(Opens in a new window)Sonnenschein
An einem Tag in Berlin wurde ich unruhig. Die Unruhe brachte mich zum Denken. Ich war wütend auf Berlin. Träume zogen mich hierher, die sich jetzt leer anfühlten. Am Tag verhielten sich die Leute schrecklich normal und auch die Nächte versprachen mir nichts mehr. Die Stadt überlebte ihren Mythos. Ich wusste nicht wohin mit mir. Dann bemerkte ich, dass ich nur hungrig war. Ich kaufte mir eine Falafel und nach dem ersten Biss war ich glücklich. Die Sonne schien.
Einst beschrieb Montaigne, dass unsere Gefühle Ursachen suchen, auf die sie wirken können. Finden sich die nicht, so erfinden wir uns welche. Möglich ist es demnach, dass Menschen ihr Unglück an falschen Wesen auslassen, anstatt die tatsächlichen Ursachen ihres Leids ausfindig zu machen.
Gelassene Katzen
Glück in ihrem Unglück haben daher neidische Menschen. Begehren sie etwas, was ihnen mangelt, aber andere haben, so haben ihre Gefühle bereits ein Ziel. Wenn aus Neid Missgunst wird, dann denken sie, dass die anderen, als falsche Ursache ihres Unglücks, leiden sollen.
Mit dieser Missgunst erklärt John Gray den einst verbreiteten Katzenhass im heutigen Frankreich. Die Menschen verbanden Katzen mit Hexerei. Sie verbrannten sie anstelle von oder mit Frauen am Scheiterhaufen. Auch verstümmelten, schlugen, töteten und erschossen sie Katzen bei festlichen Veranstaltungen. In ähnlich vergnüglichen Kontexten folterten Menschen Katzen in Deutschland, damit diese heulten. Sie nannten die Laute „Katzenmusik“.
Aber was haben Katzen, was die Menschen nicht besäßen? Menschen suchen ständig nach Sinn und Bedeutung, um ihre Existenz zu rechtfertigen, aber Katzen brauchen keine Gründe, Theorien oder Narrative, um ihr Leben zu genießen. Katzen sind von Natur aus gelassen.
Doch dieser Zustand ist keine Kompetenz, sondern die Abwesenheit einer: Katzen denken nicht abstrakt.
Fassung verlieren
Denke. Denke für dich. Denke an andere. Denke, bevor du handelst. Denke, bevor du sprichst. Denk mal drüber nach. Die pyrrhonische Skepsis behauptet, dass Denken der Gelassenheit widersinnig sei.
So erschien mir mein Hunger selbst gedankenlos. Als ich jedoch versuchte zu verstehen, was es war, was mich beunruhigte, fing ich an, über Berlin nachzudenken. Nun war ich nicht nur hungrig, sondern verlor zudem noch meine Gelassenheit über die vielen Urteile über Berlin. Ich litt mehr, als ich sollte.
Mit anderen Worten: Für die pyrrhonische Skepsis bedeutet Denken, die Fassung zu verlieren. Verzichtete ich aber darauf, zu denken, hätte ich mich nicht selbst mit den ersten Gedanken getäuscht, die zu meiner Stimmung passten.
In diesem Sinne sollten wir Menschen vielleicht nicht denken, wenn wir verstimmt sind. Denn wie gefährlich sind diejenigen, denen es schlecht geht und die es daher gut finden, wenn sie nach „Menschenmusik“ verlangen?
Doch kommen wir so zu dem Problem, dass wir Menschen den Katzen nicht gleichen. So beschäftige ich mich mit der pyrrhonischen Skepsis, da sie behauptet, trotz unseres Denkens Gelassenheit zu erlangen. Aber vielleicht ist meine Beschäftigung mit dieser nur eine Ablenkung davon, dass ich völlig die Fassung darüber verloren habe, dass ich leider keine Katze bin.
Miau!
Tien
Literatur
Gray, John: Feline Philosophy: Cats and the Meaning of Life, New York: Farrar, Straus and Giroux, 2020.
Montaigne, Michel de: Essays, hrsg. von Hans Stilett, Berlin: Die Andere Bibliothek, 2011.
Sextus Empiricus: Grundriß der pyrrhonischen Skepsis, übers. von Malte Hossenfelder, 9. Aufl., Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2019.