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#111 #UN-Abkommen #Biodiversität #Ozeane
Höchste Zeit für Hochseeschutz
Über 20 Jahre wurde verhandelt, jetzt ist es endlich in Kraft getreten: das UN-Abkommen zum Schutz der Meere. Drei Gründe, warum wir das feiern sollten.

Kennst Du Sylvia Earle, die „Jane Goodall der Ozeane“? In einem Interview (Öffnet in neuem Fenster) erzählte die Meeresforscherin einmal diese schöne Anekdote aus ihrer Kindheit.
Als sie gerade drei Jahre alt war und am Strand spielte, riss eine Welle sie von den Füßen und zog sie ins Wasser. Kurz darauf wurde sie wieder an Land gespült. Ihre Mutter konnte kaum glauben, was sie sah. Das kleine Mädchen fing nicht etwa an zu weinen, sondern hatte ein breites Grinsen auf dem Gesicht und rannte wieder zurück in die Wellen.
Heute, 87 Jahre später, ist Sylvia Earle eine Pionierin der Ozeanforschung und eine der einflussreichsten Stimmen für den Schutz der Meere. Mehr als 7.000 Stunden – fast 300 Tage – hat sie in ihrem Leben unter Wasser verbracht.

Im Juni 2025 schrieb Earle in einem Essay: „Die Zeit für unsere Ozeane läuft ab.“ Vor allem die Hochsee sei zu einem wilden Westen geworden. Denn die internationalen Gewässer gehören niemandem und allen. Das führt dazu, dass einzelne Staaten dort mehr oder weniger nach Belieben fischen, Raubbau betreiben oder ihren Müll entsorgen können.
Earle forderte die UN-Staaten auf, diese Ausbeutung zu stoppen – indem sie endlich nach über 20 Jahren Verhandlung das Hochseeschutzabkommen ratifizieren. Damit es in Kraft treten konnte, wurden mindestens 60 Staaten benötigt, die es ratifizieren, sprich, in ihre nationale Gesetzgebung übertragen. Als Earle ihren Aufruf schrieb, waren lediglich 30 an Bord.
Auch andere sahen das riesige Potenzial des Abkommens: Von einer „Once in a lifetime“-Chance (Öffnet in neuem Fenster) war die Rede, von einem „historischen Deal“ (Öffnet in neuem Fenster) für den Schutz der Ozeane. Sogar vom möglicherweise „größten Sieg für den Naturschutz, den es jemals gab (Öffnet in neuem Fenster)“.
Für kurze Zeit stand das Abkommen auf der Kippe, doch dann, kurz nach Sylvia Earles 90. Geburtstag, war es tatsächlich so weit.
Marokko zog als 60. Staat mit. Die kritische Masse war erreicht. Ein schöneres Geschenk hätte sich die Ozeanforscherin wohl kaum wünschen können. Vor wenigen Wochen, am 17. Januar, trat das Hochseeschutzabkommen schließlich in Kraft.
Von nun an ist es zum ersten Mal möglich, weltweit Schutzgebiete auf hoher See auszuweisen – ein riesiger Durchbruch. Damit könnte die Weltgemeinschaft ihrem Ziel, 30 Prozent des Planeten bis 2030 unter Schutz zu stellen, entscheidend näherkommen.
Doch es gibt noch mehr Anlass zur Hoffnung. Hier sind drei Gründe, warum das UN-Hochseeschutzabkommen zu einem Meilenstein für den Schutz des Planeten werden kann.
#1 Biodiversität pumpt CO₂
Es ist immer wieder abgefahren, diese Zahl zu lesen. Von der überschüssigen Hitze, die wir als Menschen mit unseren Treibhausgasen produzieren, werden 90 Prozent von den Ozeanen aufgenommen. An Land spüren wir also nur einen Bruchteil des Schadens, den wir anrichten.
Im vergangenen Jahr haben die Weltmeere so viel Wärme aufgenommen (Öffnet in neuem Fenster), wie nie zuvor seit Messbeginn. Ein trauriger Rekord – im neunten Jahr in Folge.
Die Erhitzung der Ozeane beschleunigt sich sogar von Jahr zu Jahr, wie man in diesem Schaubild sehen kann.

