Die gekippte Stadt. (Öffnet in neuem Fenster) Kennt man ja, dieses Mal kam er aber von einer Berlin-Bewohnerin in Trauer. Sie meinte, dass es die Regierenden der Hauptstadt eigentlich nur noch wenig interessieren würde, was so in Berlin abgehe. Da habe ich ein ähnliches Gefühl. Bürgermeister Kai Wegner ging beim großen Stromausfall erstmal Tennis spielen, um seinen Kopf frei zu bekommen. Jetzt besuchen auch noch weniger Touris die Stadt und es wird brachial an der Kultur gespart. Mal im Ernst: Ist das nicht der einzige wirkliche wichtige Standortfaktor der Hauptstadt? Die hübsche Altstadt ist es schonmal nicht… Aber ich will nicht jammern. Im Prinzip finde ich Berlin schon noch in Ordnung. Natürlich ist meine Heimatstadt Freiburg viel schöner, grüner, angenehmer, die Leute sind netter, die nahen Berge laden zu Wanderungen ein, es gibt wunderbare Radwege, eine pünktliche Straßenbahn, guten Wein und gutes Bier, eine schicke Altstadt, Frankreich und die Schweiz um die Ecke, leckere Restaurants, entspannte Schwimmbäder, tolle Theater, tolle Kinos, tolle Buchläden, einen netten Fußballverein mit Holzstadion, Windräder, eine Seilbahn, super Wetter, Bächle, meine Eltern. Aber sonst? Nichts! Reinste Provinz. Da will doch niemand wohnen! Da bleibe ich lieber in Berlin, hier gibt es immerhin Splitt. Und so viele nette Ratten, mit denen man in den stinkenden und mit Spritzen übersäten Parks spielen kann. Ich übertreibe. Aber nur ein bisschen. Schön an Berlin bleibt, dass drumherum Brandenburg liegt. Und solange dort die AFD noch nicht vollständig übernommen hat, kann man ins sog. Umland flüchten. In die Natur. Zwar ohne Berge, dafür mit vielen klaren Seen und wenig Menschen. Leider trifft man immer mehr Berliner in Brandenburg am Beginn des Frühlings. Sie wirken erstaunlich entspannt.
DAS TELEFONAT
Meine Mutter ruft aus meiner Heimatstadt Freiburg an.
„Feiert ihr eigentlich Ostern?“, fragt sie. „Weil ihr gar nicht in der Kirche seid, unser Enkel nicht getauft ist und ihr alle deswegen in die Hölle kommt.“
„Mama! Wir feiern diese Feste, weil sie schöne Traditionen sind.“
„Er hat ja auch am Tag der Arbeit frei, obwohl er nicht arbeitet“, ruft mein Vater von hinten.
„Und wo versteckt ihr dann die Ostereier, ohne Garten?“, fragt meine Mutter.
„In der Wohnung“, sage ich. „Ist total praktisch. Letztes Mal hat euer Enkel beim Eiersuchen noch meinen Impfpass und 50 D-Mark gefunden.“
„Aber wie kommt der Osterhase in die Wohnung?“
„Der kann fliegen. Mit seinen Ohren als Flügel. Man muss nur ein Fenster auflassen.“
„Was erzählt ihr da für Lügengeschichten?“
„Mama, es geht um einen Hasen, der Schokoeier bringt. Da finde ich eine weitere Lüge nicht schlimm. Außerdem erzählen wir ja ständig Lügen: Der Weihnachtsmann kommt durch den Schornstein. Der Papa musste gestern länger arbeiten und ist deswegen heute morgen krank. Dabei war ich nur in der Kneipe und habe 17 Bier getrunken. Mir habt ihr früher bestimmt auch Lügengeschichten erzählt.“
„Dein Meerschweinchen ist damals ins Klo gefallen und ertrunken”, sagt meine Mutter.
„Was? Ich dachte, es sei ans Meer umgezogen, weil es seine Familie vermisste!“, rufe ich den Tränen nahe.
Aber meine Mutter hat schon aufgelegt.
BUCHEMPFEHLUNG
Aidin Halimi: In den Flügeln das Licht
Ich kenne Aidin schon viele Jahre als sehr lustigen Autor, der unter anderem als Poetry Slammer auf unzähligen Bühnen steht. Jetzt hat er einen wundervollen Debütroman veröffentlicht. Und auch wenn immer wieder feiner Humor aufscheint, so erzählt er doch eine tieftraurige Geschichte, angelehnt an seine Biografie. Aidin ist im Iran geboren und aufgewachsen. Sein Vater wurde in den 80er Jahren als linker Aktivist von den neuen islamistischen Machthabern ins Gefängnis gesteckt. Als Kaveh, Aidins Alter Ego im Roman, noch ein Kind war. Er wird dort schließlich sterben. Das ist kein Spoiler. Der Roman beginnt mit dieser unvorstellbaren Todesnachricht und erzählt danach metaphernstark vom Aufwachsen im Kriegszustand mit einem abwesenden und doch stets präsenten Vater. Dabei gelingen Aidin präzise Sätze wie etwa: „Währenddessen tobten Kaveh und Abtin im Garten, um ihrer Schläfrigkeit zu entfliehen, als würde ins Bett gehen ihre Kindheit abrupt beenden.“ Natürlich fragt man sich da, was Kindheit für die beiden Brüder unter diesen Umständen überhaupt bedeutet?
Die Frauen sind die Heldinnen dieses Buchs. Die Mutter Tara und die Großmutter Aziz. Unterdrückt und gedemütigt, aber stark und intelligent, schaffen sie in unmöglichen Zeiten ein Stück Normalität für die beiden Brüder zu erhalten. Sie verdienen das Geld und erziehen die Kinder. Ihre fast fast übermenschliche Kräfte halten die Familie - und am Ende die Gesellschaft dieses Landes zusammen.
Dieser Roman ist in Zeiten des Krieges auch Erinnerung daran, dass die Opfer der Bomben reale Menschen sind. Mit Kindern und Eltern. Mit eigenen Geschichten. Und nicht wir, die wir fast nur über Handelsrouten und gestiegene Preise reden.
SONGS FOR THE LEFTOVERS -
Lieder, die ich gerade höre.
Alexis Taylor: Your Only Life
Taylor ist eigentlich Sänger der tollen Band Hot Chip, die seit über zwanzig Jahren intelligente elektronische Tanzmusik und mitunter sogar große Balladen veröffentlicht. Immer leicht ironisch abgefedert. Von Taylor erscheinen nebenher auch immer wieder Soloalben, meist reduzierter und oft auch weniger elektronisch als bei Hot Chip. Und die Songs sind melancholischer. So auch der Song „Your Only Life“. Mit seiner glasklaren Stimme singt Alexis Taylor: „Life is tough and unforgiving / Leave some space / For Living / Your only life.“ Das alles über zarte Beats, leichter Gitarre - und am Ende mit etwas positiven Pathos.
WAS STEHT AN?
Äh, Ostern natürlich. Siehe oben. Deswegen macht der Newsletter auch eine kleine Osterpause. Ich muss Eier verstecken… Weiter geht es am 20. April. Davor und dazwischen bin ich natürlich auf Tour. Ich komme im März und April nach Dresden, Leipzig, Darmstadt, Lindlar und Pforzheim. Ticketslinks wie immer auf: www.sebastianlehmann.net (Öffnet in neuem Fenster)
VIELEN DANK FÜRS LESEN.
Bis in vier Wochen! Dein Sebastian.