Zum Hauptinhalt springen

Trumps Kapitulationsplan doch von Russland geschrieben?

Dmitrijew (links) und Witkoff (rechts) mit Bodyguards im Sarjadje-Park in Moskau, 06.08.2025

In der vergangenen Nacht hat sich überraschend ein neuer Aspekt zum Kapitulationsplan der USA aufgetan.
Um es vorweg zu nehmen: Der 28-Punkte Plan, der von Trump stammen soll, scheint in Russland geschrieben und absichtlich durchgestochen worden zu sein. Und selbst wenn das nicht so ist, gibt es neue Hinweise, wie sehr der Plan von Russland diktiert wurde.

Um das nachvollziehen zu können, muss ich zunächst zwei Protagonisten vorstellen.

Steve Witkoff

stammt aus einer Familie in der Bronx, seine Großeltern sind aus dem russischen Zarenreich immigriert. Er spricht fließend Russisch.
Eigentlich ist er Anwalt, ist aber früh ins Immobiliengeschäft eingestiegen. Es gibt also Berührungspunkte mit Donald Trump, mit dem er auch regelmäßig Golf gespielt hat.

Trumps Wahlkampf 2020 unterstützte Witkoff mit zwei Millionen Dollar. Die New York Times berichtete auch über geschäftliche Verbindungen zwischen Trumps Familie, Witkoff und Scheich Tahnoon aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, Im Kern geht es dabei um einen Deal für Chips im Wert von zwei Milliarden Dollar.

Obwohl Witkoff über keine diplomatischen Erfahrungen verfügt, ernannte Trump ihn im November 2024 zum Sondergesandten für den Nahen Osten.
Nachdem er auch an Verhandlungen mit Russland teilgenommen hatte, sagte er, er entwickele eine Freundschaft zu Putin. Im Februar 2025 sagte er in einem Interview mit CNN, der Ukrainekrieg sei provoziert worden, jedoch nicht von Russland.

Kirill Dmitrijew

wurde als Russe in der Sowjetrepublik Ukraine in Kiew geboren, wo er auch aufwuchs. Er studierte an der Stanford und in Harvard, er ist Volkswirt.
Dmitrijew Frau war Kommilitonin von Katerina Tichonowa, der Tochter Putins. Sie unterhält geschäftliche Beziehungen, Dmitrijew selber hat geschäftliche Beziehungen zum Ex-Mann von Putins Tochter. Die beiden Familien sind gemeinsam in den Urlaub gefahren.

Bereits seit 2011 rutscht er immer weiter in die russische Politik. Inzwischen ist er der Ansprechpartner für Witkoff, die beiden haben sich mehrfach getroffen.

Von links nach rechts: US-Gesandter Witkoff, Präsident Putin, dahinter der Verhandler Yury Ushakov, rechts Kirill Dmitrijew; Moskau, 11.04.2025

„Er muss das von K. bekommen haben“

Am Dienstag, dem 18.11.2025, berichtete die US-Nachrichtenplattform Axios erstmalig von dem 28-Punkte-Plan. Der Bericht von den Journalisten Barak Ravid und Dave Lawler zitiert einen „russischen Top-Offiziellen, er sei optimistisch wegen des Plans“.
zu diesem Zeitpunkt werden noch keine Details zum Plan genannt.

Vermutlich geschah das aber am Vorabend, in Europa war es bereits in den frühen Morgenstunden.
Um 02:02 Uhr deutscher Zeit (20:02 Uhr des Vortages in Washington) verlinkt Ravid den Beitrag auf seinem Twitter Account.

Nur neun Minuten später kommentiert Witkoff darunter „Er muss das von K. bekommen haben“ („He must have got this from K.“).
Der Kommentar wurde gelöscht, ist aber dokumentiert.

Das Posting mit dem Kommentar auf X.

