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ICE bitte nur im Spritz

📍 Rom, Milano-Cortina & Sizilien

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

die große Herausforderung in diesem Newsletter war, allen Themen im Januar gerecht zu werden. Wo anfangen? Wo aufhören?

In diesem Newsletter geht es um die Präsenz von ICE bei den Olympischen Spielen in Milano-Cortina, den Sturm Harry, ciclone Harry, der in Sardinien, Sizilien und Kalabrien gewaltige Schäden angerichtet hat, und es geht um zivile Seenotrettung. Das Herzstück bildet ein Interview mit Anna di Bari, die Mitglied im Vorstand von Sea-Eye ist. Sie spricht darin unter anderem über italienische Gesetze und deren Einfluss auf Rettungsmissionen der NGO im Mittelmeer.

Vorher schaue ich mit Ihnen aber noch in einer Kirche in Rom vorbei…

Aiuto, Hilfe. . . Meloni als Engel?!

Als gestern, also am Samstag, auf dem Instagram-Profil von Giorgia Meloni ein Foto auftauchte, auf dem das Fresko eines Engels (Opens in a new window)erkennbar ist, welcher der Regierungschefin extrem ähnlich sieht, dachte ich zunächst, das sei ein Fake.

Das Engelchen Giorgia Meloni?

Falsch gedacht. Alles war echt. Ein Meloni-Engel.

Hintergrund: In der Basilika San Lorenzo in Lucina in Rom fand eine Restaurierung statt. Und jetzt sieht das Gesicht eines Engels in der Kirche allerdings sehr aus wie der Kopf der Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. Zuvor war an der gleichen Stelle ein anonymer Engel zu sehen.

Wie die Tageszeitung La Repubblica berichtet, scheint es sich beim Künstler dieses Werks nicht um jemanden aus dem offiziellen Restaurierungsteam zu handeln (Opens in a new window), sondern um den Mesner und Dekorateur Bruno Valentinetti. Er habe das Fresko sogar mit seinem Namen signiert.

Politisch wird dieser, so berichtet die italienische Tageszeitung, dem rechten Spektrum zugeordnet (er soll für die Partei La Destra - Fiamma Tricolore kandidiert haben). Außerdem soll Valentinetti in der Vergangenheit für Renovierungsarbeiten in der Villa von Silvio Berlusconi beschäftigt worden sein. Ob er da wohl Berlusconi-Engel gemalt hat?

Keiner hat’s gemerkt

Und ja, anscheinend ist dieser kleine Schönheitseingriff in der Basilika niemandem sonst, nicht einmal dem Pfarrer, aufgefallen.

Und jetzt? Das zuständige Bistum der italienischen Hauptstadt soll die Angelegenheit mit dem Pfarrer klären und mögliche Maßnahmen prüfen.

Der Bischof von Rom ist übrigens Papst Leo XIV. Ich wünsche viel Erfolg bei der Klärung dieser künstlerischen Angelegenheit. 👨‍🎨

ICE-Präsenz in Italien?

Die Olympischen Winterspiele finden in Mailand und Cortina d’Ampezzo vom 6. bis 22. Februar statt. Eng damit verbunden ist auch immer der Gedanke des olympischen Friedens.

Für Empörung sorgte in der vergangenen Woche die Nachricht, dass Beamte der US-Einwanderungsbehörde ICE während der Olympischen Spiele in Italien präsent sein sollen. Sie sollen für die Sicherheit der US-Delegation, von Vizepräsident JD Vance und Außenminister Marco Rubio zuständig sein. Rubio und Vance nehmen an der Eröffnungszeremonie am 6. Februar teil. Sämtliche Sicherheitseinsätze unterlägen weiter der italienischen Hoheit, hieß es.

