Liebe Lesende!
Dieses Mal schreibe ich, Eva, hier und ganz ehrlich; geht’s euch auch so, dass sich der Januar schon jetzt wie 365 Tage News anfühlt? Mir ist deshalb wichtig zu betonen, dass unser monatlicher Newsletter immer nur ein ganz, ganz kleiner Ausschnitt aus den Themen ist, mit denen wir uns als Kollektiv und individuell befassen. Darf man eigentlich noch ein frohes Neues Jahr wünschen? Ich mach’s trotzdem: Ich freue mich riesig, dass ihr uns als Leser*innen durch dieses Jahr begleiten werdet und hoffe, eure kühnsten Träume werden wahr, frohes neues Jahr!
Wir starten direkt rein - mit einem kleinen Einblick in meine Arbeit und den News aus dem Kollektiv, von Rojava bis Portugal.
Hinter der Recherche: Eine Hackerin geht viral
Zwischen den Jahren habe ich gemeinsam mit Christian Fuchs und einer ominösen Hackerin im Power Ranger-Kostüm beim Kongress des Chaos Computer Clubs erzählt, wie AI, klassische OSINT Recherche und Hacktivism ein internationales, rassistisches Datingnetzwerk aufdecken konnten. Zum Schluss gab es noch ein kleines Schmankerl von unserem Power Ranger, bei dem Aktivist*innen sowie Hacker*innen gleichermaßen auf ihre Kosten gekommen sind (müsst ihr selbst anschauen).
Das ganze Spektakel wurde mit mehr als 400.000 Views zum meist gestreamten Talk der Konferenz (Öffnet in neuem Fenster) und in den Wochen danach folgten Berichterstattung und Outcalls von Rassist*innen auf der ganzen Welt, von Neuseeland bis Brasilien. Alle, denen der Talk zu lang ist, können sich die Kurzversion bei unserem Kollegen Rezo (Öffnet in neuem Fenster) reinziehen. Mich persönlich hat diese Recherche empowert und mir gezeigt: Für außergewöhnliche Zugänge können wir gut mit Aktivist*innen zusammenarbeiten!
Empfehlungen aus dem Kollektiv
Rojava: Ein Jahr nach der Recherche
Bis Anfang des Jahres hatten viele Kurd*innen in Syrien noch gehofft, dass eine Koexistenz zwischen der kurdischen Selbstverwaltung im Nordosten und dem von Ahmed al-Sharaa geführten syrischen Zentralstaat möglich sein könnte. Diese Hoffnung ist Geschichte. Sharaas Armee hat binnen kürzester Zeit große Teile des Landes unter ihre Kontrolle gebracht – fraglich ist, ob und wie die SDF (Syrian Democratic Forces) ihre Stellung in den mehrheitlich kurdischen Gebieten halten können. Das heißt auch: Nach fast zehn Jahren Krieg – über den Bartl zusammen mit unserer Kollegin Daniela Sala vom italienischen FADA Kollektiv und mit Selbstlaut-Kollektivista Laila (Öffnet in neuem Fenster) immer wieder vor Ort berichtet hat (Öffnet in neuem Fenster) - scheinen die Türkei und Erdoğan ihrem Ziel, die Selbstverwaltung zu zerschlagen, zum Greifen nah.
Grund dafür ist auch die Trump-Administration, die ihre langjährigen kurdischen Verbündeten im Kampf gegen den IS quasi über Nacht fallen ließ. Für die Menschen, die Bartl und Laila noch letztes Jahr in Kobane interviewt haben, bedeutet das vor allem eins: Todesangst vor Rache (Öffnet in neuem Fenster) und Rückkehr islamistischer Kämpfer. Weiterlesen könnt ihr auch hier. (Öffnet in neuem Fenster)

Vor Ort in Nordsyrien
Theresa hört ihr aktuell oft im Podcast von Was jetzt (ZEIT) (Öffnet in neuem Fenster) mit aktuellen Einschätzungen der Lage in Syrien. Dabei berichtet sie genauso über die Aufarbeitung der Gräuel der Vergangenheit (Öffnet in neuem Fenster) wie über die sich fast täglich ändernde Lage im Norden des Landes. Vor ein paar Tagen ist auch Laila nach Syrien gereist, um gemeinsam mit Theresa zu recherchieren. Während ich diesen Newsletter schreibe, stehen die beiden vor den offenen Toren des Shaddadi Gefängnis in Nordsyrien, auf dem Boden die orangenen Overalls der hier noch vor einer Woche inhaftierten ehemaligen IS-Kämpfer. Wir halten euch über unsere Social Media Kanäle über kommende Veröffentlichungen auf dem Laufenden.
