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Wenn Mediziner*innen fatshamen

Foto: geralt | Pixabay

Für den folgenden Text würde ich gern eine Content Note aussprechen: Es geht um medizinisches Fatshaming und darum von einer Ärztin nicht ernstgenommen worden zu sein. Es geht auch um das Thema Gewichtsreduktion. Bitte lies den Text nur, wenn du gerade die Kapazitäten dazu hast.

„Und Sie haben TROTZ ihres Übergewichts Sport gemacht?“

Ich sehe der Ärztin an, dass sie mir nicht glauben will. In ihrer Welt machen nur schlanke Menschen Sport – und Menschen, die Sport machen, müssen schlank sein oder zumindest werden. In all ihrer Fettfeindlichkeit hat sie kein Gespür dafür, dass Bewegung keine Frage der Körperform ist. Es kommt in ihrer Gedankenwelt einfach nicht vor.

„Und warum haben Sie damit aufgehört, Sport zu machen?“ – „Weil meine chronische Erkrankung mich monatelang ans Sofa und ans Haus gebunden hat und tage- oder sogar wochenlange Crashes die Folge von noch so kleinen Aktivitäten waren.“ Ich sehe in ihrem Gesicht, dass sie langsam zu verstehen beginnt. Sie nickt. Vor ein paar Minuten erst hat sie mir gesagt, dass es ein Zufall sei, dass meine massiven Beschwerden nach meiner Corona-Erkrankung eingesetzt haben. Dass Corona keine Ursache sein könne. Dass mein Gewicht die Ursache für mein ME/CFS, meine Schilddrüsenerkrankung und auch meine monatelangen Blutungen seien.

Ich kämpfe, möchte heulen und weglaufen. Es kostet mich so viel Kraft, präsent zu bleiben und für mich einzustehen.

Sie hat eine ganz enge, begrenzte Schablone im Kopf, die nur folgende Gedanken zu erlauben scheint:

Dicke Menschen sind Schuld an ihren Beschwerden.

Eine Gewichtsabnahme wird alle Erkrankungen heilen.

Man muss nur wollen.

Die Frau hat keine chronischen Erkrankungen, sie ist einfach nur fett.

Mit festem Blick sehe ich sie an: „Ich war nie schlank, werde vielleicht nie schlank sein. Und ich möchte gesund sein, ich verdiene Gesundheit.“ Sie hat sich schon abgewandt.

Später rasen mir Gedanken durch den Kopf: Ich bin nicht gesund. Und das ist auch gar nicht der Punkt. Oder gerade eben doch: Jeder Mensch verdient eine gute, symptomgerechte Behandlung. Die Körperform darf nicht dazu führen, dass Symptome nicht ernst genommen werden, dass sie nur auf mein Mehrgewicht reduziert werden. Jeder Mensch verdient eine medizinische Analyse, die verschiedene Faktoren einbezieht, und ein Verständnis für komplexe Zusammenhänge.

Ich bin so müde davon, mich zu erklären, mich abzugrenzen, für mich einzustehen und die Aufklärungsarbeit zu leisten, die ich eigentlich von Mediziner*innen erwarten würde. Ich habe buchstäblich keine Energie dafür. Ich hasse den Blick, wenn sie mich mitleidig ansehen und mir gleichzeitig sagen, dass ich mich nicht so viel einlesen und stattdessen lieber abnehmen soll. Aber wie könnte ich mich nicht einlesen, wo sie selbst mir die Diagnosen, die ihre medizinischen Kolleg*innen gestellt haben, absprechen wollen?

Ich hasse meinen eigenen internalisierten Ableismus. Und ihren noch viel mehr. Ich hasse ihre Empathielosigkeit und ihre Arroganz. Ich hasse ihre Fettfeindlichkeit.

Schmerzhafte Gleichzeitigkeit

Und am Ende bleibe ich doch bei dieser Ärztin, weil sie bei all ihren fettfeindlichen Äußerungen eben auch die erste ist, die am Ende tiefergehende Analysen anordnet. Die mich nicht die Kosten für Blutuntersuchungen, Vitamin- und Hormonprofile selbst tragen lässt. Ich stelle mich dieser schmerzhaften Gleichzeitigkeit, übe mich in Abgrenzung, versuche nur das anzunehmen, was mir hilft. Ja, ich bleibe auch bei ihr, weil es kaum Spezialist*innen gibt, weil ich weitere Wege oft nur mit Unterstützung auf mich nehmen kann und weil ich sowieso ewig auf Termine warten muss. Meine Alternativen sind beschränkt.

Und ja, vielleicht möchte ich auch an Gewicht verlieren. Vielleicht würde mir das auf die ein oder andere Art gut tun. Aber ich möchte, dass das meine individuelle, ganz eigene, reflektierte Entscheidung ist – und dass sie nicht auf meiner eigenen internalisierten Fettfeindlichkeit oder der von Ärzt*innen beruht. Und vor allem möchte ich, dass mein Gewicht als ein Faktor von vielen respekt- und verständnisvoll betrachtet wird und ich nicht ausschließlich darauf reduziert werde. Ich möchte, dass ich umfangreich und aufgeklärt behandelt werde, trotz und mit Mehrgewicht. Ich möchte, dass symptomgerechte Lösungen erarbeitet und besprochen werden. Dass Erkrankungen nicht geleugnet werden. Ich möchte das für mich und alle anderen Menschen, die im Behandlungszimmer aufgrund von Vorurteilen nicht ernstgenommen werden. Das kann doch nicht zu viel verlangt sein.

