TV-KRITIK (Öffnet in neuem Fenster)
“Der Film kann definitiv als Statement zum Weltfrauentag verstanden werden. Der Titel unseres Films ist bewusst provokant gewählt. In diesem radikalen Slogan verdichtet sich der absurde Besitzanspruch über den weiblichen Körper. Wir laden das Publikum ein, sich mit dem Thema aus der Sicht von drei Frauen auseinanderzusetzen.” - Autorin Annika Tepelmann & Regisseurin Franziska Schlotterer
Keine Ruhe für Hauptkommissarin Brasch (Claudia Michelsen) in Magdeburg: Nach einem Amok-Schüler-Schützen (Öffnet in neuem Fenster) erschüttert nun ein tödlicher Fahrradunfall Magdeburg. Ein gezielter Anschlag, bei dem die Bremskabel durchgeschnitten wurden. Besonder brisant im Polizeiruf 110 - Your Body, My Choice: Die Tote arbeitete in einer Frauenarztpraxis, die auch Schwangerschaftsabbrüche vornimmt und deshalb im Kreuzfeuer radikaler Abtreibungsgegner steht. Zwischen Hass, Drohungen und Protesten sucht Brasch nach dem Motiv.

Zur gleichen Zeit sucht die junge Polin Dania (Nicola Magdalena Lüders) nach einer legalen Möglichkeit zum Schwangerschaftsabbruch – begleitet von Aktivistin Lara (Luna Jordan), die als “Abortion Buddy” Frauen ehrenamtlich unterstützt. Im Spannungsfeld von medizinischer Aufklärung, moralischer Verurteilung und persönlicher Verunsicherung muss Dania eine Entscheidung treffen, die ihr niemand abnehmen kann. Je tiefer Brasch in das Umfeld der Toten eindringt, desto drängender werden die Fragen: War der Anschlag eine direkte Botschaft an die Praxis von Dr. Doro Schöller-Hahnfeld (Jenny Schily)? Oder steckt ein ganz anderes, persönliches Motiv dahinter?

Kleiner Spoiler: Jein. Letztlich ist es auch weniger die Auflösung sowie das vergleichsweise bewegte Finale, sondern der Weg dahin, der My Body, Your Choice ausmacht. Vor allem die Interaktionen zwischen Brasch und Lara, in der sie womöglich eine Art ihres jüngeren Selbst oder die Tochter, die sie nie hatte, sieht. So erging es ja wohl auch Dr. Doro mit der ermordeten Marwa (Melissa Gross).
Ein längeres Gespräch mit dem Abtreibungsgegner Thilo Schubert (kurz aber gut: Mathias Max Herrmann) und Brasch bleibt ebenso in Erinnerung wie auch die Leistungen von Sebastian Jakob Doppelbauer (Polizeiruf 110 - Tu es! (Öffnet in neuem Fenster)) und Annett Sawallisch (Tatort: Erika Mustermann). Überhaupt ist der Film durchgehend gut gespielt, gefilmt (Kamera: Hanno Lentz) und musikalisch passend stilvoll begleitet (David Grabowski).

Ein wenig bedauerlich ist es, dass die zwar im Film formulierten gesellschaftlichen Konflikte, die gefühlte Anspannung und Angst, sowie die bei manchen Gegner*innen von Schwangerschaftsabbrüchen wohl in der Tat aus innerer Überzeugung (sowie hier und da Trauma) gewachsenen Positionen stattfinden, am Ende aber wenig mit der recht melodramatischen Soap-Auflösung zu tun haben. (Thematisiert werden ebenso jene selbsternannten “Lebens- und Menschenschützer”, die das Thema aus politischen und/oder finanziellen Gründen kapern.)

Doch geht es bei diesem Polizeiruf 110 wohl ohnehin eher um die Message weit über den heutigen Internationalen Frauentag hinaus, als die - sowieso sehr wandelbare (Öffnet in neuem Fenster) - sonntägliche TV-Krimi-Spannung (Öffnet in neuem Fenster):
MDR: Ihr Film thematisiert Konflikte rund um Schwangerschaftsabbruch, häusliche Gewalt und patriarchale Strukturen. Wollten Sie bewusst ein Spiegelbild aktueller gesellschaftlicher Spannungen schaffen?
Annika Tepelmann und Franziska Schlotterer: Ja, der Anspruch auf körperliche Selbstbestimmung trifft auf gesellschaftliche, politische und religiöse Kräfte, die genau diese Autonomie einschränken wollen, in Deutschland, aber auch weltweit. Patriarchale Strukturen legitimieren die Kontrolle über weibliche Körper und erhalten sie aufrecht.
Wir zeigen die realen Konsequenzen – für betroffene Frauen und für jene, die ihnen helfen wollen, sei es als Ärztinnen oder durch politisches Engagement. Gleichzeitig dokumentieren wir die Perspektiven derjenigen, die Abtreibung ablehnen: ihre moralischen Überzeugungen, ihre Sorgen, ihre Argumente. Wir nehmen beide Seiten ernst und lassen sie zu Wort kommen.
Aber eines macht der Film unmissverständlich klar: Die Frage bleibt niemals abstrakt. Hinter jedem ideologischen Kampf stehen konkrete Frauen mit konkreten Schicksalen. Am Ende müssen sie alleine die Entscheidung über ihren Körper treffen dürfen.
AS [mit Pressematerial]
PS: Statt “Abortion Buddy” könnte es auch “Abortion Angel” heißen.
PPS: Mehr Feminismus gibt es auf der Liste der Nominierten zum Preis der Leipziger Buchmesse (Öffnet in neuem Fenster) und in Maggie Gyllenhaals The Bride!, die am Donnerstag im Kino belebt wurde (Öffnet in neuem Fenster) (und mensch nicht verpassen sollte)!
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Das Erste zeigt den Polizeiruf 110: Your Body, My Choice am Sonntag, 8. März 2026, um 20:20 Uhr, one um 21:45 Uhr; anschließend ist der Film für zwölf Monate in der ARD-Mediathek verfügbar.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/cdb1f57c-e2cf-4b80-bba1-f24404390e76 (Öffnet in neuem Fenster)