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Ins eigene Fleisch: Warum Kürzungen an Hochschulen allen schaden

von Amrei Bahr und Kristin Eichhorn

Es ist alles ein bisschen aufregend: Mein Newsletter Arbeit in der Wissenschaft hat ab jetzt ein neues Zuhause bei Steady! Dies ist die erste Ausgabe auf der neuen Plattform, und dann auch noch ein gemeinsamer Beitrag mit Kristin Eichhorn: große Freude! (Warum der Newsletter umgezogen ist, steht hier (Opens in a new window).) Ich bin dabei, auch alle bisher erschienenen Beiträge hierher mitzunehmen, etwa die Hälfte ist bereits in der Kategorie Archivbeiträge (Opens in a new window) zu finden — alle Texte bleiben allerdings zunächst auch auf Substack erhalten, weil in vielen Artikeln, politischen Dokumenten usw. auf die ursprünglichen Beiträge verlinkt wird. 

Seit Jahren ist es ein Thema: Wissenschaft und Bildung sind in Deutschland chronisch unterfinanziert. Umso alarmierender sind die Pläne, ausgerechnet den Hochschulen Mittel zu kürzen, wie sie dieser Tage vielerorts verfolgt werden (eine Übersicht darüber, was in welchem Bundesland geplant ist, gibt dieser Blogbeitrag (Opens in a new window) von Jan-Martin Wiarda). Am Samstag haben die TU-Berlin-Präsidentin Geraldine Rauch, die fzs-Vorständin Tabea Herbst und eine der beiden Autorinnen dieses Beitrags, Amrei Bahr, in der Live-Sendung von Campus & Karriere im Deutschlandfunk über die Frage diskutiert, wie viele Kürzungen an Hochschulen wir uns leisten können. Moderiert wurde die Runde von Armin Himmelrath, die Sendung kann hier (Opens in a new window) nachgehört werden. Welche Argumente gegen die Kürzungsprogramme aus unserer Sicht besonders schlagend sind und warum jetzt alle Disziplinen gefragt sind, sich solidarisch vor die Geisteswissenschaften zu stellen — das steht im heutigen Newsletter.

Noch weniger als zu wenig: Kürzungen verschärfen bestehende Unterfinanzierung

Die spärliche Grundfinanzierung der Hochschulen wird nicht erst seit gestern (Opens in a new window) bemängelt — im Vergleich zur immer ausufernderen Drittmittelfinanzierung hat sich inzwischen ein groteskes Missverhältnis ergeben. Schon jetzt stellt die prekäre Finanzlage die Hochschulen vor große Herausforderungen, allein um nur den Laden am Laufen zu halten. Marode Hochschulgebäude harren ihrer Renovierung, der Sanierungsstau hat unmittelbar negative Auswirkungen auf Forschung und Lehre. Wissenschaftliche Beschäftigte machen sehr viele unbezahlte Überstunden — u.a., weil an Hochschulen lieber Geld gespart wird durch die Vergabe von Teilzeitstellen (freilich oft mit der Erwartung von Vollzeit-Arbeit), aber auch, weil sie sich ständig in Pseudowettbewerben behaupten müssen. Eine Menge Zeit der Beschäftigten fließt in kompetitive Verfahren zur Einwerbung von Drittmitteln, um die eigene berufliche Existenz oder die der Mitarbeitenden zumindest mittelfristig zu sichern. In Zeiten der Unterfinanzierung stehen befristet Beschäftigte hier besonders unter Druck, kann man sich doch die Kosten für sie leicht sparen, indem man ihre Arbeitsverträge einfach nicht erneuert. Die Hochschulen versuchen derweil, ihre Beschäftigten zur Drittmitteleinwerbung zu treiben (auf professoraler Ebene etwa mithilfe entsprechender Zielvereinbarungen), da sie ebenfalls mit der finanziellen Unterversorgung kämpfen. Zwar kann auch der allgemeine Betrieb einer Hochschule von Drittmitteln profitieren, durch den entsprechenden Einsatz der sogenannten Overheads — dass diese Overheads allerdings vielfach schon gar nicht ausreichen, um die durch Drittmittelprojekte entstehenden administrativen Zusatzkosten zu decken, ist auch allgemein bekannt (und hat den Wissenschaftsrat schon 2023 zum Vorschlag (Opens in a new window) bewogen, die Overheads zu erhöhen). Zwar sind einige drittmittelstarke Disziplinen finanziell gut aufgestellt. Auch sie sitzen aber z. T. in Gebäuden mit undichten Dächern — und wo man auf Grundfinanzierung angewiesen ist, reicht das Geld oft jetzt schon kaum noch für die Beschaffung ganz basaler Arbeitsmittel wie Büromöbel oder Computer. Die Grundfinanzierung, die eigentlich einen Normalbetrieb abdecken sollte, auf den durch Projektmittel aufgesattelt werden kann, damit eine prinzipielle Unabhängigkeit in Forschung und Lehre gewährleistet bleibt, ist längst zu spärlich geworden, um ihre eigentliche Funktion hinreichend zu erfüllen.

