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#113 #Essay #Bucherscheinung

Was wir meinen, wenn wir Hoffnung sagen

Zwischen Krisen und Kriegen, Hetze und Hitze müssen wir unsere Hoffnung komplett neu denken. Wie gelingt es uns, weder zu verdrängen, noch zu verzweifeln?

Hoffnung – das Wort habe ich in den letzten zwölf Monaten wahrscheinlich häufiger gesagt, gedacht und geschrieben als davor in meinem ganzen Leben.

Das liegt daran, dass ich vor ziemlich genau einem Jahr damit angefangen habe, an einem Buch darüber zu arbeiten. Am Mittwoch ist es erschienen, es heißt: Was wir meinen, wenn wir Hoffnung sagen (Öffnet in neuem Fenster).

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Die Idee dazu basierte auf einem Gefühl, das in den letzten fünf Jahren immer stärker wurde, je tiefer ich in die Hinter- und Abgründe der Klimakrise eintauchte. Ich merkte mehr und mehr, wie wir als Gesellschaft, klimabewusste Menschen inklusive, an der Physik vorbeihofften.

Der Nordstern, an den wir uns klammerten, war das 1,5-Grad-Ziel – aus gutem Grund. An dieser Errungenschaft aus dem Pariser Klimaabkommen konnten wir die Politik messen und daran erinnern, wie dringend sie handeln muss. Gleichzeitig projizierten wir unsere Hoffnungen auf eine winzige theoretische Restwahrscheinlichkeit.

Sätze wie diesen hörte man quasi überall: „Wenn wir uns alle anstrengen, können wir das 1,5-Grad-Ziel noch erreichen.“ Doch dafür hätten schon alle Staaten der Welt von jetzt auf gleich anfangen müssen mit radikalstem Klimaschutz (und selbst dann hätte es laut den Klimamodellen noch pures Glück gebraucht).

Und dann ging alles ganz schnell.

Donald Trump wurde zum zweiten Mal US-Präsident. Aus der Ukraine und aus Gaza kam eine Horrormeldung nach der anderen. Und zu allem Überfluss wurden in Deutschland Regierungsvertreter*innen gewählt, die keinen Zweifel daran ließen, dass sie eine fossile, diskriminierende Politik durchziehen würden.

Den Hoffnungs-Kompass neu stellen

Durch diese und andere Hiobsbotschaften wurde ein für alle Mal klar: 1,5 Grad und sogar zwei Grad sind Geschichte. Kipppunkte werden mit Sicherheit überschritten. Es gibt kein Zurück mehr in eine Welt ohne Klimakrise.

Unsere Hoffnungen standen da wie bestellt und nicht abgeholt. Sie waren heillos überfordert mit dieser gekippten Zeit, für die wir bis heute keine Worte gefunden haben.

Die Reaktion war häufig eine Flucht in die Extreme: Auf der einen Seite der vermeintlichen Hoffnungs-Skala waren diejenigen, die versuchten, die Klimakrise einfach zu verdrängen, auf der anderen stand Team Weltuntergang. Und völlig verloren irgendwo dazwischen die Fraktionen „Wird schon irgendwie“ und „Alles halb so wild“.

Viele fühlten sich überfordert, verzweifelt, gelähmt. Die Nadel auf unserem Hoffnungs-Kompass drehte sich im Kreis, also blieben wir stehen.

Es ging nun nicht mehr nur darum, unsere Hoffnung mit guten Nachrichten und tröstenden Worten irgendwie am Leben zu halten. Sondern darum, sie von Grund auf neu zu denken. Nur wie?

Ich sprach darüber mit Menschen aus unterschiedlichen Bereichen unserer Gesellschaft – Kunst, Wissenschaft, Journalismus, Aktivismus – und merkte, dass viele dieselbe Frage beschäftigte. Jede*r von ihnen brachte eine eigene Perspektive auf Hoffnung mit. Wie einzelne Puzzlestücke, die zusammen ein Bigger Picture ergeben.

Also haben wir sie zusammengesetzt – und daraus ist dieses Buch geworden (Öffnet in neuem Fenster). In den Gesprächen mit den Autor*innen und bei der Arbeit an ihren Texten habe ich vieles über das große Wort Hoffnung gelernt. Meine wichtigsten Erkenntnisse möchte ich hier gerne mit Dir teilen.

