Skip to main content

Soziales Mimikry für Autist*innen

Vektorgrafik einer Karnevalsmaske in dunklem Blau, die von oben leicht angestrahlt wird
Bild: AnnaKovalchuk | Pixabay

Ich muss 14 oder 15 Jahre alt gewesen sein. Regelmäßig bewegte ich mich innerhalb einer Clique anderer Jugendlicher und junger Erwachsener. Einen Jungen (nennen wir ihn Sebastian) fand ich besonders cool – er hatte immerhin schon ein Auto, zeigte mir punkige Cover von Songs, die ich eigentlich lahm fand, und generell schienen wir einen guten Draht zueinander zu haben.

Also tat ich, was ich immer tat, wenn ich dazugehören wollte: Ich ahmte die Person, die ich gerade am tollsten fand, nach. In dem Fall diesen Jungen. Ich begann, seine Art zu sprechen zu übernehmen, verwendete die gleichen Phrasen und kopierte sogar die Nuancen seines Dialekts. Ich imitierte auch seine Gestik, seine Mimik, einfach alles.

Dass das jemandem auffallen – oder man sich sogar daran stoßen könnte, darüber dachte ich nicht nach. Und als eines Tages eine Freundin vor mir stand und sagte: „Du sprichst wie Sebastian, du gestikulierst wie Sebastian, du BIST Sebastian“ war ich fassungslos, wütend und voller Scham. Ich war so sauer auf sie, wie konnte sie mich so entlarven?

Erst Jahre später begann ich, intensiver darüber nachzudenken, und musste dieser Freundin von damals recht geben. Heute weiß ich, dass es ein Muster ist, es eine Systematik gibt, der ich unbewusst immer und immer wieder gefolgt bin - und dass das ganz und gar nicht ungewöhnlich für Menschen ist, die sich auf dem autistischen Spektrum bewegen.

Lernen durch Nachahmung

Als Kinder lernen wir vieles durch Nachahmung – insbesondere, wenn es um das Thema Sozialverhalten geht. Wir erleben, wie unser Umfeld sich in bestimmten Situationen verhält und möchten das dann imitieren. Gerade von Kleinkindern hört man häufig, dass sie etwas alleine, aber „wie Mama“ oder „wie Papa“ (oder wie eine andere Bezugsperson) machen möchten.

Werden sie bei diesen Prozessen begleitet und unterstützt, lernen sie durch diese Nachahmung, bestimmte Verhaltensweisen irgendwann selbstständig auszuüben.

Bei autistischen Kindern fehlt jedoch häufig diese Art des Lernens – oder sie fällt ihnen besonders schwer, sie benötigen andere Arten der Anleitung und Begleitung. Sie steigen nicht spontan in Rollenspiele ein, in denen Imitation ein zentrales Element ist, lassen sich auch häufig nicht gerne dazu ermuntern. Lieber spielen sie alleine oder beobachten das, was ihre Freund*innen tun. Sie finden zum Beispiel Freude im Sortieren und Sammeln, im Aufreihen von Spielzeugen und Plüschtieren oder im Beobachten von Lichtspielen (visuelles Stimming) oder Ähnlichem.

Auch mir ging es im Kindergarten und in der Grundschule so. Ich habe „Vater Mutter Kind“-Spiele oder imaginierte Teegesellschaften gehasst, konnte nicht viel mit den Raufereien meiner Freund*innen anfangen und wenn es darum ging, im Matsch zu spielen, war es, als würde mich eine riesengroße innere Sperre davon abhalten. Als wollte und könnte mein Körper den Schritt in einen Bach, eine Pfütze oder in den lehmigen Grund einfach nicht tun. Heute weiß ich, dass diese körperliche Reaktion auf eine Reizüberflutung folgte.

Während diese Arten des Spielens allen um mich herum leicht zu fallen schien, zog ich mich lieber zurück. Ich las und puzzelte. Ich hörte Hörspiele, füllte Behältnisse mit hübschen Seifen, die mir geschenkt wurden (ich hatte für eine gewisse Zeit einen Faible für kleine, bunte Seifen in allen Formen, obwohl ich den Geruch nicht besonders mochte) oder Ordner mit allem, was ich zu den Backstreet Boys finden konnte. Waren andere Kinder zu Besuch - oder ich bei ihnen – verlor ich bald das Interesse, war genervt und wollte nach Hause bzw. lieber wieder alleine sein. Trat dieser Zustand nicht schnell genug ein, gab es Streit mit meinen Freundinnen. Auch übernachten wollt ich aus diesem Grund (und wegen der Unvorhersehbarkeit der Abläufe) nicht gerne irgendwo anders. Tat ich es doch, plagten mich sehr schnell das Heimweh, Angst- und Unsicherheitsgefühle. Häufig mussten meine Eltern mich sogar bei Oma und Opa oder meiner Patentante abholen.

