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„Alles gut.“ – Wirklich?

In diesem Jahr ist mir etwas in meinem Umfeld besonders aufgefallen, für das ich zuvor kein Auge hatte. Ich kann also nicht mit Gewissheit sagen, ob dieses Verhalten zugenommen hat oder ob sich mein Fokus verändert hat, ich vermute eher letzteres. Darum geht’s:

Wann immer ich beobachte, wie eine Person gefragt wird, wie es ihr gerade geht (oder selbst diese Frage stelle), kommt als Antwort meist prompt dieser mini-kleine Satz: „Alles gut.“ Zwei Worte, die so schnell über die Lippen kommen, aber in denen so viel drin steckt.

Ist wirklich „Alles gut“?

Natürlich beobachte ich Verhalten vor allem bei Menschen, die ich kenne – und die ich demnach zumindest ein wenig einschätzen kann. Die Stichprobe ist also sehr subjektiv und keinesfalls repräsentativ. Andererseits: Bei diesen Menschen weiß ich auch, dass die Antwort „Alles gut“ in den allermeisten Fällen nicht stimmt. Dabei nehme ich mich nicht aus. Mir kommen diese Worte auch viel zu schnell über die Lippen.

Frage ich danach, ob denn wirklich alles in Ordnung sei und dass mein Eindruck gerade ein anderer sei, dass ich z. B. in den vergangenen Wochen eine hohe Belastung, viele Anforderungen oder Schmerzen bei der anderen Person bemerkt habe, spüre ich diesen kurzen Moment des Haderns. So, als käme mein Gegenüber ins Einchecken mit sich selbst – und ins Abwägen, ob es mir wirklich die Wahrheit sagen oder ob es lieber gefällig sein will.

Denn das ist, so glaube ich zumindest, in vielen Fällen der Knackpunkt, der hinter diesem schnell gemurmelten „Alles gut“ steckt: Wir wollen uns nicht zumuten. Wir wissen in der Regel selbst ganz genau, dass es uns eben nicht gut geht – oder dass wenigstens nicht alles gut ist. Es liegt auch häufig nicht daran, dass wir unserem Gegenüber nicht genug vertrauen, um ihm oder ihr die Wahrheit über unser Befinden zu sagen. Sondern daran (so zumindest meine These), dass wir niemanden mit unseren Problemen und kleineren oder größeren Wehwehchen (allein dieses Wort ist oft eine so absurde Verniedlichung) belasten wollen. Wir wissen: Die anderen haben es selbst schwer genug, also müssen wir ihnen nicht noch unsere Sorgen aufbürden.

Das steckt (vielleicht) dahinter

Woher kommt also dieser Mechanismus der reflexartigen Antwort? Was steckt hinter diesem „Alles gut“, das uns schneller über die Lippen fließt als der erste Kaffee am Morgen?

Wie so häufig ist die Antwort nicht einfach, nicht eindimensional. Mit Sicherheit stecken etliche Faktoren, wie z. B. persönliche Verfassung, die Beziehung zwischen den Menschen, die sich da gerade austauschen, Sozialisierung und Erziehung, Selbstbild und noch viel mehr dahinter. Dennoch glaube ich, dass es sich lohnt, ein paar spezielle Aspekte hinter dem „Alles gut“ herauszustellen:

