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Von der Last, keine Last sein zu wollen

Image by Tom from Pixabay

Wie oft hast du dir selbst schon gesagt, dass du ja mit deinem Anliegen niemanden belästigen möchtest? Dass du dich einfach schnell selbst drum kümmerst. Macht ja nix, dass du eigentlich schon keine Kraft mehr hast. Geht schon. Weil: Du möchtest ja niemandem zur Last fallen.

Mir zumindest geht es ganz häufig so. Ich bin eine „Alles-alleine-Macherin“. Ich möchte niemandem Umstände machen und ich möchte nicht als schwach wahrgenommen werden – oder so, als hätte ich mein Leben nicht im Griff. Und das ist nicht nur ziemlicher Mist, sondern vor allem lässt sich dieser Mist auch auf internalisierten Ableismus zurückführen – besonders dann nämlich, wenn wir ihn im Kontext unserer eigenen Erkrankung äußern.

Ableismus – was ist das?

Beim Ableismus wird der gesunde, leistungsfähige Körper nicht nur zentriert, sondern er wird auch als Maßstab für allerlei Dinge hergenommen. Jeder Körper, der aufgrund von z. B. Erkrankung (ob akut oder chronisch, körperlich oder psychisch) oder Behinderung nicht leistungsfähig ist und/oder andere Bedürfnisse hat, gilt als „nicht normal“. Damit wird Ableismus zu einer Diskriminierungskategorie, bei der Menschen Benachteiligung (auf persönlicher, medizinischer, gesellschaftlicher – und vielen weiteren Ebenen) erfahren, weil sie erkrankt oder behindert sind. Das erleben wir z. B. dann, wenn ein Gebäude keine rollstuhlgerechten Zugänge hat. Oder wenn eine Website nicht screenreadertauglich ist. Oder wenn Menschen aufgrund einer Erkrankung nicht eingestellt werden (oder diese verheimlichen, weil sie befürchten, nicht eingestellt zu werden). Es gibt unzählige Beispiele für praktischen, alltäglichen, (leider) gelebten Ableismus.

Wie jede Diskriminierungsform kann auch Ableismus dabei vollständig internalisiert sein, auch von den Betroffenen selbst: einerseits auf Basis dessen, womit die Gesellschaft sie immer wieder konfrontiert, und andererseits, weil sie in ebenjener Gesellschaft sozialisiert worden sind, also selbst bestimmte Haltungen verinnerlicht haben, daran glauben, sie ggf. nicht hinterfragen und sie sogar reproduzieren.

Durch bestimmte Äußerungen kann sich diese Haltung dabei verstärken. Eine dieser Äußerungen lautet „Ich will keine Last sein“.

Nehmen wir diesen Satz deshalb einmal systematisch auseinander.

ICH will keine Last sein“

Dahinter versteckt sich eine gute Portion Gefälligkeit und People Pleasing. Denn darin steckt ja irgendwie auch die Überzeugung: Jede*r in meinem Umfeld darf Bedürfnisse und Ansprüche haben. Nur ich nicht. Wir gestehen anderen wie selbstverständlich alles zu, was sie benötigen. Ob wir sie dabei als Last empfinden oder nicht, ist damit noch nicht geklärt. Klar ist nur: Andere dürfen etwas brauchen, unabhängig davon, warum das so ist. Allzu gerne sind wir dann nicht nur diejenigen, die Raum geben für alle Bedürfnisse, sondern uns auch noch den Hut aufziehen, für deren Erfüllung verantwortlich zu sein. Es geht um die anderen? Kein Problem! Es geht um uns? Bloß nicht.

Einerseits stehen dahinter vielleicht ungute Beziehungserfahrungen in der Vergangenheit – und nicht vordergründig Ableismus. Wir haben gelernt, dass wir brav und easy going sein und bloß keine Umstände machen sollen. Das machen gute Mädchen* nicht. Denn sie sind diejenigen, die sich kümmern sollen.

Andererseits kommt dann aber doch (auch) eine potenzielle Schippe Ableismus hinzu. Denn: Ab wann ist man denn nicht mehr „easy going“? Genau: Wenn man laut seine Bedürfnisse ausspricht – oder überhaupt welche hat, die über die üblichen Körperfunktionen hinaus gehen (Hunger, Durst, Pipi – du weißt schon ...).

