Hej
zur aktuellen Ausgabe von “Worte, die Brücken bauen”: dem Newsletterformat, in dem ich euch Ideen für mögliche Formulierungen in herausfordernden Situationen schicke.

Wenn du selbst eine Situation einreichen magst, für die dir die Worte fehlen: gerne entweder anonym über das online Formular (Öffnet in neuem Fenster), oder indem ihr einfach auf diese Mail antwortet :)
Heute schauen wir uns eine Einsendung an, die ein Problem aufgreift, das mir in meiner Arbeit als Beziehungsberaterin häufiger begegnet:
Mein Partner behandelt in meinen Augen die Kinder ungerecht und wenn ich ihn darauf aufmerksam mache und mich einmische, sagt er "Ich rede gerade mit den Kindern, halte dich da raus." Dieser Spruch macht mich sehr schnell sehr wütend und meistens eskaliert es daraufhin noch mehr.
Wie kann ich da reagieren, ohne ihn sauer zu machen und trotzdem zu meinen Kindern zu stehen?
Danke für diese Einsendung! Mein erster Gedanke dazu ist, dass ich gern mit euch ins Gespräch gehen würde, um herauszufinden, wo tatsächlich in eurem Fall die Wurzel des Problems liegt. Ich habe nämlich verschiedene Ideen dazu. 😅
Da das in diesem Format nicht möglich ist, entscheide ich mich jetzt für die Erklärung/Dynamik, die in meinen Augen eine häufige Ursache für das geschilderte Problem ist: Kritik als wahrgenommene Bedrohung des Selbstwertes und ein gefühlter Autonomieverlust. Prüft gerne, ob diese Gedanken auch für euch nützlich sind, oder ob ihr etwas anderes am Start habt :)
Aber von vorn. Zum einen: nur, weil etwas bei eurer Partnerperson schief ankommt bzw. diese Kritik nicht gut angenommen werden kann, heißt das nicht, dass ihr sie nicht äußern dürft. Wenn ich erkläre, wo wir anderen Menschen mit einer Äußerung etwas zumuten oder Befindlichkeiten auslösen, meine ich damit nur äußerst selten, dass ihr deshalb damit aufhören sollt, euch und das, was euch beschäftigt, auszudrücken.
Mir geht es eher darum, zu verstehen, warum der andere reagiert, wie er reagiert - damit wir dann entscheiden können, inwieweit wir unser eigenes Verhalten verändern wollen (und können), um das aufzugreifen und es ggf. für den anderen und damit für beide leichter zu machen.
Ich nehme wahr, dass die allerwenigsten Menschen gelernt haben, gut und gelassen mit Kritik als Änderungswunsch an unser Verhalten umzugehen. Stattdessen lesen wir in Kritik, die an uns gerichtet wird, allzu oft eine Bewertung unserer Person hinein.
Da wir darum bemüht sind, gerade und insbesondere von unseren engsten Bezugspersonen positiv wahrgenommen zu werden (hallo, altes Kindheitsmuster), finden wir uns schnell wieder in der Position von Beschwichtigung, Rechtfertigung, Abwertung des Kritikgebenden, Rückzug oder Aufrechnerei.
Kurz: wir sind im Verteidigungsmodus und fürchten/kämpfen um unser Selbstbild. Geschieht diese Kritik dann noch vor anderen, die im schlimmsten Fall das negativ gezeichnete Selbstbild, das wir rauslesen, übernehmen könnten, kommt noch eine Schippe Verteidungsbedürfnis oben drauf - das Gefühl, unser Gesicht zu verlieren, ist ein mächtiger Verstärker für die oben genannten Verhaltensweisen.
Im Grunde könnte also dieser Satz a la “Halt du dich da raus!” also als Versuch gelesen werden, zum einem die eigene Autonomie zu wahren und sich zum anderen gegen das Gefühl zu wehren, als Person abgewertet zu werden (ganz unabhängig davon, ob das die Intention des Kritikgebenden ist oder nicht).