Zum einen ist da der Umstand, dass ich diese schon fast beschwichtigende Antwort vor allem bei weiblich gelesenen Personen beobachte. Und ehrlich gesagt wundert mich das nicht wirklich, denn klar: Hier scheint eine Prise Patriarchat drinzustecken. Weiblich sozialisierten Personen wird beigebracht, brav, möglichst wenig kompliziert und „einfach“ zu sein. Sie sollen keine Umstände machen. Eine ehrliche Antwort à la: „Ich habe seit drei Tagen Kopfschmerzen, mein PMS killt mich, ich habe zu wenig Zeit für mich, weil mein Job und meine Care-Verantwortung all meine Kapazitäten einfordern, und gehe auf dem Zahnfleisch“? Klingt nicht gerade „einfach“ und „unkompliziert“, auch wenn sie noch so sehr der Realität entspricht. Um also nicht als schwierig oder als die, die ihr Leben nicht im Griff hat, wahrgenommen zu werden, entscheiden wir uns für ein knappes „Alles gut“. Wir suggerieren, dass alles in Ordnung ist, um unser Selbstbild der Person, die problemlos die 37 Bälle ihres Lebens jonglieren kann und es dabei regelmäßig zur Maniküre schafft, aufrechtzuerhalten. Und um unser Gegenüber nicht in die Verlegenheit zu bringen, über das nachzudenken, was tatsächlich schiefläuft. Dass Erschöpfung und Überlastung (als Beispiele dafür, dass ganz und gar nicht „Alles gut“ ist) keine Anzeichen persönlicher Unfähigkeit sind, sondern strukturelle Probleme, die wir nicht auf individueller Ebene lösen können (und sollten). Denn dann müsste unser Gegenüber sich ja eingestehen, dass es selbst auch einen Teil der Verantwortung übernehmen müsste.

Damit kommen wir zum zweiten Aspekt: People Pleasing. People Pleaser*innen stellen das Wohl der anderen über ihr eigenes. Sie sind darum bemüht, es ihrer Umgebung recht und leicht zu machen und stellen die eigenen Bedürfnisse und Gefühle dafür hintan. Die Ursachen dafür können unterschiedlich sein, häufig wurde aber gelernt, dass es wichtig ist, anderen zu dienen, damit man selbst gemocht wird. Die Anerkennung des Selbst, Verbundenheit, soziale Beziehungen haben also den Preis der Selbstaufgabe mit sich gezogen. Ist dieses Verhaltensmuster erst einmal gelernt, sitzt es meist besonders tief und es kostet sehr viel Mühe, es aufzulösen, zu lernen, dass die eigenen Bedürfnisse die gleiche Priorität haben dürfen wie die der anderen. Es ist also nicht weiter erstaunlich, dass viele People Pleaser*innen weiblich gelesen sind, denn hier gibt es einen Zusammenhang: Beide haben gelernt, sich anzupassen, um gemocht zu werden. Und beide haben gelernt, dass abweichendes Verhalten mindestens kommentiert, in der Regel sogar abgewertet oder abgestraft wird, etwa durch Beschimpfungen oder Kontaktabbruch. Also ja, auch vor diesem Hintergrund ist ein „Alles gut“ auf die simple Frage „Wie geht’s“ tatsächlich nachvollziehbar.

Den gleichen Mechanismus finden wir übrigens auch häufig bei neurodivergenten Menschen. Und ich glaube, vor dem bislang geschilderten Hintergrund lässt sich auch sehr gut nachvollziehen, warum vor allem autistische, spätdiagnostizierte Frauen* häufig so hochmaskiert sind, dass sie im Grunde dauererschöpft sind. Neben den Genderaspekten und „allgemeinem People Pleasing“ kommt hier noch die Notwendigkeit dazu, die Aspekte des Selbst zu verstecken, die mit der eigenen Neurodivergenz zusammenhängen. Auch das scheint einleuchtend, wenn die Reaktionen auf z. B. Überreizung, ein hohes Planungs- und Rückzugsbedürfnis, Stimmingverhalten, das Vermeiden von Blickkontakt, Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion, impulsives Handeln, Quirligkeit oder Vergesslichkeit (um nur einige der oft angeführten Traits von ADHSler*innen und Autist*innen anzuführen) so ausfallen: „Stell dich nicht so an. Warum machst du immer aus allem ein Drama? Warum bist du so kompliziert? Andere kriegen das doch auch hin. Konzentrier dich doch einfach.“ Je mehr Merkmale also zueinanderfinden (bislang haben wir: Geschlecht, People Pleasing und Neurodivergenz), umso mehr scheint ein „Alles gut“ zu einem wichtigen Schutzmechanismus zu werden. Es sollte an dieser Stelle längst klar sein: Selten ist diese Antwort ein unbedachter, automatisierter Schnellschuss. Stattdessen handelt es sich um eine gelernte Formel, die verhindert, dass wir uns in verletzenden Gesprächsanschlüssen wiederfinden, in denen unsere Wahrnehmung und unsere Empfindungen kleingeredet werden.

