LITERATUR-KRITIK (Öffnet in neuem Fenster)
Der AfD-Ehrenvorsitzende Alexander Gauland gab vor Kurzem zu Protokoll, dass sein politisches Engagement ihn den Großteil seiner Freundschaften gekostet habe. Das Mitgefühl großer Teile der Öffentlichkeit hält sich in Grenzen – so halten wir es auch hier, denn wer wissentlich eine Partei führt, die der Menschenfeindlichkeit Vorschub leistet und die Spaltung der Gesellschaft wesentlich befördert, sollte sich nicht wundern, wenn sich diese Spaltung eben auch im eigenen Bekanntenkreis manifestiert. Sorry, not sorry.

Nun gibt es ironischerweise für diese Situation bereits seit anderthalb Jahren eine literarische Adaption, die zum 9. November kaum besser passen könnte. Nein, es geht nicht um den Gauland eigenen „Vogelschiss“, der einen ersten traurigen Höhepunkt an diesem Datum vor 87 Jahren in der Pogromnacht hatte. Es geht um den dritten Teil der „Trilogie des gegenwärtigen Scheiterns“ von Christoph Peters, die dieser den Büchern von Wolfgang Koeppen nachempfunden hat. Teil 3 trägt den Titel Innerstädtischer Tod und ist bei Luchterhand Literaturverlage erschienen und spielt – wie bereits die Vorgängerbände Der Sandkasten und Krähen im Park – an einem 9. November in Berlin, dieses Mal im Jahr 2022.

Eine in Habitus, Gedankenwelt und persönlicher Situation gaulandeske Figur dieses Buchs nämlich ist Hermann Carius, der betagte Vordenker und Anführer einer rechten im Parlament vertretenen Partei, die sich unter anderem durch ihre Migrationsfeindlichkeit und Intoleranz auszeichnet. Von Carius haben sich fast alle abgewandt, Freunde und Weggefährten, seine von ihm in nichtöffentlicher Trennung lebende Frau Irmgard und der wesentliche Rest seiner Familie. Ja, dieser Hermann Carius zeigt in der Interpretation des Verfassers dieser Zeilen wesentliche Züge, die auch Alexander Gauland zugeschrieben werden.
Von Carius abgewandt hat sich auch sein Neffe Fabian Kolb, ein Künstler, dessen erste Ausstellung in einer berühmten Berliner Galerie nun eröffnet werden soll. Fast die ganze Familie ist dafür nach Berlin gekommen, die Krawatten (auch mit Tiermuster) produzierenden Eltern aus Kleve oder die nun getrennt lebende Tante. Nur Hermann Carius, den will die Sippe nicht dabei haben, wenn der Neffe, den er insgeheim lange förderte, nun seine subversive Kunst vorstellt.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/7eff1054-ad2d-4f96-bad2-6336a1bfdf9c (Öffnet in neuem Fenster)Und dann gibt es da noch den Galeristen Konrad Raspe, der mitsamt seiner Frau Eva-Kristin wiederum selbst nicht so gut wegkommt. Gerade deshalb hat das Buch bereits Aufmerksamkeit bekommen, denn der bekannte Berliner Galerist Johann König und seine Frau meinen, sich in dem Galerist*innenpaar erkannt zu haben und versuchten die Verbreitung des Buchs gerichtlich verbieten zu lassen. Der Fall ging durch die Instanzen, wurde mittlerweile höchstrichterlich in Karlsruhe abgewiesen und Christoph Peters darf sein Buch weiter vertreiben – im April erscheint übrigens die Taschenbuchausgabe bei btb (und kommenden Mittwoch der zweite Band Krähen im Park).

