Es ist jedes Mal aufs Neue erfreulich, wenn die Diskussionen zu #IchBinHanna in zentralen politischen Institutionen stattfinden — so auch letzte Woche wieder, als im Forschungsausschuss des Deutschen Bundestags ein Fachgespräch zum Thema „Weiterentwicklung von Stellenprofilen und Department-Strukturen an Hochschulen“ stattfand. Das Gespräch konnte man über das Parlamentsfernsehen live verfolgen (anders als die Ausschusssitzungen, die weiterhin hinter verschlossenen Türen stattfinden, was wir hier (Opens in a new window) bemängelt haben) und man kann es auch nachträglich ansehen (Opens in a new window). Der Ausschussvorsitzende Karl Lauterbach (SPD) fiel direkt zu Beginn der Sitzung aus seiner Rolle als Moderator, indem er ein an Eindeutigkeit nicht zu überbietendes Votum für die Departmentstruktur vorausschickte — er sagte vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen als „Inhaber eines Lehrstuhls“ in Köln und Mitglied eines Departments an der Harvard Medical School: „Ich persönlich halte diese Departmentstruktur für überlegen“. Es verwundert nicht, dass Lauterbach sich derart klar positioniert, denn die Argumente, die für Departments sprechen, sind bestechend — die dagegen vorgebrachten Argumente wirken demgegenüber völlig aus der Zeit gefallen. Zur Erinnerung: Bereits 2017 veröffentlichte die Junge Akademie ihren Debattenbeitrag „Departments statt Lehrstühle: Moderne Personalstruktur für eine zukunftsfähige Wissenschaft“ (Opens in a new window). Fast ein Jahrzehnt ist seitdem vergangen, passiert ist an den Hochschulen in dieser Zeit wenig.
Das Fachgespräch im Forschungsausschuss: Dreieinhalb Voten für Departments
Drei der fünf in den Forschungsausschuss eingeladenen Expert_innen äußerten sich letzte Woche äußerst nachdrücklich für eine Reform hin zu Departmentstrukturen: Lisa Niendorf, Autorin des SPIEGEL-Bestsellers UNIversal gescheitert (Opens in a new window), forderte „Verlässlichkeit, Fairness und Würde“ für Wissenschaftler_innen und schlug vor, mit einer Exzellenzinitiative für gute Arbeit in der Wissenschaft darauf hinzuwirken: Universitäten bekämen dabei eine Anschubfinanzierung für die Umgestaltung hin zu Departments. Ihr Lob des Wissenschaftsratspapiers zu Personalstrukturen (Opens in a new window) flankierte sie allerdings mit dem Hinweis, dass es flexiblere Stellenprofile brauche: „Statt starren Funktionen, die ja in sich schon wieder Hierarchien schaffen, möchte ich gerne für Postdocs mehr Flexibilität schaffen“. Wer ihre Argumente im Detail nachlesen möchte und mehr erfahren will zu den Portfolio-Stellenprofilen, die sie vorschlägt, findet ihre Stellungnahme hier (Opens in a new window).
Es folgte Tilman Reitz, Professor für Soziologie an der Uni Jena und schon seit vielen Jahren wissenschaftspolitisch engagiert. Er führte überzeugend aus, warum die Departmentstruktur „mit Recht state of the art“ sei — eine Befristung nach der Promotion vergeude „extrem viel Potential“. Er sprach sich für eine sachgerechte WissZeitVG-Reform aus: Der Bund müsse „ordentlich ran ans WissZeitVG“. Er verwies auch darauf, dass man Unis finanziell unter Druck setzen könne — indem bestimmte Befristungsquoten zu geringerer Finanzierung führen.
Tobias Rosefeldt, Philosophieprofessor an der HU Berlin und ebenfalls seit Jahren eine wichtige wissenschaftspolitische Stimme, konnte eindrücklich aus seinen Erfahrungen bei der Umgestaltung des eigenen Instituts hin zur Departmentstruktur berichten. Er verwies u.a. darauf, dass die dadurch gewonnene Attraktivität der Stellen einen sichtbaren Standortvorteil mit sich bringe, was sich auch an der Anzahl, Qualität und Internationalität der Bewerbungen für die neu geschaffenen Departmentstellen zeige (hier (Opens in a new window) kann auch sein Statement im Detail nachgelesen werden).