Die Autor*innen von „Was wir meinen, wenn wir Hoffnung sagen“. 📸: oekom Verlag

Die zwei Gefährtinnen

Die vielleicht grundlegendste Sache: Wir werden unserer Hoffnung nicht gerecht, wenn wir sie als statischen Zustand begreifen. Als etwas, das man entweder hat oder nicht hat – oder sonst irgendwie auf einer Skala zwischen null und zehn einordnen könnte.

Unsere Hoffnung ist komplex, mächtig und fragil. Wir würden ihr und damit uns etwas Gutes tun, wenn wir ihr etwas differenzierter und wertschätzender begegnen, als wir es vielleicht manchmal tun. Damit meine ich zum Beispiel, sie nicht einfach wegzuwerfen wie einen kaputten Gebrauchsgegenstand, sobald sie Risse bekommt. Die Klimadebatte der letzten Jahre ist dafür ein gutes Beispiel. Zwischen der Hoffnung, 1,5 Grad noch irgendwie zu schaffen und Jetzt-ist-eh-alles-zu-spät-Rhetorik lagen, wenn überhaupt, nur wenige Jahre.

Shoutout
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Hoffnung ist jedoch nichts, das nur funktioniert, wenn wir noch alles gewinnen können, aber sofort zerbricht, wenn manches verloren geht. Statt sie dann von uns zu werfen, könnten wir versuchen, sie als etwas zu begreifen, das ständig in Bewegung ist.

Sie formt sich durch den Austausch mit anderen Menschen und durch die Geschichten, die wir uns erzählen. Und auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlt, begleitet sie uns ständig. Cornelia Funke hat dafür in ihrem Essay eine schöne Metapher gefunden:

„Angst und Hoffnung. So stolpern wir durch die Welt. Die Angst zu unserer Rechten, die Hoffnung zu unserer Linken. Unsere zwei Gefährtinnen. Mal ist die eine stärker, mal die andere.“

Ich muss mir seitdem immer wieder bildlich vorstellen, wie ich, egal wohin ich gehe, von meiner Hoffnung begleitet werde. Aber gleichzeitig ist da immer auch Angst, die unsere Hoffnung hemmt oder sie in falsche Richtungen abbiegen lässt.

Hoffnungslosigkeit als Schutzpanzer

Ich kenne das nur zu gut. Zwischen Trump und Putin, Bild und Nius, Reiche und Überreichen ist es verlockend, zu sagen: Das war’s mit der Hoffnung. Die Lügner*innen haben gewonnen, wir sind verloren.

Woher kommt dieser Reflex, unsere Weggefährtin in manchen Momenten komplett verbannen zu wollen? Liegt es nur an unserer Angst? Der Inklusionsaktivist Raul Krauthausen hat noch eine andere Erklärung.

„Ich glaube, dass Hoffen manchen Menschen schwerfällt, weil es sie verletzlich macht. Hoffen heißt, sich dem Risiko einer Enttäuschung auszusetzen. Es ist ein Akt von Mut, an eine bessere Zukunft zu glauben. Tritt diese nicht ein, folgt oft Scham: ‚Wie konnte ich nur so töricht sein, an Besserung zu glauben?‘ In diesem Sinn kann Zynismus manchmal Schutz bieten. Vielleicht ist er kein Mangel an Hoffnung – sondern ein Schutzpanzer.“

Hoffen hat also eine nicht zu unterschätzende Fallhöhe. Je weniger wir hoffen, desto vermeintlich weicher schlagen wir auf, wenn es dann doch nicht klappt. Zu sagen, Klimaschutz ist gescheitert, weil die Emissionen ja immer noch steigen, bietet gefühlten Schutz vor neuen Enttäuschungen. Dann entgegnen wir unserer Weggefährtin lieber „I told you so“ und schicken sie fort, um der Scham zu entgehen, von ihr noch einmal enttäuscht zu werden.

Vielleicht sollten wir also wieder häufiger schamlos hoffen. Und das den Zyniker*innen auch so sagen, wenn sie mit ihrem prüden Schutzpanzer um die Ecke kommen. Wer hofft, kann fallen, wer nicht hofft, steht gar nicht erst auf.

Ein Plan C für übermorgen

Aber wie schaffen wir es, uns überhaupt erst aus unserem Schutzpanzer zu befreien? Wir können unserer Hoffnung zum Beispiel eine Strategie verpassen und sie dadurch resilienter machen. Das verhindert, dass jedes Mal eine Welt zusammenbricht, wenn unsere Erwartungen, zum Beispiel an eine gerechtere Politik, nicht erfüllt werden.