Zwischen Fiktion und Fakten
Ann schreibt aktuell an ihrem dritten Buch und in Vorfreude darauf will ich euch ihr letztes Buch nicht vorenthalten! "Jahre ohne Sprache" ist im November 2025 bei Ecco (HarperCollins DE) erschienen. Im Klappentext heißt es:
“Diese Geschichte beginnt in einem Sommer, kurz bevor das, was die Erwachsenen mit dem wirklichen Leben meinen, für Natascha eigentlich so richtig losgehen sollte. In Glanitz, einem kleinen Ort in der Provinz, findet das Leben für sie und ihre Freunde zwischen Fußballplatz, Bushaltestellenhäuschen und Jahrmarkt statt. Immer dabei ist die Hand, wie Natascha ihn nennt. Die Hand, die auf ihrem Oberschenkel lauert wie ein Fisch, die ungefragt vordringt, während sich der Himmel von Nachtblau zu Frühmorgenblau färbt und alle besoffen sind. Fünf Jahre später hat Natascha die Enge ihres Heimatortes verlassen und lebt mit ihrer Wahlfamilie in einer besetzten Knopffabrik. Hier wird Natascha zu Nao, hier gibt es keine Vergangenheit, keine Hierarchie, kein »Er« und kein »Sie«, hier gibt es nur »Wir«. Doch die Erinnerungen an ihre Jugend lassen sie nicht los, und so beginnt eine Suche, bestimmt von dem Drang, sich die Deutungsmacht über das Geschehene zurückzuerobern. Unmittelbar, schonungslos und mit großer Dringlichkeit erzählt Ann Esswein von Ohnmacht, Scham und dem Unbehagen, für das es in der Jugend keine Worte gab.”
Parallel zum Roman ist Ann für ein SWR Radioessay (Öffnet in neuem Fenster) der Frage nachgegangen, wie wir damals in den "Jahren der ersten Male" Grenzen gelernt haben, wer sie mitverteidigt hat und welche Worte man zur Seite hatte – oder nicht.
Abschalten, aber wie?
Bei all den Hiobsbotschaften, die online auf mich einprasseln, versuche ich manchmal, aktiv das Handy wegzulegen. Sandra hat im Winter Miriam Hindelang besucht. Anders als die meisten Menschen ihrer Generation hat sich die 27-Jährige Sozialarbeiterin bewusst für ein entschleunigtes Leben ohne Smartphone entschieden. Passend zum Vibe dieser Geschichte hat Sandra alle Bilder analog mit einer Mittelformatkamera fotografiert. Erschienen ist das ganze im Spiegel (Öffnet in neuem Fenster)und sieht zum Beispiel so aus:

Was machen die Kolleg*innen?
In Portugal besuchen Ann, Laila und Olivia gerade das portugiesische Kollektiv Fumaça (Öffnet in neuem Fenster). Fumaça ist ein unabhängiger, gemeinnütziger, investigativer Journalismus-Podcast, der sich seit 2016 auf die Untersuchung von Unterdrückungssystemen konzentriert. Für uns besonders spannend: Das Kollektiv begreift sich als “unabhängig und antiautoritär, da die Journalist*innen horizontal über die Ausrichtung der Publikation entscheiden, ohne Verwaltung, ohne Geschäftsführung und ohne Hierarchien.” Wir freuen uns, Fumaça in unsere “Kollektiv-Familie” aufzunehmen und künftig mehr gemeinsam zu machen. Die ersten gemeinsamen Recherchen sind schon in Planung!
In unserem ersten Call nach den Ferien haben wir im Kollektiv gemeinsam gegrübelt, was gegen die Ohnmacht und das Gefühl der permanenten Krisen hilft und waren uns einig: Community Building, Gleichgesinnte und Netzwerke, in denen wir für- und miteinander Verantwortung übernehmen und uns gegenseitig auffangen. Auch ihr seid Teil dieser Community und wir freuen uns auf alles, was noch kommt.
Herzlich,
Eva und das Selbstlaut Kollektiv
Das Selbstlaut Kollektiv sind Ann Esswein, Karolina Kaltschnee, Olivia Samnick, Anina Ritscher, Alicia Prager, Paul Hildebrandt, Bartholomäus Laffert, Sandra Singh, Laila Sieber, Helena Manhartsberger, Eva Hoffmann, Nora Börding und Timo Stukenberg. Mehr Infos und Links zu unseren Veröffentlichungen findet Ihr auf unserer Website (Öffnet in neuem Fenster), auf Instagram (Öffnet in neuem Fenster), LinkedIn (Öffnet in neuem Fenster) und BlueSky (Öffnet in neuem Fenster).