Anja Steinbeck, Rektorin der Uni Düsseldorf, war zwar ihrer Rolle entsprechend zurückhaltender als ihre Vorredner_innen, wurde aber dann doch erstaunlich deutlich, was ihre eigene Haltung zu Departments betrifft, die sie direkt auch anderen Hochschulleitungen zuschrieb: „Es gibt glaube ich keine Hochschulleitung, die sich gegen ein Departmentmodell richtet“. Dass sie kein 100%iges Plädoyer für Departments vorbrachte, lag, so führte sie aus, daran, dass die Professor_innenschaft davon weniger zu überzeugen sei — sie schob also letztlich die Schuld für die bislang verpasste Reform auf diese Statusgruppe. Zum Glück gibt es allerdings einige Professor_innen, die man hier klar ausnehmen muss, siehe etwa die Mitglieder des wichtigen wissenschaftspolitischen Netzwerks Nachhaltige Wissenschaft (Opens in a new window).
Das Schlusslicht der Expert_innenrunde bildete die Rektorin der Uni Wuppertal, Brigitta Wolff. Sie und ich saßen bereits 2024 zusammen im Wissenschaftsausschuss des NRW-Landtags (sie sprach damals von ihrer Befürchtung, dass sich unbefristet beschäftigte Wissenschaftler_innen auf ihren Stellen ‚einkuscheln‘ wollen (Opens in a new window) und schenkte uns damit den Hashtag #Einkuscheln). Seit 2024 haben sich ihre antiquierten Ansichten nicht geändert: Sie betonte, diejenigen, die „wir“ halten wollen, könne man auch im aktuellen System halten, fand es ganz prima, dass eine Generation von Wissenschaftler_innen nach der nächsten hochqualifiziert aus dem System ausscheidet und plädierte dafür, dass Profs die ‚falschen‘ Leute doch nur mal richtig rausberaten müssten. Bei solchen Äußerungen frage ich mich jedes Mal aufs Neue, ob denen, die sie tätigen, eigentlich klar ist, dass die gesamte Wissenschaftsgemeinschaft dabei zuhört — und damit auch wir befristet Beschäftigten. Wer so über befristete Wissenschaftler_innen spricht, zeigt, wie sehr es im aktuellen Wissenschaftssystem an Respekt, Anerkennung und Wertschätzung mangelt. Die Erzählung, man könne die richtigen Leute schon halten, wenn man es wolle, ist ein gutes Beispiel für „survivorship bias by proxy“: Wer nicht imstande ist, das eigene Leitungshandeln kritisch-distanziert zu reflektieren, kommt auch nicht auf die Idee, dass es dazu führen könnte, dass viele aussichtsreiche Karrieren in der deutschen Wissenschaft enden müssen. Auf Bluesky gab es entsprechend auch Kommentare von Wissenschaftler_innen, in denen sie die Uni Wuppertal als zukünftige Arbeitgeberin ausschlossen — der Auftritt von Frau Wolff wirkte tatsächlich wie eine Anti-Werbekampagne für die eigene Einrichtung. Man sollte meinen, dass eine Hochschulrektorin in der Lage sein muss, die öffentliche Wirkung ihrer Aussagen und die Folgen für das Image ihrer Institution abzuschätzen.
Ceterum censeo: Wir brauchen rasch eine grundlegende Reform – solange überhaupt noch Leute in der deutschen Wissenschaft arbeiten wollen!