Darüber schreibt Marina Weisband in ihrem Kapitel. Sie beschäftigt sich seit langem mit Bildung und Demokratie. Hoffnung heißt für sie, nicht nur einen Plan A, sondern auch einen Plan B und sogar einen Plan C in der Tasche zu haben.

Das kann uns dabei helfen, die Kontrolle über unsere Hoffnung zu behalten, indem wir sie nicht zu sehr von der aktuellen Nachrichtenlage oder negativen Entwicklungen abhängig machen. Selbst wenn der Worst Case eintritt und die Demokratie abgeschafft wird, bedeutet das für Marina nicht zwingend das Ende ihrer Hoffnung.

Sie schreibt, der Faschismus sei so menschenfeindlich, dass er sich selbst aushöhle. Schließlich brauche er immer wieder neue Feindbilder, wodurch er am Ende zwangsläufig in sich zusammenfalle. Marina hat sich für diesen Moment schon ihren Plan C zurechtgelegt:

„Sollte morgen die Welt in Flammen stehen, dann ist es meine Aufgabe, bis übermorgen zu überleben. Darum setze ich heute Samen in die Erde, tief, wo sie ein Feuer überstehen können. Damit sie übermorgen blühen können.“

Wenn ihr Plan C wirklich gebraucht wird, will Marina, dass es in diesem Übermorgen Erwachsene gibt, die als Kinder erfahren haben, wie mächtig das Gefühl der Verantwortung ist – für sich selbst und für andere.

In einem von ihr gegründeten Schulprojekt vermittelt sie Jugendlichen deshalb, wie sie aktiv zu unserer Demokratie beitragen können. Sie sollen erleben, wie es sich anfühlt, Dinge selbst in die Hand zu nehmen und zu Gestalter*innen zu werden.

Ich habe jeden Text in diesem Buch beim Lektorieren zwischen fünf- und zehnmal gelesen und mich berühren Marinas Sätze immer noch sehr. Was für eine Weitsicht.

Kunst als Utopiequelle

Aber was ist, wenn ich noch nicht mal einen Plan A habe? Wie kann ich herausfinden, worauf ich hinarbeiten kann und wie ich hier und jetzt anfangen kann, meine Hoffnung aufzubauen? Antworten liefert uns (mal wieder) die Kunst. Sie hilft uns dabei, unsere Weggefährtin besser kennenzulernen, indem sie erfahrbar macht, wie sich Hoffnung überhaupt anfühlt – und wohin wir mit ihr wollen.

Pheline Roggan ist Schauspielerin und Aktivistin. Sie schreibt: „Wir brauchen neue Geschichten, die uns motivieren, uns zusammenzuschließen und die Zukunft selbst zu gestalten.“

Filmschaffende hätten dafür eine Art Zauberkasten zur Hand, mit dem sie ganze Welten kreieren könnten. Dadurch würden Zukünfte visuell und emotional überhaupt erst greifbar. Nur so können wir uns überhaupt auf den Weg begeben.

Und dann heißt es vor allem: machen. Oder wie Marc-Uwe Kling sagt: „Wenn du einfach nur daliegst und hoffst, dann wird das nichts.“ Ich habe mich mit ihm für das Buch in einer Kneipe am Kotti getroffen.

Es muss einigermaßen witzig ausgesehen haben, wie wir da mit Ingwertee unter Schultheiß-Schirmen mit goldenem Lametta gesessen und über Hoffnung gesprochen haben (falls du den Kotti nicht kennst, stell dir einen schönen, ruhigen Platz in München vor – der Kotti ist das Gegenteil davon).

Für Marc-Uwe Kling steht unseren Hoffnungen vor allem ein riesiges Medienproblem im Weg. Sein Versuch, um Desinformation und Nachrichtenverdrossenheit entgegenzuwirken, ist Fun Facts (Öffnet in neuem Fenster). Das vor wenigen Wochen gestartete Format kombiniert tagesaktuelle Nachrichten mit Comedy.

Correctiv liefert die Fakten, Sarah Bosetti, Till Reiners, Sebastian23 und andere tragen sie vor Publikum vor, kurz darauf wird das Ganze bei Youtube hochgeladen.

