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"Mädchen und Jungen erleben unterschiedliche Kindheiten"

Das Erstarken autoritärer Bewegungen hat nach Meinung von Kinderarzt Herbert Renz-Polster auch mit der Erziehung zu tun. Seine Antwort gegen den Aufstieg der AfD? Kitas, Schulen und Horte müssten Orten sozialer Wärme werden.

Zuerst erschienen im Spiegel, am 5. Oktober 2025. (Opens in a new window)

Herr Renz-Polster, vielen Dank, dass Sie sich trotz Ihrer Krankheit Zeit für dieses Gespräch nehmen. Wie geht es Ihnen heute?

Ich fühle mich gut.

Wann sind Sie an ME/CFS erkrankt?

Ich hatte vor neun Jahren eine Influenza-Infektion. Danach ging es los mit den Erschöpfungssymptomen. Das waren Horrorzeiten, vor der Pandemie wusste kaum jemand, was ME/CFS überhaupt

Wie erleben Sie die Krankheit?

Ich gehöre zu den moderat Betroffenen. Anfangs bin ich durch die Hölle gegangen. Es gab Zeiten, in denen ich mir aufschreiben musste, was schön ist an meinem Leben. Das Tückische an dieser Krankheit ist, dass man sich zwar belasten kann – danach aber körperlich und mental zusammenbricht. Ich habe mich also zu Vortragsreisen geprügelt und danach Tage im Bett verbracht. Das führte zu Existenzsorgen, schließlich lebe ich davon, über meine Themen zu schreiben und zu sprechen. Meine Rettung war das Internet.

Wie das?

Meine Kinder halfen mir, meine Website professioneller aufzustellen, einen eigenen Shop aufzubauen. Und in der Pandemie wurde es üblich, Vorträge online zu halten. Seitdem reise ich kaum mehr. Als Arzt und Forscher beschäftige ich mich zudem intensiv mit ME/CFS, das ist mittlerweile mein zweites thematisches Standbein. Gerade habe ich einen Praxisleitfaden dazu herausgegeben.

Zur Person

Foto: Kösel Verlag

Herbert Renz-Polster, Jahrgang 1960, ist Kinder- und Jugendarzt und assoziierter Wissenschaftler am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg. Er hat mehrere Bestseller (»Menschenkinder«) zur frühkindlichen Entwicklung geschrieben.

Zu Ihrem anderen Thema, Kindheit, haben Sie schon viel publiziert, gerade haben Sie mit Ihrem Bruder Ulrich ein Buch über Demokratie und Erziehung geschrieben. Dabei sind Sie dieses Jahr 65 geworden. Schon mal über Ruhestand nachgedacht?

Darüber mache ich höchstens Witze. Das hier ist mein Leben, ich will nichts anderes tun. Aber ich schaue manchmal neidisch auf meinen Zwillingsbruder Ulrich, der gerade zehn Kilometer bei einem Staffellauf mitgelaufen ist. Ich hingegen halte täglich Mittagsschlaf. Früher habe ich lange Radtouren gemacht. Heute besitze ich ein E-Bike, drehe aber nach zwei Kilometern um, damit ich am Tag danach nicht flachliege.

Sie beobachten die deutsche Erziehungslandschaft seit Jahrzehnten, sind Kinderarzt, Wissenschaftler und Vater von vier Kindern, die in den Achtziger- und Neunzigerjahren geboren sind. Was hat sich in dieser Zeit geändert?

Wir lebten mit unseren Kindern lange Zeit in den USA, da war alles ganz anders. Generell würde ich sagen, dass Elternschaft vor 30, 40 Jahren nicht so ein großes Thema war. Nicht so identitätsstiftend. Die einen haben es so gemacht und die anderen anders, aber die wenigsten haben sich darüber definiert. Und das Hamsterrad dreht sich heute deutlich schneller.

Was meinen Sie damit?

Was man alles unterbringen muss in einem Tag, um den eigenen Lebensstandard und die Zugehörigkeit zum eigenen Milieu nicht zu gefährden. Zwei Jobs, Schule, Kita, Hobbys – zumindest in Westdeutschland war das bis vor kurzer Zeit nicht üblich. Dadurch sind die Freiräume kleiner geworden. Ich finde aber auch, dass Eltern die Freiheiten, die sie haben, teils wenig nutzen.

Welche zum Beispiel?

Mutterschutz, bezahlte Elternzeit, kostenlose Gesundheitsvorsorge. In anderen Ländern träumt man davon. Meine Frau und ich haben die Kinder damals aufs Fahrrad gepackt und sind hinter den Eisernen Vorhang gefahren, ein anderes Mal zum Polarkreis. Heute haben Eltern vor so vielen Dingen Angst. Und ihnen wird Angst gemacht. Eine bekannte Influencerin bezeichnete kürzlich diejenigen, die die Draußen-Kindheiten von früher verherrlichen, als »Überlebende«. Als ob das so gefährlich gewesen wäre! Junge Eltern sorgen sich auch sehr, ihre Traumata nicht an ihre Kinder weiterzugeben. Dabei wurde diese Generation selbst oft schon bindungsorientiert erzogen.

Wie passt das mit dem aktuellen Rechtsruck zusammen? Ihrer Argumentation nach hat der seine Ursachen in autoritärer Erziehung.

Nein, so pauschal stimmt das nicht. Unsere These ist: Wie anfällig Kinder später für autoritäre Strömungen sind, hat viel damit zu tun, ob Kinder mit Vertrauen in sich und die Welt aufwachsen oder nicht. Dahinter kann eine strenge, harte Erziehung stecken, wie sie Michael Haneke (Opens in a new window) im Film »Das weiße Band« zeigt. Es kann aber auch sein, dass die Kinder vernachlässigt werden oder sich ständig als Versager erfahren. Kurz gesagt: Wer in der Kindheit dauerhaft verletzt wird oder seinen Wert nicht erfährt, wird verletzlich. Ich spreche auch ungern von einem Rechtsruck.

Warum nicht? Gerade hat die AfD bei den Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen ihr Ergebnis deutlich verbessert.

Topic Texte

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