Ich würde also in dieser Situation vorschlagen, den Hauptpunkt des Dialogs (“Bitte geh nicht so mit den Kindern um”) auf einen anderen Zeitpunkt zu verlagern, wenn es nicht im akuten Moment auch noch um Baustellen wie Autonomiebedürfnis und Selbstwert geht. Für den hitzigen Moment selbst: Kommunikation so kurz und informierend wie möglich halten und auf Verabredetes Bezug nehmen.
Und apropos Verabredetes: vielleicht kann es eine gute Idee sein, gemeinsam festzulegen, wo eure roten Linien als Eltern liegen. Die gemeinsame Absprache: Wir wollen unsere Kinder nicht anschreien - wenn das geschieht, geschieht es aus Überforderung, nicht aus Überzeugung, hilft dabei, sich gegenseitig daran erinnern zu dürfen, wie ihr es eigentlich haben und machen wollt.
Ich teile die Formulierungsideen für diesen Fall mal in drei Abschnitte auf: Vorbereitung, grundsätzliches Gespräch, akute Situation. Es sind unterschiedliche Eskalatinsstufen dabei, schaut, was vielleicht für eure Situation passend ist. Wilde Kombinationen erlaubt :)
Vorbereitung:
“Du, ich würde gerne mit dir über die Situationen sprechen, in denen wir aneinander geraten, weil ich mich in etwas einmische, was du mit den Kindern klärst. Passt es dir gerade?”
“Ich merke, dass wir immer wieder in diese Situationen geraten und würde das gerne mit dir gemeinsam angehen. Wärst du bereit, mir noch mehr davon zu erzählen, wie du diese Momente erlebst und was genau dich wütend macht?”
“Wenn wir so aneinandergeraten, weil du mit den Kindern Sachen auf eine Art klärst, die mir nicht gefällt, fühle ich mich ganz schön überfordert und sauer. Können wir mal in Ruhe darüber reden?”
“Lukas, das geht so nicht. Ich möchte nochmal mit dir in Ruhe klären, wie wir mit solchen Situationen umgehen wollen, wenn ich mich zu Wort melde und du mir sagst, ich solle mich raushalten. Mir ist wichtig, dass wir da eine Lösung finden, die für uns beide passt.”
“Ich hab nochmal darüber nachgedacht und ich kann sehen, was dich so wütend macht, wenn ich mich in deinen Umgang mit den Kindern einmische. Gleichzeitig fällt es mir schwer, daneben zu stehen und das laufen zu lassen. Bist du offen dafür, mit mir darüber zu sprechen und nach einer guten Lösung zu schauen?”
Hilfreich ist, wenn du in deiner Haltung transportierst, dass du wirklich gerne wissen möchtest, was in deiner Partnerperson vorgeht und wie ihr gemeinsam eine gute Lösung finden könnt. Nicht so hilfreich ist das Gefühl, dass du dieses Gespräch nur suchst, um am Ende dem anderen deine Argumente erneut zu präsentieren mit der Erwartungshaltung, dass ihr es “auf deine Weise macht” <3
Grundsätzliches Gespräch:
“Okay, ich habe verstanden, dass du gerade nicht so richtig eine Idee hast, was in dir vorgeht. Mir wäre wirklich daran gelegen, das noch einmal besser zu verstehen, damit wir auch eine Lösung finden können, mit der du okay bist. Lass uns gerne festhalten, dass wir nach dem nächsten Vorkommnis nochmal schnacken und schauen, ob wir mehr darüber rausbekommen können, was da los ist, ja?”
“Ich hatte die Idee, ob es für dich vielleicht so mistig ist, weil ich dir quasi korrigierend von der Seite dazwischen fahre. Manchmal fehlt mir vielleicht auch die Vorgeschichte und ich habe kein vollständiges Bild von der Situation. Ist es das, was dich so stört?”
