von Amrei Bahr und Kristin Eichhorn
Immer wieder werden sie laut: Forderungen nach Neutralität, die mit großer Selbstverständlichkeit an die Wissenschaft herangetragen werden. Wissenschaftler_innen, so heißt es dann, sollten bitte objektiv sein, sie sollten sich nicht voreingenommen auf eine Seite schlagen — weder auf die bestimmter Theorien noch die bestimmter Personen(gruppen). Dass Wissenschaft neutral zu sein habe, wird auch immer wieder als Argument gegen ein Engagement von Wissenschaftler_innen für unsere Demokratie hervorgezaubert. Werden Mitglieder der Wissenschaftsgemeinschaft mit derlei Neutralitätsforderungen konfrontiert, verfallen sie häufig in eine Art Rechtfertigungsmodus, als sei es längst ausgemacht, dass die Forderungen schon ihre Berechtigung haben werden und man ihnen widerstandslos zu entsprechen habe. Jedoch gibt es einige Gründe, daran zu zweifeln, dass die Sache sich derart einfach darstellt. Denn erstens ist der Aufruf, neutral zu sein, häufig seinerseits das Gegenteil von neutral: Er folgt regelmäßig einer politischen Agenda und dient gerade dazu, den Korridor, innerhalb dessen Wissenschaft getrieben wird, in politisch motivierter Weise zu verengen. Zweitens ergibt sich so manche Neutralitätsforderung aus einer Vermischung der Rollen, die Wissenschaftler_innen bzw. wissenschaftliche Institutionen innehaben. Drittens ist selbst dann, wenn man diese Rollen auseinanderhält, für keine davon offensichtlich, dass Neutralität grundsätzlich ein sinnvoller, ja, gar unvermeidlicher Modus ist — im Gegenteil. Wer dennoch vorauseilend versucht, diesen Modus einzunehmen oder sich zu rechtfertigen, warum das nicht geschieht, begibt sich in vielen Fällen allzu unnötig in die Defensive, obwohl eigentlich Souveränität gefragt wäre. Denn viele Neutralitätsapologet_innen sind ohnehin nicht zufriedenzustellen, das liegt schlicht in der Motivation für ihre Forderungen begründet. Diese Überlegungen genauer auszuführen ist das Ziel der heutigen Newsletter-Ausgabe!
Nicht-neutrale Neutralitätsforderungen: Wie mit Neutralität Politik gemacht wird
Wissenschaftler_innen neigen dazu, erst einmal von der Redlichkeit ihres Gegenübers auszugehen. In der Wissenschaft ist das vermutlich eine Voraussetzung dafür, miteinander und mit dem Material Dritter zu arbeiten (und beides tun wir andauernd): Wenn ich ständig daran zweifle, dass andere nach den etablierten Regeln wissenschaftlicher Arbeit spielen, komme ich kaum voran. Klar, es gibt Situationen, in denen Skepsis berechtigt ist, schließlich gibt es — nicht zuletzt aufgrund von Fehlanreizen wie publish or perish oder dem konstanten Druck, Drittmittel einzuwerben — auch in der Wissenschaft Täuschungen, Fälschungen, Plagiate und andere Regelbrüche. Aber im Großen und Ganzen, so jedenfalls wohl die Annahme vieler, halten sich alle an die Normen der wissenschaftlichen (Zusammen-)Arbeit.
Das hinter dieser Annahme stehende Prinzip des Wohlwollens kommt aber dort an seine Grenze, wo Akteur_innen involviert sind, die eine Verletzung grundlegender wissenschaftlicher Normen nicht schert, ja, die eine solche sogar gezielt vornehmen. Das gilt z.B für diejenigen, die das Erfordernis einer Neutralität der Wissenschaft predigen, dies aber mit der insgeheim gehegten Absicht, das genaue Gegenteil zu erreichen. Neutralitätsforderungen von rechts außen zielen etwa darauf ab, bestimmte wissenschaftliche Themen und Teildisziplinen zu diskreditieren und abzuschaffen, etwa die Gender Studies, Klimaforschung usw. Sind politische Ressentiments das Motiv dafür, eine vermeintliche Neutralität der Wissenschaft einzufordern, so ist diese Forderung ihrerseits politisch — und entlarvt sich damit als Forderung nach einer Pseudo-Neutralität, die allein aufgrund ihrer Selbstwidersprüchlichkeit schon nicht haltbar ist. Dass wir dieser Forderung nicht entsprechen sollten, scheint auf der Hand zu liegen, und doch versuchen viele aus der Wissenschaft, genau das zu tun. Wahrscheinlich hat auch das Prinzip des Wohlwollens einen Anteil daran: Wissenschaftler_innen sind es gewohnt, zunächst einmal ergebnisoffen zu fragen „ist da was dran?“ oder „könnte das plausibel sein?“, und sie tun es vermutlich auch hier. Klar dürfte aber sein: Vorgeblich Neutralität zu fordern, obwohl man insgeheim das Gegenteil erreichen will, hält keiner Plausibilitätsprüfung stand. „Aber vielleicht ist ja trotzdem was dran — selbst, wenn manche, die Neutralität fordern, das aus unredlichen Gründen tun?“, hören wir nun viele fragen. Aber was genau könnte denn da dran sein? Um dahinterzukommen, sollten wir zunächst zwei Gegenstände von Neutralitätsforderungen unterscheiden: politische Positionierung auf der einen und wissenschaftliche Arbeit auf der anderen Seite.
