Liebe Leserinnen und Leser,
am 26. Juni 1897 liegt die Royal Navy bei Spithead zur Flottenparade vor Anker, aufgefahren zum Diamantjubiläum von Königin Victoria. Plötzlich schiebt sich ein schmales, ungebetenes Boot zwischen die Reihen der Kriegsschiffe: die Turbinia von Charles Parsons, angetrieben von einer neuartigen Dampfturbine.
Mit 34 Knoten rast sie an der versammelten Weltmacht vorbei, schneller als jedes Kriegsschiff der Welt. Kein Schiff der Navy kann sie einholen. Neun Jahre später läuft mit der Dreadnought das erste Turbinen-Schlachtschiff vom Stapel.
Warum ich Ihnen das erzähle? Weil diese Woche zeigt, dass wir mitten in so einem Moment stecken. Und weil eine große Zeitung daraus die falsche Geschichte gemacht hat.

Das Dampfschiff beweist das Gegenteil
Die NZZ erklärt die deutsche Energiewende zur „Abkehr von der Moderne". Kolumnist Malte Fischer wählt als Kronzeugen das Dampfschiff: Die Moderne habe den Menschen von den Launen der Natur emanzipiert, Seeleute mussten nicht mehr auf Wind warten. Wer heute Wäsche wasche, wenn der Wind weht, trete eine Zeitreise in die Vormoderne an.
Es ist ein starkes Bild. Fischer erzählt die Geschichte nur zur Hälfte. Die ganze steht seit 1997 in einem der meistzitierten Wirtschaftsbücher überhaupt: Clayton Christensen hat das Dampfschiff in „The Innovator's Dilemma" als Fallstudie seziert. Die ersten Dampfschiffe waren der etablierten Technik hoffnungslos unterlegen: unzuverlässig, teuer, lächerliche Reichweite.
Also wuchsen sie in der Nische, auf Flüssen, wo Unabhängigkeit vom Wind mehr zählte als Reichweite. Die Segelschiffbauer schauten zu und entschieden rational: Ihre Kunden, die Ozean-Reeder, brauchten keinen Dampf.
Dann kam die bittere Ironie der Geschichte: Die Klipper der 1850er- und 1860er-Jahre waren die besten Segelschiffe, die je gebaut wurden, schneller und eleganter als alles zuvor. Die schönsten Segel wurden genäht, als die Werften längst verloren hatten. Kein einziger Hersteller von Transatlantik-Segelschiffen überlebte den Wechsel ins 20. Jahrhundert.
Wer heute durch die Wirtschaftsteile blättert, erlebt die publizistische Klipper-Ära des fossilen Systems: Gas wird zur Brückentechnologie geadelt, die Atomkraft zur verkannten Zukunft erklärt, der Verbrenner zur Ingenieurskunst ohne Alternative. Je lauter das Lob der alten Technologie, desto näher ist erfahrungsgemäß ihr Ende.
Die vollständige Einordnung zur NZZ-Kolumne gibt es bei Cleanthinking (Opens in a new window).
Destatis liefert die Zahl zur Theorie
Was bei Christensen Fallstudie ist, steht seit Mittwoch als amtliche Statistik fest. 73,6 Prozent der 2025 fertiggestellten Wohngebäude in Deutschland heizen mit einer Wärmepumpe. Vor zehn Jahren waren es 31,4 Prozent. Und der Frühindikator zeigt noch steiler nach oben: Von den 62.100 im vergangenen Jahr genehmigten Wohngebäuden setzen 83 Prozent auf die Wärmepumpe. Erdgas kommt auf 2,2 Prozent. Ölheizungen wurden 2025 in exakt 190 Neubauten verbaut. Nicht 190.000. Einhundertneunzig.
Das Bemerkenswerte daran: Die Bundesregierung hat die 65-Prozent-Regel im Gebäudeenergiegesetz abgeschafft - jene Vorgabe, die neue Heizungen auf erneuerbare Energien verpflichtete. Auf die Zahlen hat das keinen erkennbaren Einfluss. Die Entscheidung fällt ökonomisch. Wer neu baut, kombiniert Wärmepumpe mit Photovoltaik, Speicher und dynamischem Tarif - die Heizung wird vom Kostenblock zum steuerbaren Teil des eigenen Energiesystems. Der Markt hat entschieden, nicht das Gesetz. Die Dampfschiffe übernehmen gerade die Transatlantik-Route.
Die vollständige Analyse der Destatis-Zahlen gibt es bei Cleanthinking (Opens in a new window).
Deutschland kauft Klipper
Und die Bundesregierung? Setzt die Segel. Einhundert Tage nach Beginn des Iran-Kriegs hat das Energiewirtschaftsinstitut IEEFA ausgewertet, wie Europa auf die zweite Gaspreiskrise in vier Jahren reagiert. Die EU insgesamt senkt ihre LNG-Importe. Großbritannien reduziert um 20 Prozent. Deutschland steigert um 72 Prozent - der höchste Wert aller EU-Staaten, Schlusslicht der Gemeinschaft.
