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Warum brauchen wir Biodiversität? #2: Kleine Tiere und große Strategien

Auch der zweite Teil dieser Reihe widmet sich der Frage: Verlieren wir wirklich etwas, wenn einige Tierarten verschwinden? Geht es um mikrokleine Superhelden und bissige Giftspritzen, ist die Antwort: Ja.

Im Boden ist ganz schön was los. Je mehr Vielfalt, desto besser wachsen Getreide, Blumen und Bäume. Außer diese gehören zur Gruppe der Weltenbummler, dann können Probleme entstehen. Weitere Themen der Ausgabe: die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt und die Bedeutung der Biodiversität für die Medizin.

Bannerbild mit dunkelgrünem Hintergrund. Links eine hellgrüne Eulen-Grafik mit dem Text: Biodiversität im Fokus. Rechts steht in Weiß: Tierisch Vielfältig! Der Newsletter.

Im ersten Teil (Opens in a new window) dieser Reihe ging es um domestizierte Tiere – und darum wie vergessliche Vögel, hungrige Schafe und tierische Baumeister ganze Ökosysteme gestalten. Auch die Rolle heimischer Muscheln beim Küsten- und Gewässerschutz wurde vorgestellt.

Diese Ausgabe widmet sich nun der tierischen Vielfalt in drei anderen Bereichen. Fangen wir mit dem Boden unter unseren Füßen an, denn dort ist Biodiversität ebenfalls unverzichtbar. Gesprächspartner war erneut Axel Paulsch.

Beruf: Bodenverbesserer

Ein kontrastreiches Bild. Im Vordergrund ein Feld voll satt-beiger Getreide-Ähren, im Hintergrund blauer Himmel.

Ob im Gartenbau, auf Balkonien oder dem Acker: Ohne gute Erde wächst nicht viel. Fehlen wichtige Nährstoffe, scheint dies kein Problem zu sein. Denn selbstgemachter Kompost, Pferdemist, Dünger aus dem Gartencenter, angereicherte Pflanzenkohle oder Gülle haben nur einen Zweck – die Qualität des Bodens zu verbessern.

All die nährstoffhaltigen Helferlein würden ohne das tierische Leben im Boden jedoch nicht funktionieren. In einem Kubikmeter Erde „gibt es so viele tierische Organismen, die für die Bodenfruchtbarkeit unerlässlich sind, das kann man sich kaum vorstellen“, so Axel Paulsch, der Vorsitzende des Instituts für Biodiversität (Ibn).

Axel Paulsch, kurz vorgestellt: Seit seiner Kindheit von Natur und Vögeln begeistert. Später Mitglied in einigen Naturschutzverbänden und Studium der Geoökologie. Heute Vorsitzender des Instituts für Biodiversität, kurz Ibn. Dabei bewegt er sich stets zwischen Natur, Wissenschaft und Politik.

Mir fällt dabei der folgende geflügelte Satz ein: „In einer Handvoll Erde existieren mehr Lebewesen, als es Menschen auf der Erde gibt“. Vielleicht sind es nicht ganz so viele (mindestens acht Milliarden wäre auch viel). Auf jeden Fall wuseln aber Regenwürmer, Schnecken und Spinnen darin herum, dazu Springschwänze, Tausendfüßler, Käfer, Asseln oder Milben. Und Mikroorganismen wie Nematoden oder Wimperntierchen, die so klein sind, dass man sie ohne Mikroskop kaum sehen kann.

Eine Asssel krabbelt aus der Erde in einem Blumenkübel. Sie ist länglich-oval, hellbraun mit vielen, beigen Flecken und hat vorne zwei abgeknickte Fühler sowie an den Seiten sieben Beinpaare.

Sie alle leben und fressen in unserem Boden, zersetzen abgestorbene Pflanzenteile oder tote Tiere – und verbessern so die Bodenqualität.

Kein Ackerboden würde funktionieren ohne das tierische Leben darin. (Axel Paulsch)

Unzählige Pilze und Bakterien unterstützen die tierische Vielfalt bei ihrer wichtigen Arbeit. Ein guter Boden ist gelebte Biodiversität!

Beruf: Störenfriede auf Reisen

Schwierig wird es laut Geoökologe Paulsch, wenn Pflanzen oder Saatgut in andere Weltregionen „umziehen“, quasi zu Weltenbummlern werden. Dann kann es sein, dass sie dort „entweder nicht gedeihen, weil die richtigen Bodenorganismen“ nicht vorhanden sind. Oder weil sie an Schädlingen leiden, gegen die es vor Ort kein Gegenmittel gibt (Stichwort: invasive Arten).

In solchen Fällen müsse man häufig erst einmal untersuchen, welche natürlichen Feinde diese Schädlinge zu Hause hatten und ob sich diese überhaupt in die neue Heimat transferieren lassen, „damit das Gleichgewicht wenigstens wieder simuliert wird und man das nicht alles chemisch machen muss“. Geht aber nur, wenn die natürlichen Gegenspieler im neuen Lebensraum keinen Schaden anrichten – und zu invasiven Superschurken werden. Kennt man ja von James Bond. Oder hierzulande von der Wollhandkrabbe (Opens in a new window).

Tiere in Medizin und Forschung

Ob Bettwanze, Moskito, Floh oder Wespe: Hierzulande leben einige Insekten, die uns beißen oder stechen können. Doch viele von ihnen haben natürliche Gegenspieler. Gibt es etwa genügend Fische (Opens in a new window), Fledermäuse (Opens in a new window)oder Vögel, können sie Schadinsekten wie Stechmücken deutlich reduzieren.

