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#9: Koalition startet in den Herbst // Kult-Trainer trägt kultige Klamotten

Foto von Toru Wa auf Unsplash

Hinter uns liegen drei Monate mit der neuen Koalition aus Union und SPD. Die Anfangsphase war holprig – was folgt jetzt? Und was sollte ein FC-Trainer tragen?

Mmh, das Ende der Sommerferien. Zur Schulzeit einer der schlimmsten Momente, wenn nach dem letzten Sonntag in den Ferien ein trister Montag in der Schule folgte. In Deutschland ist der Großteil der Bundesländer wieder im Schulalltag angekommen, auch die Bundesliga-Saison sorgt wieder für ein bisschen Struktur im Leben.

In Berlin nimmt der Politikbetrieb wieder Fahrt auf, weil in zwei Wochen dort die erste Sitzung nach der Sommerpause ansteht. Dann ist es erst vier Monate her, dass die Kanzlerwahl im zweiten Durchgang aus Merzens Sicht erfolgreich war – ein bis dato einmaliger Vorgang in der Bundesrepublik, der mittlerweile aber aufgrund der diversen Krisenherde mehr oder weniger untergegangen ist. Verrückt, wenn man bedenkt.

Nachdem die schwarz-rote Koalition aus Union und SPD im Mai ihre Arbeit aufgenommen hatte, folgten Mitte August die bekannten 100-Tage-Bilanzen – einer Textsorte, von der auch dieser Newsletter Gebrauch machen wollte. Doch eine etwas ausgedehnte Sommerpause aus Gründen der Belastungssteuerung verhinderte das. Bis jetzt!

Wie lief es für die Koalition bisher?

Ein Blick in Zeitungen, Online-Portale und Bluesky zeigt: Richtig euphorisch fielen die Zwischenzeugnisse der Leit- und Lokalmedien für die Regierung unter Kanzler Merz nicht aus, um es mal positiv zu formulieren. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass wohl keine Bundesregierung in der Moderne jemals vor Herausforderungen dieser Größenordnung gestanden hat.

Für die „Arbeitskoalition“ (zuerst von Merz so bezeichnet; diese Bezeichnung wirft allerdings die Frage auf, was die vorherigen Koalitionen so getrieben haben, haben die etwa nicht gearbeitet, naja) oder auch die „Koalition der Möglichmacher“ (puh) sind enorm viele Baustellen nach wie vor nicht abgeschlossen, teilweise sind sie sogar unbearbeitet geblieben, bei einigen sind sich die Fraktionen offenbar gar nicht einig, ob überhaupt gebaut werden muss oder nicht. Dass sich beide Parteien fortdauernd miteinander streiten, macht es nicht besser.

Wir erinnern uns: Auf den desaströsen Start folgte eine mehr als ruckelige Anfangsphase. Die gescheiterte Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf zur Verfassungsrichterin, die ausgebliebene Stromsteuersenkung für Verbraucher, signifikante Rückschritte in Sachen Klimapolitik – so richtig zufrieden scheinen danach weder das bürgerlich-konservative Milieu der Union noch das ökologisch-sozialdemokratische der SPD zu sein.

Innenpolitisch bleibt unter der Ägide von Minister Alexander Dobrindt besonders die Ignoranz einer gerichtlichen Entscheidung in Erinnerung, als drei Geflüchtete gegen ihre Zurückweisung geklagt und vom Verwaltungsgericht Berlin Recht bekommen hatten. Für den ehemaligen Verkehrsminister und Dobrindt-Intimus Andreas Scheuer geht es wegen der Maut-Geschichte und einer möglichen Falschaussage nun sogar noch vor Gericht, was ist das für ein Land, in dem Minister für ihr Fehlverhalten sogar noch verurteilt werden könnten! Doch wir schweifen ab.

Die Behauptung von Merz und Dobrindt, dass der Beschluss des VG Berlin nur für den Einzelfall eine Bedeutung habe, ist in der Rückschau ein Schlag ins Gesicht für die Glaubwürdigkeit des Rechtsstaats. Über den Sommer hinweg müsste zudem Union-Fraktionschef Jens Spahn hellauf begeistert darüber gewesen sein, dass die öffentliche Aufmerksamkeit über die Maskenaffäre durch andere Themen (Ukraine, Gaza, Trump) in den Hintergrund getreten war. Fest steht aber, dass auch der Fraktionschef und Ehrgeizling arg von der Opposition ins Visier genommen wurde – auch weil er seinen Laden nach wie vor nicht im Griff zu haben scheint.

Trendwort mit F: “Finanzierungsvorbehalt”

Mit Geld konnte die Koalition allerdings schon einige steuerpolitische Punkte für das Kernklientel setzen: wiedereingeführte Agrarsubventionen für Landwirte, Mütterente, Erhöhung der Pendlerpauschale. Unklar ist aber, wie die Koalition eigentlich die Zukunft angehen will – in der Geld mehr denn je entscheidend sein wird, gerade nach der Reform der Schuldenbremse. Über Geld wird in einer Regierung nämlich am liebsten gestritten, wir erinnern uns an die Ampel, die genau deswegen ihr vorzeitiges Ende fand.