Regierungschefin Giorgia Meloni, die eine gute Beziehung zu Trump pflegt, hat sich dazu bis heute nicht geäußert. Der italienische Außenminister Antonio Tajani kommentierte, nachdem sich Politiker und große Teile der italienischen Bevölkerung entsetzt zeigten, nur: „Es ist ja nicht so, dass die SS kommt“ (Opens in a new window). Diese beschwichtigende Aussage, die Verharmlosung von ICE bestätigt eigentlich nur, was schon die ganze Zeit aus berechtigtem Grund im Raum steht: die Sorge vor der Normalisierung einer Sicherheitslogik, die mit demokratischen Werten und Rechtsstaatlichkeit nicht vereinbar ist.

Klare Worte hingegen fand Mailands Bürgermeister Beppe Sala. In einem Interview sagte er: „Das geht so nicht. Die Olympischen Spiele sollen ein Moment des Friedens sein. Und dann lassen wir diese Miliz zu uns kommen, die in Amerika tötet, die ohne Befugnis Häuser betritt. Das ist wirklich ein Widerspruch, den ich nicht akzeptieren kann. Ich frage mich, warum unsere Regierung nicht einmal nein zu Trump sagen kann? (…).“ (Opens in a new window)

Beppe Sala im Interview: "Ich frage mich, warum unsere Regierung nicht einmal nein zu Trum sagen kann?"
Mailands Bürgermeister Beppe Sala im Interview: "Ich frage mich, warum unsere Regierung nicht einmal nein zu Trum sagen kann?"

„Ice only in Spritz“

Am Samstag protestierten in Mailand Tausende Menschen gegen die Präsenz von ICE (Opens in a new window) bei den Olympischen Spielen. Die Demonstration auf der Piazza XXV Aprile, einem Platz, der nach dem Datum der Befreiung Italiens vom nationalsozialistischen Faschismus im Jahr 1945 benannt ist, füllte sich mit Teilnehmern und Teilnehmerinnen, die eine klare Message hatten: ICE out, No ICE in Milano und ICE only in Spritz, hieß es auf den Bannern.

https://www.youtube.com/watch?v=3rN4s2vxo-4 (Opens in a new window)

Zyklon Harry in Süditalien

Eine Woche nach dem Unwetter in Sizilien, Kalabrien und Sardinien fehlen mir noch immer die richtigen Worte.

Der Klimawandel macht vor niemandem halt. Dass Sizilien besonders betroffen ist, habe ich im Sommer 2023 selbst erlebt: extreme Hitze, Blackouts, Brände, Löschflugzeuge, die Wasser aus dem Meer aufnahmen.

Vor drei Jahren blieb ich mit meiner Familie in Catania hängen, aufgrund von Bränden konnten wir am geplanten Tag nicht zurück nach München fliegen. In Aci Castello, unweit von Catania, kamen wir eine Nacht unter. Abends gingen wir gemeinsam essen, im Lokal Mama Sea. Auf meinem Handy habe ich noch ein Foto davon gefunden: Ich hatte meinen Teller fotografiert.

Das Lokal in Aci Castello, in dem ich diesen Teller Pasta gegessen habe, gibt es aktuell nicht mehr. Es ist eines von vielen, das vom Sturm zerstört wurde. An diesen Lokalen hängen Existenzen von Menschen, die sich das über Jahre aufgebaut haben. Sie leben davon, nicht nur in den Sommermonaten. Zerstört wurden nicht nur Restaurants, sondern auch Wohnhäuser.

So sieht das Lokal Mama Sea in Aci Castello jetzt aus:

https://www.localteam.it/video/ciclone-harry-parla-titolare-stabilimento-danneggiato-a-aci-castello-1769271486953 (Opens in a new window)

Besonders erschreckend ist, wie lange es gedauert hat, bis über das Ausmaß der Zerstörung in italienischen Medien berichtet wurde und Hilfe angekündigt wurde. Bis Giorgia Meloni nach Tagen endlich mal in ein betroffenes Gebiet reiste. Alles Dinge, die bei der Überflutung in der Emilia-Romagna schneller und anders liefen. 

Eine solche Notlage aber kann theoretisch jede Küste, jedes Gebiet in Italien treffen. Viele Menschen in Süditalien und auf den Inseln sind gerade wütend, fühlen sich im Stich gelassen.

Hier zeigt sich das Nord-Süd-Gefälle, der sogenannte „antimeridionalismo“.

