Was mich die Preisliste eines Krankenhauses ĂĽber Armut lehrte.
Es war noch früher Morgen, als wir mit Desinfektionsmittel und Pflaster im Gepäck das Haus verließen. Am städtischen Krankenhaus angekommen öffnete uns der diensthabende Polizist das Tor und ließ uns einfahren. Auf Nachfrage versuchte es mit einer Wegbeschreibung zur OP-Abteilung.
Als wir uns zu Fuß dem Haus näherten, sah ich eine Rampe, die sich vorbei an allen Wartenden und Besuchern in die erste Etage schlängelte. Rechts und links der Rampe saßen Angehörige auf Bastmatten und warteten darauf ihren Liebsten Essen bringen zu können. Einige lehnten mit dem Kopf gegen das Geländer und schliefen, andere unterhielten sich leise.
Ich entdeckte die Treppe und zog es vor den kürzeren Weg zu nehmen. Diese Treppe wurde in den nächsten zwei Tagen ein vertrauter Weg. Vorbei an anderen Wartenden, die ihr Frühstück aus ToGo-Tee und Mangos auf den Treppenstufen zu sich nahmen. Oben angekommen ein Schild an der Tür: Besucher von 7-8 Uhr und 16-17 Uhr. Was es damit auf sich hatte, sollte ich später noch erfahren.
Wir betraten die Anmeldung. Ein kleiner Raum, in dem viele Personen mit weißen Kitteln laut durcheinander redeten. Sie standen alle um einen Schreibtisch herum und wirkten sehr beschäftigt. Es war ein lautes Grundrauschen im Raum bis plötzlich eine Schwester ins Telefon schrie: „It’s a major surgery 4000D“. Ich schaute mich um. Niemand nahm davon Notiz nur ich. Mein Blick wanderte zum Eingang, an dem eine Schwester einem Patienten einen Zugang legte.
Als ich noch überlegte, ob ich lieber draußen warten sollte, liefen plötzlich zwei kleine Katzen um meine Füße und spielten Fangen. Ich entschied zu bleiben und lehnte mich gegen die Wand am Eingang. Auf der gegenüberliegenden Wand hing ein Plakat. Die Ränder etwas ausgebeult, was an der hohen Luftfeuchtigkeit liegen konnte. Eng beschrieben, so dass ich eine Weile brauchte um mich zu orientieren. Ich traute meinen Augen nicht. Dort waren alle Leistungen des Krankenhauses mit Preisen aufgelistet. Die Preise staffelten sich für Gambier, Nicht-Gambier und Extraleistungen. Dort stand auch, was die Schwester gerade ins Telefon schrie. Große Operation 4000D (ca 45 €) und kleine Operation 2000D. Jeder Laborbefund, beinahe jede Untersuchung, der Krankenwagen und vieles mehr waren dort aufgelistet. Ich hätte noch Stunden davor stehen können, doch ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, weil wir nun ganz schnell zur Kasse gehen mussten.


Auf dem Weg begegneten uns unzählige Patienten, die ähnlich verwirrt wie wir ihren Weg suchten. Wir kamen zu einem größeren Platz, der von Praxiszimmern umgeben war. In dessen Mitte stand das Kassengebäude. An jeder Wand waren jeweils zwei ca 30 x 30 cm große Aluminiumfenster, deren Schiebefenster geöffnet waren, so dass gerade eine Hand durchpasste, um das Papier bzw. das Geld entgegenzunehmen. Um das Kassenhaus herum waren gekachelte Betonblöcke, auf denen Wartende saßen. Manche schliefen, andere schauten mit leeren Augen vor sich hin. Nur ein älterer Mann schrie Anweisungen in die Menge, wenn sich vor einem Fenster eine zu lange Schlange bildete. Dieses Haus sollte ich in den nächsten Stunden noch öfter besuchen.