Es ist diese ohnehin bereits kritikwürdige Lage, in der wir uns aktuell befinden, in deren Licht nun zusätzliche Kürzungspläne besonders absurd erscheinen müssen. Insbesondere Berlin (Opens in a new window) ist hier negativ aufgefallen: Nach der Kündigung der erst kurz vorher verhandelten Hochschulverträge stehen hier nun Kürzungen in einem Ausmaß an, die geeignet sind, das Land im nationalen wie internationalen Vergleich rasch völlig ins Abseits zu schießen.

 Wenn Wissenschaft und Bildung eines brauchen, dann eine auskömmliche Finanzierung — nicht zuletzt, um sie resilient zu machen gegen inhaltliche Steuerungsversuche und direkte Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit. Wird die Ausstattung von Hochschulen nicht verbessert, sondern weiter zusammengekürzt, hat das einen hohen Preis, den wir als Gesellschaft zahlen: Wichtige Forschungsvorhaben drohen auf der Strecke zu bleiben. Die Ausbildung akademischer Fachkräfte, die schon jetzt nicht so gut möglich ist, wie es wünschenswert wäre, leidet zusätzlich. Mit der Gefahr, dass, wo immer wir in Deutschland ausgebildeten Fachkräften begegnen — in Krankenhäusern etwa, in Schulen, der öffentlichen Verwaltung, der Justiz, der Wirtschaft oder Industrie —, wir weit weniger gut ausgebildeten Kräften begegnen als es sein könnte und sollte.

Wer von diesen Argumenten noch nicht überzeugt ist, möge sich außerdem vor Augen führen, dass ein durch Kürzungen empfindlich geschwächtes Wissenschaftssystem auch seiner Demokratieverantwortung nur noch begrenzt nachkommen kann. Nicht zuletzt werden in den Kürzungsdebatten ausgerechnet diejenigen Disziplinen fälschlicherweise als verzichtbar markiert, denen für den Erhalt unserer Demokratie dank ihres kritischen Impetus eine Schlüsselrolle zukommt: die Geistes- und Sozialwissenschaften. Attacken auf diese Disziplinen gehen oftmals mit der fragwürdigen Auffassung einher, Wissenschaft müsse für externe Zwecke verwertbare Ergebnisse liefern — gemeint ist damit in aller Regel vor allem die Möglichkeit einer wirtschaftlichen Ausbeutung wissenschaftlicher Resultate, also das, wovor eine verlässliche Grundfinanzierung der Wissenschaft in Deutschland eigentlich schützen sollte.

Wider die Zweck-Verzwergung der Wissenschaft

Selbst, wenn man Wissenschaft in den Dienst externer Zwecke stellen will — und wir gehen gleich noch darauf ein, warum das generell keine gute Idee ist —, zeigt sich recht schnell, dass man damit nicht sonderlich weit kommt. Denn es lässt sich nun einmal nicht verlässlich prognostizieren, welche Forschung zukünftig gefragt sein wird, wenn es bspw. um die Bewältigung gesellschaftlicher Krisen geht. Das zeigen diverse Beispiele, von der plötzlichen Relevanz der Forschung zu mRNA-Impfstoffen in der COVID-Pandemie bis hin zur Osteuropa-Forschung, die durch Putins Angriffskrieg auf die Ukraine auf einmal verstärkt im Fokus war. Forderungen, die darauf hinauslaufen, bestimmte Forschungsfragen nicht mehr oder deutlich weniger zu fördern als bisher, weil man sie vermeintlich nicht braucht, zeugen in dieser Hinsicht immer von prognostischer Selbstüberschätzung.

