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ADHS: Was wirkt – und was wirkt für wen?

Die bislang größte Analyse aller Behandlungsansätze – ausführlich, neuroaffirmativ & praxisnah für Erwachsene, Jugendliche und Eltern

ADHS Review : Was wirkt in der ADHS-Therapie
ADHS Review des BMJ 2025: Was wirkt in der ADHS-Therapie

Diese neue BMJ-Umbrella-Review hat etwas getan, was vorher kaum möglich war:
Sie hat die gesamte evidenzbasierte Landschaft der ADHS-Therapie neu sortiert. 4632 Studien gescreent, 115 Meta-Analysen eingeschlossen, 221 Interventionseffekte neu berechnet – und alles in einheitlicher Methodik.

Ergebnis: Ein klarer, ehrlicher, umfassender Überblick über das, was uns hilft und was (noch) nicht gut genug erforscht ist.

Und das Entscheidende für uns im neurodivergenten Spektrum:
Die Studie macht keine „One-size-fits-all“-Aussagen. Stattdessen zeigt sie, dass ADHS sehr unterschiedlich auf Interventionen reagiert – je nach Alter, Kontext, Rater, Co-Konstrukten und Lebensphase.

Ich habe mal versucht, die Kernaussagen des Reviews in Infografiken visualisieren zu lassen:



Was wirkt wie bei KINDERN?

Was wirkt in der ADHS-Therapie bei ADHS-Kindern?
Was wirkt in der ADHS-Therapie bei ADHS-Kindern?

Und was wirkt wie bei ADHS-Erwachsenen?

ADHS-Therapie : Was wirkt wie bei ADHS Erwachsenen
ADHS-Therapie : Was wirkt wie bei ADHS Erwachsenen




1. Medikamentöse Interventionen im Detail

Hier kommt eine wirklich ausführliche Darstellung ALLER untersuchten pharmakologischen Möglichkeiten.

1.1. Methylphenidat (MPH)

Kurzfazit:
Das „verlässlichste“ Medikament – besonders bei Kindern.

Wirksamkeit

  • Kinder/Jugendliche:
    Mittel bis große Effekte auf alle ADHS-Kernsymptome.
    Besonders bei klinischer Bewertung (>0.75 SMD).

  • Erwachsene:
    Moderate Effekte (0.34–0.50).

Toleranz & Sicherheit

  • Keine signifikant höhere Nebenwirkungsrate als Placebo.

  • Gute Akzeptanz (weniger Abbrüche als Placebo!).

Neuroaffirmativ betrachtet:

Ein klarer Hinweis, dass MPH das Nervensystem bei vielen Menschen stabilisiert, ohne das Regulationssystem zu sehr zu stressen.

1.2. Amphetamine (Lisdexamphetamin, Dextroamphetamin usw.)

Wirksamkeit

  • Kinder:
    Klinische Ratings → große Effekte (1.02 SMD!)
    Eltern/Lehrer → kleinere Effekte (<0.60)

  • Erwachsene:
    Nur in hochwertigen Studien eindeutig positiv.

Toleranz

  • Deutlich schlechter als MPH.

  • Häufig Schlaf- und Appetitprobleme.

Neuroaffirmativ:

Amphetamine sind starker „Dopamin-Push“ → funktioniert gut, aber nicht bei jedem Nervensystem stabilisierend.

1.3. Atomoxetin

Wirksamkeit

  • Sehr robuste Evidenz

  • Kinder & Erwachsene: immer mittlere Effekte.

  • Besonders gut: emotionale Dysregulation bei Erwachsenen.

Toleranz

  • Leicht schlechter als Placebo → aber gut berechenbar.

Neuroaffirmativ:

Wichtig als Alternative für:

  • Angstlastige ADHS,

  • emotionale Instabilität,

  • Sensitivität gegenüber Stimulanzien.

