Skip to main content

Aramco - Das fossile Herz der WM

Ausgabe 39 - Wie der Hauptsponsor der Fußball-WM Klimaschutz sabotiert

Moin!

Wer die Fußball-WM der Herren verfolgt, wird bei den Spielen regelmäßig dem Namen „Aramco“ begegnen. Das Unternehmen ist Hauptsponsor des Turniers und allgegenwärtig. Sein Slogan klingt schick: „Where energy is opportunity“
Hinter Aramco steckt Saudi Aramco, der saudische Ölkonzern. Das Unternehmen mit dem größten CO2-Ausstoß weltweit. Ein Staatskonzern eines Staates, der auf Klimakonferenzen seit Jahrzehnten Fortschritte torpediert.
In dieser Ausgabe tauchen wir tief ins fossile System ein.

Schön, dass Sie dabei sind.

Pavillon von Saudi-Arabien auf der Klimakonferenz 2024 in Baku

Um zu verstehen, was „Unternehmen mit dem größten CO2-Ausstoß weltweit“ bedeutet, helfen Relationen. Deutschland, also das komplette Land, Verkehr, Industrie, Energie, pipapo, alle miteinander, haben 2023 673 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente ausgestoßen.
Saudi-Aramco war 2022/2023 für 2,7 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalente verantwortlich. [Link] (Opens in a new window) Machen wir es mit ein paar Nullen klarer:

Deutschland: 673.000.000 Tonnen
Saudi-Aramco: 2.700.000.000 Tonnen

Laut der Plattform Carbon Majors ist Saudi-Aramco allein für 3,66 Prozent der globalen historischen Emissionen verantwortlich. [Link] (Opens in a new window)

Es ist das Erdöl, das Saudi-Arabiens Reichtum begründet, seine Macht, aber eben auch seine zerstörerische Kraft mit Blick auf das Klima. Die Ölreserven des Landes gelten weltweit als die zweitgrößten – hinter Venezuela. Die Einnahmen bilden eine wichtige Machtbasis der Herrscherfamilie um Kronprinz Mohammed bin Salman. Ja, das ist der, von dem US-Behörden davon ausgehen, dass er den Journalisten Jamal Khashoggi von einem Agentenkommando in der Türkei brutal hinrichten und zerstückeln ließ.
Erdöl macht etwa 74% der Exporte des Königsreichs aus, bringt damit viel Geld ins Land. Aber: Es waren mal 90%. [Link] (Opens in a new window)

Saudi-Arabien diversifiziert seine Wirtschaft, stellt sich breiter auf. Wohl auch, weil den Herrschenden klar ist, dass die Abhängigkeit vom Öl dauerhaft gefährlich ist. Nicht nur, weil Reserven endlich sind, weil der Verbrauch weltweit zurückgehen wird, wer in dieser volatilen globalen Lage nur auf einem Bein steht, steht wacklig – das hat die iranische Blockade der Straße von Hormus zuletzt deutlich gezeigt.

Saudi-Arabien will sich verändern, hat sich international geöffnet, seine strengen religiösen Vorgaben liberalisiert. Mit der „Vision 2030“ präsentierte Bin Salman 2016 eine klare Strategie, ein Regierungsprogramm für die Zukunft des Landes. Projekte wie NEOM oder THE LINE gehören dazu: Trabantenstädte in der Wüste, das Modernste vom Modernen. Auch der Ausbau der Erneuerbaren Energien gehört zum Plan, im Februar wurde beim Besuch von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche vereinbart, dass Saudi-Arabien grünen Ammoniak nach Deutschland liefern soll. [Link] (Opens in a new window)

Werbung für Wasserstoff im Pavillon Saudi-Arabiens auf der Klimakonferenz 2024

Außerdem setzt Saudi-Arabien auf die Kunststoffproduktion und die chemische Industrie. Industriezweige, die sich gut dafür eignen, das fossile Zeitalter zu verlängern, aber durchaus zu verändern, denn beide brauchen Öl als Vorprodukte. So ist Saudi-Arabien einer der Hauptblockierer bei den Verhandlungen für ein Globales Plastikabkommen. Die Argumentationslinie: Nicht die Herstellung von Plastik sei das Problem, wir müssten einfach nur beim Recycling besser werden.

Hauptblockierer ist Saudi-Arabien wie gesagt auch bei den Klimaverhandlungen. Und nimmt das mit dem Klimaschutz bisher auch kaum ernst. Das Land hat ein Net-Zero-Ziel, also ein Klimaneutralitätsziel: 2060. Aber bislang gibt es keine klare Strategie, wie das erreicht werden soll. Der Climate Action Tracker, der nationale Pläne begutachtet, kommt entsprechend zu dem vernichtenden Urteil: Kritisch unzureichend. [Link] (Opens in a new window)

„Saudi Arabia’s emissions are on a steep upward trajectory and are projected to continue rising through to 2035. No recent policy developments suggest a shift capable of slowing this growth or reducing the country’s dependence on fossil fuels. The government’s plans to cut emissions by expanding renewable energy have largely failed to materialise. Saudi Arabia’s goal to generate 50% of its electricity from renewables by 2030 remains aspirational at best – renewables only accounted for 2% its power mix in 2024, highlighting the persistent gap between ambition and implementation.“