„Die EU hat erkannt, dass ihre Entscheidung von 2022 zur Steigerung der LNG-Importe nicht mehr tragfähig ist."
Ana Maria Jaller-Makarewicz, Analystin, IEEFA
Wer trotzdem erhöht, segelt gegen den Strom. Dazu passt die zweite Zahl der Analyse: 60 Milliarden Euro haben die EU-Staaten seit Kriegsbeginn für energiepolitische Notfallmaßnahmen ausgegeben. Weniger als fünf Prozent davon, rund zwei Milliarden, flossen in Elektrifizierung - in die eine Strukturinvestition, die Abhängigkeit dauerhaft verringert.
Dabei rechnet sich die Gegenstrategie längst: Allein Solarenergie hat Europa seit Jahresbeginn 12,8 Milliarden Euro gegenüber fossilen Alternativen gespart.
Leserinnen und Leser dieses Briefings kennen das Muster. „Europa ist allein" hieß eine Ausgabe im Mai. Die EU hat mit AccelerateEU inzwischen eine Antwort formuliert: Strom günstiger machen, Netze ausbauen, Smart Meter ausrollen. Berlin bestellt derweil Frachter voller Flüssiggas.
Die vollständige Auswertung der IEEFA-Analyse gibt es bei Cleanthinking (Opens in a new window).
In Finnland glüht der Sand
Wie die Nische aussieht, in der die nächste Technologie wächst, zeigt ein Dorf nördlich von Helsinki. In Pornainen hat die weltgrößte Sandbatterie ihr erstes Betriebsjahr abgeschlossen: ein Speicher, 13 Meter hoch, gefüllt mit 2.000 Tonnen zerkleinertem Speckstein, der sich auflädt, wenn Strom billig ist, und Wärme über Tage bis Wochen abgibt.
Die Jahresbilanz: 70 Prozent weniger Emissionen im Fernwärmenetz. Kein Tropfen Heizöl mehr. 100 Prozent Liefersicherheit, keine einzige Unterbrechung. Und der ökonomische Hebel: Geladen wurde im Schnitt 70 bis 80 Prozent unter dem Spotmarkt-Durchschnitt, in einzelnen Monaten lag der Vorteil über 90 Prozent.
„Wir haben gezeigt, dass die Sandbatterie kosteneffizient deutliche Emissionssenkungen liefert." Liisa Naskali, COO, Polar Night Energy
Schule, Verwaltung und Bibliothek von Pornainen hängen an diesem Netz. Das nächste Anwendungsfeld ist die industrielle Dampferzeugung, bislang eine Domäne von Erdgas und Öl. Eine Wärmequelle für ein finnisches Dorf - das klingt nach Nische. Genau dort, auf den Flüssen und Binnengewässern, haben die Dampfschiffe angefangen.
Die vollständige Jahresbilanz aus Pornainen gibt es bei Cleanthinking (Opens in a new window).
Kurz notiert: Der Rhein heizt Köln
Die Elektrifizierung der Wärme bleibt nicht in der finnischen Nische. In Köln-Niehl hat die Hauptbauphase für die größte Flusswasser-Wärmepumpe Europas begonnen: 150 Megawatt, die dem Rhein ab 2028 Wärme für 50.000 Haushalte entziehen und jährlich rund 100.000 Tonnen CO₂ einsparen. Die schönste Pointe steckt im Generalunternehmer: Everllence ist die frühere MAN Diesel & Turbo - das Unternehmen, das Ende des 19. Jahrhunderts mit Rudolf Diesel den ersten Dieselmotor der Welt baute, liefert jetzt die Maschinen der Wärmewende. Manche Werften lernen eben doch, Dampfschiffe zu bauen.
Die Details zum Kölner Projekt gibt es bei Cleanthinking (Opens in a new window).
Kurz notiert: GModG im Bundestag
Das Gebäudemodernisierungsgesetz hatte am Donnerstag seine 1. Lesung - in einer Debatte, die kaum jemand bemerkt hat. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hielt eine Rede, der Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge vorwarf, mit der Realität im Heizungsmarkt nichts zu tun zu haben. Die Destatis-Zahlen oben sprechen für Dröge. Spannender als die Debatte ist der Streit hinter den Kulissen: Bei der Grüngasquote kämpft die Energiebranche gegen sich selbst - Uniper dafür, Eon dagegen.
Wer wissen will, warum, findet die Analyse bei Cleanthinking (Opens in a new window).
Die Klipper waren die schönsten Schiffe ihrer Zeit, und sie waren verloren. 83 Prozent Wärmepumpe gegen 2,2 Prozent Gas im genehmigten Neubau. 70 Prozent weniger Emissionen in Pornainen. 72 Prozent mehr Flüssiggas für Deutschland. Zwei dieser Zahlen gehören der Zukunft.
Wer die Segel setzt, entscheidet sich für die dritte. Es geht auch anders: Die Erben Rudolf Diesels bauen schon am neuen Antrieb.
In diesem Sinne,
Ihr Martin Jendrischik