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Mika hat Hoffnung für diese Generation

Mika

Meine Freundin M. stellt mich einem Typen vor: Hier, das ist Mika. Die hat einen Podcast, der ist sehr interessant. Dann werde ich natürlich gefragt und ich erzähle. Der Typ sagt: Hey, ich mache das normalerweise nicht [Ich glaube, er lügt. Ich glaube, er macht sowas ständig], auf jeden Fall sagt er: Ich soll nächste Woche eine Veranstaltung über Cannabis-Legalisierung moderieren, aber es sitzt nur eine Frau auf dem Panel, und ich habe keine Lust, noch ein Mann zu sein. Mach du das doch einfach.

Und ich sage: Ähh…

Und er sagt: Lass uns morgen Mal telefonieren, dann erkläre ich dir alles.

Ich sage: Okay.

Eine Woche später sitze ich auf einer kleinen Freilichtbühne und stelle sechs Gäste vor. Ich habe noch nie eine Veranstaltung moderiert, aber der Typ hat mich bei meiner Ehre gepackt. Ich weiß, wie schwierig es sein kann, Frauen auf Bühnen zu bekommen. Viele hinterfragen ihre Kompetenz, gehen lieber einen Schritt zurück. Ich eigentlich auch. Aber irgendwas in mir sagt: Lieber Mal was mittelmäßig machen, als gar nicht machen.

Die Veranstaltung ist für Jugendliche konzipiert, die das ganze mit einer pubertären Mischung aus Interesse und Teilnahmslosigkeit beobachten. Aber sie bleiben und mit jeder Minute werde ich ruhiger, lasse los, stelle Fragen und ehe ich mich versehe, sind wir am Ende. Aus dem Publikum kommen auch noch Fragen, die mir auf kleinen Papierzetteln heraufgereicht werden. Die meisten beziehen sich auf Alkohol - Wieso ist Trinken erlaubt, aber Kiffen verboten? Wieso kann man Alkohol überall kaufen? Wieso wird Schnaps als Life-Style Produkt verkauft, aber Cannabis wird verteufelt?

Ich stelle die Frage: Stellen wir uns mal vor, wir würden in einer Welt leben, in der alle Drogen illegal sind. Wir haben jetzt die Wahl, eins von beidem zu legalisieren: Was würdet ihr wählen? Alkohol oder Cannabis?

Erst das Panel: Niemand stimmt für Alkohol (auch der Politiker von der CDU nicht). Auch im Publikum gibt es nur eine Stimme für Alkohol (ein Jugendlicher, der abseits steht, halb dem Ausgang zugewendet).

Und wer wäre für Cannabis? Alle.

Der Vertreter der Jugendperspektive, ein ruhiger und kluger 18-Jähriger, erzählt: Ich trinke nicht, ich kiffe nicht, ich rauche nicht. Klar, sagt er, man sei manchmal ein Außenseiter, aber er sei auch nicht der einzige in seinem Freundeskreis. Die Leute akzeptieren das, das ginge schon klar.

Diese Generation, ey. Die macht mir Hoffnung. Ich glaube, es verändert sich was.

Und noch was:

Backstage quatsche ich mit dem Gast, der als Vertreter der Hanffreunde eingeladen wurde. Er hat noch wen dabei. Und nach zwei Minuten stellen wir  fest, dass wir allesamt trockene Alkis sind und reden über Nüchternheit, Drogen, ADHS, Selbstmedikation und diese Fenster der Möglichkeit, in denen sich etwas verschiebt - Die Momente, in denen Veränderung möglich scheint, und dass man lernen kann, sie zu erkennen und zu nutzen. Wir sind einfach überall. 

Mia

Ich bin auf der jährlichen Sommerparty eines Kunden. Ich stehe mit ein paar Kolleginnen auf einem Deck am Wasser, die Sonne geht unter, Schiffe tuckern vorbei. Nachdem ich zum siebzehnten Mal einen Aperol Spritz abgelehnt habe, werde ich gefragt, warum. Ich sage: »Ich war mal abhängig. Trinke seit Jahren nicht mehr.«

Nach dem ersten beklommenen Schock entfaltet sich sofort das unvermeidliche, präzise durchchoreografierte Standardgespräch. Ah echt wirklich nie, das ist ja toll, das muss ja wahnsinnige Disziplin erfordern, vermisst du es wirklich nicht, was wäre, wenn ich dir das ganz nah unter die Nase halte, bist du wirklich nie in Versuchung, ich trinke ja selber auch häufig, aber keinen Schnaps, hast du damals Schnaps getrunken, ich mach auch manchmal Trinkpausen, das funktioniert jedesmal total gut, hast du jeden Tag getrunken, wie alt bist du eigentlich, wow, du siehst viel jünger aus, das liegt wahrscheinlich am gesunden Lifestyle, hahaha, in meiner Schwangerschaft war es gar kein Ding aufzuhören, ich mache ja auch jedes Jahr die Fastenzeit mit, das ist gottseidank nie ein Problem, wie hast du gemerkt, dass es ein Problem war, wirst du wirklich nie wieder trinken, also für den Rest deines Lebens, wie soll das gehen, wie soll das überhaupt möglich sein, also sag mir verdammt nochmal endlich, dass es kein Problem gibt sag mir dass alles gut ist.

Ich lasse mich auf das Gespräch ein und lächle und antworte freundlich und hole die Leute da ab wo sie sind, ohne ihnen den Gefallen zu tun, anders getrunken zu haben – anders zu sein – nehme ihnen sanft und freundlich die Illusion von Sicherheit.

So läuft das in letzter Zeit. Es ist wahnsinnig angenehm. Ich bin vollkommen ich selbst. Ich habe kein einziges Geheimnis mehr. Mein Kopf ist frei, alle Ressourcen in meiner Hand, ich muss keine politischen Entscheidungen treffen, es gibt keine zwei Versionen von mir, nur eine, niemand kann mich erpressen oder kontrollieren, ich bin ein souveränder Staat, ich herrsche.

Fünf Jahre nüchtern hält seine Versprechen big time.

Kategorie Bi-Weekly

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