[Dieser Beitrag erschien zuerst am 24. Oktober 2023 auf Substack.]
In der vergangenen Woche habe ich hier im Newsletter (Opens in a new window) über produktive und schädliche Formen des Wettbewerbs in der Wissenschaft geschrieben. Deren schädliche Formen untergraben auf allen Ebenen Wissenschaft als Gemeinschaftsprojekt, das anstelle von ständiger Konkurrenz vielmehr Kooperation und gegenseitiger Unterstützung bedarf. Dabei gibt es nicht nur eine ideelle, sondern durchaus auch eine materielle Ebene: Die der materiellen Ressourcen, die es braucht, um Wissenschaft zu treiben. Im Umgang mit diesen Ressourcen ist noch Luft nach oben — nicht zuletzt, weil eine verantwortungsvollere Nutzung auch angesichts des Zustands unserer Welt dringend geboten ist.
Ausrangiert und verstaubt
Von der IT über Schreib- und Labormaterialien bis hin zu Möbeln und größeren Geräten: Was sich in Hochschulen und Forschungseinrichtungen an Ressourcen ansammelt, die für Forschung und nicht selten auch für Lehre (sowie immer öfter auch für Wissenschaftskommunikation) angeschafft werden, ist enorm. Das ist für sich genommen natürlich noch kein Problem; im Gegenteil, denn diese Ressourcen werden schließlich benötigt und viele davon dürften in aller Regel auch ausgiebig genutzt werden. Gleichwohl gibt es immer wieder Situationen, in denen keine Nutzung mehr stattfindet. Da läuft ein Projekt aus, für das extra ein Gerät oder erforderliches Material angeschafft wurde. Oder eine Person, die entsprechende Anschaffungen für ihre Arbeit getätigt hat, verlässt den Standort, weil der Vertrag ausläuft.
Allein die Zahl an ungenutzten Adaptern, Kabeln usw., ja, sogar an noch funktionstüchtigen, aber ungenutzten Laptops dürfte an vielen Orten, an denen Wissenschaft betrieben wird, irritierend groß sein. Aber sogar noch kostenintensivere Geräte verstauben nicht selten, weil diejenigen, die sie bedienen könnten, nicht mehr da sind. Zudem ist fraglich, ob das Equipment, das angeschafft wird, immer zwingend erforderlich ist, gibt es doch nicht selten an ein und demselben Standort bereits vergleichbares Equipment, das hätte genutzt werden können — aber eben keinen internen Überblick darüber, der die vermeidbare Anschaffung verhindert hätte. Auch Verbrauchsartikel mögen oft bereits in einem anderen Labor, in einem anderen Büro o.ä. vorhanden sein und dort nicht mehr benötigt, aber dennoch neu gekauft werden.
Es gibt gute Gründe, mit den vorhandenen Ressourcen sorgsamer umzugehen. Dass die Ressourcen oft aus öffentlichen Mitteln angeschafft werden, ist nur einer davon. Ein anderer ist, dass Sparsamkeit in der Anschaffung neuer Materialien und Geräte auch im Hinblick auf unsere Umwelt als geboten erscheint: Im Nachhaltigkeitsprinzip „reduce, reuse, recycle“ kommt bereits zum Ausdruck, dass Vermeidung von Anschaffungen die höchste Priorität hat — gefolgt von der Wiederverwendung von bereits Vorhandenem.

Ressourcen miteinander teilen: Lokal und standortübergreifend
Was bei Großgeräten in der Wissenschaft teils schon praktiziert wird — die Nutzung durch externe Wissenschaftler_innen — wäre auch bei der Nutzung kleinerer Geräte und ausrangierter Materialien denkbar. Dies ließe sich z.B. durch eine Plattform realisieren, auf der Ausrangiertes oder nicht durchgehend Genutztes angeboten wird. Je nachdem, worum es sich handelt und wie es um die jeweiligen Entfernungen und Transportmöglichkeiten bestellt ist, könnten die entsprechenden Dinge dann von den Wissenschaftler_innen, die dafür eine Verwendung haben, abgeholt oder an sie verschickt werden. So etwas innerhalb einer Forschungseinrichtung oder Hochschule zu organisieren sollte fürs Erste gut machbar sein — insbesondere für kostenintensivere und speziellere Anschaffungen wäre allerdings auch eine standortübergreifende Plattform wünschenswert.
Ein Einwand gegen derartige Sharing-Plattformen liegt freilich auf der Hand, schließlich sind wir in Deutschland: Da die genannten Dinge oft unter Berücksichtigung der einschlägigen Vorgaben aus öffentlichen Mitteln angeschafft wurden, mag es nicht trivial sein, sie an andere Wissenschaftler_innen, Forschungsgruppen, Abteilungen, Institute oder gar Hochschulen weiterzugeben. Aber hier sollte die bestehende Bürokratie nicht die guten Argumente übertrumpfen, die für eine entsprechende verantwortungsvolle Ressourcennutzung in der Wissenschaft sprechen.
Es ist höchste Zeit, Wissenschaft wieder mehr als Gemeinschaftsprojekt zu begreifen denn als Vorhaben, in dem alle gegeneinander und nur im eigenen Interesse agieren. Dazu zählt nicht nur, einander dort zu helfen, wo es geht: Einander zu unterstützen, wenn ein Forschungsprojekt nicht so läuft wie geplant. Füreinander da zu sein, wenn das nächste Vertragsende droht oder wieder ein Bewerbungsverfahren nicht so ausgegangen ist wie erhofft. Dazu gehört auch, einander nicht die Ressourcen, die wir (zeitweise) nicht (mehr) brauchen, vorzuenthalten, weil es uns oberflächlich betrachtet einen Wettbewerbsvorteil verschaffen mag. Denn die Art des künstlichen Wettbewerbs, in der ein solches Verhalten überhaupt einen Vorteil haben könnte, schadet Wissenschaftler_innen und Wissenschaft gleichermaßen. Deshalb: Wer sich wirklich um die Wissenschaft sorgt, teilt!