Let me be clear:

Niemand schuldet irgendwem Gesundheit – zumal wir in der Regel kaum eine Wahl haben. Chronische Erkrankungen sucht man sich nicht aus. Das ist ableistischer Mist, der darauf beruht, dass Menschen an ihrer Leistungsfähigkeit gemessen werden.

Aber jeder Mensch verdient eine angemessene medizinische Behandlung.

Niemand schuldet es irgendwem schlank zu sein, um angemessen und respektvoll behandelt zu werden – medizinisch und darüber hinaus. Fettfeindlichkeit und Ableismus gehen Hand in Hand. Diese Kombi ist brandgefährlich und auf mehr als eine Art gesundheitsgefährdend.

Ein halbes Jahr später

Den ersten Teil dieses Textes habe ich vor ca. einem halben Jahr geschrieben. Ich war aufgewühlt, verletzt, wütend und traurig zugleich. Mittlerweile sind einige Wochen vergangen und ich habe etwas an Gewicht verloren. Gestern hatte ich einen Termin bei besagter Ärztin, um zu besprechen, ob meine Blutwerte sich mit dieser Veränderung verbessert haben. Ja, haben sie. Das freut mich.

Doch als sie reinkommt, stellt sie die Frage: “Wie geht es Ihnen?” Ich schildere ihr ehrlich, dass ich heute große Muskelschmerzen habe, sehr erschöpft bin, mich grippig fühle. Und ihre Reaktion ist original: “Das kommt von ihrer Gewichtsreduktion. Wenn Sie weiter abnehmen, wird das besser.”

Ich schlucke. Spüre, wie der heiße Kloß der Wut wieder in mir aufsteigt. Wie mir die Tränen ebenso heiß in die Augen steigen. Sie kennt meine Geschichte – eigentlich. Als ich versuche zu erklären, dass meine heutigen Symptome aus der Überaktivierung der letzten Tage resultieren, dass das Teil meines Post Covid Zustands ist, winkt sie ab. Sie will es nicht hören. Sie will mich auf mein Gewicht reduzieren. Und dabei widerspricht sie sich selbst: Meine aktuellen Beschwerden kommen also von meiner Gewichtsreduktion. Beim letzten Mal sagte sie noch, sie kämen von meinem Gewicht. Gleichzeitig sollen sie durch eine weitere Reduktion gelindert werden. Sie merkt nicht einmal, dass sie sich in drei Sätzen zweimal widerspricht. Hauptsache, das Gewicht ist Schuld, egal wie. Und wieder einmal wird mir klar: Als dicke Person kann ich es nicht richtig machen. Es scheint einfach nicht möglich zu sein.

Als ich all meinen Mut zusammennehme und sie bei einer weiteren diagnostischen Abklärung um Unterstützung bitte, winkt sie erneut ab. Sie sei nicht zuständig. Die vorgelegte fachärztliche Stellungnahme sieht sie sich erst gar nicht an, drückt sie mir ungelesen wieder in die Hand. Ich wage einen letzten verzweifelten Versuch, weise sie darauf hin, dass es nur darum geht, mir Blut zu entnehmen und frage sie, ob sie vielleicht für die weitere Behandlung Ärzt*innen in der Region empfehlen könne. Ihrem “Nein” fügt sie ein lapidares “Sie müssen halt googeln” hinzu. Der nächste Widerspruch, denn ist das nicht das, wovon einem sonst abgeraten wird?

Ich fühle mich gelähmt, ohnmächtig. Kann nicht fassen, dass so mit mir umgegangen wird. Was denkt diese Frau, womit ich die letzten Wochen, Monate, mittlerweile Jahre verbracht habe? Dass ich noch nicht selbst auf die Idee gekommen bin, eine Suchmaschine zu befragen?

Es schmerzt so sehr, so alleine gelassen zu werden. Wie sehr chronische Erkrankungen selbst von Fachmenschen nicht ernstgenommen werden. Ressourcen aufbringen zu müssen, die man eigentlich nicht hat. Wie sehr das Gewicht als Erklärung für Alles herangezogen wird. Ich warte auf den Tag, an dem mir ein Arzt erklärt, dass mein Gewicht dafür verantwortlich ist, dass ich schlecht höre.

Es macht mich hilflos. Ich weiß, dass ich eigentlich nicht auf den Mund gefallen bin, dass ich alle Infos zusammen habe. Doch all diese Worte scheinen nicht anzukommen. Gleichzeitig fühlt es sich an, als könnte ich nie die richtigen finden.

Dieser Text hat leider keine inspirierende Message. Ich teile dieses Erfahrungen, um sie mir von der Seele zu schreiben. Vielleicht kennst du solche Situationen. Vielleicht werden sie in dem Wissen, dass du nicht alleine damit, ein kleines bisschen weniger schmerzhaft – vielleicht gerade deshalb aber auch noch schmerzhafter. Doch möglicherweise fühlst du dich weniger allein damit – wenn du dich dazu austauschen möchtest, melde dich gern bei mir.

Abschließen möchte ich dennoch mit einem Tipp: Über Queermed (Opens in a new window) kannst du sensibilisierte Ärzt*innen finden. In der Suche kannst du nicht nur nach Fachgebiet und Region filtern, sondern auch nach verschiedenen Personengruppen – also z. B. nach Neurodivergenz, Geschlecht/sexueller Identität, sexueller Orientierung, verschiedenen Behinderungen oder auch Mehrgewicht.

Topic Body Acceptance

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