Wenn man krank oder behindert ist, hat man nun aber einmal per se Bedürfnisse, die von der „Norm“ (wie wütend mich dieses Wort immer wieder aufs Neue macht) abweichen. Wir brauchen Fürsorge – und die kann ganz vielfältig sein. Vom offenen Ohr über das Verständnis, von der warmen Suppe über den Wocheneinkauf, von den regelmäßigen Unterstützungen im Haushalt über die Teilhabe am öffentlichen Leben bis hin zur Vollzeitpflege.

Wenn wir als (chronisch) kranke Personen also anderen zugestehen, Bedürfnisse zu haben und sogar für diese eintreten, selbst aber nicht zur Last werden wollen, dann steckt da vor allem auch der verinnerlichte Glaube daran drin, dass abweichende Bedürfnisse eine Last, dass wir als Personen eine Zumutung sind, die wir um keinen Preis sein wollen. Und klar, wie könnten wir auch etwas anderes denken, wo unsere Gesellschaft Krankheit und Behinderung doch systematisch ausgegrenzt und als Sinnbild des Mehraufwands abkanzelt, statt sich um echte Inklusion zu bemühen.

„Ich WILL keine Last sein“

Wenn man sich vor Augen führt, wie psychisch oder körperlich kranke und/oder behinderte Personen in unserer Gesellschaft behandelt werden, wie man mit ihnen spricht, sie ausgrenzt, sie belächelt oder offen über sie lacht, ihnen Zurechnungsfähigkeit, freien Willen und Interessen aberkennt – ja, dann ist es nachvollziehbar, dass niemand eine Last sein will. Ganz abgesehen von all den Symptomen und Schmerzen, die mit den unterschiedlichsten Krankheiten einhergehen. Natürlich will das niemand.

Aber genau das ist der Punkt, an dem Ableismus greift: Die Annahme, es gäbe eine Wahl, ist grundlegend falsch. Sie unterstellt, dass sich Menschen für einen Zustand entschieden haben könnten, also selbst irgendwie Schuld an dem hätten, wie es ihnen geht und was sie brauchen. Gäbe es tatsächlich eine Wahl, dann würde sich sicher niemand für Krankheit oder Behinderung entscheiden, bedeutet das doch allzu oft harte Kämpfe für die eigenen Rechte und eine gute Versorgung und dass irgendwie plötzlich jede*r, mit dem*der man spricht, zum*zur medizinischen Expert*in zu werden scheint – während einem gleichzeitig die eigene Expertise aberkannt wird.

„Ich will keine LAST sein“

Und hierin liegt eine weitere Krux, vielleicht sogar die schwerwiegendste. Denn es entlarvt, dass Bedürfnisse zu haben (vielleicht auch mehr oder andere als der Durchschnitt) belastend ist. Und zwar nicht (nur) für die Betroffenen, sondern insbesondere für ihr Umfeld. Darin stecken eine Art Verantwortungsübertragung und Schuldzuweisung, so als hätten Kranke sich freiwillig und aus Boshaftigkeit dazu entschlossen, ihren Liebsten das Leben schwer zu machen. Deshalb noch einmal und mit Nachdruck: Niemand. Sucht. Sich. Seine*Ihre. Erkrankung. Oder. Behinderung. Aus.

Was damit also auch passiert: Betroffene versuchen sich selbst zu disziplinieren, sprechen sich die eigenen Bedürfnisse ab und versuchen sich (immer noch) an eine Gesellschaft anzupassen, die sich vollständig an Leistung orientiert. Einer Leistung, die aber nicht erbracht werden kann. Es erfolgt ein Mechanismus, den wir bei ganz vielen anderen Diskriminierungsformen sehen: Eine kollektive Verantwortung, die einer Gesellschaft eigentlich zukommen müssten, wird auf die persönliche Ebene übertragen. Statt also zu fragen: „Wie können wir als Gesellschaft unsere Strukturen so gestalten, dass Teilhabe jedem Menschen möglich ist – unabhängig von Erkrankungen, Behinderungen, Geschlecht, Herkunft, etc.?“ wird gefragt: „Wie kann ich als Person möglichst wenig anstrengend für mein Umfeld sein?“

Darüber hinaus erfolgt mit der Gleichsetzung von Bedürfnissen als Last eine gewisse Moralisierung: Autonomie und Leistungsfähigkeit werden als erstrebenswert, als Richtschnur für den Wert von Personen angelegt, ohne dabei zu reflektieren, wie ausschließend diese Praxis und Haltung ist. Das kann so weit gehen, dass Menschen ihr Existenzrecht anzweifeln oder infrage stellen, wenn sie sich nicht mehr als leistungsfähig erleben – sich mindestens aber in der Position wiederfinden, ihre Bedürfnisse rechtfertigen zu müssen. Natürlich empfindet man sich vor diesem Hintergrund möglicherweise selbst als Last.