Wie erklärt man das? In Luchino Viscontis Film „Rocco und seine Brüder“, gibt es die folgende Szene: Eine aus Süditalien stammende Familie zieht nach Mailand in eine Arbeiterwohnung, wo sie von einer Nachbarin während des Umzugs mit all ihren Sachen beobachtet werden. Diese Frau murmelt, während sie Roccos Familie abschätzig beobachtet: „Africa.“ 

Das ist stark vereinfacht und es gibt dazu natürlich noch viel mehr zu sagen aber das ist „antimeridionalismo“ kurz erklärt. Ein strukturelles Problem, das man eigentlich schon längst überwinden wollte, aber sich heute dennoch immer wieder in unterschiedlichen Situationen manifestiert.

Wer helfen kann und möchte: HIER habe ich eine Link-Sammlung zu Spendenaktionen vor Ort erstellt, weitere ergänze ich laufend. (Opens in a new window)

Das Mittelmeer als Fluchtroute

Während des Zyklons Harry kam es außerdem zu einer schweren Katastrophe im Mittelmeer, als mehrere Boote mit Flüchtenden versuchten, von Tunesien nach Lampedusa zu gelangen (Opens in a new window).

Durch den Sturm, der auch auf dem Meer tobte, kamen 50 Menschen ums Leben, rund 380 weitere Personen werden weiterhin vermisst.

Sie haben davon nichts gehört? Diese Nachricht blieb im Gemenge der Geschehnisse der letzten Tage fast unbeachtet. Das Mittelmeer ist noch immer eine gefährliche Fluchtroute.

Dort kommen NGOs zum Einsatz, die die Menschen vor dem Ertrinken retten. Eine, die weiß, wie Rettungsmissionen ablaufen, ist Anna di Bari, Mitglied im Vorstand von Sea-Eye.

Im Gespräch: Anna di Bari
Mitglied im Vorstand von Sea-Eye

Anni di Bari hatte 2021 das erste Mal Kontakt mit Sea-Eye. In Bochum verhandelte sie nach den Kommunalwahlen (Anna kommt aus der Kommunalpolitik) das Anliegen, die Patenschaft für ein ziviles Seenotrettungsschiff zu übernehmen. Als es darum ging, wie dies konkret umgesetzt werden sollte, erhielt sie über einen Freund den Kontakt. Am Ende gelang es, das Projekt in Bochum erfolgreich umzusetzen. Von da an blieb sie fortlaufend mit verschiedenen Personen der Organisation in Kontakt. Seit Anfang 2024 ist Anna di Bari Mitglied im Vorstand von Sea-Eye (Opens in a new window).

Anna di Bari, Vorstandsmitglied Sea-Eye, Foto: Dominik Butzmann

Wenn wir das gesellschaftlich aufgeben und akzeptieren, dass tausende Menschen ertrinken, dann ist das eine moralische Bankrotterklärung. - Anna di Bari, Sea-Eye

Im Interview spricht sie über Seenotrettung, italienische Gesetze, welche die Arbeit von NGOs auf dem Mittelmeer erschweren, und darüber, warum zehn Jahre zivile Seenotrettung kein Grund zum Feiern sind.

Sea-Eye wurde in Regensburg gegründet, ist mittlerweile mit Freiwilligen in ganz Deutschland organisiert und hat ein Basecamp auf Sizilien. Was passiert dort?

Anna di Bari: Das Basecamp ist der logistische Knotenpunkt für die Einsätze der Sea-Eye 5 und ist, wenn man so will, die Erweiterung des Schiffes und dient für die Vorbereitung, Bevorratung der Rotationen und als Ort, an dem die Trainings stattfinden können. Südsizilien ist gut geeignet, da wir von dort schnell ins Einsatzgebiet kommen.

