Zum Hauptinhalt springen

Der Spiegel

Stefan, Simon und Tim sitzen auf einer alten Parkbank vor der Uni. Tim war sonst selten dabei, er liebte die Stille, wenn er allein war, in Gesellschaft fühlte er sich oft wie ein Außenseiter, und das war ihm unangenehm.

Die beiden Freunde redeten wieder über ein Thema, was ihn nervte, eines dieser Themen, die ungefragt ihre Kreise ziehen und erstaunlich viele Anhänger fand. Tim mied Oberflächlichkeiten. Er wollt tiefer denken und verstehen, doch gerade das machte ihn bei den meisten, die lieber locker plauderten, nicht gerade beliebt.

Plötzlich schrillten Stefan und Simons Handys. Tim dachte zuerst an einen Übungsalarm und schaute auf sein eigenes, doch bei ihm blieb es still. Stefan und Simon sahen sich fragend an. „Was ist los?", fragte Tim, bekam aber keine Antwort. Stefan drehte sein Handy ratlos hin und her, während Simon hektisch auf dem Display herumtippte. Beide waren wie gebannt.

Erst jetzt blickte Tim sich um und bemerkte, dass viele ähnlich reagierten. Simon murmelte etwas von einem möglichen Hackerangriff. Tim schüttelte den Kopf. Sein Handy blieb ruhig, als würde es in einer anderen Welt laufen. Links neben ihnen stand Professorin Lech, sonst immer gelassen und konzentriert, fuchtelte sie ebenfalls hektisch auf ihrem Handy herum.

Für einen Moment war es still auf der Parkbank, nur das hektische tippen der anderen und das nervöse tuscheln der Studierenden war zu hören.

Am nächsten Tag war die Uni immer noch weit von der Normalität entfernt. Viele hatten ihre Handys komplett ausgeschaltet und sogar der Dekan ließ eine Durchsage machen:

“Nach ersten Erkenntnissen wurden wir Opfer eines Hackerangriffs. Wir wissen nicht, woher er kommt und warum. Die IT-Ableitung arbeitet eng mit der Polizei zusammen. Wer keinen Angriff auf seinem Handy hat, melde sich bitte in der IT."

Tim kannte bisher nur vage Gerüchte. Manche hielten es für einen schlechten Scherz, irgendwer hatte das Wort „Ideologie" auf die Displays gespielt, und das ließ sich offenbar nicht entfernen, außer man schaltete das Handy ganz aus.

„Hallo, ich bin Tim", sagte er in der IT, „mein Smartphone ist nicht betroffen." Ein Mit-arbeiter nickte und nahm das Gerät entgegen. „Sieht gut aus, keine auffälligen Daten, keine Malware." Tim atmete erleichtert auf.

Doch das war erst der Anfang. Eine Woche später, tauchte der Schriftzug „Ideologie" plötzlich auf vielen PCs auf. Man konnte ihn nicht wegdrücken, und zahlreiche Geräte wurden unbenutzbar. Nur wenige funktionierten noch, als wäre nichts geschehen.

Je länger es dauerte, desto unruhiger wurde die Stimmung. Studenten und Professoren wirkten gestresst, manche fast abwesend. Viele reagierten empfindlich, sobald das Wort „Ideologie" überhaupt erwähnt wurde.

Tim, Psychologie Student im dritten Semester, konnte nicht anders als das Verhalten seiner Mitmenschen zu analysieren. Die Stimmung an der Uni hat sich verändert: Studenten, die sonst fröhlich plauderten, wirkten angespannt, manche geradezu fahrig. Selbst Professorin Lech, sonst Inbegriff von Ruhe und Disziplin, schien verändert. Ihre Stimme zitterte in den Vorlesungen, und mehr als einmal vergaß sie den roten Faden. Für Tim wirkte das sehr beunruhigend, gerade sie war doch sonst immer so klar.

Auch sein eigenes soziales Umfeld änderte sich. Stefan und Simon sprachen kaum noch mit ihm. Ein paar hastige Sätze, dann gingen sie wieder ihre eigenen Wege. Tim fragte sich, ob er selbst sich verändert hatte oder ob die anderen ihn nun mit neuen Augen sahen.