“Ich kann verstehen, was dich daran sauer macht. Gleichzeitig ist für mich eine rote Linie überschritten, wenn du die Kinder anschreist oder ihnen mit Strafen drohst. Ich möchte einfach nicht, dass unsere Kinder so aufwachsen. Hast du einen Vorschlag, wie wir damit anders umgehen können?”
“Ich verstehe das, manchmal bin ich auch richtig gereizt und angestrengt, wenn die Kinder nicht hören. Wollen wir vereinbaren, dass wir uns gegenseitig aus diesen Situationen auslösen, wenn wir das beim anderen bemerken? Ich hab neulich gelesen, dass man ein bestimmtes Wort benutzen kann, wie “Spielerwechsel/Abklatsch/…” und dann einfach der andere eben übernimmt, wenn es hitzig wird. Ich versichere dir, dass ich es dir auch nicht übel nehme, wenn du das bei mir machst.”
“Lukas, ich kann das nicht mit mir vereinbaren, daneben zu stehen, wenn du die Kinder anschreist. Ich kann ein Stück weit nachvollziehen, was deine Beweggründe sind, aber ich bin damit nicht einverstanden. Ich möchte dir gern ankündigen, dass ich in Zukunft die Kinder in diesen Momenten aus der Situation rauslotsen werden, um den Konflikt zwischen euch zu unterbrechen.”
Akute Situation:
“Spielerwechsel/Abklatsch….”
“Moment, Lukas. Ich nehme die Kinder eben mit in die Küche und ihr könnt das später in Ruhe klären, ja?”
[Innere eigene Prüfung] “Auf einer Skala von 1 bis 10, wie ernst ist die Lage gerade tatsächlich? Kann ich das vielleicht laufen lassen und schauen, wo die anderen am Ende gemeinsam rauskommen? Ist Gefahr in Verzug? Ich bin für die Beziehung meiner Partnerperson zu den Kindern nicht verantwortlich. Für ihre Unversehrtheit und Sicherheit schon. Welcher Fall liegt gerade vor?”
“Wenn du mir sagst, ich soll mich heraushalten, dann ist das für mich ein Problem, weil ich mir gerade Sorgen um die Sicherheit der Kinder mache. Können wir mal eben 10 Minuten Pause machen und gleich nochmal miteinander sprechen, wenn alle sich beruhigt haben?”
“Ich kann sehen, wo du gerade selbst die Sache mit den Kindern klären willst. Gleichzeitig überschreitet ihr aus meiner Sicht gerade eine rote Linie, die wir zusammen festgelegt haben. In diesen Fällen erwarte ich von dir, dass du eingreifst, wenn mir das passiert - und ich werde eingreifen, wenn ich den Eindruck habe, dass es dir passiert.”
Puh, kein leichtes Thema! Und auch in der Kürze der Zeichen nicht ganz einfach zu beleuchten- ich hoffe, es war Nützliches dabei! Aber wisst ihr was? Am 26.3. schauen wir uns im Impulsabend im Steady mal an, wie ihr so über Kritik und Wünsche sprechen könnt, dass es nicht immer wieder zu einem Streit über das “Wie” wird und man irgendwie nie bei den tatsächlichen Inhalten ankommt.
Ich kann mir gut vorstellen, dass da noch ein paar hilfreiche Gedanken dabei sein könnten, auch wenn dieses Thema “Umgang mit den Kindern” sicherlich besonders komplex ist. Kommt gerne dazu, ich würde mich freuen!
Oh, und weil es mir gerade einfällt: ich habe tatsächlich mit Inke Hummel schon einmal über genau dieses Thema mit unterschiedlichen Erziehungsansätzen in einem Instagram Live (Öffnet in neuem Fenster) gesprochen. Schaut gerne nochmal rein, wenn euch das interessiert - da warten auch noch ein paar kluge Impulse von Inke auf euch :)
Ganz liebe Grüße, habt es gut!
Nadine