Allein über diesen Vorgang könnte mensch (also Christoph Peters) wohl ein ganzes Buch schreiben. Zumindest ließ er während einer Diskussion mit der Table.Media (Öffnet in neuem Fenster)-Co-Chefredakteurin und Juristin Helene Bubrowski im Sommer vor wohlhabender Haus am Waldsee-Kulisse verlauten, was der ganze Rechtsstreit mit ihm gemacht habe, wie er belegen musste, dass die Figuren fiktiv und aus verschiedenen realen Personen (inklusive seiner selbst) zusammenkomponiert seien und dass er ja nichts dafür könne, wenn sich jemand so realistisch in diesen Figuren wiederfindet (eigene Zusammenfassung des Autors dieser Zeilen).
Ironischerweise trifft dieser Rechtsstreit aber genau das Herzstück von Innerstädtischer Tod: die Frage „Was darf Kunst?“ Fabian Kolb ist zwar kein Sympathieträger, mit dem wir mitfiebern, auch er hat seine Schwächen und wir wissen bis zum Ende nicht, ob wir ihm seinen Erfolg gönnen. Er scheint selbst auch davon nicht überzeugt zu sein. Aber allein die Tatsache, dass sich dieser renommierte Galerist seiner angenommen hat, hebt seine Kunst auf Star-Niveau. Sie scheint sich etwas zu trauen, ist wie gesagt subversiv und legt den Finger in so manche Wunde. Ohne den Galeristen selbst fände sie aber wohl kaum diese ausgeprägte Aufmerksamkeit, so merkwürdig scheint sie wohl an manchen Stellen.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/0829005f-cd90-44dc-b147-c52f4d1521bf (Öffnet in neuem Fenster)Und das bewirkte auch die Klage der Königs: Christoph Peters ist kein Nobody, im Gegenteil. Er schreibt gute Bücher, aber wirklich Aufmerksamkeit erregte das Buch erst, als die Klage bei Peters und seinem Verlag ins Haus flatterte. Nicht einmal ein Gauland oder manch andere Figur, die an reale Vorbilder*innen erinnern mag, gab sich die Blöße, hiergegen zu klagen. Nun stand also die Kunstfreiheit zur Debatte und entspann sich aus einem Handlungsteil des Buches direkt in die Realität. Diese Entwicklung zu verfolgen, bot mindestens so viel Unterhaltungspotential wie das Buch, das den Stein überhaupt erst ins Rollen gebracht hat.

Das heißt nicht, dass Innerstädtischer Tod nicht lesenswert und unterhaltsam wäre, ganz im Gegenteil. Christoph Peters hat hier erneut vieles versammelt, was wir in Berlin tagtäglich vorfinden können, manches auch weit darüber hinaus. Ein Opa oder Onkel, der Mist redet, und den niemand auf einer Familienfeier haben will, weil er nur noch Murks von sich gibt, zum Beispiel. Und doch nimmt er mit seiner Anwesenheit alle in Sippenhaft. Gescheiterte Ehen und Existenzen, opportunistische Kinder und Abkömmlinge, die versuchen, sich von den Eltern und der eigenen Herkunft zu emanzipieren.
Starke Frauen, die im Hintergrund manches zusammenhalten, was sonst schon lange von einem zarten Windhauch zerstört worden wäre – und dabei manche Toxizität aufnehmen, die Verlockungen und Verzückungen des Erfolgs bieten. Und Menschen, die auf ihr Leben zurückblicken, und den Scherbenhaufen, vor dem sie stehen, einfach nicht sehen. Wollen.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/9f1aac09-b9bb-439f-a8c0-9d3e2027b2d4 (Öffnet in neuem Fenster)Innerstädtischer Tod ist eine erheiternde, weil doch irgendwo realistische, aber gleichzeitig betrübende Lektüre, weil sie die gescheiterten Existenzen teils vor und teils nach ihrem Scheitern mit Tragik und Amüsement schonungslos portraitiert. Christoph Peters versteht es, seine Leser*innen mit Witz und Charme in seine Geschichte hineinzuziehen und an sie zu fesseln. Es muss ja nicht der 9. November sein, aber für den Herbst und Winter, wenn draußen die Tage grau sind, ist das Buch eine mehr als geeignete Lektüre für die Beobachter*innen der alltäglichen Tragikomik, die unsere Gesellschaft und ihre scheinbar in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft führenden Köpfe so bieten.
HMS
PS: Apropos scheitern: Innerstädtischer Tod hat mich auf der Fahrt im Kulturzug Berlin – Breslau begleitet. Nach zehn Jahren wird dieser nun zum Jahresende eingestellt. Schade.
PPS: Es gibt einen schwulen Pfarrer… ein delikater Sohn, wenn wir so wollen.
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Eine Leseprobe findet ihr hier (Öffnet in neuem Fenster).
Christoph Peters: Innerstädtischer Tod (Öffnet in neuem Fenster); September 2024; 304 Seiten; Hardcover, gebunden mit Schutzumschlag; ISBN: 978-3-630-87747-1; Luchterhand Literaturverlag; 24,00 €
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/d192a536-019b-41a1-9e52-3ea30e405e92 (Öffnet in neuem Fenster)