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„Komisch, dass sogar Schweigen gemeinsam besser geht!“

Die Theologin und Würdetherapeutin Ruth Mächler beantwortet den Taktvoll-Fragebogen.

Eine mittelalte Frau mit dunklen, halblangen Haaren und einer hellen Jacke.
Ruth Mächler (Foto: Nela Dorner)

Ruth Mächler ist Soziologin und Theologin. An der Professur für Spiritual Care und psychosomatische Gesundheit (Öffnet in neuem Fenster) der Technischen Universität München forscht sie insbesondere zu existenziellen und spirituellen Bedürfnissen kranker und sterbender Menschen und zu biografischen Fragestellungen.

Freiberuflich arbeitet sie als Würdetherapeutin im Palliativbereich. Menschen erzählen ihr ihre Lebensgeschichten, die sie dann zu Dokumenten zusammenfasst, die weitergegeben oder hinterlassen werden können.

Im März 2025 erschien ihr Buch „Freiheit und Vertrauen“ (Öffnet in neuem Fenster) im Patmos Verlag. Darin berichtet und reflektiert sie über Gespräche mit alten Patres, Brüdern und Schwestern, die ihr ihre Lebensgeschichten erzählten. Sie ist überzeugt: das gelebte Leben ist spannender als jeder Roman und Menschen zuzuhören, die aus ihrem Leben erzählen, kann uns mehr Weisheit schenken als alle Theorien.

1.     Lerche oder Eule?

Eule. Spätabends werde ich noch mal so richtig wach.

2.     Was gehört für Sie unbedingt zu einem guten Start in den Tag?

Ein großes Glas heißes Wasser, am liebsten auf der Bank im Garten getrunken. Ich bin überzeugt davon, dass ein kurzer Aufenthalt im Freien am Morgen die innere Uhr im Takt hält. (Sonst würde die Eule ja noch später ins Bett gehen!)

3.     Pflegen Sie eine spirituelle Praxis?

Ja. Ich bete. Je älter ich werde, desto weniger Worte brauche ich dafür.  

In den letzten Jahren habe ich zudem die Kontemplation für mich entdeckt, eine Art "hörendes Schweigen", bei dem ich versuche, mir ganz ohne Ziel und Absicht der Gegenwart Gottes bewusst zu sein. Ich habe dann sogar eine Online-Gruppe gestartet, bei der wir diese Praxis gemeinsam pflegen und uns dann dazu austauschen. Komisch, dass sogar Schweigen gemeinsam besser geht!

4.     Wie bereiten Sie sich auf ein besonderes Ereignis vor (einen Wettkampf, ein Konzert, ein schwieriges Gespräch …)?

Da ich weder bei Wettkämpfen antrete noch musikalisch bin, handelt es sich bei mir in solchen Fällen eigentlich immer um Gespräche (oder Vorträge) und diese führe bzw. halte ich dann vorab im Geiste. Am Schluss kommt es dann natürlich immer alles anders, aber ich denke dennoch, dass diese Vorbereitung hilfreich ist.

5.     Was bringt Sie aus dem Takt?

Konflikte. Ich weiß, ich weiß, ohne die geht es nicht im Leben. Aber da laufe ich dann nicht mehr in meinem eigenen Takt, da komm ich aus dem Rhythmus.

6.     Welche Jahreszeit mögen Sie besonders? Warum?

Den Sommer, denn dann kann ich im Freien schwimmen. Mich in einen See stürzen – das ist für mich das Schönste, was es gibt.

7.     Schreiben Sie Tagebuch?

Ich habe ein Gebetstagebuch und – noch nicht ganz so lange – ein Traumtagebuch. In einem Café in Paris hat mir ein wildfremder Mensch ein Buch über Traumdeutung nach C. G. Jung geschenkt. Seitdem entdecke ich mit wachsender Faszination die Welt der Träume.

8.     Welche Rituale ihrer Kindheit praktizieren Sie heute noch, evtl. jetzt mit den eigenen Kindern?

Weihnachten war in meiner Kindheit eine große Sache. Meine Kinder sind inzwischen erwachsen, aber wir feiern heute immer noch gerne ein ordentliches Weihnachtsfest miteinander.

Dabei ist inzwischen Flexibilität gefragt: Weil mein älterer Sohn im Dezember nicht nach Europa kommen konnte, musste Weihnachten diesmal im März gefeiert werden. Aber wir haben keine Abstriche gemacht –  Weihnachtsgans, Geschenke, Großfamilie, das ganze Programm. Jesus wurde ja sowieso nicht am 24.12. geboren.

9.     Tanzen Sie?

Ich hopse manchmal zu Diskomusik herum, auf Partys oder auch mal allein zu Hause. Ich bin mir nicht sicher, ob man das wirklich als Tanzen bezeichnen kann.

