Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Heute geht es um Aphantasia.

An einem stinknormalen Nachmittag schaute Alex eine Sendung auf Netflix. Bei einem Dialog meinte eine Person zu der anderen:
„Stell dir Ronald McDonald vor, wie er auf einem Surfbrett steht. Kannst du das visualisieren?”
Und der andere sagte: „Nein kann ich nicht, ich habe Aphantasie.“
Alex pausierte die Sendung. Meine Güte. Was? Er rannte die Treppe hinunter und fragte seinen Vater: „Kannst du Dinge in deinem Kopf sehen?“
Und der meinte: „Natürlich, du etwa nicht?“
Alex antwortete: „Naja, nein.“
So beschreibt Alex Wheeler in einer Kurzdoku (Opens in a new window) von Wired UK, wie er als Erwachsener herausgefunden hat, dass er Aphantasie hat. Dieses Phänomen beschreibt den Zustand, in dem Menschen unfähig sind, willentlich visuelle Vorstellungen zu erzeugen.
Lange Zeit dachte man, dass diese Menschen vielleicht nur Schwierigkeiten haben, ihre inneren Erlebnisse zu beschreiben. Oder dass sie eine schlechte Selbsteinschätzung besitzen. Aber die Forschung zeigt: Es ist keine Einbildung. Nachdem wir uns letzte Woche angeschaut haben, wie das Gehirn dafür sorgt, dass wir uns Dinge, Szenen, Gespräche und Emotionen vorstellen können, blicken wir heute darauf, was dabei schief gehen kann.
Aphantasie ist eine sehr neue Entdeckung
Der britische Naturforscher und Schriftsteller Francis Galton war einer der ersten, der das Phänomen systematisch dokumentierte. In seinem Aufsatz Statistics of Mental Imagery von 1880 ließ er Personen unter anderem ihr „Frühstückstableau“ im Kopf vorstellen und nach Lebhaftigkeit, Detail und Klarheit beschreiben.
Dabei stieß er auf eine breite Spannweite, von sehr plastischen inneren Bildern bis zu Berichten, dass gar keine visuellen Bilder auftauchen. Das fand er merkwürdig, aber ein eigenes Forschungsfeld wollte er dafür scheinbar nicht direkt aus dem Boden stampfen. Das Phänomen blieb erstmal unter dem Radar, und das ziemlich lang. Bis zum Jahr 2015. Ja, wirklich, so lange. Dass es 100 Jahre ruhig blieb, lag vor allem am Aufstieg des Behaviorismus in der Psychologie: Forscher:innen konzentrierten sich damals nur auf beobachtbares Verhalten; was in den Köpfen passierte (oder eben nicht), galt als unwissenschaftliche Spekulation.
Adam Zeman ist Professor of Cognitive and Behavioural Neurology an der University of Exeter Medical School. Er brachte das Thema in die moderne Forschung, nachdem sich 2003 ein Patient („MX“) bei ihm gemeldet hatte, der nach einem medizinischen Eingriff seine zuvor vorhandene Fähigkeit zur bewussten visuellen Vorstellung weitgehend verloren hatte, obwohl viele visuelle Leistungen in Tests weitgehend intakt blieben.
In den anschließenden Jahren meldeten sich rund 15.000 Menschen bei Zeman und berichteten Ähnliches. 2015 veröffentlichten er und sein Team schließlich einen Bericht (Opens in a new window) und schlugen den Begriff Aphantasia vor. Das war vor gerade mal elf Jahren. Das heißt auch: Im Vergleich zu anderen Phänomenen, an denen Forschende seit Jahrzehnten arbeiten, weiß man noch vergleichsweise wenig über die Hintergründe. Aber ein bisschen was weiß man schon.
Das blinde Auge ist mehr als nur schlechte Vorstellungskraft
Was steckt also dahinter? Könnte es sein, dass Menschen mit Aphantasie eigentlich Bilder im Kopf haben, sie aber einfach nur nicht bemerken? Dass sie quasi blind für ihre eigenen Gedankenbilder sind? 2017 ging ein Forschungsteam genau dieser Frage nach. An der Untersuchung (Opens in a new window) nahmen 15 Personen mit selbstdiagnostizierter Aphantasie und eine Kontrollgruppe von 209 Personen aus der Allgemeinbevölkerung teil. Zunächst füllten die Teilnehmer verschiedene Fragebögen zu ihrer Vorstellungskraft aus.