Die Ozeane speichern aber nicht nur Hitze, sondern auch CO₂. Das führt zu Versauerung – und die ist mittlerweile gefährlich weit fortgeschritten. Seit letztem Jahr gilt die Belastungsgrenze der Ozeane als überschritten. Damit bewegen wir uns bereits bei sieben von neun planetaren Grenzen (Öffnet in neuem Fenster) im Hochrisikobereich.
Besonders problematisch fürs Klima: Heißere Meere können weniger CO₂ aufnehmen, was langfristig wiederum zu mehr Wärme in der Atmosphäre führt und dadurch auch die Meere weiter aufheizt – ein Teufelskreis.
Das konnte man während der Temperaturanomalien von 2023 besonders eindrücklich beobachten. Damals nahmen die Ozeane während der maritimen Hitzewelle zehn Prozent weniger CO₂ auf – ein „unerwarteter Rückgang“, wie Forscher*innen der ETH-Zürich in einer aktuellen Studie (Öffnet in neuem Fenster) schreiben. Das entspricht ungefähr der Hälfte der Emissionen der EU, die dadurch in der Atmosphäre geblieben sind.
An dieser Stelle ein kurzer Shoutout für eine unserer Partnerorganisationen, die GLS Bank. Sie setzt sich als Genossenschaftsbank seit 1974 für politische und sozial-ökologische Themen ein: für bezahlbaren Wohnraum, für erneuerbare Energien, für nachhaltige Ernährung. Sie sorgt dafür, dass Dein Geld bei der Energie-, Agrar- oder Mobilitätswende landet und nicht bei Kohle, Waffen oder Pestiziden. Was wir besonders gut finden: Die GLS Bank unterstützt kritischen Klimajournalismus – nicht nur uns, sondern auch unsere Kolleg*innen von Correctiv, klimareporter und KLIMA° vor acht.
Der Shoutout ist eine bezahlte Kooperation mit der GLS Bank.
Vielleicht fragst Du Dich gerade, was das Hochsee-Abkommen mit all dem zu tun hat. Einiges, denn die Biodiversität in den Meeren trägt maßgeblich dazu bei, dass die Ozeane so viel CO₂ aufnehmen. Laut der Studie wäre der Rückgang 2023 nämlich noch höher ausgefallen, hätten die maritimen Ökosysteme nicht weiterhin ihren Job gemacht und im großen Stil Kohlenstoff abgepumpt.
Ein besonders anschaulicher Effekt ist die sogenannte Walpumpe, über die Manuel in Ausgabe #57 (Öffnet in neuem Fenster) schon mal geschrieben hat: Wale nehmen in der Tiefe Nahrung auf und schwimmen dann zum Atmen an die Oberfläche, wo sie durch ihre Ausscheidungen Nährstoffe freisetzen. Diese nutzt das Phytoplankton in den oberen Meeresschichten zur Photosynthese. Dabei bildet es Sauerstoff (schätzungsweise bis zu 50 Prozent der gesamten jährlichen Sauerstoffproduktion (Öffnet in neuem Fenster) des Planeten) – und bindet Unmengen an CO₂.