„Im besten Fall befruchtet sich das gegenseitig: Die aufgedeckten Fakten gehen als Comedy-Bit viral und führen die Leute dann wieder zurück zur Recherche.“ Und es funktioniert: Ich habe mir tatsächlich zum ersten Mal Nachrichten über Katherina Reiche (Öffnet in neuem Fenster) gerne angeschaut.

Marc-Uwe Kling und Pheline Roggan bei der Lesung im Hamburger Centralkomitee nach der Aufnahme von Fun Facts am vergangenen Montag.

Das wahre Spektrum unserer Hoffnung

Und dann ist da natürlich noch die Musik. Über ihre Rolle bei unserer Suche nach Hoffnung schreibt Jojo Berger, Sänger der Kölner Band Querbeat. Die große Stärke von Musik liegt für ihn in ihrer emotionalen Grammatik:

„Sie übersetzt die komplexe Gegenwart in eine Sprache, die jeder versteht, ohne sie vorher lernen zu müssen. Musik fängt da an, wo Worte nicht mehr reichen. Sie muss nicht überzeugen, um zu bewegen. Sie schafft Verbindung, bevor sie verstanden wird.“

Ein aktuelles Beispiel: Im Februar trat der puerto-ricanische Künstler Bad Bunny bei der Halftime-Show des Superbowl auf. Er sang dabei ausschließlich auf Spanisch, griff im Bühnenbild lateinamerikanische Kultur und Traditionen auf und rief am Ende „God bless America!“ – nur um danach alle Länder des amerikanischen Kontinents aufzuzählen, von Chile bis Kanada.

Wer eine Ahnung davon bekommen will, was dieser dreizehnminütige Auftritt der Latino-Community in Zeiten von ICE bedeutet hat, braucht nur einen Blick in die Kommentare unter dem Video (Öffnet in neuem Fenster) zu werfen.

Am Ende seines Essays findet Jojo diese, wie ich finde, sehr treffenden Worte dafür, wie sich Hoffnung eigentlich für ihn anfühlt:

„Reflexartig sammeln sich Vibes in der oberen Magengegend an – dort, wo Schmetterlinge oder auch dröhnende Bässe ihre Schwingungen hinterlassen. Ich glaube, Hoffen ist ein reales Gefühl. Es ist ein Verliebtsein in ein ,da kommt noch was Gutes‘. Ein unbewusstes Schwärmen für eine Utopie.“

Wenn ich etwas aus dem letzten Jahr mitgenommen habe, dann das: Die eigentliche Spannweite unserer Hoffnung liegt nicht zwischen Verdrängen und Weltuntergang. Und auch nicht zwischen Aufgeben und stumpfem Pauschaloptimismus. Sie liegt vielmehr zwischen einem spontanen Gefühl und einer langfristigen Strategie. Zwischen einem Verliebtsein ins Gute und einem Plan C für übermorgen.

Wenn mich jemand fragt, was ich meine, wenn ich Hoffnung sage, ist das ab jetzt meine Antwort.

Vielen Dank fürs Lesen! Wenn Du teilen möchtest, was Du meinst, wenn Du Hoffnung sagst, schreib uns gerne.

Und wenn Du Deinen Hoffnungs-Kompass auch neu ausrichten möchtest, kannst Du das Buch ab sofort überall kaufen, wo es Bücher gibt, zum Beispiel hier:

Unser Klimasong ist passenderweise der Song Hoffnung (Öffnet in neuem Fenster) der Hamburger Indie-Urgesteine Tocotronic aus ihrem Album „Nie wieder Krieg“.

Hier ist ein Lied das uns verbindet
Und verkündet: „Bleib nicht stumm“
Ein kleines Stück Lyrics and Music
Gegen die Vereinzelung […]

Und wenn ich dann schweigen müsste
Bei der Gefahr, die mich umgibt
Und wenn ich dann schweigen müsste
Dann hätte ich umsonst gelebt

Die nächste Treibhauspost bekommst Du am 11. April.

Herzliche Grüße
Julien

PS: Wenn Du Hoffnung in Aktion erleben möchtest, kannst Du Dich diesen zehn Forderungen anschließen (Öffnet in neuem Fenster), mit denen Frauen und Mädchen in unserer Gesellschaft endlich besser vor männlicher Gewalt geschützt werden. Auch diese Petition (Öffnet in neuem Fenster) kannst Du unterschreiben und teilen.

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Kategorie Utopien

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