Was mir später also in Mark und Bein übergehen sollte, war als Kind ein Fremdwort für mich: das Imitieren von anderen.

Imitation bis zur Selbstaufgabe

Ich kann nicht auf den Tag oder die Woche genau sagen, wann sich das verändert hat. Wann aus der Imitationslosigkeit ein starker Hang zur Nachahmung wurde. Es muss etwa mit Einsetzen der Pubertät gewesen sein. Ich erinnere mich daran, dass mir meine Freundinnen zu Beginn der Gymnasialzeit in ihrer emotionalen Entwicklung weit voraus waren – ich aber damit begann, ihre Arten, sich zu kleiden und sich zu zeigen, nachzuahmen.

Dabei kamen mir zwei Dinge in die Quere: Mein Körper, der schon immer ein dicker war, und meine Ahnungslosigkeit darüber, wie man sich im Umfeld von Menschen natürlich verhält. Ich beobachtete also: Was trugen die Mädchen in meiner Klasse? Schminkten sie sich schon? Was interessierte sie? Und dann begann ich damit, es ihnen gleichzutun. Nur konnte ich keine Hüftjeans tragen: Weder konnten wir uns die angesagten Hosen von Miss Sixty leisten, noch hätten sie mir gepasst. Genau so ging es mir mit bauchfreien Topps.

Also begann ich stattdessen, mich wie die Jungs in meinem Umfeld zu kleiden. Ich trug Baggy Pants und weite Pullover. Manchmal trug ich sogar alte Anzughosen von meinem Vater auf, um die Workerpants von Carhartt und Co. zu imitieren. Ich wollte einerseits wie ein Skater Girl wirken und dachte andererseits, wenn ich den Stil der Jungs nur gut genug nachahmte, müssten sie mich ja automatisch mögen. Ich war ja quasi eine von ihnen. Denn auch das hatte ich von den Mädchen um mich herum gelernt: Wir waren jetzt da, damit Jungs uns mochten. Wir wollten geküsst und geliebt werden.

Ich dachte, das auch zu wollen - und teilte mit niemandem, wie viel Angst ich vor körperlicher Nähe und davor, mit einem Jungen zusammenzusein, hatte. Wie sehr es mich überforderte.

Als ich damit begann, mich zu schminken, ging ich einmal mit blauem Lippenstift zur Schule und dachte, damit besonders cool zu sein. Ich imitierte etwas (das Tragen von Lippenstift) und gab ihm mit der blauen Farbe meine eigene Note. Ein böser Kommentar meines Französischlehrers dazu war mir so unangenehm, dass ich jahrelang gar keinen Lippenstift mehr trug und erst wieder damit anfing, als ich die Schule längst verlassen hatte. Es ist eine Szene, die zeigt (wenn man außen vor lässt, ob es diesem Lehrer überhaupt zustand, mich in irgendeiner Form zu kommentieren): Ich war stets bemüht, lag aber häufig ein wenig daneben.

Jahrelang dachte ich, der Schlüssel, dazuzugehören, sei die Imitation. Mit jeder neuen Peergroup, in der ich mich bewegte, veränderten sich meine Hobbies, mein Kleidungsstil und mein Musikgeschmack. Ich veränderte mich. Mal hörte ich Deutschrap, mal Metal. Mal interessierten mich Skateboarding, mal die Fotografie – und eine Zeit lang war ich mich sicher, dass ich KFZ-Mechanikerin werden wollte, und las Tuningzeitschriften, weil die Jungs meiner damaligen Clique das auch taten. Ich war drauf und dran von der Schule abzugehen, meine Eltern waren kurz vor der Verzweiflung. Was mich davon abhielt? Ein Umfeld, das sich veränderte - und mit ihm wieder einmal meine Interessen und die Art, wie ich mich präsentierte.

Wo bleibt die Persönlichkeit?