Wale könnten bald zu den größten Gewinnern (Öffnet in neuem Fenster) des UN-Hochseeschutzabkommens gehören. Ihre Wanderkorridore, ihre Paarungsgebiete und die Orte, an denen ihr Lieblingsessen schwimmt, können künftig gezielt unter Schutz gestellt werden.
#2 Deep Sea Mining steht schon in den Startlöchern
Die Technologien rund um Deep Sea Mining sind laut, zerstörerisch und illegal. Kein Wunder, dass Donald Trump ein großer Fan von ihnen ist.
Mit Deep Sea Mining sollen Rohstoffe in bis zu 6.500 Meter abgebaut werden. Spezielle Schiffe lassen dabei lange Saugrohre oder sogenannte Rover ins Wasser. Diese durchwühlen dann den Meeresboden auf der Suche nach metallischen Knollen, die auf den Schiffen sortiert und dann an Land weiterverarbeitet werden.
Die ökologischen Auswirkungen (Öffnet in neuem Fenster) dieser größenwahnsinnigen Idee werden gerade erst erforscht und sind potenziell verheerend. Die Saugrohre und Rover durchwühlen nämlich nicht etwa tote Gesteinsschichten, sondern komplexe, lebendige Ökosysteme, von denen wir kaum eine Ahnung haben, wie sie funktionieren.
Erst vor wenigen Jahren fanden Forscher*innen zum Beispiel heraus (Öffnet in neuem Fenster), dass Tiefsee-Rochen hydrothermale Quellen am Meeresgrund als eine Art Brutkasten für ihren Nachwuchs nutzen – ein (soweit man weiß) einzigartiges Verhalten. Ausgerechnet an diesen Quellen werden besonders hohe Rohstoffvorkommen erwartet.

Bis sich die Ökosysteme am Meeresgrund von den Schäden durch Deep Sea Mining erholt hätten, würde es teilweise Jahrtausende dauern. Hinzu kommen unnatürliches Licht und Lärm. In einem Radius von bis zu sechs Kilometern um die Maschinen könnte der Krach über 120 Dezibel betragen. Das ist ungefähr so laut, wie wenn Du Dich direkt vor die Boxen eines Berliner Nachtclubs stellst. Nur dass viele Tiefseetiere deutlich empfindlicher auf Schall und Vibrationen reagieren als Menschen.
Das UN-Hochseeschutzabkommen könnte als Grundlage dienen, die Technologie so gut es geht zu regulieren. Vor allem durch verpflichtende Prüfungen der Umweltverträglichkeit. Betreiber von Mining-Projekten sind durch das Abkommen nämlich gezwungen, die Auswirkungen auf Tiere und Pflanzen wissenschaftlich zu untersuchen – und anschließend transparent zu veröffentlichen.
Besonders begehrt beim Deep Sea Mining sind übrigens Elemente wie Kobalt, Kupfer oder Lithium – ein ziemliches Dilemma. Diese Rohstoffe werden nämlich für Batterien und Solarpaneele benötigt, sprich für die Energiewende. Vielleicht sollte das mal jemand Donald Trump verraten, damit er Deep Sea Mining doch noch schnell zu einem Green Scam erklärt.

#3 Hope Spots auf hoher See
Ein besonders spannender Ansatz für die hohe See sind zeitlich begrenzte mobile Schutzgebiete (Öffnet in neuem Fenster). Hierbei wird kein statischer Ort unter Schutz gestellt, sondern zum Beispiel Regionen, an denen sich gerade Schwärme bedrohter Tierarten aufhalten. Oder auch Gebiete mit akuten Umweltveränderungen. Das Konzept steht noch ziemlich am Anfang, durch das Abkommen könnte es aber Aufwind bekommen.
Technologie und KI könnten hier übrigens mal etwas Gutes leisten (Öffnet in neuem Fenster): Sender an einzelnen Tieren und Satellitendaten könnten sichtbar machen, auf welchen Routen die Schwärme gerade unterwegs sind. So könnte man dafür sorgen, dass ihnen keine Schiffe zu nahe kommen, vor allem keine mit Netzen an Bord.
Ein anderes besonderes Konzept hat sich Ozean-Pionierin Sylvia Earle ausgedacht, die sogenannten Hope Spots: maritime Orte mit so viel Biodiversität, dass sie für die Gesundheit der Ozeane entscheidend sind. Eine Anlehnung an die „Hotspots der Biodiversität“ an Land.
Mit ihrer Organisation Mission Blue hat Earle 168 solcher Hope Spots identifiziert. 16 davon befinden sich auf hoher See. Sie könnten nun endlich unter Schutz gestellt werden.
Zum Beispiel das Sargassomeer (Öffnet in neuem Fenster), das auch als „schwimmender, goldener Regenwald des Atlantiks“ bezeichnet wird. Auf einer Fläche von über vier Millionen Quadratkilometern treiben Braunalgen (Goldalgen wäre ja wohl mal viel passender!) und bilden die Grundlage eines einzigartigen Ökosystems. Hier kannst Du Dich durch alle Hope Spots klicken (Öffnet in neuem Fenster).