Wissenschaftler_innen mit Haltung: Ein verqueres Ziel für Neutralitätsforderungen
Wir treiben Wissenschaft auf der Basis unserer Demokratie, die uns viele wichtige Rahmenbedingungen unserer Arbeit garantiert (oder es jedenfalls idealerweise tun sollte), darunter etwa die viel diskutierte Wissenschaftsfreiheit. Gleichgültig oder ‚neutral‘ gegenüber dieser Demokratie zu sein in dem Sinne, dass wir als Wissenschaftler_innen oder wissenschaftliche Institutionen nicht für sie einstehen, erscheint daher wie ein Akt der vorsätzlichen Selbstzerstörung, der wohl kaum geboten sein kann. Ja, wir wissen es bereits, es gibt einen Einwand dagegen: Wann immer wir die Rolle der Demokratie für die wissenschaftliche Arbeit betonen, kommt irgendwer um die Ecke und weist uns darauf hin, dass auch in nicht demokratisch verfassten Systemen Wissenschaft stattfinde, teils sogar erfolgreich. Nun: Es mag sein, dass es einzelne Disziplinen gibt, die auch ohne Demokratie keinerlei Einbußen haben, was ihre Arbeit betrifft — aber wenn man Disziplinen nicht gegeneinander ausspielen möchte und Wissenschaft als Gemeinschaftsprojekt versteht, für das ein Vielklang von Disziplinen wesentlich ist, kommt man hier schnell an Grenzen.
Unabhängig vom selbstzerstörerischen Charakter einer Anerkennung der Forderung, gegenüber der Demokratie neutral zu sein, ist auch völlig unklar, woraus sich eine solche Forderung plausiblerweise speisen sollte. Denn auch, wenn man davon ausgeht, dass wissenschaftliche Arbeit als solche neutral zu sein hat (und diese Idee bedarf ebenfalls gewisser Einschränkungen, dazu gleich mehr), dann geht es bei der Frage, ob sich Wissenschaftler_innen im Hinblick auf die Demokratie positionieren dürfen oder sollen, doch um etwas völlig anderes als wissenschaftliche Arbeit. Regeln und Normen, die für bestimmte berufliche Tätigkeiten etabliert sind, gelten nicht einfach automatisch auch in Bereichen, wo sich Angehörige der entsprechenden Berufsgruppe — wie es allen zusteht — als politische Akteur_innen engagieren. So können Menschen etwa Mitglieder in Parteien sein, selbst, wenn sie sich in ihrer Berufsrolle (als Wissenschaftler_innen, Lehrer_innen, sonstige Beamt_innen …) nicht für eine bestimmte Partei aussprechen dürfen. Das zu vermischen kommt einem Kategorienfehler gleich, denn es wirft zwei Rollen unzulässig durcheinander: die politische Rolle und die Berufsrolle. Menschen sind (ebenso wie Institutionen) branchenunabhängig ohnehin politische Akteur_innen (selbst, wenn sie von sich selbst behaupten, „unpolitisch“ zu sein — auch „unpolitisch“ sein ist politisch, man kann ebenso wenig nicht politisch sein, wie man nicht kommunizieren kann). Selbst wenn man es also für überzeugend hält, dass Wissenschaftler_innen neutral zu sein haben, während sie als Wissenschaftler_innen tätig sind, dann folgt daraus mitnichten, dass sie sich auch in der politischen Sphäre zurückhalten müssen.
Wissenschaftliche Arbeit: Wenn überhaupt Neutralität, dann nicht im Sinne eines moralischen anything goes!
Aber selbst im Rahmen wissenschaftlicher Arbeit scheint es fragwürdig, ein nicht näher bestimmtes Neutralitätsgebot anzunehmen — insbesondere dann, wenn wissenschaftliche Arbeit dadurch zum moralfreien Raum werden soll. Schließlich gibt es eine Reihe von moralischen Leitplanken, durch die Wissenschaftler_innen nicht einfach durchbrettern können und sollten. Sie sind etwa unter dem Stichwort „Gute wissenschaftliche Praxis“ etabliert, teils auch als disziplinspezifische berufsethische Normenkataloge. Im Kodex der DFG (Opens in a new window) heißt es beispielsweise: „Wissenschaftler*innen tragen Verantwortung dafür, die grundlegenden Werte und Normen wissenschaftlichen Arbeitens in ihrem Handeln zu verwirklichen und für sie einzustehen.“ Wissenschaftliche Thesen und Methoden, die es erforderlich machen, normative Leitplanken zu ignorieren, lassen sich insofern auch nicht einfach durch einen Verweis auf ein Neutralitätserfordernis rehabilitieren, weil sie eben im Widerspruch zu dem stehen, was wir aus guten Gründen (und oft nach längeren Aushandlungsprozessen) für richtig halten: Die Vorstellung, Wissenschaft hätte neutral zu sein in dem Sinne, dass Normen und Werte für sie keinerlei Geltung haben, kann nicht überzeugen.