SPD-Finanzminister Lars Klingbeil sitzt mit dem Wort „Finanzierungsvorbehalt“ derzeit am längsten Hebel, weil er die Projekte der Ressorts mit einem Federstrich canceln kann. Verzweifelt forderte er vor kurzem von seinen Kabinettskollegen, über Sparpotenziale für den Haushalt 2027 nachzudenken. Da dürften also noch anstrengende spannende Wochen und Monate auf uns zukommen – gerade in Hinblick auf Sozialpolitik.

Während für Rüstung quasi ein unbegrenztes Investitionspotenzial besteht, setzte Merz zumindest rhetorisch schonmal den Rotstift beim Sozialstaat an. „Ich werde mich durch Worte wie Sozialabbau und Kahlschlag und was da alles kommt nicht irritieren lassen“, erklärte der Kanzler. In der Debatte hatte Klingbeil vorher laut über Steuererhöhungen nachgedacht. Der Vizekanzler ist erheblich im Stress, denn als SPD-Vorsitzender (und damit Kapitän auf einem sinkenden Schiff) muss er seine Partei bestmöglich für die nächsten Wahlen rüsten, aber ähnlich wie bei Alemannia Aachen und Energie Cottbus droht auch beim traditionsreichen Willy-Brandt-Haus der Sturz in die dauerhafte Bedeutungslosigkeit.

Die Koalition mäandert also zwischen geplanten enormen Ausgaben (für Sicherheit und Infrastruktur) und Finanzierungsvorbehalt, zwischen Rüstung und einer klimagerechten Transformation. Jede anstehende Einzelentscheidung über finanzielle Ausgaben wird daher debattiert werden und sich einreihen in einen Diskurs, der selbst von Themen, die kein Geld kosten, dominiert wird. Denn ein AfD-Verbotsverfahren wäre nach meinem Wissensstand auch nahezu kostenlos zu haben.

Und was machen die Staatsminister?

So viel zu den ersten 100 (plus x) Tagen. Und noch eine Frage schwebt im Raum: Wie gehts eigentlich den Staatsministern im Kanzleramt? Mit Regierungsantritt berief Merz die CDU-Politikerin Christiane Schenderlein für Sport und Ehrenamt sowie den parteilosen Wolfram Weimer für Kultur und Medien in seinen Kader. Beide galten als Überraschung, kamen ein bisschen wie Kai aus der Kiste. Die größere mediale Präsenz hatte auf jeden Fall der Villenbesitzer vom Tegernsee, Cicero-Gründer und Merz-Busenfreund WW.

Weimer hat zwar eine mir sinnvoll erscheinende Abgabe für Digital-Konzerne (Alpha, Meta etc.) ins Spiel gebracht, bislang ist es aber über eine bloße Idee nicht hinausgekommen. Das ergab zuletzt eine Kleine Anfrage der Grünen. Ansonsten zog Weimer den Schutzhelm für den Kulturkrieg auf und stürzte sich in Debatten über “Cancel Culture” und das Gendern. Gerade für sprachliche Belange agierte er auch direkt – und verbannte das Gendern aus seiner Behörde. Es dürfte, da sind sich alle Politikwissenschaftler einig, die wesentliche, ja eine fast historische Errungenschaft der schwarz-roten Koalition werden, dass in einem Haus Sonderzeichen nicht mehr verwendet werden sollen. Die Verbotspartei waren aber immer die Grünen.

Achso, und noch was zu Weimer: Er holte aus seinem Register zusätzlich noch ein altes Hufeisen raus, dass er damals bei der Niederschrift seines “Konservativen Manifests” auf dem Schreibtisch rumliegen hatte. “Wir sollten schauen, dass wir Linkspartei und AfD tunlichst aus der Macht und dem politischen Entscheidungszentrum der Republik fernhalten – mit allen demokratischen Mitteln, die wir haben”, erklärte er in einem Zeitungsinterview mit der Funke Mediengruppe. Die Gefahr für die Demokratie geht also auch von der Linken aus, okay, Wolfram.

Da man bei Steady leider keine Bluesky-Posts direkt einbinden kann, hier ein Screenshot vom Account von Peter Breuer. Nur zur Ansicht.

Und seine Kollegin Christiane Schenderlein? Nachdem der organisierte Sport in Deutschland lange Zeit vom Bund eine “Sportmilliarde” pro Jahr gefordert hatte, sind im Haushalt für Schenderleins Themen Sport und Ehrenamt 333 Millionen Euro vorgesehen. Damit ist die Forderung des Sports nicht einmal annähernd erfüllt, auch weil ein Teil davon für Ehrenamt eingeplant ist. Ab 2026 kommen 100 Millionen Euro pro Jahr hinzu – aha, oho, man darf gespannt sein.

Öffentliche und medale Auftritte von Schenderlein waren offenbar in den letzten Wochen und Monaten ohnehin überschaubar, zumindest in meiner Wahrnehmung.