10.  Sie kommen nach einem anstrengenden Tag nach Hause, welche Musik hören Sie?

Wenn es anstrengend war, freue ich mich über Stille.

11.  Ein freier Tag liegt vor Ihnen. Was machen Sie am liebsten?

Mein Mann und ich frühstücken dann gerne lange, das ist das optimale Setting für gute Gespräche. Und dann gerne raus in die Natur: spazieren gehen, im Garten werkeln oder schwimmen. Oder – bei nassem Wetter – lesen, kochen und nähen.

12.  Welche Rhythmen in der Natur begeistern Sie?

Jedes Jahr achte ich darauf, wann die Vögel wieder zu singen beginnen. Sie kündigen das Frühjahr oft schon an, wenn es noch kalt und dunkel ist. Das ist für mich ein Gesang der Hoffnung.

13.  Wie sehen kleine Atempausen in Ihrem Alltag aus?

Ich arbeite vorwiegend von zu Hause aus. Das Fenster vor meinem Schreibtisch geht in den Garten und oft genügt es schon, den Blick über den Bildschirmrand zu heben, um etwas Schönes zu sehen. Im Moment bauen Stare ihr Nest in einem Kasten am Gartenzaun. Solch ein Eifer! Herrlich.

14.  Zeitung lesen: Papier oder digital?

Beides. Ich achte aber darauf, informiert zu bleiben, ohne mich in negativen Nachrichten zu verlieren. Damit schütze ich meine Seele. Ich lese lieber Bücher.

15.  Urlaub: immer das gleiche Ziel oder jedes Mal Neues entdecken?

Tendenziell neige ich zur Wiederholung, vor allem auch, weil ich gerne im Urlaub liebe Menschen besuche. Aber in den letzten Jahren habe ich auch Abenteuer erlebt – in der Wüste und ein andermal im Atlasgebirge. Das war schon toll.

16.  Wie wichtig sind Ihnen gemeinsame Mahlzeiten mit dem Partner/der Partnerin, der Familie?

Das sind sehr wichtige Stunden. Wir laden auch gerne Freunde zum Essen ein. Beziehungen lassen sich über einen vollen Teller hinweg einfach am besten pflegen.

17.  Partnerschaft, Ihre Erfahrung: „Gegensätze ziehen sich an“ oder „Gleich und gleich gesellt sich gern?“

In unserem Fall sind es gegensätzliche Temperamente, die sich anziehen, immer wieder beleben und herausfordern und manchmal auch an der Gegensätzlichkeit leiden. Aber immerhin gewinnt die Anziehung seit 37 Jahren.

18.  Lesen Sie vor dem Einschlafen? Welches Buch liegt gerade auf Ihrem Nachttisch?

Im Bett lese ich nur, wenn ich nicht einschlafen kann, also nicht meine aktuelle Lektüre, die im Wohnzimmer bleiben muss. Auf meinem Nachttisch liegt die Bibel, ein Buch über die „dunkle Nacht der Seele“ im Sinne der MystikerInnen Teresa von Avila und Johannes vom Kreuz und natürlich griffbereit das Traumtagebuch.

19.  Gibt es eine Zahl, die eine besondere Bedeutung in Ihrem Leben hat?

Nein

20.  Welche Rituale oder Rhythmen sind Ihnen unangenehm?

Auch unangenehme Dinge brauchen einen festen Rhythmus, sonst würde man sie einfach nicht machen: Zahnarztbesuche, Steuererklärung, Vereinshauptversammlung. Am besten man ergänzt sie mit einem schönen Ritual: Essen gehen und feiern, dass man es hinter sich gebracht hat.

21.  Was fällt Ihnen zum Begriff „taktvoll“ ein?

Spontan fallen mir dazu Situationen aus meiner Arbeit als Würdetherapeutin ein. Die Menschen liegen im Sterben, erzählen aber noch ihre Lebensgeschichte und teilen mir ihre wichtigsten Botschaften mit, damit ich all das zu einem Dokument zusammenführe, das sie hinterlassen können.

Da versuche ich, mich ganz auf sie einzuschwingen und ihnen beim Erzählen zu helfen, indem ich sie den Takt angeben lasse und gleichzeitig taktvoll aufgreife, was sie mir so großzügig anvertrauen.

Danke🦋
https://steady.page/de/taktvoll/posts/0f9fc2d5-3911-4320-bcde-21607f05a0c4 (Öffnet in neuem Fenster)https://steady.page/de/taktvoll/posts/e3090402-632c-4e12-964f-b44743c222fa (Öffnet in neuem Fenster)https://steady.page/de/taktvoll/posts/2e612b31-49a4-459f-8701-ebbdb62cfeb0 (Öffnet in neuem Fenster)

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Kategorie Spiritualität + Rhythmus

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