Von der mangelnden Prognostizierbarkeit dessen, was zukünftig gefragt sein mag, abgesehen, ist es aber auch generell eine schlechte Idee, Forschung zur Dienstleisterin für wissenschaftsfremde Vorhaben zu verzwergen. Denn wenn man einmal damit anfängt, sind Tür und Tor geöffnet für Willkür und politische Einflussnahme, die dem hohen Gut der Wissenschaftsfreiheit zuwiderlaufen. Attacken auf die einzelne Wissenschaftsgebiete — seien es nun geisteswissenschaftliche oder auch so etwas wie die Klimaforschung — sind immer nur der Anfang; sie bilden ein Einfallstor, um sich der Wissenschaft insgesamt zu bemächtigen. Das können wir derzeit in den USA beobachten. Wissenschaftsfreiheit erstreckt sich auf alle Disziplinen, und das ist auch gut so: Wer einzelne Disziplinen als verzichtbar markiert, gibt damit den Schutz preis, den Wissenschaft als Ganzes genießt und genießen muss, um ihren Aufgaben gerecht zu werden.

Derartige Analysen, mit denen sich entsprechende Gefahren aufzeigen lassen, sind nun gerade eine vor allem geistes- und sozialwissenschaftliche Kernkompetenz. Es hat also eine gewisse Logik, vor allem diejenigen Fachbereiche als ‚unnütz‘ zu diskreditieren, aus denen man potentiell den meisten Widerspruch erwartet. Ein Angriff auf bestimmte Wissenschaften ist immer ein Angriff auf die Wissenschaft als Ganze, auf ihre Autonomie und freie Wahl von Forschungsgegenständen, Methoden und Lehrinhalten. Es ist ein Angriff auf die Verteidigung der Freiheitlich-Demokratischen Grundordnung, die nur auf dieser Basis vonseiten der Wissenschaft möglich ist.

Man muss sich aber nichts vormachen: Auch in der gegenwärtigen Situation ist noch deutlich Luft nach oben. Wissenschaftler_innen sind oft auch ohne gezielte Einschüchterungsversuche und Hetzkampagnen bereits übervorsichtig, was öffentliche kritische Äußerungen betrifft — und das hat mit der angesprochenen Wettbewerbslogik innerhalb der Wissenschaft ebenso viel zu tun wie mit der durch Dauerbefristung erzeugten Existenzangst. Wer über Jahre und Jahrzehnte dazu erzogen wird, sich möglichen Gutachter_innen und Vorgesetzten anzupassen und Äußerungen zu vermeiden, die die eigenen ‚Karriere‘ gefährden können, ist schlecht gewappnet, sich Angriffen auf das eigene Fach (oder im solidarischen Akt: auf die Fächer der Kolleg_innen) entgegenzustellen.

Es ist letztlich an Wissenschaftler_innen aller Disziplinen, Attacken auf die Geistes- und Sozialwissenschaften — ob nun im Kontext der Kürzungspläne oder jenseits dieser — beherzt und solidarisch entgegenzutreten. Im Interesse unserer Demokratie und im Interesse unserer Wissenschaft, mitsamt all ihren Teildisziplinen. Allen Politiker_innen im demokratischen Spektrum, die bezüglich der Hochschulen Kürzungspläne hegen, sei zudem geraten, die gravierenden negativen Konsequenzen einer Umsetzung solcher Pläne kritisch zu reflektieren: Die Wissenschaft und damit die Demokratie zu schwächen, ist nicht im Interesse derer, für die Demokratie das Fundament der eigenen Arbeit bildet — das gilt für Wissenschaftler_innen und demokratisch orientierte Politiker_innen gleichermaßen. Diesen Zusammenhang gilt es bei der anstehenden WissZeitVG-Reform wie anderen wissenschaftspolitischen Vorhaben immer im Blick zu behalten: Wir brauchen eine Wissenschaft, die nicht über Angst, Anpassung und Nützlichkeitsorientierung funktioniert, sondern eine, die resilient ist. Ansonsten sägen wir — auf allen Ebenen — am eigenen Ast.

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