Es gehört zu den Errungenschaften unserer Zivilisation, dass wir Moral als Maßstab unseres Handelns anerkennen, und wir sehen nicht, warum das für Wissenschaftler_innen anders sein sollte als für andere Berufsgruppen. Von Köch_innen erwarten wir schließlich auch, dass sie auf giftige Zutaten im Essen verzichten, ohne uns darüber zu echauffieren, dass sie damit den zu Bewirtenden möglicherweise kulinarische Genüsse vorenthalten. Weil es zwar zu ihrem Beruf gehört, idealerweise solche Genüsse zu erzeugen, aber eben nicht um den Preis des Lebens oder der Gesundheit ihrer Gäst_innen. Aus gutem Grund ist diese Entscheidung hier auch nicht dem Individuum vorbehalten, sondern gesetzliche Vorgaben sichern das Wohlbefinden der Restaurantbesucher_innen. Moral ist Kern vieler rechtlicher Regelungen: Recht ist ein institutionalisiertes Mittel, um darauf hinzuwirken, dass moralischen Normen entsprochen wird. Dass es mitunter einen Clash zwischen Recht und Moral gibt, der bestehende rechtliche Regelungen unter Druck setzt, stellt diese Verbindung nicht in Frage, im Gegenteil: Es zeigt, dass wir eine Übereinstimmung von Recht und Moral für wünschenswert halten. Die Forderung nach Neutralität neutralisiert also nicht einfach Normen und Werte, die den Rahmen wissenschaftlicher Arbeit bilden: Ein ergebnisoffenes wissenschaftliches Erkenntnisinteresse in allen Ehren, aber ein solches steht nicht über der Moral — wissenschaftliche Arbeit sollte nicht über moralische Leichen gehen! Nicht zuletzt sind Wissenschaftler_innen — besonders als Beamt_innen — durch ihren Eid auf das Grundgesetz verpflichtet. Auch in diesem Sinne können sie niemals neutral sein. Wo sie Angriffe auf das Grundgesetz erkennen, müssen sie sich diesen entgegenstellen. Das gilt für Lehrkräfte an Schulen genauso wie für Beschäftigte in der Wissenschaft. Daran kann man dieser Tage nicht oft genug erinnern.

Souveränität statt Defensive
Schließlich: Selbst, wenn wir uns den an uns herangetragenen Neutralitätsforderungen beugen, ist die Frage, was wir dabei überhaupt gewinnen können. Wollen wir trotz guter Gründe für unser Handeln dennoch versuchen, neutral zu sein, nur, um andere zufriedenzustellen — darunter auch Populist_innen und Rechtsextreme, die wohl kaum das Wohl der Wissenschaft im Sinn haben? Der Versuch, neutral zu sein, führt ebenso wie die Rechtfertigung der eigenen Nicht-Neutralität in die Defensive. Und damit ist das Ziel erreicht, das mutmaßlich hinter den Neutralitätsforderungen steckt: Wissenschaftler_innen ziehen sich aus dem Diskurs zurück aus Angst und vorauseilendem Gehorsam. Und geben die Bühne frei für Kräfte, die aktiv an der Diskreditierung von Wissenschaft arbeiten. Wir schaden also nicht nur uns selbst, wenn wir es versäumen, selbstbewusst manipulativen Neutralitätsforderungen entgegenzutreten. Wir machen uns mitschuldig am Niedergang unserer Demokratie.
Kann man Forderungen nach Neutralität durch Argumente ausräumen? Es kommt darauf an. Ja, es mag Fälle geben, in denen diejenigen, die eine Neutralitätspflicht ausrufen, sich von guten Argumenten überzeugen lassen, warum man einer solchen Pflicht nicht entsprechen kann oder will. Nur: Den Wissenschaftsfeind_innen, die bestimmte Disziplinen aus politischen Gründen abräumen wollen, wird man vermutlich noch so bestechende Argumente vorlegen können — es steht zu bezweifeln, dass sie sich damit zufriedengeben werden. Doch auch die Hoffnung, dass man das Gegenüber mit Entgegenkommen zufriedenstellt, dürfte eine Illusion sein. Eher wird es als Ermutigung gelten, Wissenschaftler_innen mit der nächsten Zumutung zu konfrontieren — gegen die man sich dann umso schwerer wehren kann, weil man der ersten nachgegeben und sich selbst ohne Not in eine schwache Position gebracht hat.
Wissenschaftler_innen sind nicht neutral. Nicht, wenn sie als politische Akteur_innen auftreten, und auch nicht im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Arbeit, die stets sozial geprägt ist, durchsetzt von Normen, und die sich — zum Glück — nicht außerhalb der Moral abspielt. Es stünde uns allen gut zu Gesicht, diese Nicht-Neutralität souverän anzunehmen, statt im Versuch, sie abzulegen, die Deutungshoheit über Wissenschaft und Demokratie anderen zu überlassen.