1.4. Alpha-2-Agonisten (Guanfacin, Clonidin)

Wirksamkeit

  • Mittel bis große Effekte bei Kindern (0.64 high-certainty).

  • Hilfreich bei Hyperarousal, Impulsivität, Tics.

Toleranz

  • Müde, Blutdruckabfall möglich.

Neuroaffirmativ:

Wirken auf das grundsätzliche Erregungsniveau – häufig unterschätzt, besonders in Kombination mit Traumafolgestress oder Schlafproblemen.

1.5. Viloxazin

  • Kleine bis mittlere Effekte (0.38).

  • Noch wenig untersucht.

  • Schlafstörungen als relevante Nebenwirkung.

1.6. Bupropion, Modafinil, Dasotraline, Desipramin

Bupropion

  • Moderate Effekte, aber niedrige Evidenzqualität.

  • Option bei ADHS + Depression.

Modafinil

  • Minimal untersucht – keine klare Evidenz.

Dasotraline

  • Effekt vorhanden, aber geringe Datenbasis.

Desipramin

  • Große Effekte – aber extrem niedrige Evidenzqualität → Studien alt, unsauber.

📘 2. Psychosoziale Interventionen

Jetzt zu dem Teil, der in der Praxis oft unterschätzt wird – und bei Erwachsenen immer wichtiger wird.

2.1. Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) – ADHS-spezifisch

Wirksamkeit

  • In Erwachsenen: mittelgroßer Effekt, moderate Evidenz.

  • In Kindern: Großteil der Effekte statistisch groß – aber geringe Studienqualität.

Zentrale Wirkmechanismen:

  • Selbststrukturierung

  • Exekutivfunktionen entlasten

  • Rejection Sensitivity abfedern

  • Emotionsregulation

Warum neuroaffirmativ wichtig:

KVT hilft nicht, „normal“ zu werden – sondern sich selbst besser zu führen.

2.2. Elterntraining / Parent Training

Wirksamkeit

  • Gute Effekte auf Alltagsverhalten.

  • Weniger klare Effekte auf ADHS-Kernsymptome.

→ „Second-order“-Intervention: Wirkt über die Umgebung, nicht über das Kind.

2.3. Soziales Kompetenztraining

  • Sehr geringe Evidenz.

  • ADHS-spezifische Probleme liegen oft nicht im „Nicht-Wissen“, sondern in Impulskontrolle und Reizverarbeitung.

2.4. Multimodale Programme

  • Kaum hochwertige Daten.

  • Aber große praktische Relevanz.

📘 3. Achtsamkeit & körperorientierte Verfahren

3.1. Mindfulness

Wirksamkeit

  • Große Effekte bei Erwachsenen

  • ABER: niedrige Studienqualität

Einzige Intervention mit potenziellen Langzeiteffekten (bei Erwachsenen!)

→ Aber eben auch mit geringer Evidenz.

Neuroaffirmativ:

Achtsamkeit hilft, Resonanzräume zu vergrößern und Reizüberflutung zu regulieren.

3.2. Körpertraining / Sport

Wirksamkeit

  • Verbessert exekutive Funktionen

  • Reduziert Hyperaktivität

  • Hebt Stimmung

Evidenzqualität

  • Niedrig bis moderat.

→ Wichtiges Add-on, kein Ersatz.

📘 4. Neurofeedback & Gehirnstimulationsverfahren

4.1. Neurofeedback

Wirksamkeit

  • Effektgrößen teils groß

  • Aber: sehr niedrige Evidenzqualität

  • Hohe Studienheterogenität, Placebo-Kontrolle problematisch

Neuroaffirmativ:

Wirkt für manche – aber nicht verlässlich vorhersagbar.

4.2. TMS / rTMS (Transkranielle Magnetstimulation)

  • Sehr geringe Evidenz.

  • Kleine Effekte, geringe Qualität.

4.3. tDCS (Direktstrom-Stimulation)

  • Minimale Effekte.

