
Liebe Lehrkräfte, liebe Eltern, liebe Redaktion der Frankenkids!
Es sind Texte wie dieser, die uns beunruhigen. Texte voller Falschaussagen, unpräziser Halbwahrheiten und mit längst widerlegten Ergebnissen aus zweifelhaften Studien, die nie reproduziert werden konnten. Noch beunruhigender: oberflächliche Routinen von Redakteur*innen in Verlagen, die ungeprüft Texte veröffentlichen - ein kleiner Faktencheck nur, bitte! Aber ja: “Mädchen lernen anders als Jungen”, das klingt doch so nachvollziehbar. Und wenn da eine sagt, hier ginge es um Grundbedürfnisse unserer Kinder - wer wird denn da so garstig sein und weghören? Wir wollen doch nur das Beste für die Kinder! Doch der Text von Carolin Deutschmann im Familienmagazin ‘Frankenkids’ ist das Gegenteil von gut gemeint. Und wir sind es leid!

Wenn Bauchgefühl und Hörensagen wissenschaftliche Fakten ersetzen
Hier der Text, und im Anschluss unser Faktencheck

Grob- und Feinmotorik
Behauptungen:
Jungen erreichen den Gipfel der Grobmotorik vor der Pubertät, Mädchen erst danach. Jungen haben genetisch mehr Muskelmasse, müssen mehr Nervenbahnen anlegen und „zappeln“, um ihr Gehirn zu trainieren. Mädchen kommen mit reiferem Gehirn zur Welt, beschäftigen sich lieber mit feinmotorischen Aufgaben.
Wissenschaftliche Bewertung: stark vereinfacht und teils falsch
Vor der Pubertät sind Geschlechtsunterschiede in der motorischen Entwicklung gering. Jungen zeigen im Schnitt früher grobmotorische Aktivität, Mädchen sind oft früher bei feinmotorischen Aufgaben. Die Unterschiede entstehen durch ein Zusammenspiel von biologischen und sozialen Faktoren, wie zahlreiche Studien und Übersichtsarbeiten zeigen. Hier sind drei davon:
• Alfermann, 2009 (Handbuch motorische Entwicklung: Biologische, genetische und Umwelteinflüsse)
• Reinders, 2017 (Sportlich-motorische Entwicklung bei Mädchen und Jungen: Körperliche Unterschiede ab der Pubertät, aber auch Einfluss von Sozialisation)
• Krug et al., 2019 (Motorische Leistungsfähigkeit 4- bis 10-jähriger Kinder: Geschlechterunterschiede und Einfluss von Umwelt)
Die Aussage, Jungen müssten „mehr Nervenbahnen anlegen“, ist neurobiologisch nicht haltbar. Die Gehirnentwicklung verläuft geschlechtsübergreifend sehr ähnlich, Unterschiede sind minimal (Joel et al., 2015).
- Die Zuweisung „Mädchen = reiferes Gehirn“ ist zu pauschal und wird durch aktuelle Studien (z. B. Eliot, 2021) relativiert.
- Die soziale Zuschreibung „Zappelphilipp“ ist auch ein Produkt von Erwartungshaltungen (social labeling).
Sozialisation & Bias:
Die Wahrnehmung von Jungen als „zappelig“ und Mädchen als „ruhig“ wird durch stereotype Erwartungen verstärkt (unconscious gender bias). Lehrkräfte und Eltern interpretieren Verhalten oft im Lichte dieser Stereotype (vgl. Haines et al., 2016).
✏️ Konsequenz für die Schule:
Flexible Lernumgebungen (z. B. bewegtes Lernen) sind für alle Kinder hilfreich, nicht nur für Jungen.
Konzentration und Aufmerksamkeit
Behauptungen:
Mädchen können sich besser konzentrieren, sind organisierter, Jungen sind impulsiver und haben mehr Konzentrationsprobleme (biologisch bedingt).
Wissenschaftliche Bewertung: Nicht haltbar als biologische Gesetzmäßigkeit
Studien zeigen, dass Konzentrationsfähigkeit und Impulsivität stark von Sozialisation, Erwartungen und Unterrichtsstruktur beeinflusst werden (Duckworth & Seligman, 2006; Hyde, 2014).
- Unterschiede innerhalb der Geschlechter sind größer als zwischen den Geschlechtern (Hyde, 2005: Gender Similarities Hypothesis).
- Biologische Faktoren spielen eine Rolle, sind aber nicht ausschlaggebend. Vielmehr beeinflussen Erziehung und Unterrichtsstil das Verhalten.
Sozialisation & Bias:
Mädchen werden oft für ruhiges Verhalten gelobt, Jungen für Aktivität – das verstärkt Unterschiede (gendered feedback). Diagnosen wie ADHS werden bei Jungen häufiger gestellt, teils wegen Erwartungshaltungen.
✏️ Konsequenz für die Schule:
Individualisierte Förderung und flexible Unterrichtsgestaltung sind für alle Kinder sinnvoll.
Lernstile: Zuhören vs. Ausprobieren
Behauptungen:
Mädchen lernen lieber durch Zuhören und Erklärungen, Jungen durch Ausprobieren und Entdecken.
Wissenschaftliche Bewertung: stark vereinfacht und nicht haltbar.
Es gibt keine belastbaren Belege für geschlechtsspezifische „Lernstile“ (Pashler et al., 2008; Coffield et al., 2004). Die Annahme, Mädchen seien auditiv und Jungen visuell/kinästhetisch orientiert, ist ein Mythos! Vielmehr profitieren alle Kinder von abwechslungsreichen Methoden.
Sozialisation & Bias:
Lehrkräfte bieten Mädchen häufiger sprachliche Aufgaben an, Jungen mehr praktische – ein klassischer Bias (Tiedemann, 2000).
✏️ Konsequenz für die Schule:
Methodenvielfalt ist für alle Kinder wichtig.