Dieser Kommentar lässt Interpretationen zu. Mit „K.“ ist mit aller Wahrscheinlichkeit Kirill Dmitrijew gemeint. Aber warum schreibt Witkoff „er“ habe das von K.? Adressiert er die Öffentlichkeit und will damit sagen, dass Ravid das von K. hat? Dann wäre die Abkürzung mehr als Merkwürdig. Oder dachte Witkoff, er schreibt eine Persönliche Nachricht an irgendjemanden. Was die schnelle Löschung des Kommentars erklären würde.

Anmerkung:
In der vergangenen Nacht hat Dmitrijew auf X erklärt, die Ukraine habe den Plan veröffentlicht. Namentlich der ukrainische Politiker Oleksij Hontscharenko, der in Moskau wegen Terrorismus und „Falschaussagen über das russische Militär“ in Abwesenheit zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt wurde.
Als Beweis wird eine Nachricht Hontscharenkos auf Telegram verlinkt, die den Plan zeigt. Das Posting stammt jedoch vom Donnerstag, dem 20.11.2025. Also zwei Tage nach der ersten Axios Bericht und einen Tag nachdem er bereits veröffentlicht war.

Es wird erwartet…

Luke Harding ist britischer Journalist in Kiew.
Im Live Ticker des Guardians machte er am darauffolgenden Tag auf einige sprachliche Dinge aufmerksam.

Der dritte Punkt des Plans lautet „Es wird erwartet, dass Russland seine Nachbarn nicht angreift und die NATO sich nicht weiter ausdehnt.“
Die Formulierung „Es wird erwartet“ („It is expected“) ist im Englischen jedoch sehr unbeholfen. Dieses allgemeine Passiv ist ungebräuchlich. Diplomaten würden etwas nicht so formulieren. Im Russischen macht das allerdings Sinn, denn man kann das in einem Wort ausdrücken „ожидается“ („ozhidayetsya“).

Screenshot des Eintrags des Guardian

Putins Rede

Am Freitag, dem 21.11.2025 hielt Putin eine Rede vor dem russischen Sicherheitsrat.
Diese Rede wurde weltweit durch Botschaften veröffentlicht.

  • Der Friedensplan sei bereits vor Putins Treffen mit Trump in Alaska besprochen worden. Also vor dem 15.08.2025. Am 06.08.2025 wurden Witkoff und im Sarjadje-Park in Moskau gesehen. (Titelbild!)

  • Russland habe alle Freunde darüber informiert (China, Indien, Südafrika, Brasilien und Nordkorea) und alle würden den Plan unterstützen.

  • Dass es danach eine „Pause“ gegeben habe, läge daran, dass die USA den Plan der Ukraine vorgelegt hätten, und diese abgelehnt habe.

  • Der 28-Punkte-Plan sei eine Neuauflage des alten Plans.

  • Kiew und seine europäischen verbündeten hätten die Illusion, Russland „auf dem Schlachtfeld“ schlagen zu können. Das läge vor allem daran, dass sie nicht ausreichend informiert seien „welche Folgen es schließlich haben kann“.

  • Das sei völlig im Sinne Russlands, da es die Ziele der „Spezialoperation“ (das Wort Krieg wird grundsätzlich vermieden) auch so wird erreichen können. Man sei aber zu Friedensgesprächen bereit.

Im Grunde bestätigt Russland damit, dass es an dem Plan, der Trump zugeschrieben wurde, mindestens mitgearbeitet hat.

US-Senator: „Der Plan ist von den Russen“

Und nun wird es ganz kurios.

Im Kanadischen Halifax findet derzeit ein Sicherheitsforum statt. Und dort trat gestern Abend der Senator von South Dakota Mike Rounds (Republikaner) ans Mikrofon und sagte, der Außenminister Mike Rubio habe sie angerufen und gesagt, der 28-Punkte-Plan sei nicht von der US-Administration.