Das ist z. B. etwas, was sich auch bei chronisch kranken oder behinderten Menschen beobachten lässt. Antworten sie auf die Frage nach ihrem Befinden ehrlich und schildern z. B. ihre aktuellen Symptome, berichten von ihren Odysseen durchs Gesundheitssystem oder ihren Kämpfen um Hilfsmittelverordnungen, erleben sie allzu häufig kein Mitgefühl. Stattdessen ernten sie (sicher oft gut gemeinte) Tipps, was sie doch einmal ausprobieren sollten und den Rat, den Kopf nicht hängen zu lassen. Ich will nicht kleinreden, dass sich viele Menschen sicher um einen wohlwollenden Umgang bemühen. Nur hilft das allein leider nicht und schmälert am Ende auch nicht den mit ihren Äußerungen verbundenen Ableismus. Betroffenen sind Expert*innen ihrer selbst, sie wissen ganz genau, was ihnen helfen könnte – und was nicht. Sie haben in der Regel etliche Strategien ausprobiert. Und das ist nun einmal die Krux mit chronischen Erkrankungen: Es gibt einen Punkt, an dem ist alles getan und trotzdem gehen die Symptome nicht weg oder flammen auf. Dann einen Tipp zu hören, was man doch mal ausprobieren sollte, von Menschen, die nicht selbst betroffen sind, ist wie eine Klatsche mit einem nassen Handtuch mitten ins Gesicht. Und es erweckt den Eindruck, dass man nicht gesund werden will. Es verschiebt das Problem – mal wieder – von einer systemischen auf eine persönliche Ebene. Also ja, auch hier ist nachvollziehbar, dass man ein „Alles gut“ wählt, um Unterhaltungen über den eigenen Gesundheitszustand und das Gefühl „schwierig zu sein“ zu vermeiden, die nicht zuträglich, sondern nur frustrierend sind.

An dieser Stelle würde ich gern eine letzte Brücke schlagen und eine weitere Perspektive eröffnen: die auf (internalisierte) Fettfeindlichkeit. Man stelle sich vor, eine dicke Frau* gibt auf die Frage danach, wie es ihr geht, eine Antwort wie: „Meine chronischen Schmerzen quälen mich gerade sehr und ich fühle mich einsam.“ Mit welcher Art von Antwort wird diese Person vermutlich rechnen (müssen)? Es ist nicht gerade unwahrscheinlich, dass sie Diättipps und Sportempfehlungen erhält und dass ihr damit der Eindruck vermittelt wird, in ihrem Dicksein stecke die Ursache für ihr Leid. Bei all den vorangegangenen Ausführungen drängt sich die Antwortoption „Alles gut“ also geradezu auf. Dazu ein aufgesetztes Lächeln, nur, um dann direkt den Fokus von sich zu lenken und zur Gegenfrage überzugehen: „Aber wie geht’s dir eigentlich? Erzähl doch mal.“ Als brave People Pleaserin wird man den Raum für den*die Gesprächspartner*in eröffnen und halten und sich so selbst zurückzuziehen.

Der Teil mit der Selbstverantwortung

Vor dem Hintergrund all der o. g. Ausführungen liegt es so nahe, dass Menschen „Alles gut“ sagen, denn darin steckt auch eine gehörige Portion Selbstschutz. Aber was passiert noch, wenn wir uns für diesen Weg entscheiden?