Motivation und Feedback
Behauptung:
Mädchen achten mehr auf Noten und Lehrerfeedback, Jungen auf die Peergroup.
Wissenschaftliche Bewertung: Teilweise richtig, aber sozial konstruiert
Studien zeigen, dass Mädchen im Schnitt stärker auf soziale Anerkennung von Erwachsenen reagieren, Jungen auf die Gruppe (Wigfield et al., 2006). Diese Unterschiede sind aber größtenteils sozial erlernt und nicht biologisch festgelegt.
Sozialisation & Bias:
Mädchen werden für Leistung, Jungen für Gruppenzugehörigkeit sozialisiert (Eccles & Roeser, 2011).
✏️ Konsequenz für die Schule:
Gruppenarbeit kann Jungen motivieren, individuelles Feedback ist für alle wichtig.
Sozialisation und Gender Bias
Die meisten Unterschiede im Lernverhalten sind nicht biologisch, sondern sozial konstruiert. Der Unconscious Gender Bias wirkt sowohl bei Eltern als auch bei Lehrkräften und beeinflusst, wie Kinder wahrgenommen und gefördert werden. Die Gender Similarities Hypothesis (Hyde, 2005) betont: Die Unterschiede innerhalb eines Geschlechts sind meist größer als zwischen den Geschlechtern! Pädagogisch sinnvoll ist es deshalb Kinder individuell zu fördern und stereotype Erwartungen, wie sie der Artikel ‘Frankenkids’ produziert, zu reflektieren.
Zusammenfassung
Die Aussagen im Text von Carolin Deutschmann sind größtenteils populärwissenschaftlich und greifen zu kurz. Sie spiegeln verbreitete Stereotype wider, die wissenschaftlich nicht haltbar sind oder nur sehr eingeschränkt gelten. Die Förderung von Kindern sollte sich an individuellen Stärken und Bedürfnissen orientieren, nicht an Geschlechterklischees. Lehrkräfte und Eltern müssen sich ihrer eigenen Vorurteile bewusst werden und Kinder unabhängig vom Geschlecht vielfältig fördern. Methodenvielfalt, flexible Lernumgebungen und individuelles Feedback sind für alle Kinder – unabhängig vom Geschlecht – sinnvoll.
Gesamteinschätzung des Artikels:
Stärken:
Die Autorin betont, dass kein Kind zu 100% männlich oder weiblich ist. Und einige Anregungen sind hilfreich (z.B. Bewegung im Unterricht).
Schwächen:
• Biologistische Weltsicht: Die Autorin erklärt Geschlechterunterschiede vor allem mit Biologie und vernachlässigt Sozialisation und Kultur.
• Falschaussagen: Einige Behauptungen sind wissenschaftlich nicht haltbar (z.B. Lernstile, Wahrnehmungskanäle).
• Gefahr der Stereotypisierung: Der Artikel trägt dazu bei, Geschlechterstereotype zu verfestigen und das schadet Schüler*innen.
Too long did not read?
Schulen und Lehrkräfte sollten aufhören, alte, limitierende Klischees zu reproduzieren und stattdessen auf individuelle Bedürfnisse eingehen! Und deshalb ist es auch höchste Zeit, dass Familienzeitschriften ihre Reichweite nutzen, um Vielfalt und Offenheit zu fördern, anstatt überholte Geschlechtertrennung weiterzureichen. Zeigt, wie bunt und vielfältig Lernen wirklich ist – und dass es nicht auf das Geschlecht ankommt!
Raus aus der Rosa-Hellblau-Falle!
Bunte Grüße von
Almut Schnerring & Sascha Verlan
Hyde, J. S. (2005). The Gender Similarities Hypothesis. American Psychologist.
Joel, D. et al. (2015). Sex beyond the genitalia: The human brain mosaic. PNAS.
Eliot, L. (2021). Pink Brain, Blue Brain. Updated Edition.
Pashler, H. et al. (2008). Learning Styles: Concepts and Evidence. Psychological Science in the Public Interest.
Coffield, F. et al. (2004). Learning styles and pedagogy in post-16 learning.
Duckworth, A. L., & Seligman, M. E. P. (2006). Self-Discipline Gives Girls the Edge: Gender in Self-Discipline, Grades, and Achievement Test Scores. Journal of Educational Psychology.
Haines, E. L. et al. (2016). The Times They Are a-Changing ... Or Are They Not? A Comparison of Gender Stereotypes, 1983-2014. Psychology of Women Quarterly.
Eliot, L. (2010): „Pink Brain, Blue Brain“ – zeigt, wie sehr Geschlechterunterschiede durch Sozialisation verstärkt werden.
Hyde, J.S. (2005): „The Gender Similarities Hypothesis“ – Geschlechterunterschiede sind in vielen Bereichen kleiner als angenommen.
Pashler, H. et al. (2008): „Learning Styles: Concepts and Evidence“ – Es gibt keine wissenschaftliche Grundlage für geschlechtsspezifische Lernstile.
Halpern, D.F. (2012): „Sex Differences in Cognitive Abilities“ – Geschlechterunterschiede in kognitiven Fähigkeiten sind minimal und werden durch Sozialisation verstärkt.
Wigfield, A., Eccles, J.S. (2002): „Development of Achievement Motivation“ – Motivation ist stark von sozialen und kulturellen Faktoren abhängig.
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