  • Keine belastbare Evidenz.

📘 5. Ernährung & Supplemente

5.1. Omega-3-Fettsäuren (PUFAs)

Wirksamkeit

  • Klein bis moderat

  • Sehr heterogene Studien

Neuroaffirmativ:

Kein Gamechanger – aber sinnvoll bei bestimmten Untergruppen (Entzündung, Schlaf, Stimmung).

5.2. Vitamine (Vitamin D, Zink)

  • Geringe Evidenz

  • Nutzen bei tatsächlichen Mängeln → Ja

  • Als ADHS-Behandlung → Nein

5.3. Eliminationsdiät / Oligoantigene Diät

  • Große Effekte in einzelnen Studien, aber extrem niedrige Qualität.

  • Viele Bias-Risiken.

Warnung:

Kann zu Essstörungen führen, besonders bei neurodivergenten Jugendlichen.

5.4. Probiotika

  • Keine verlässliche Evidenz.

  • Darm-Hirn-Achse wichtig – aber Datenlage schwach.

📘 6. Komplementäre Verfahren

6.1. Akupunktur

  • Überraschend große Effekte

  • Aber sehr niedrige Evidenzqualität

  • Studien meist aus Asien, geringe Verblindung

Interpretation:

Signal interessant – aber nicht belastbar.

6.2. Homöopathie

  • Keine evidenzbasierte Wirksamkeit.

6.3. Carnitin

  • Einzelstudien

  • Sehr geringe Evidenz.

📘 7. Funktionale Outcomes

Die Studie untersuchte auch:

  • akademische Leistungen

  • sozialkommunikative Fähigkeiten

  • emotionale Dysregulation

  • depressive Symptome

  • Angst

  • exekutive Funktionen

  • Suizidalität

Highlights:

  • Atomoxetin: verbessert emotionale Dysregulation (hochwertige Evidenz)

  • Amphetamine: verbessern akademische Leistung (moderate Evidenz)

  • MPH: kleine Verbesserungen in Exekutivtests

  • Kein Medikament erhöht Suizidalität im Vergleich zu Placebo

📘 8. Die unbequeme Wahrheit: Keine langfristige Evidenz

Für KEINE Intervention – weder medikamentös noch psychotherapeutisch – existiert hochwertige Langzeit-Wirksamkeitsevidenz (6–12 Monate).

📘 9. Neuroaffirmative Interpretation

🎯 ADHS ist kein „Defizit“, sondern ein regulationssensitives Nervensystem.

Deshalb wirken Interventionen, die:

  • Stress reduzieren

  • Resonanz und Validierung erhöhen

  • Struktur & Unterstützung schaffen

  • Sensorik regulieren

  • Exekutivfunktionen entlasten

Die Umbrella-Review zeigt eindrucksvoll:

Nicht die Intervention allein entscheidet, sondern Kontextpassung, Neurobiologie, Lebensphase und Alltagsumfeld.

📘 10. Praktische Empfehlungen für deine Community

Was wirkt am zuverlässigsten?

  1. MPH

  2. Atomoxetin

  3. KVT für Erwachsene

  4. Körpertraining

  5. Guanfacin/Clonidin

  6. Mindfulness (für manche)

Was kann ergänzen?

  • Omega-3

  • Strukturprogrammen

  • Emotionsregulation

  • Coachings / Buddy-Coaching

Was ist eher experimentell?

  • Neurofeedback

  • Akupunktur

  • Eliminationsdiäten

  • TMS / tDCS

📘 11. Fazit: ADHS braucht einen Werkzeugkasten – keinen Tunnelblick

Medikamente → oft sehr wirksam

Psychotherapie → essenziell für Alltagskompetenzen

Körper & Sinnesregulation → unterschätzt, aber wichtig

Umfeldanpassung → neuroaffirmativ unverzichtbar

Selbsthilfe & Community → hohe Wirksamkeit, aber nicht erfasst :-(

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