Es liegt nahe, zu sagen, dass es mir an einer stabilen Persönlichkeit fehlte. Und vielleicht ist das so. Denn Fakt ist: Bis vor wenigen Jahren passte ich mich in meinen Interessen, in meiner Art zu sprechen, in dem, wie ich meinen Tag und mein Leben gestaltete, meinem Umfeld oder einer bestimmten Person an. So kam ich auch dazu, meine Yogapraxis wieder zu intensivieren und sogar eine Ausbildung zur Yogalehrerin zu machen - eine enge Freundin “inspirierte” mich dazu. Zugegeben: Das war ein riesengroßer Gewinn. Und darum geht es neben all dem Negativen auch: Durch all diese Stationen, all dieses Nachahmen habe ich auch vieles entdeckt, was mir wirklich gefiel, was wirklich zu meinen ureigenen Interessen wurde – und was bis heute geblieben ist: Meine politische Haltung. Meine Emo und Alternative Playlist (die sich seit 20 Jahren kaum verändert). Meine unerschöpfliche Liebe zu Büchern.

Also ja, durch all diese Imitation habe ich auch geliebte Dinge finden können. Fakt ist aber: Ich habe es gemacht, weil ich dazugehören wollte, „eine von ihnen“ sein wollte – und nicht aus mir heraus wusste, wie das geht. Es schien mir sehr sinnvoll zu sein, deshalb einfach das zu machen, was diejenigen taten, die beliebt waren. Ergänzt um People Pleasing schaffte ich es so auch meistens, auf eine Weise dazuzugehören.

Das Problem ist: Ich hatte nur sehr selten das Gefühl, wirklich und um meiner selbst Willen integriert zu sein. Viel eher fühlte es sich an, es gerade so gut genug hinzukriegen, um dabei sein zu dürfen – aber es kostete mich so unendlich viel Kraft und frustrierte mich, dass es nie „leicht“ war, einfach nur unter Menschen zu sein. Immer hatte ich Panik, dass ich, wenn ich einmal fehlen und meine Rolle nicht gut genug spielen konnte, rausfliegen würde. Also ging ich zu Treffen und Parties auch dann, wenn es mir eigentlich viel zu viel war und ich mich am liebsten zurückgezogen hätte. Alles nur, um den Anschluss nicht zu verlieren.

Meine Persönlichkeit war (und ist) also möglicherweise wirklich nicht die stabilste – im Sinne von: sicher in sich selbst ruhend, sich seiner selbst bewusst sein. Im Zuge meiner ASS-Diagnostik habe ich dann aber erfahren, dass es mir nicht alleine so geht und dass diese Verhaltensweisen typisch für autistische Personen sind. Selbstunsicherheit kommt häufig bei Autist*innen vor. Ich persönlich kann mir heute durch Ruhe, Rückzug und durch Routinen Sicherheit geben. Ich lerne, mir Schritt für Schritt mehr Sicherheit geben zu können – in so vielen Situationen wie möglich. Ich erlaube mir z. B. immer häufiger, auch in der Öffentlichkeit Stimming Tools zu verwenden, und bin begeistert, wie gut das hilft.

Bin ich unter Menschen, maskiere ich oft jedoch sehr stark. Ich nutze häufig erlernte Mimik und Gestik, in meinem Kopf läuft – vor allem bei Gesprächseinstiegen – immer ein Skript mit, insbesondere beim Telefonieren. Meine Yogastunden eröffne und schließe ich immer auf die gleiche Weise, häufig ist der Wortlaut komplett identisch. Ich lächle und prüfe innerlich, ob meine Körperhaltung und mein Gesichtsausdruck wohl angemessen sind. Ich habe gelernt, dass ich beim Zuhören nicken soll, weil das dem*der Sprecher*in ein gutes Gefühl gibt. Also nicke ich und frage mich konstant, ob die Intensität angemessen ist. Zur Sicherheit lieber noch ein bisschen mehr nicken und die Augen noch ein kleines Stück weiter öffnen. In meiner Diagnoseschrift heißt es dazu: „Divergiert zwischen keinem Blickkontakt und übertrieben wirkender Nutzung von Ausdruck“ und weiter: „gestikuliert viel, wenig emotionale Gestik“. Beim Lesen dachte ich: „Was ist eigentlich emotionale Gestik?“

Autist*innen wissen nicht intuitiv, wie sie sich in sozialen Situationen verhalten. Wir müssen es, sofern wir möchten und können, aktiv üben. Deshalb beobachten wir oft, nehmen uns ggf. eher zurück. Das war bei mir v. a. in der Kindheit so. Wir üben aber auch, wie man mit anderen Menschen umgeht, wie man Blickkontakt hält (und wo man hinsehen kann, statt in die Augen), wir üben Phrasen und Gestiken, die wir z. B. in Serien oder Filmen beobachten.