Auf dem Weg zur Ent-lastung

Mir ist es ganz wichtig zu sagen: Wenn du schon einmal gedacht oder gesagt hast „Ich will keine Last sein“, dann ist es nicht deine Schuld. Das war keine moralische Fehlleistung, sondern ist nur das Resultat des Umfelds, in dem wir alle sozialisiert wurden. Vielleicht hast du immer wieder erfahren, dass du zurückgewiesen wurdest, wenn du deine Bedürfnisse geäußert hast – oder konntest in deiner Familie oder Freundeskreis beobachten, wie es anderen ergangen ist. Vielleicht erlebst du dein Umfeld auch als bereits sehr erschöpft. Aber auch das ist nicht deine Schuld oder Verantwortung, sondern die eines Systems, in dem mental Load ein reales Problem ist. Ich weiß, dass du weder den Gedanken, du könntest eine Last sein, noch den internalisierten Ableismus, der sich darin verbergen kann, selbst gewählt hast, sondern dass du es so erfahren und gelernt hast.

Genau deshalb dürfen wir uns immer wieder klar machen: Bedürfnisse zu haben, nicht leisten zu können, sind keine moralischen Verfehlungen. Sie sind keine bewussten Entscheidungen, die man trifft, um anderen damit zu schaden. Der Wert eines jeden Menschen muss unabhängig von seiner Leistungsfähigkeit bestehen. Stattdessen sollten wir uns als Menschen auf das zurückbesinnen, was uns (auch) ausmacht: Wir sind zu sozialen Gefügen fähig. Und das bedeutet auch, dass wir dazu fähig sind, Sorge füreinander zu tragen, uns zu kümmern, Verantwortung zu übernehmen. Denn allein statistisch betrachtet ist es Fakt, dass es für jeden von uns sehr wahrscheinlich ist – spätestens mit steigendem Alter – dass wir an einen Punkt kommen, an dem wir mehr Fürsorge brauchen. Und das ist okay, das ist es, was eigentlich „normal“ (im Sinne von allgegenwärtig) ist. Wenn wir uns also kollektiv davon abwenden könnten, uns allein nach Leistungsfähigkeit zu bewerten und stattdessen mehr Verantwortung füreinander zu übernehmen, weil wir verstanden haben, dass gegenseitige Sorge eine soziale Praxis ist, die uns alle im Laufe unseres Lebens auf die ein oder andere Art betrifft, dann wäre das wirklich fein. Und wenn wir es dann noch schaffen, endlich zu verstehen, dass nicht Individuen „zu viel“ sind, sondern das System sich nicht darum bemüht, seiner inhärenten Verantwortung nachzukommen, dann wäre das ein weiterer essenzieller Schritt.

Diesen Text konnte ich erst mit etwas Abstand schreiben. Während der akuten Phase meiner Post Covid Erkrankung war ich einige Monate lang kaum dazu in der Lage, vermeintlich alltägliche Aufgaben zu erledigen. Ich war konstant auf Hilfe und Unterstützung angewiesen – und habe mich dennoch so oft nicht getraut, darum zu bitten. Ich hatte das Gefühl, mein Umfeld tut schon so viel für mich, da kann ich nicht nach noch mehr fragen. Also habe ich häufig Dinge selbst getan, bei denen ich eigentlich Hilfe gebraucht hätte; mit dem Resultat, dass sich meine Symptome verstärkt haben. Der Ableismus, den ich über viele Jahre hinweg, als ich gesund gewesen war, erlebt und verinnerlicht hatte, hat sich auf selbstschädigende Weise niedergeschlagen. Ja, Ableismus schadet. Aktiv und passiv. Doch während ich mittendrin steckte, konnte ich mich nicht mit der darin wohnenden strukturellen Ebene befassen. Dazu fehlte mir schlichtweg die Kapazität. Und das ist okay. Was ich dir damit sagen will: Wenn du gerade auch keine Kapazität hast, zu verstehen, warum du dich aufgrund deiner Erkrankung als Last empfindest, dann verstehe ich das und will dir nur sagen (und hoffe, dass du mir glaubst): Es ist nicht deine Schuld.

Topic Chronische Erkrankung

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