Wie läuft eine Rettungsmission in der Regel ab?
Nach der Vorbereitung und den Trainings macht sich die Crew auf den Weg ins Einsatzgebiet. Von den Aufklärungsflugzeugen ziviler Organisation oder Alarmphone (Opens in a new window), durch eigene Suche oder durch die Seenotrettungsleitstellen erhält die Crew Infos über Seenotfälle und macht sich dann sofort auf den Weg zu diesem Fall. Die Einsatzkräfte führen diese Einsätze in Absprache mit den zuständigen Behörden durch.

Wie kann man sich so eine Situation auf dem Meer vorstellen?
Ist die Sea-Eye 5 in Nähe des Seenotfalls, nähert sich die Crew den Menschen mit einem Schnellboot und verteilt Rettungswesten. Anschließend werden sie zum Rettungsschiff gebracht. Viele der Menschen sind nach der langen Zeit auf dem Meer dehydriert, haben Verletzungen oder sind unterkühlt. An Bord der Sea-Eye 5 erhalten sie Zugang zu Wasser, Decken oder werden notversorgt. Die Behörden weisen dann einen sogenannten „Place of Safety“, also einen Hafen, zu, zu dem das Schiff mit den geretteten Menschen sich dann auf den Weg macht. Die Sea-Eye 5 kann bis zu 100 gerettete Personen aufnehmen.

Die Sea-Eye 5, Foto: Maik Lüdemann
Die Sea-Eye 5, Foto: Maik Lüdemann

Der Weg zum Hafen gestaltet sich nicht immer problemlos. Stichwort: „Piantedosi-Dekret“. Kannst du erklären, was es mit diesem italienischen Dekret auf sich hat?
Das Piantedosi-Dekret, das nach dem italienischen Innenminister Matteo Piantedosi benannt ist, wurde Anfang 2023 vom italienischen Senat verabschiedet und hat die rechtliche Situation für zivilgesellschaftliche Seenotrettungsorganisationen erheblich verschärft.

Wie genau?
Ein zentraler Punkt des Dekrets ist, dass Schiffe direkt zu einem ihnen zugewiesenen Hafen fahren müssen, ohne unterwegs weitere Personen in Not aufnehmen zu können. Auch, wenn die Kapazität an Bord das hergeben würde. Hinzukommt, dass die von den italienischen Behörden zugewiesenen Häfen oft in weiter Entfernung liegen, statt etwa im Süden von Sizilien.

Verstöße gegen diese Regelung können mit Geldstrafen und Festsetzungen bis hin zur Beschlagnahmung von Rettungsschiffen geahndet werden. Auf Grundlage dieses Dekrets wurde die SEA-EYE 4, unser ehemaliges Schiff, im März 2024 für 60 Tage festgesetzt. Einige Monate später wurde diese Festsetzung für rechtswidrig erklärt, aber es ist natürlich mit großem Aufwand, Einsatzunfähigkeit und Kosten verbunden.

Italienische Gerichte bestätigen immer wieder die Rechtswidrigkeit von derartigen Festsetzungen.
Vor allem ist es eine enorme Belastung für die geretteten Personen an Bord, die ohne Sachgrund an Bord eines Schiffes bleiben müssen, statt an Land zu kommen, wo notwendige medizinische Behandlungen anstehen. Politisch ist es Kalkül: Wenn wir erst einige Tage auf dem Weg in einen nördlichen Hafen sind, sind das Tage, in denen wir nicht im Einsatzgebiet sein und unseren eigentlichen Job machen können. Damit wird seit Jahren gespielt.

Die Liste der gerichtlichen Auseinandersetzungen ist lang - mit beachtlichen Ergebnissen, die immer wieder bestätigen, dass die zivile Seenotrettung nicht Recht bricht, sondern Recht einhält, das von anderen Akteur*innen auf und um das Meer nicht beachtet wird.

Mitglied der Sea-Eye während einer Rettungsaktion, Foto:
Mitglied der Sea-Eye während einer Rettungsaktion, Foto: Soizic Roux

Wie wird koordiniert welches Schiff welcher NGO zu einem Einsatz ausfährt? Tauscht ihr euch mit anderen Teams aus?
Bei Seenotrettungsfällen gilt, dass das Schiff, das den Fall am schnellsten erreichen kann, Hilfe leistet. Zwischen den NGOs besteht ein enger Austausch und es wird insgesamt geschaut, dass zeitlich und geographisch möglichst das zentrale Mittelmeer gut abgedeckt ist. Grundsätzlich gilt die Pflicht zur Seenotrettung übrigens für jedes Schiff in der Nähe, also zum Beispiel auch für Containerschiffe (internationales Seerecht (Opens in a new window)).