Dann wurde ihnen ein Buchstabe („R“ für Rot oder „G“ für Grün) gezeigt, der sie anwies, sich sechs Sekunden lang entweder ein rotes, horizontales Muster oder ein grünes, vertikales Muster so lebhaft wie möglich vorzustellen. Nach der Vorstellungsphase gaben sie auf einer Skala von 1 bis 4 an, wie lebhaft das Bild in ihrer Vorstellung war.
Dann zeigte man ihnen auf einem Bildschirm echte Muster. Mit einem Clou: Das linke und das rechte Auge sahen verschiedene Muster. Dem linken Auge zeigte man z.B. ein rotes Muster und dem rechten Auge ein grünes. Das Gehirn kann diese beiden Bilder nicht gleichzeitig verschmelzen. Die Wahrnehmung wechselt ständig zwischen Rot und Grün hin und her. (Das nennt man “binokulare Rivalität”.)

Normalerweise passiert folgendes: Wenn ich dich bitte, dir vorher intensiv ein rotes Bild vorzustellen, wird dein Gehirn geprimt. Deine Vorstellungskraft gibt den Ausschlag. Die Wahrscheinlichkeit, dass du beim anschließenden Blick durch die Apparatur vor allem das rote Muster siehst, steigt signifikant an. Deine innere Welt beeinflusst deine äußere Wahrnehmung. Bei Menschen mit Aphantasie funktioniert dieses Priming jedoch nicht. Ihre Ergebnisse liegen statistisch gesehen bei einer Trefferquote von etwa fünfzig Prozent. Das entspricht schlichtem Zufall.
Aphantasie, das schlussfolgern die Wissenschaftler:innen, ist also kein Problem der Metakognition oder der fehlenden Introspektion. Da ist kein verstecktes Bild, das sie nur übersehen. Die visuelle Leinwand bleibt tatsächlich leer. Ihr Gehirn sendet keine visuellen Signale zurück an die sensorischen Areale. Das Gehirn schweigt.
Die Zerlegung der Vorstellungskette: Was vs. Wo
Was ist also das Problem? Wie wir letzte Woche gesehen habe, hängt bei Menschen mit typischer Vorstellungskraft das Erzeugen innerer Bilder von der Aktivität in fronto-parietalen „Exekutiv“-Systemen ab. Diese Systeme senden Signale an posteriore (hintere) Hirnregionen, um auf Basis von gespeicherten Informationen Bilder zu generieren.
Es wird vermutet, dass bei Aphantasie die Feedback-Verbindungen vom Frontalhirn zum visuellen Kortex defekt sind. Das Gehirn kann den visuellen Kortex nicht so aktivieren, dass ein phänomenales Bild entsteht.
Und noch etwas ist anders. Die Wissenschaft unterscheidet grob zwischen zwei Pfaden in der Wahrnehmung: dem ventralen Strom und dem dorsalen Strom. Der ventrale Strom ist der Was-Pfad. Er ist für die Erkennung von Objekten, für Farben und für die feinen Details zuständig. Der dorsale Strom hingegen ist der Wo-Pfad. Er kümmert sich um den Raum, um Positionen und Bewegungen.
Bei der Aphantasie gibt es eine faszinierende Trennung. Man kann es sich wie den Unterschied zwischen einem Satellitenfoto und einer Landkarte vorstellen. Das Foto zeigt jedes Detail, jede Farbe der Hausdächer. Die Karte hingegen zeigt nur Linien und Koordinaten. Aphantasist:innen fehlt das Satellitenfoto. Ihr ventraler Pfad, der Abruf visueller Identitäten, scheint blockiert (Opens in a new window).
Doch ihr Wo-Gedächtnis ist exzellent. Sie wissen ganz genau, wo das Bett steht oder in welchem Winkel der Schrank zur Tür steht. Sie navigieren sicher durch die Welt, weil ihr räumliches Gedächtnis intakt ist. Sie besitzen die Karte, aber sie sehen das Bild nicht.