Eine kleine, nicht vollständige Auswahl: Sie saß auf der Tribüne beim DFB-Pokalfinale, stattete den World University Games einen Besuch ab und schaute bei den Deutschen Meisterschaften im Fechten vorbei. Sie ließ sich bei den Finals in der Leichtathletik in Dresden blicken. Bei einem internationalen Auftritt besuchte sie das deutsche Team für die World-Games in China. Das Eröffnungsspiel der DFB-Frauen bei der EM in der Schweiz verfolgte sie von der Tribüne aus. In Sachsen weihte sie einen Kunstrasenplatz ein. Auf dem YouTube-Kanal der Bundesregierung sagte sie in einem Video, dass sie als Praktikantin mal Oliver Kahn interviewt hat.

Dem Spiegel gab sie Ende Mai ein Interview mit Sportfokus, auch im ZDF-Morgenmagazin war sie zu Gast. Mit ihren beiden Instagram-Accounts erreicht sie zusammengerechnet etwa 5.000 Follower. Der Account von Weimer hat mehr als 50.000 Follower, er bestand allerdings schon zu Zeiten seiner Vorgängerin Claudia Roth.

Hat sie bisher nachhaltigen Eindruck hinterlassen? Ich weiß es nicht. Kann durchaus sein, who knows. Ihr Amt war zuvor nicht existent, sie keine Fachpolitikerin für Sport oder Ehrenamt. Aber die Repräsentanz bei großen Sportveranstaltungen und ein paar Vor-Ort-Besuche, reicht das aus? Welche Gesprächsebene besteht zwischen Schenderlein und dem Kanzleramt?

Die inhaltliche Arbeit auf der Sachebene bei Weimer und Schenderlein zu beurteilen fällt ohne Hintergrundgespräche schwer. Während Weimer bisher die Präsenz suchte, agierte Schenderlein etwas zurückhaltender – konkrete Maßnahmen oder Reformen gingen aber von beiden in ihrer bisherigen Amtszeit nicht aus. Aber vielleicht kommt das ja noch. Denn die “Koalition der Möglichmacher” startet jetzt in den Herbst. Und in der Weihnachtspause, wenn der Betrieb ruht, ist wieder Zeit für eine Bilanz.

Coachen im Trikot

Bei seinem ersten Bundesliga-Spiel trug FC-Trainer Lukas Kwasniok das aktuelle Heimtrikot und löste damit national wie international Begeisterung aus. Bei der Pressekonferenz nach dem 1:0-Auswärtssieg in Mainz erklärte er seine Beweggründe dafür: “Ich habe die Präsentation (des Trikots, Anm. d. Red.) auf einem Sponsorenabend gesehen und Gänsehaut gehabt. Und bei der Präsentation des schwarzen Trikots ebenso. Und dann war die Entscheidung für mich klar: Wenn ich das darf, werd ichs machen. Weil ich mich auf den Verein hier einlassen will und das auch tue und dieses Trikot einfach auch mit Stolz trage.”

Der kultige Kult-Trainer des kultigen Kult-Klubs aus Köln trägt ein Trikot seines Vereins am Spielfeldrand: Die Begeisterung nach zwei Siegen in DFB-Pokal und Bundesliga kennt ohnehin keine Grenzen mehr. Nach Steffen Baumgart, der ebenfalls so wahnsinnig kultig seine eigenen Initialien samt Geburtsjahr auf der Arbeitskleidung trug, nun also der nächste Ex-Paderborn-Coach, der die Kultigkeit nochmal auf ein neues Level hebt.

Dass Trainer in Sportklamotten mit viel Logo- und Werbepräsenz des eigenen Vereins rumrennen, ist seit Jürgen Klopps Zeit beim BVB nichts Neues mehr. Der kultige “Kloppo” rannte mit allerhand Utensilien aus dem Fanshop herum. Und auch Julian Nagelsmann ist mit seinen extravaganten Ideen in Erinnerung geblieben – farbenfrohe Oberteile, Sneaker oder Baumfällerhemden gehörten zu seinem Repertoire. Muss am Ende des Tages auch jeder selbst wissen.

In Köln möchte ein Trainer seinen Kultstatus direkt am Anfang ins Unermessliche steigern, fair enough. Ob und wie ein Outfit eines Trainers angemessen und modisch in Ordnung ist, dazu gibt es unterschiedliche Meinungen.

Der einzige, der in Sportklamotten an der Seitenlinie sitzen darf, dabei gut aussieht und dem es eigentlich scheißegal ist, was er anhat: Marcelo Bielsa.

Der einzige, der sein Outfit (schwarzer Anzug, schwarzes Hemd, schwarze Krawatte) niemals wechseln darf: Diego Simeone.

Die einzigen, die sowohl sportlich als auch modisch Maßstäbe gesetzt haben: Pep Guardiola und Carlo Ancelotti.

Das einzige, was ich von einem FC-Trainer an der Seitenlinie erwarte: einen perfekt sitzenden italienischen Anzug, sonst nichts. Die Trikots des 1. FC Köln sind nicht für den Trainer da, noch nicht mal für die Spieler. Sie gehören den Fans, auch wenn Trikots mittlerweile absurd teuer sind.

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