Nicht selten hört man von kritischen Stimmen, die Präsenz von Rettungsschiffen verleite Menschen erst recht dazu, die Route über das Mittelmeer zu nehmen. Rettungsorganisationen werden dann als „Pull-Faktor“ bezeichnet.
Ich kenne kaum Thesen, die sich so hartnäckig halten, wie die der Pull-Faktoren, egal wie historisch überholt es ist. Aber es unterstreicht ganz gut, wie aufgeladen der Migrationsdiskurs ist. Es ist absurd wie einfach so eine These in den Raum geworfen wird. Sie bleibt in einer Echokammer erhalten, obwohl wir uns keine Vorstellung davon machen können, was es bedeutet eine solch gefährliche Flucht auf sich zu nehmen. An Board sind hochschwangere Frauen, Familien, Kinder ohne ihre Eltern. Menschen, die alles in Kauf nehmen, weil sie sich nichts sehnlicher als Sicherheit wünschen.

Wie oft ist euer Rettungsschiff mit der lybischen Küstenwache zusammen getroffen... und was passiert dann?
Wir werden nicht aufhören, darauf hinzuweisen, welche Strukturen sich hinter der sogenannten lybischen Küstenwache verbergen, die auch mit europäischem Geld finanziert werden und Menschenrechte systematisch verletzten. Der Beschuss von Schiffen im letzten Jahr war sicherlich eine neue Eskalation. Das gewaltvolle Handeln ist trauriger Alltag auf unseren Missionen: Auf der letzten Rotation vergangenen Dezember wurde unsere Crew in der maltesischen SAR-Zone Zeugin eines illegalen Pull-Backs, also einer gewaltsamen Rückführung von Menschen auf der Flucht nach Libyen.

Was versteht man unter den sogenannten „SAR-Zonen?“
Das Mittelmeer, bzw. gilt das für alle Weltmeere, ist in sogenannte „Search and Rescue“-Zonen eingeteilt. Im zentralen Mittelmeer und für unsere Arbeit wichtig sind dabei die italienische, maltesische, tunesische und libysche SAR-Zone. Die Bedeutung ist erstmal, dass in diesen Zonen der jeweilige Staat für die Koordinierung von Seenotrettungsfällen zuständig ist. Zumindest theoretisch, denn in der Praxis erleben wir seit Jahren, dass zum Beispiel Malta dieser Aufgabe nicht nachkommt. Die libysche SAR-Zone und der Legitimität der Akteure dort ist ein riesiges Thema für sich, man denke an den Beschuss von zivilen Seenotrettungsschiffen im vergangenen Jahr.

Du kennst die Debatte um Seenotrettung nicht nur in Deutschland, sondern auch in Italien. Was fällt dir in der italienischen Politik in Bezug auf das Thema Seenotrettung auf?Da macht es Sinn, einmal zurückzuschauen: Die zivile Seenotrettung ist eigentlich erst entstanden, als sich Italien vor etwas über einem Jahrzehnt aus der staatlichen Seenotrettung zurückgezogen hat. Bis 2014 gab es die Seenotrettungsmission „Mare Nostrum“ (Opens in a new window), bei der die italienische Marine mit finanzieller Unterstützung auf dem Mittelmeer gerettet hat. Diese endete dann, auch aufgrund der fehlenden Unterstützung anderer europäischer Partner. Dieser Eindruck in Italien, von Europa allein gelassen zu werden, gepaart mit einer Rhetorik à la Verkehrsminister Salvini und Meloni, die von den NGOs als „taxi del mare“ gesprochen haben und Einfahrten in Häfen verwehrt, sowie große Prozesse losgetreten haben. Für sie funktionieren diese Bilder so gut, weil sie ihre Macht unterstreichen sollen und es in Italien eben ganz unmittelbar diese Nähe zum Mittelmeer gibt.