In meinem Fall übte ich ab meiner Jugend an realen Beispielen und kopierte sie. Vieles davon geschah nicht wirklich bewusst. Meine Mustererkennung und die Fähigkeit, Dinge sehr schnell zu erfassen, halfen sicherlich. Der Wunsch dazuzugehören und die Realisation irgendwie „anders“ zu sein, sie waren jedoch durchaus sehr bewusst – genau, wie die Erkenntnis, wie oft es mir nicht richtig gelingen wollte und wie sehr mich all diese Versuche erschöpften.

Wer bin ich wirklich?

Als ich kürzlich mit einer ebenfalls neurodivergenten Freundin über das Thema Imitation und Maskierung sprach, fragte sie mich irgendwann, ob eine all dieser erlernten Personas wirklich ich war. Ich musste kurz darüber nachdenken, doch dann war mir schnell sonnenklar: Ja, die Person, die ich zuhause war. Die Ruhe genoss, die sich in ihre Bücher zurückziehen konnte. Die aber auch gern mit wirklich nahestehenden Menschen zusammensitzen und über alles Mögliche plaudern konnte, sich am liebsten in tiefen Gesprächen und Gedankenexperimenten verlor. Die ohne Scham sagen konnte „Mir ist es zu laut, zu viel.“ Die sich nicht mehr konzentrieren konnte, sobald jemand zu laut kaute. Die offen sagen konnte, dass sie nur dann telefonieren konnte, wenn niemand anderes im Raum gab. Die immer etwas kindlich geblieben war und der es nicht peinlich war, das zuzugeben. Die aber auch gereizt und ständig überreizt war, von all den Gedanken und dem sich-zurecht-finden. Die bissig reagierte, wenn sie angesprochen wurde, während gerade die Dunstabzugshaube brummte und der Herd zu warm war. Die organisiert war, es liebte zu planen und allem eine Struktur geben konnte. Die eloquent war und Worte liebte. Die gut Muster erkennen konnte und eine gute Begleitung für Menschen war, weil sie zu so vielen Perspektivwechseln fähig war. Das war ich und genau das bin ich bis heute. Das ist mein Kern.

Es gab diese unmaskierte Version von mir selbst, sie war immer da. Ich hatte sie mir nur im Laufe der Jahre mehr und mehr abtrainiert.

Die Chance, diese Version wieder zu finden, sie zu pflegen und mich gut um sie zu kümmern, habe ich erhalten, als etwas eintrat, was ich mir niemals selbst ausgesucht oder gewünscht hätte: Als Post Covid mich über einen langen Zeitraum völlig in die Knie zwang, war ich plötzlich auf mich selbst zurückgeworfen. Ich hatte nur noch Kraft, um mich um die wirklich basalsten Dinge zu kümmern. So kam ich immer tiefer in Kontakt mit dieser puren, unmaskierten Version von mir selbst, die ich sehr gerne mag. Die leicht ist und sich nach zu Hause anfühlt. Ein weiterer wichtiger Schritt bei der Entdeckung meines Kerns war die Beschäftigung mit meiner Neurodivergenz, insbesondere die ASS-Diagnose hat mir sehr dabei geholfen, zu verstehen, wer ich bin - und warum ich bin, wie ich bin.

Niemand wünscht sich, krank zu werden. Niemand wünscht sich, neurodivergent zu sein – denn für beides ist unsere Welt nicht gemacht. Beides benötigt unglaublich viel Anstrengung von Betroffenen, die eigentlich genau dafür keine Kapazitäten haben: Sich immer und immer wieder anzustrengen – für Dinge, die für die meisten Menschen leicht, mühelos und intuitiv sind.

Doch gerade fühlt es sich an, als wären ebenjene beiden Dinge, meine Erkrankung und die Entdeckung meiner Neurodivergenz, notwendig gewesen, um die Chance zu erhalten, endlich ich selbst sein zu können. Mich nicht mehr verstellen, mich nicht mehr hart anstrengen zu müssen. Zumindest nicht immer und in jeder Umgebung. Ich erschließe mir bewusst sichere Räume mit vertrauten Menschen, die z. B. ebenfalls neurodivergent sind und/oder mich schon seit vielen Jahren begleiten, um das Ent-Maskieren zu üben. Und je mehr ich das kultiviere, umso weniger erschöpft und kraftlos fühle ich mich.

Nein, ich hätte mir weder Erkrankung noch Neurodivergenz gewünscht. Aber ich kann anerkennen, dass beide mir den Weg zu mir selbst ebnen.

Topic Neurodivergenz

0 comments

Would you like to be the first to write a comment?
Become a member of Ann.Eck.Doten and start the conversation.
Become a member