Innerhalb weniger Wochen war die Universität wie leer gefegt. Viele blieben lieber zu Hause, andere suchten nach Wegen, ihre Vorlesungen online zu besuchen. Doch auch das funktionierte bald nicht mehr, weil sich dieser Angriff inzwischen auch über die Uni hinaus auszubreiten begann.

Vier Wochen später hatte sich die Situation kaum beruhigt. Die Unruhe war zur Normalität geworden. Auf den Fluren wurde nur noch flüsternd gesprochen, als könnte ein lautes Wort das nächste Problem auslösen. Einige Studierende schauten nervös auf ihre Geräte, andere trugen sie gar nicht mehr bei sich. Selbst Professorin Lech wirkte gealtert, wie jemand, der in kurzer Zeit zu viel Verantwortung tragen musste.

Tim notierte sich in sein Notizbuch: „Das ist kein technisches Problem mehr. Es verändert die Menschen." Er spürte, wie ihn das Thema nicht mehr losließ und er als Beobachter längst Teil des Ganzen geworden war.

Erst waren es nur ein paar Hochschulen in der Region, dann folgten Unternehmen, Verwaltungen. Doch es traf nie alle, manche Geräte blieben vollkommen unberührt so wie Tims Handy, fast als wäre es benutzerabhängig. Nachrichtenportale sprachen von einer möglichen deutschlandweiten Krise. Aber eigentlich war es mehr ein Teil der Gesellschaft, ein Bereich wurde lahmgelegt, ein anderer lief normal weiter. Niemand wusste, nach welchen Regeln es lief.

Die Polizei hatte inzwischen die Kontrolle über die IT und die Diensthandys übernommen, fand aber immer noch keine Spur, woher der Angriff kam. Selbst nach Monaten konnte keine Ursache gefunden werden und schließlich sprach man von einem möglichen Kl-Angriff.

Zu Stefan und Simon hat Tim, kaum noch Kontakt, ihre Gespräche laufen nur noch über das Festnetztelefon. Da es keine regulären Vorlesungen mehr gibt, vertieft sich Tim in das Thema. Warum das Wort „Ideologie"? Warum betrifft es bestimmte Menschen und bestimmte Bereiche und andere nicht? Was haben diese Gruppen gemeinsam? Warum fühlen sich manche davon so persönlich angegriffen?

Tim hört von Menschen, bei denen die Störung plötzlich aufhört, nur um Wochen später wiederzukehren. Was unterscheidet diese Menschen?

Nach drei Monaten, gibt es noch immer keine Ursache, die Polizei vermutet inzwischen einen Anschlag durch die Kl. Professorin Lech kommt nicht mehr zurück in den Betrieb, sie ist krankgeschrieben, offenbar geht es ihr psychisch nicht gut.

Man versucht inzwischen die Vorlesungen, ohne Technik fortzuführen, ohne Handys, Tablets und PCs. Die Medien berichten zwar noch, aber zum Teil sehr eingeschränkt, jedoch etwas neutraler und mit weniger Framing.

Tim untersuchte die Situation weiter, und versuchte zu verstehen, was eine Kl dazu bewegen könnte, so etwas zu tun? Eine Kl sollte doch neutral sein, ohne Bewusstsein und Gefühle, was wäre der Grund?

Ein Jahr später, hat man sich zum Teil damit arrangiert. Manche haben eine chronische Angststörung entwickelt, andere wirken verändert, sie scheinen, mehr nachzudenken und zu reflektieren. Bei der zweiten Gruppe funktionierten die Geräte Schritt für Schritt wieder, fast so, als würde eine Verhaltensänderung sie Stück für Stück freischalten.

Auch die Gesellschaft veränderte sich, der Diskurs ist weniger polarisiert als früher, man hört sich wieder mehr zu und begegnet einander mit Respekt. Tim empfand dass als eine positive Entwicklung. Er hat inzwischen eine eigene Theorie gefunden, doch er behält sie für sich.

Bianka Seredinski-Holzner

Zwischenraumtexte 2025

Kategorie Kurzgeschichten