Wir machen uns klein. Wir gestehen uns selbst den Raum für all das, was zu uns gehört, für all unsere Gefühle, Empfindungen, Symptome, Bedürfnisse und Grenzen, nicht zu – um gemocht zu werden, dazuzugehören und um „einfach“ zu sein. Um es anderen leicht zu machen. Damit geben wir auch einen Teil unserer Verantwortung für uns selbst ab, allerdings irgendwie (so fühlt es sich zumindest an) in den luftleeren Raum. Wir unterstützen damit aber auch ein Klima und ein Umfeld, in dem erwartet wird, dass wir immer funktionsbereit sind. Indirekt fördern wir also all den Druck und die Erwartungshaltungen, die mit der Leistungsgesellschaft, in der wir leben, einhergehen. Und schließlich geben wir damit auch irgendwie eine Art von Vorbild ab. Wenn wir so vorgehen suggerieren wir anderen, es auch so zu tun zu müssen. Am Ende traut sich kaum noch ein Mensch zu sagen, wie es ihm tatsächlich gerade geht.

Sicher, ich spitze ein wenig zu und natürlich gibt es auch etliche Personen, die auf die Frage nach ihrem Befinden ehrlich antworten. Und das ist schön. Doch ich wünsche mir wirklich sehr, dass sie nicht die Ausnahme sind, sondern zur Regel werden. Dass wir in die Selbstverantwortung kommen, mit gutem Beispiel vorangehen und uns offen zeigen, mit allem, was wir sind und fühlen. Dass wir auf diese Weise auch anderen den Raum geben, sich verletzlich zu zeigen. Dass wir uns wirklich, aufrichtig begegnen und in ehrliche Verbindungen kommen, in denen so viel Gutes und so viel Kraft steckt.

Ich weiß, dass ein „Alles gut“ der sicherere Weg ist, deshalb will ich gar nicht sagen, dass wir diese Antwort überhaupt nie mehr geben sollten. Doch schmerzt es mich auch sehr, dass wir überhaupt dazu gebracht werden, unsere eigene Sicherheit bei einer so simplen Frage wie der nach dem Befinden mit in die Waagschale zu werfen.

Da ja nun aber gerade ein neues Jahr anbricht, wünsche ich dir (und mir) zum Abschluss dieser Kolumne Folgendes:

  • Dass du von Menschen umgeben bist, die dein „Alles gut“ hinterfragen und deine ehrliche Antworten hören wollen und tragen können.

  • Dass du, wenn du die Kapazität dazu hast, bei einem „Alles gut“, das dir ein nahestehender Mensch entgegenbringt, nachhaken kannst.

  • Dass es ausreichend Raum für all das gibt, was du bist und mitbringst – so oft es irgendwie geht.

  • Dass du deine Maske ablegen darfst und einfach nur du selbst sein kannst, mit all deinen Facetten und in deiner rohesten Version.

  • Dass du die Sicherheit spürst, dass du um deiner Selbst willen gemocht und geliebt wirst, und nicht, weil du „unkompliziert“ oder „easy going“ bist.

  • Dass du all die Seiten an dir, die dich auszeichnen, leben kannst.

  • Dass diese Wünsche nicht nur Wünsche bleiben.

Hinweis in eigener Sache

Zum Abschluss möchte ich heute einen Hinweis in eigener Sache mit dir teilen. Pünktlich zum neuen Jahr starte ich in meine Selbstständigkeit als Systemische Beraterin und Lektorin. Alle Infos zu meinen Angeboten und Tätigkeitsgebieten findest du auf meiner Website – und ich freue mich über deinen Besuch dort und/oder eine Empfehlung meiner Arbeit.

Wenn du über alle Coaching- und Workshopangebote (Themen sind hier häufig z. B. Abgrenzung, Umgang mit der eigenen inneren Unruhe, bedürfnisorientierte Lebensgestaltung – auch bei Neurodivergenz u. a.), Specials (z. B. Rabatte) und über Tipps aus meiner Coachingpraxis auf dem Laufenden bleiben möchtest, würde ich mich sehr über dein Abo meines Newsletters freuen, der ab sofort ein- bis zweimal pro Monat kostenlos erscheint.

Topic Feminismus

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