Skip to main content

"Armut macht fett, und fett zu sein, macht arm"

Die Philosophin Kate Manne gehört zu den klügsten feministischen Stimmen der Gegenwart. Hier spreche ich mit ihr über Schlankheitswahn und Körperbilder.

Interview: Barbara Vorsamer

Zuerst erschienen im Spiegel am 15. November 2025 (Opens in a new window)

Professor Manne, vor einigen Jahren haben Sie eine Promotour für Ihr erstes Buch abgelehnt, Sie empfanden sich als »zu fett, um öffentlich Feministin zu sein«.

Das bin ich jetzt nicht mehr. Ich war aber schon 80, 90 Pfund schwerer als jetzt und weiß, wie es ist, wenn man im Hörsaal nicht zwischen Tisch und Stuhl passt. Wie es sich anfühlt, wenn man wortwörtlich nicht in diese Gesellschaft passt.

Sie definieren sich in Ihrem Buch als »kleine Dicke«. Können Menschen selbst entscheiden, ob sie dick oder dünn sind?

Nein. Ich beziehe mich in meiner Wortwahl auf Fettaktivisten. Ihnen zufolge sind Begriffe wie dick oder fett objektive Labels, die auf mich nicht mehr zutreffen. Fett ist demnach eine Person, die in normalen Geschäften keine Kleidung für sich findet. Wer das kann, hat also nicht das Recht, sich als fett zu bezeichnen.

💌 Neu dabei? Hier kannst du "Innen & Außen" abonnieren.💌 (Opens in a new window)

Viele Menschen tun das dennoch, insbesondere Frauen.

Ich verstehe, dass Frauen in diese Falle tappen. Die Welt erzählt ihnen schließlich ständig, dass sie nicht dünn genug sind. Es ist aber wichtig zu differenzieren: zwischen Menschen, die sich zwar dick fühlen, aber in jeden Flugzeugsitz passen – und zwischen Menschen, die dieses Privileg nicht haben. Nur letztere dürfen sich über Diskriminierung beklagen.

Zur Person

Foto: Suhrkamp

Die Australierin Kate Manne, Jahrgang 1983, ist Professorin für Philosophie an der Cornell University in Ithaca, New York. Ihr Erstlingswerk »Down Girl. Die Logik der Misogynie« gehört heute zu den Standardwerken feministischer Theorie. Ihr aktuelles Buch »Größe zeigen. Wie wir Fettfeindlichkeit bekämpfen können« wurde vom Magazin »New Yorker« als eines der besten Bücher des Jahres 2024 empfohlen. Auf Deutsch erscheint es jetzt bei Suhrkamp.

Sie benutzen die Begriffe »dünn«, »dick« und »fett«. Worte wie »übergewichtig« und »adipös« oder »mollig« und »kurvig« lehnen Sie ab. Warum?

Der Begriff »Adipositas« pathologisiert meiner Meinung nach eine normale Variation des menschlichen Körpers. »Übergewicht« suggeriert, dass hier etwas »zu viel« ist und dass es ein Ideal gibt. »Mollig« und »kurvig« sind mir zu süßlich. Ich sage gern »fett« und möchte den Begriff als reine Beschreibung verstanden wissen, ohne Wertung. Aber mir ist bewusst, dass es ein Wort aus Gummi ist, das sogar untergewichtige Menschen für sich verwenden, während bei tatsächlich mehrgewichtigen Personen manchmal drum herumgeredet wird, als sei es eine Beleidigung. Wir haben einen seltsamen Umgang mit dem Wort »fett«.

Topic Texte

0 comments

Would you like to be the first to write a comment?
Become a member of Barbara Vorsamer and start the conversation.
Become a member