Rounds wird von verschiedenen Medien zitiert (u.a. Tagesschau, Nick Schifrin von PBS), der Plan sei eine Empfehlung gewesen. Diese sei von einem russischen Vertreter Witkoff vorgelegt worden.
Der Parteilose Senator Angus King aus Maine wird zitiert, Rubio habe den Plan als eine Art „Wunschliste Russlands“ bezeichnet.

In den frühen Morgenstunden berichtet die Tagesschau nun, der Außenminister Rubio habe zurückgerudert und geschrieben, dass der Plan ein US-amerikanischer sei. Auf X.
Sicher bin ich übernächtigt. Aber das letzte Posting von Marco Rubio stammt vom 20.11.2025.
Einzig ein Widerspruch des Amtssprechers Tommy Pigott ist zu finden.

Kein Donut

Zwei Dinge habe ich gelernt.
Wenn etwas aussieht wie ein toter Fisch und stinkt wie ein toter Fisch, ist es ein toter Fisch.
Und bei so vielen Widersprüchen, wenn keiner aufsteht und sagt „ich war es“, dann ist es in aller Regel „fishy“.
Das zweite ist, dass man Scheiße auch mit Puderzucker bestäuben kann, es wird trotzdem kein Donut.

Dass dieser Plan für so viel Unruhe sorgt, zeigt, wie einseitig der Plan zu Gunsten Russlands ist. Und das ist das eigentlich wichtige. Dass es erkannt wird.
Und es reicht, sich anzusehen, wer da die Köpfe zusammensteckt, um über die neue Weltordnung zu bestimmen: Investmentbanker und Immobilien-Mogule. Die noch dazu abseits von ihren Posten miteinander Verflochten sind.

https://steady.page/de/u-m/posts/862bfcd3-2ce4-4af1-8acb-78fabf48e4b6 (Öffnet in neuem Fenster)

Ich halte den ganzen Plan für eine Informationsoperation Russlands. Denn mit jedem Tag sieht es schlechter für Russland aus. Und so kann wieder Druck aufgebaut werden.

Es geht nicht um einen Verschwörungsmythos. Denen ich ja eh mehr als ablehnend gegenüberstehe. Es geht darum, dass es im Interesse Russlands ist, solche Forderungen zu stellen und dass sie jetzt öffentlich werden. Denn im Grunde sind es die gleichen Forderungen wie seit drei Jahren. Absolut nichts hat sich geändert.
Was sich geändert hat ist, dass Russland eine US-Regierung ins Boot geholt hat. Auf deren Klaviatur es virtuos spielt. Denn Trump kann gerade kaum etwas weniger gebrauchen, als dass öffentlich wird, dass er einen russischen Plan übernommen hat. Dann doch lieber vertreten, der Unfug käme von seiner Administration selber.

Wer den Plan nun wirklich durchgestochen hat, ist zwar spannend. Aber am Ende des Tages irrelevant.
Heute werden sich die Vertreter der USA, Europas und der Ukraine in Genf treffen. Bis dahin bleibe ich bei meiner Prognose, dass auch dieser Plan im Sande verlaufen wird.
Wichtige Menschen in guten Anzügen werden sich mit wohlfeilen Worten sagen „Go fuck yourself“.

Viele Kommentatoren, vor allem vom rechten und linken Rand, hauen derzeit damit um sich, Europa sei raus. Es sei zu schwach. Das Gegenteil ist der Fall.
In dem Plan stehen entscheidende Dinge drin, die ohne Europa gar nicht umzusetzen sind. Und das ist für mich das eigentliche Rätsel. Wie Russland und die USA versuchen können, sich derart über die Ukraine und Europa hinwegzusetzen, obwohl sie selber doch Punkte vereinbaren, für die sie Europa zwingend brauchen.

Kategorie Medien und Politik

1 Kommentar

Möchtest du die Kommentare sehen?
Werde Mitglied von U.M. und diskutiere mit.
Mitglied werden