Im Hintergrund eine Sonnenblume (rechts) mit grünem Blattwerk (mitte-links). Auf den Blättern sitzt eine schwarze Wespe mit dem typischen, leuchtend gelben Muster. Sie hat orang-farbene Beine und sehr lange Flügel.

Zecken haben dagegen nur wenige natürliche Feinde, zu denen Fadenwürmer (Nematoden) im Boden, einige Pilze und die Zeckenerzwespe gehören sollen. Auch Hühner werden diskutiert.

Nehmen solche Schädlinge überhand, wird Biodiversität umso wichtiger, der Forschungsbedarf wächst: Denn vielleicht gibt es natürliche Feinde, die noch unbekannt sind. Außerdem können Tiere mit ihren ganz individuellen Eigenschaften auch Quelle für Medikamente oder Therapien sein. So erforschen Wissenschaftler von der Senckenberg-Gesellschaft aktuell, ob einige Stoffe aus dem Gift der Holzbiene (Opens in a new window) bei der Behandlung von Brustkrebs genutzt werden können.

Aster-Strauß, die Blüten sind lila und haben ein gelbes Körbchen. Links nascht eine einheitlich schwarze Holzbiene mit leicht bräunlichen Flügeln an einer der Aster-Blüten.

Es gibt Blutdrucksenker auf der Basis von Schlangentoxinen, das erste Antibiotikum Penizillin entstand aus einem Schimmelpilz (Erklärvideo (Opens in a new window)). Weitere Wirkstoffe wurden und werden erforscht. Was die Natur darüber hinaus vor uns verbirgt, weiß allerdings keiner. „Diese Möglichkeiten, die noch gar nicht so recht erforscht sind, riskieren wir, wenn wir die Biodiversität verlieren.“

Beruf: Vermittler zwischen Forschung und Politik

Deshalb ist es so wichtig, die vorhandene Vielfalt zu schützen – und natürlich den Status Quo zu kennen. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung soll hierzulande die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt (Opens in a new window) sein. Im Jahr 2007 beschlossen, gab es im Dezember 2024 ein politisches Update. Darin ist das ambitionierte Ziel verankert, bis 2030 den Verlust der biologischen Vielfalt zu stoppen. „Das war ein Prozess unter Einbeziehung vieler Experten und auch der Öffentlichkeit“, so Axel Paulsch. Heraus kam ein Aktionsplan, der beschreibt, was nötig ist, um die genannten Ziele zu erreichen. Aktuell versuchen er und seine Kollegen, wissenschaftlich belastbare Indikatoren zu finden, „mit denen man die Zielerreichung später bemessen kann“.

Es geht also darum, den Zustand von vorgestern, heute und übermorgen zu vergleichen und Veränderungen nachvollziehbar zu dokumentieren. Das ist gar nicht so leicht, wie es auf den ersten Blick aussieht. Das Wachstum von Naturschutzgebieten lässt sich relativ gut bestimmen. Doch wie misst man, wie biodiversitätsfreundlich Kredite sind? Oder wie viel Plastikmüll in den Gewässern insgesamt vorhanden ist? Man darf gespannt sein.

Kontrastreiches Bild: Im Vordergrund beiger Sandstrand, diagonal im Hintergrund das blaue Meer mit dunkelblauem Horizont.

Aber was verlieren wir denn nun, wenn hierzulande bestimmte Tierarten verschwinden? Warum brauchen wir Biodiversität?

Die Antwort von Axel Paulsch:

„Wir brauchen gesunde Ökosysteme, um davon zu leben und sind weit davon entfernt, verstanden zu haben, wie diese Ökosysteme eigentlich funktionieren und was passiert, wenn gewisse Arten ausfallen. […]

Und mit aller Technik und aller Chemie werden wir das nicht ersetzen können. Es ist der reine Selbstschutz, funktionierende Ökosysteme beizubehalten oder wiederherzustellen. Sonst müssen wir es irgendwann heftig ausbaden.“

Aufzählung zum Thema "Wie schütze ich die tierische Vielfalt?". Tipps von Axel Paulsch: u.a. Keine Steinwüsten oder Zierkoniferen, keine Unkrautvernichter im Garten oder Insektizide auf dem Balkon. Dafür Fassadenbegrünung und Brennesseln in einer Garten-Ecke (wo möglich).

Gut zu wissen! Doku-Tipps

Ausblick

In der nächsten Ausgabe folgt Teil 2 der Reihe Tierisch viel los auf Balkonien! #2 Vögel (Opens in a new window).

Mach mit! Aktuelle Leserfrage

Das Ergebnis der TiVi! Umfrage zum Thema Über welchen Vogel möchtest Du mehr erfahren? liegt nun vor. Ein Dankeschön an alle, die mitgemacht haben!

Zur Auswahl standen Amsel, Kohl-/Blaumeise, Grünspecht und Milan. Wer wissen möchte, welche Art wie gut abgeschnitten hat, findet die Ergebnisse auf Mastodon (Opens in a new window)und LinkedIn (Opens in a new window). And the winner is …

Ein großer goldener Stern mit dem Wort Milan im Mittelpunkt. Dieser hat die Umfrage gewonnen. Um den Stern herum glitzern noch weitere Sternchen.

Über ein Drittel der TeilnehmerInnen hat den Raubvogel auf das Siegertreppchen gewählt. Auf Platz 2 ist der Grünspecht gelandet, auf Platz 3 die Amsel. Das Artenporträt “Milan” folgt noch in diesem Herbst. Die Leserfrage für September gibt´s in der nächsten Ausgabe.

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Topic Basics

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