Dass Menschen von Naturschutz im Meer langfristig nur profitieren können, zeigt ein Beispiel aus Baja California in Mexiko. In der Nähe eines 20.000 Jahre alten Korallenriffs liegt das kleine Dorf Cabo Pulmo.
In den 70er- und 80er-Jahren brachen die Tierbestände dort wegen Überfischung ein. Also zogen die nicht einmal 200 Bewohner*innen die Notbremse. Sie gaben das Fischen auf, begleitet von Wissenschaftler*innen, die vor Ort die Auswirkungen des Fangstopps analysierten.
Zunächst hatten die Bewohner*innen kaum noch Einkommen, doch dann kam der Wendepunkt. Die Regierung richtete einen offiziellen Nationalpark ein, die Fischbestände erholten sich um ein Vielfaches (Öffnet in neuem Fenster), Tourist*innen kamen zum Tauchen und ließen ihr Geld in der Region.
Die Geschichte von Cabo Pulmo war fast schon zu erfolgreich. Vor einigen Jahren planten Investoren, ein gigantisches Resort mit 30.000 Zimmern samt Golfplätzen auf die Bucht zu betonieren. Doch die Dorfbewohner*innen konnten auch diese Katastrophe abwenden.
Vor dem letzten Abschnitt ein kurzer Hinweis in eigener Sache: Treibhauspost ist für alle kostenlos – dank der Unterstützung unserer Leser*innen. Wenn auch Du Teil unserer Mission werden willst, konstruktiven Klimajournalismus zu machen, freuen wir uns riesig über deine Mitgliedschaft!
Die erste Ozean-COP
Noch in diesem Jahr findet voraussichtlich die erste Ozean-COP statt. Dort geht es dann um die konkrete Umsetzung des Abkommens. Und wohl auch um die Frage, wie man noch weitere Staaten dazu bringt, mitzumachen.
Einen Anreiz gibt es schon mal: Bei den Entscheidungen der Ozean-COPs sind nur die Staaten stimmberechtigt, die das Abkommen auch ratifiziert haben. Mittlerweile sind es 85 (Öffnet in neuem Fenster).
Alle anderen können nur als Beobachter teilnehmen – so wie aktuell auch Deutschland. Damit die Bundesregierung noch als vollwertiges Mitglied bei der ersten Ozean-COP teilnehmen kann, läuft die Ratifizierung jetzt immerhin im Eilverfahren.
Last but not least ein weiterer Grund, warum das Hochseeschutzabkommen so wirksam sein könnte: Maritime Ökosysteme erholen sich häufig schneller als terrestrische. Larven und Sporen können durch Meeresströmungen über weite Distanzen reisen und geschädigte Ökosysteme relativ schnell wiederbesiedeln.
Und dann wären da noch die extrem hohen Reproduktionsraten. Während Tiere an Land oft nur wenige Nachkommen auf einmal zeugen, sind Meereslebewesen deutlich weniger sparsam mit ihrem Erbgut. Ein Kabeljau zum Beispiel kann pro Jahr mehrere Millionen Eier legen. Da können Pandas nur von träumen.
Danke fürs Lesen!
Unser Klimasong ist ein waschechter Britpop-Klassiker mit mehr als passenden ersten Worten: Sun (Öffnet in neuem Fenster) von Two Door Cinema Club.
Ocean blue
What have I done to you?
Cut so deep
Yet growing through and through
Die nächste Treibhauspost bekommst Du am 14. März.
Bis dahin
Julien
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