Foto: Leonard
Foto: Leonard Müller

Seit zehn Jahren gibt es die zivile Seenotrettung nun schon. Kein Grund zu feiern. Mit welchen Gedanken blickst du in die Zukunft?
Nach 10 Jahren ist kein Ende in Sicht, es zeichnet sich keinesfalls ab, dass es die zivile Seenotrettung zeitnah nicht mehr braucht. Aber die letzten zehn Jahre haben auch gezeigt, dass man die zivile Seenotrettung und damit den Einsatz gegen das Massensterben nicht kleinkriegt, auch nicht, wenn Gesetze erlassen und Hürden extrem hochgesetzt werden. Ganz pragmatisch würde ich sagen: Da beißen wir uns auch die nächsten zehn Jahre durch.

Was treibt dich bei deiner Arbeit an?
Ich verstehe Frustration bei allen, die sich engagieren, ziemlich gut. Dieser Frust darf nur eben nicht handlungsleitend werden. Gerade bei der zivilen Seenotrettung denke ich: Wenn wir das gesellschaftlich aufgeben und akzeptieren, dass tausende Menschen ertrinken, dann ist das eine moralische Bankrotterklärung.

Neben Sea-Eye gibt es natürlich noch weitere europäische Seenotrettungsorganisationen, zum Beispiel:

  • Mediterranea Saving Humans (Italien)

  • Sea-Watch (Deutschland, mit Ableger Italien)

  • SOS Mediterranée (Frankreich)

  • Mission Lifeline (Deutschland)

Das war ein voller Newsletter. Danke, dass Sie bis zum Schluss mitgelesen haben, auch wenn es nicht immer bequem war.

Ein kleiner Tipp zum Wochenende: Im Filmmuseum in München gibt es noch bis zum 25. Februar eine Filmreihe zu Luchino Visconti, die ich sehr empfehlen kann. (Opens in a new window)

Eine Lektüreempfehlung, die zwar nicht neu ist, aber zum Thema Fluchtroute über das Mittelmeer passt, ist der Roman Mare al mattino von Margaret Mazzantini, auf Deutsch: Das Meer am Morgen. (Opens in a new window) Das Buch erzählt zwei Lebensgeschichten, zwischen Lybien und Italien. Eine sowohl poetisch als auch politisch erzählte Geschichte.

Und damit: Buona domenica 💌

Wer schreibt?

Ciao, ich bin Ornella und die Autorin hinter Autostrada del sole.
Mit diesem Newsletter möchte ich ein vielschichtiges Bild von Italien zeigen. Abseits von vino, dolce vita und amore. Tipps für Reisen wird es bei mir also nicht, oder, wenn überhaupt, nur in Ausnahmefällen geben.
Stattdessen möchte ich Themen aus Italien aufgreifen, die in Deutschland in dieser Form weniger sichtbar sind. Ich möchte in die Tiefe gehen, euch mitnehmen nach Italien zu Menschen, Geschichten, Orten und Dingen, die ich erzählenswert finde, und euch dazu einladen, auf dieses Land ohne romantisierende Sonnenbrille zu schauen. Und wer weiß, vielleicht entdeckt ihr Italien dann von einer anderen, neuen Seite (und könnt mit dem Wissen beim nächsten Urlaub punkten)?

Foto: Jacky Huynh

Ich bin Tochter und Enkelin italienischer (Gast)arbeiter aus Sizilien, arbeite als Journalistin für verschiedene Medien (u.a SZ, fluter, The Weekender, etc.) und bin zweisprachig aufgewachsen. Studiert habe ich Italienische und Romanische Philologie. Schon immer bewege ich mich viel, bedingt durch meine Familiengeschichte, zwischen Deutschland und Italien. Ich kenne beide Länder sehr gut, bin in München und Süditalien Zuhause. Aus dieser Perspektive heraus möchte euch mitnehmen nach Italien. Schön, dass ihr dabei seid. 💙

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