Zeichne mal, wie ich am Schreibtisch sitze und diesen Newsletter schreibe
Wie wirkt sich das konkret aus, wenn man eine Erinnerung reproduzieren muss? Eine groß angelegte Studie (Opens in a new window) untersuchte 61 Menschen mit Aphantasie und eine Kontrollgruppe von 52 weiteren Menschen. Beide Gruppen sollten Szenen betrachten und diese später aus dem Gedächtnis nachzeichnen.
Die Unterschiede waren groß. Aphantasist:innen zeichneten deutlich weniger Objekte: im Schnitt 4,98 pro Bild, während die Kontrollgruppe auf 6,32 kam. Sie benutzen auch weniger Farbe.
Besonders aufschlussreich war der Zeitfaktor. Während die Kontrollgruppe im Schnitt 119,41 Sekunden pro Zeichnung investierte, waren Aphantasist:innen bereits nach 71,22 Sekunden fertig. Sie riefen keine visuellen Details ab, die Zeit kosten. Sie riefen Fakten ab. Und wenn die Faktenliste am Ende war, hörten sie auf zu zeichnen.
Da sie keine Bilder im Kopf speichern, nutzen sie ein symbolisches Gerüst, das sogenannte symbolic scaffolding. Sie beschrifteten ihre Zeichnungen oft mit Text, anstatt Details zu malen. 29,6 Prozent ihrer Zeichnungen enthielten Textlabels, bei der Kontrollgruppe waren es nur 16 Prozent. Ein Teilnehmer beschrieb es so: Er müsse die Teile eines Bildes als Wörter speichern, wie eine Liste.
Sich nichts vorstellen zu können, hat auch Vorteile
Jetzt kommt der Punkt, der mich als Wissenschaftsjournalist besonders fasziniert. Man könnte meinen, Aphantasie sei ein reiner Nachteil. Doch die Daten zeigen einen überraschenden Effekt bei Fehlleistungen des Gedächtnisses. Menschen mit einer sehr lebhaften Vorstellungskraft neigen nämlich dazu, ihre Erinnerungen unbewusst zu verschönern. Sie unterliegen häufiger sogenannten False Memories.
In dem Zeichnen-Experiment machten die Aphantasist:innen signifikant weniger Fehler. Wenn sie sich an etwas erinnerten, dann war es meistens auch wirklich da. Sie produzierten insgesamt nur drei Fehler in der gesamten Gruppe. Diese Fehler waren fast ausschließlich Transpositionen. Das bedeutet, sie verschoben ein Fenster aus der Küche in die Zeichnung des Wohnzimmers.
Well … halb so schlimm würde ich sagen. Die Kontrollgruppe hingegen produzierte 14 schwere Fehler. Sie fantasierten komplette Objekte hinein, die niemals im Bild waren. Ein Klavier im Wohnzimmer oder eine Kommode im Schlafzimmer, einfach weil es dort plausibel erschien.
Hast du auch Aphantasie?
Viele Betroffene merken erst im Erwachsenenalter, dass andere Menschen tatsächlich Bilder sehen. Bis dahin haben sie hocheffektive Strategien entwickelt. Sie sind oft exzellent in logischen oder mathematischen Bereichen. Sie haben gelernt (Opens in a new window), Informationen ohne den Umweg über ein flüchtiges Bild zu strukturieren.
Wer sich nicht ständig etwas ausmalt, kann auch schneller über negative Ereignisse hinwegkommen. Wie bei Alex Wheeler, der sehr schnell über den Tod seiner Mutter hinwegkam und dachte, mit ihm würde etwas nicht stimmen, weil er nicht ständig emotional wurde. Es ist nicht so, dass Menschen mit Aphantasia keine Emotionen hätten. Sie kreiieren nur nicht ständig Bilder im Kopf, die sie traurig machen.
Bleibt eine Frage: Wenn jemand wie Alex so lange gar nicht wusste, dass er Aphantasie hat – wie findet man das überhaupt heraus? Und kann man das zuhause vortesten?