Liebe Leserin, lieber Leser,
seit mehr als einer Woche dauert nun der Krieg gegen die iranische Regierung. Viele Nachrichten wurden gestreut und dann wieder revidiert. Die Reaktionen auf den Krieg waren erwartbar – je nach Bubble oder Ideologie. Dazu aber vielleicht etwas später mehr in einem speziellen Blogbeitrag.
Kommentar zur Berlinale
In der vergangenen Woche war die Berlinale noch einmal Thema. Jedoch nicht als Blogbeitrag, sondern als Gastkommentar bei Deutschlandfunk Kultur. 👉 Den Beitrag kann man hier nachhören deutschlandfunkkultur.de (Öffnet in neuem Fenster).
Der israelische Titel für den Eurovision Song Contest
Ist der Eurovision Song Contest noch ein Ding?
Noam Bettan tritt 2026 für Israel an. Wie immer, kommt das nicht überall gut an. Einige Länder haben ihre Beteiligung deshalb schon im Vorfeld abgesagt. Kein Problem, niemand mag Mobber.
Jetzt steht fest, dass Noam Bettan mit dem Song »Michelle« antritt. Es wird Hebräisch, Französisch und Englisch gesungen. Der europäischste Beitrag kommt also aus Israel und wer weiß, vielleicht ist der Song eine Metapher auf das jüdische Leben in Europa? Diese werden wir jetzt mal etwas überdehnen:
Der Song erzählt von einer »Liebesbeziehung«, die von Anfang an mehr zerstört als heilt. Die Beziehung ist zugleich Halt und Abgrund: intensiv, berauschend, aber auch toxisch (so heißt das heute wohl). Michelle verwickelt Noam in einen Zustand permanenter emotionaler Unsicherheit. Eine Ambivalenz also, in der er lacht, tanzt, irgendwie zurechtkommt, während all das wie eine Fassade wirkt. Dahinter stecken Schmerz, das Gefühl, austauschbar zu sein, nur Kulisse im Leben einer Frau zu sein, die selbst voller Widersprüche ist. Besonders stark ist das Bild des endlosen Karussells: eine Beziehung, die sich immer wieder im Kreis dreht, ohne echten Ausweg, ohne Fortschritt. Je mehr man versucht, sich zu lösen, desto stärker scheint der Sog zu werden. Nicht der klare Bruch ist das Problem, sondern das ständige Pendeln zwischen Zugehörigkeit und Gefährdung. Wie gesagt: Das könnte eine Metapher für das jüdische Leben in Europa sein.
Europa erscheint auch niemals als Gegner, sondern als geliebter, aber gefährlicher Ort – ein »Karussell«, aus dem man nicht aussteigt, obwohl es schwindelig macht.
Spannend ist, wie der Song sprachlich arbeitet. Drei Sprachen. Europäischer wird es nicht. Diese spiegeln die Zerrissenheit des Erzählers wieder und repräsentieren natürlich die mehrsprachige jüdische Erfahrung. Mal wirkt alles wie ein verzweifeltes Gebet, mal wie ein romantischer Abschiedsbrief, mal wie ein innerer Monolog eines Menschen, der kurz davor ist, sich selbst zu verlieren. Diese Mehrsprachigkeit verstärkt das Gefühl, dass hier jemand nach Worten sucht, die eigentlich nicht ausreichen, um das eigene Empfinden zu erklären. Die hebräischen Teile sind das innere Gebet, leiser, verletzlicher, weniger performativ als Französisch und Englisch. In der europäischen Erfahrung wird eine Ebene der Kommunikation natürlich nach innen verlagert: Hoffnung, Bitte, ja auch spirituelle Resilienz. Nicht als politische Forderung, sondern als Frage des persönlichen Überlebens.
Am Ende steht kein Triumph, sondern ein leiser, schmerzhafter Akt von Selbstschutz: das Loslassen. Der Erzähler entscheidet sich, Michelle gehen zu lassen, obwohl die Liebe natürlich noch vorhanden ist.
Der entscheidende Moment des Songs ist nicht der Bruch aus Wut, sondern das Loslassen aus Selbsterhaltung. Das »Ich lasse dich gehen, aber ich liebe dich noch« passt erstaunlich gut auf eine Haltung, die man bei vielen Jüdinnen und Juden gegenüber Europa findet: kulturell geprägt, emotional verbunden, historisch verwundet und dennoch gezwungen, Distanz zu schaffen.
Hermeneutik eines kleinen Songs, der vielleicht all das gar nicht im Blick hatte… Europa. La reine des problèmes…
👉Das Video ist übrigens hier zu finden, YouTube (Öffnet in neuem Fenster). Aus urheberrechtlichen Gründen kann ich leider keine vollständige Übersetzung anbieten.
👉 Wer noch tiefer einsteigen möchte: in einem englischsprachigen Blogbeitrag bei der Times of Israel wird das alles noch einmal mit Zitaten aufgearbeitet. Hier zu finden (Öffnet in neuem Fenster). (Natürlich etwas überinterpretiert…)
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