Vor uns waren nur drei weitere Patienten. Ich setzte mich wie alle Wartenden auf einen gefliesten Betonblock und zählte das Geld. Bänke gab es nicht, die standen nur vor den Besprechungsräumen. Den Zettel mit Name und einigen medizinischen Details und das Geld reichten wir in das Fenster und nach ein paar Augenblicken kam der gleiche Zettel mit einem angehefteten Bon auf dem der Preis stand wieder zurück. Leider hatten wir nicht schnell genug reagiert, um eine richtige Quittung für die Buchhaltung zu bekommen. Als wir später noch einmal hingingen, war es nicht mehr möglich eine Quittung zu erhalten.
Als ich pĂĽnktlich zur Besuchszeit wieder ankam, begegnete mir auf der Treppe ein Katzenbaby schlafend, dort, wo morgens noch der Tee getrunken wurde.

Ich öffnete die Tür und weil ich diesmal ohne Begleitung den Raum betrat, verstummte das Sprachengewirr und alle sahen mich für ein paar Sekunden an. Eine weiße Frau mit Hijab mitten in ihrer Abteilung.
Doch ein Krankenpfleger erkannte mich und brachte mich zum Patienten. Wir durchquerten einen großen Raum, in dem Frauen und Mädchen auf Betten lagen und ihre Angehörigen den Kranken mit bunten Fächern Luft zufächelten. Einige flüsterten. Ungewohnt, denn mehr als zwanzig Frauen in ihren farbenfrohen Kleidern sind gewöhnlich alles andere als leise.
Ein kleines Mädchen lag schlafend auf einem Bett und ihre junge Mutter kauerte sich daneben. Später erfuhr ich, dass das Kind von einem Mangobaum gefallen war und operiert werden musste. Die Krankenschwestern gingen von Bett zu Bett, schauten auf Wunden und überprüften die Werte. Eine der jüngeren Schwestern war nur damit beschäftigt, die Trennwände von einem Patienten zum anderen zu schieben, um etwas Diskretion zu gewährleisten.
Sobald ich „unser” Zimmer betrat, konnte ich schnell das Essen abstellen und wurde wieder losgeschickt, Medikamente kaufen. In der Nähe der Kasse war die Krankenhaus-Apotheke. Auf der Liste stand Natrium Chlorid als Tropf und Schmerzmittel. Ich reichte den Zettel durch das Schiebefenster, als er im gleichen Atemzug wieder herauskam mit den Worten „Haben wir nicht”.
Ich ging weiter zu dem netten Polizisten vom Morgen und fragte ihn, wo denn die nächste Apotheke sei. Er zeigte auf ein Geschäft etwa 100 Meter vom Kliniktor entfernt. Für knapp 20 € bekam ich die gewünschten Medikamente. Dieser Vorgang wiederholte sich an diesem und am nächsten Tag noch mehrmals. Vor der Entlassung wurde noch einmal Blut abgenommen und ins Labor gebracht. Selbstverständlich musste ich dann noch einmal los, um für die Aushändigung des Ergebnisses 1,20 € zu zahlen. Die Krankenschwester sagte: „Ich würde es dir ja abnehmen, aber ich darf kein Geld von Patienten annehmen.”
Auf dem Nachhauseweg wurde mir bewusst, was ich auf dem Plakat gelesen habe. Zunächst war ich überrascht, dass ein Unterschied gemacht wird zwischen Gambiern und Nicht-Gambiern. Ich konnte nachvollziehen, warum zwischen Gambiern und Nicht-Gambiern unterschieden wurde. Aber bei mir hatte es einen bitteren Nachgeschmack.
Die Transparenz, die das Plakat signalisiert, gefällt mir, doch wer von denen, für die das Plakat gemacht wurde, kann es überhaupt lesen und verstehen? Wie viel Transparenz entsteht tatsächlich, wenn viele derjenigen, die auf diese Informationen angewiesen sind, sie gar nicht lesen oder verstehen können? Die Menschen, die in unser Büro kommen und nach Hilfe für Medizinische Kosten bitten, sind in den allermeisten Fällen Analphabeten. So passiert es mir immer wieder, dass ich auf die Frage, wie viel die Behandlung kostet, keine Antwort bekomme, obwohl sie doch auch das Plakat gesehen haben müssten.