Das ist es auch, was ich an der jahrelangen Debatte immer wieder frappierend finde: Dass manche Beteiligten nach wie vor so agieren, als spiele sich diese Debatte im Geheimen ab und nicht in der Öffentlichkeit, zu der eben auch die #IchBinHanna-Community gehört, die alle getätigten Redebeiträge mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Wir wissen, dass die deutsche Wissenschaft längst mit dem Fachkräftemangel kämpft. Potenzielle Beschäftigte auf diese Weise abzuschrecken, ist strategisch gesehen ein dermaßen kontraproduktiver Move, dass ich es manchmal kaum glauben kann, wie offensichtlich einzelne Personen mit Leitungsverantwortung ihre Geringschätzung für befristet beschäftigtes wissenschaftliches Personal vor sich hertragen. Zum Glück muss man aber sagen: Diese Personen sind zunehmend in der Minderheit. Ein reformiertes deutsches Wissenschaftssystem, das fair und zukunftsfähig aufgestellt ist, gewinnt immer mehr Fürsprecher_innen. Man sieht es allein daran, dass Frau Wolff die einzige Sachverständige mit derart überholten Ansichten war — das sah in der Vergangenheit schon einmal anders aus. Hier zeigt sich ein Effekt unserer jahrelangen wissenschaftspolitischen Arbeit, der so positiv ins Gewicht fällt, dass er für mich persönlich auch die Redundanz der Diskussionen etwas erträglicher macht.
Allerdings gilt gleichzeitig: Wir alle — und damit meine ich die befristet Beschäftigten ebenso wie die Befürworter_innen eines zeitgemäßen Wissenschaftssystems — führen diese Diskussionen nun seit vielen Jahren. Wir haben die WissZeitVG-Reform der Ampel-Regierung fast bis zu ihrem Abschluss begleitet, woraus dann nichts wurde, weil die Regierung sich vorher zerlegt hat. Umso bedeutsamer ist das Versprechen der aktuellen Bundesregierung, das WissZeitVG bis Mitte 2026 reformieren zu wollen, nachzulesen im Koalitionsvertrag. Viel von dem Schaden, der durch respektlose Argumentation, zähe Debatten und nach wie vor zu wenig substanzielle Änderungen angerichtet wurde, wäre dadurch noch zu reparieren. Ich kann mich daher nur den Worten anschließen, die Lisa Niendorf zum Abschluss ihres Statements an die Bundespolitiker_innen gerichtet hat: „Der Prüfstein ist also der Mut, ob Sie bereit sind, das Offensichtliche wirklich zu tun“.

In diesem Sinne schließe ich mit einem ‚Save the date‘: Wer im deutschen Wissenschaftssystem ernsthaft etwas verändern will und Lust hat, die Diskussion jenseits eingetretener Pfade zu führen, kann das gemeinsam mit uns #IchBinHanna-Initiator_innen vom 8.-10. Mai 2026 an besonderem Ort tun. Wir werden in der Evangelischen Akademie Tutzing unter dem Motto „Wissenschaft braucht Perspektiven“ gemeinsam Lösungen entwickeln, um das deutsche Wissenschaftssystem besser zu machen. Dabei werden wir nicht nur über die Umgestaltung überkommener Strukturen innerhalb dieses Systems sprechen, sondern auch klassische Tagungsstrukturen aufbrechen — damit alle, die dort diskutieren, selbstbestimmt eigene Themen einbringen können. Details gibt es demnächst hier (Opens in a new window). Wer dabei sein möchte, sollte sich den Termin schon einmal vormerken und das Formular für eine Benachrichtigung zu Updates ausfüllen!
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Damit geht dieser Newsletter in die Frühlingspause bis zum 7. April — dieses Jahr gibt es eine längere Pause, weil ich an meiner beruflichen Zukunft arbeite und mich außerdem von einem (nicht nur im positiven Sinne) ereignisreichen Jahr 2025 erholen möchte. Zumindest kann ich aber mit einer für mich erleichternden Nachricht schließen: Ich habe endlich eine offizielle Rückmeldung zu meiner Zwischenevaluation — sie wurde positiv beschieden, sodass ich die Möglichkeit erhalte, noch zwei weitere Jahre als Juniorprofessorin in Stuttgart tätig zu sein.