Die Ärzte wollten den Patienten zeigen, dass die Preise nicht von ihnen festgelegt wurden. Das konnte ich gut nachvollziehen. Denn für viele Menschen gibt es gar keine Alternative zum staatlichen Krankenhaus.
Für viele sind die zwei staatlichen Krankenhäuser die einzigen, die sie sich leisten können. Es gibt unzählige private Krankenhäuser, die besser sind, doch oft unerschwinglich. Auch wir waren zuerst in einem privaten Krankenhaus, doch unser Freund, der Chirurg im staatlichen Krankenhaus ist, hat uns versichert, dass wir bei ihm in den besten Händen sind. So war es dann schließlich auch.
Wir hatten uns bewusst für das staatliche Krankenhaus entschieden. Dadurch hatte ich überhaupt erst die Möglichkeit, die Preisliste in Ruhe zu betrachten. Je länger ich mich mit der Preisliste beschäftigte, desto mehr Fragen warf sie auf. Eine davon betraf die Verhältnismäßigkeit der Preise.
Eine Operation kostet etwa genauso viel wie die dazugehörigen Medikamente. Da auch wir hin und wieder mal in einer Apotheke einkaufen, weiß ich, dass Gambia keine Pharmaindustrie hat, alle Medikamente aus dem Ausland kommen und in Dollar oder Euro bezahlt werden müssen.
Eine Operation hingegen ist eine Dienstleistung. Das Lohnniveau in Gambia ist sehr gering, somit können die Operationen günstiger sein. Das dürfte ein wichtiger Grund sein.
Doch in dem Moment, wenn teure Maschinen zum Einsatz kommen, wird die Behandlung fĂĽr viele Menschen unerschwinglich. So kostet eine Endoskopie oder ein MRT etwa das Doppelte und Stents oder Herzschrittmacher das Dreifache einer Major Surgery.
Doch wie kommt es dazu, dass sich eine große Bevölkerungsgruppe trotz scheinbar erschwinglicher Preise für Operationen und Bluttests jeden Arztbesuch aus Kostengründen meidet? Weil es in Gambia kein verlässliches Sozialsystem gibt. Wenn in einer Familie der Ernährer stirbt, bleiben Frau und Kinder oft mittellos zurück. Sie leben buchstäblich von der Hand in den Mund.
Doch auch wenn der Ernährer noch lebt, sind die Umstände oft so schwierig, dass eine Major Surgery das Familienbudget sprengt. Vor einiger Zeit saß ein Familienvater in unserem Büro und berichtete, dass sein Gehalt etwa so viel wie seine Miete beträgt. Mit zusätzlichen weiteren Jobs versucht er seine Familie zu ernähren. Einer seiner Söhne ist mehrfach behindert und hat nun einen doppelten Oberarmbruch. Verzweifelt kam er zu uns, denn die OP von einem Monatsgehalt kann er nicht bezahlen. Immerhin, auch er hatte auf das Plakat geschaut und mit dem Preis der Major Surgery genannt.
Auch ihn hatte ich, wie so viele andere, nach einem medizinischen Befund gefragt. Doch wie immer war die Antwort: „Der Arzt hat mir keinen gegeben.“ Nach dem Blick auf das Plakat wurde mir klar: Der Arztbericht kostet sie ein Wochengehalt.
Diese Preisliste hat meine Arbeit für den Verein verändert. Ich verstehe jetzt, dass auch sie wahrscheinlich immer wieder zur Kasse laufen müssen, obwohl das Geld an allen Enden fehlt. Und ab jetzt werde ich wohl nicht nur den Arztbericht bezahlen.
Ich werde künftig genauer hininschauen, welche Kosten Menschen überhaupt tragen müssen, bevor sie mit einem vollständigen Antrag bei uns stehen können.