Saudi-Arabien bleibt anders als die USA aber weiterhin Teil des Klimarahmenabkommens UNFCCC, der Basis der weltweiten Klimaverhandlungen. In diesem Rahmen wurde 2015 das Pariser Klimaschutzabkommen geschlossen, in dem sich die Weltgemeinschaft verpflichtet hat, die Erderwärmung zu begrenzen, auf deutlich unter 2 Grad, möglichst 1,5 Grad. Auch hier: Die Saudis sind mit an Bord. Theoretisch. Praktisch nutzen die das Einstimmigkeitsprinzip der Verhandlungen immer wieder, um Fortschritte zu verhindern. Sie sind also dabei, aber als Bremser.

So war es auch wegen der Blockade Saudi-Arabiens (und anderer Ölstaaten) über Jahre hinweg nicht wirklich möglich, über den Zusammenhang von fossilen Energien und der Erderwärmung zu sprechen. Ich weiß, das klingt grotesk, immerhin ist das doch wissenschaftlicher Konsens. Aber sobald es darum geht z.B. auf die Ergebnisse des Weltklimarates IPCC zu verweisen gehen bei den Saudis die Schotten runter.

Dies zeigte sich auch dieses Jahr im Juni bei den Zwischenverhandlungen in Bonn, wo Teilnehmende von regelrecht koordinierten Attacken gegen die Wissenschaftlichkeit berichten: [Link] (Opens in a new window)

„Saudi Arabia and India have opposed calls in draft texts to encourage scientific work on scenarios that would minimise the magnitude and duration of any overshoot of 1.5C, according to one negotiator in the room and summaries of closed-door discussions published by a reporting service.“

Und so wird im Rahmen der Klimaverhandlungen seit Jahren darum gerungen, einen verbindlichen Ausstieg aus fossilen Energien zu vereinbaren, wogegen sich Saudi-Arabien (und andere Ölförderländer wie Russland) aber vehement stemmt. Lange Zeit vor allem in den für die Öffentlichkeit geschlossenen Verhandlungen, in den vergangenen Jahren aber auch sichtbar auf offener Bühne.

Aktivist:innen fordern bei der Klimakonferenz 2023 die Abkehr von Fossilen Energien

Denn trotz der Widerstände kamen die Klimaverhandlungen in dieser Frage voran, auch wegen geschickter Bündnisse anderer. So gelang es 2023 ausgerechnet auf der Klimakonferenz in den Vereinigten Arabischen Emiraten - ebenfalls Öl- und Gasförderland - zumindest die Abkehr von fossilen Energien zu beschließen. Allerdings ohne klaren Fahrplan in punkto wann und wie. Um den wird seitdem auf Klimakonferenzen gerungen, zuletzt in Brasilien. Doch auch dort an vorderster Front der Gegner: Saudi-Arabien. Das mittlerweile nicht mal mehr die 2023 beschlossene Formulierung wiederholen will…

Obwohl das Land ja weniger abhängig vom Öl werden will, seine wirtschaftliche Basis diversifiziert. Auch mit teuren Engagements in den Sport. Fußball, Formel 1, Golf. Human Rights Watch spricht von „Sportswashing“ – mit Investitionen in populäre Sportarten erkauft sich Saudi-Arabien internationale Sympathien, lockt Touristen ins Land, lenkt von Menschenrechtsverletzungen und Klimanotstandsverursacherrolle ab. [Link] (Opens in a new window)

Dazu passt neben dem Engagement als Hauptsponsor für die WM 2026 auch, dass Saudi-Arabien sich die WM 2034 ergattert hat. Mit welch korrupten Mitteln dies geschehen ist, erzählt der Deutschlandfunk-Podcast „Behind the Games“. Absolute Hörempfehlung: [Link] (Opens in a new window)

Um sich dieses Engagement leisten zu können, ist Saudi-Arabien auf die Einnahmen aus dem Ölgeschäft angewiesen. Es braucht das Geld aus dem Status Quo, um sich zu verändern. Und um nicht in politische Schieflage zu geraten. Würden die Öl-Einnahmen wegbrechen, könnte die Stabilität des Landes ins Wanken kommen. Das autokratische System funktioniert auch deshalb so gut, weil die Ölmilliarden vielen Menschen ein recht feines Leben ermöglichen. Der Status Quo wird deshalb mit allen Mitteln verlängert.

Doch dieses System steht auf tönernen Füßen. Zuletzt gerieten mehrere der Mega-Bauprojekte ins Stocken, auch Sportinvestitionen wurden teilweise zurückgefahren. [Link] (Opens in a new window)

Saudi-Arabien hat ein Problem mit dem Ölpreis. Dieser war lange deutlich zu niedrig, um die Staatsfinanzen stabil und all die Projekte finanzierbar zu halten. Analysten gehen von mindestens 93 Dollar pro Barrel aus, eher deutlich über 100 Dollar, rechnet man die Vision 2030 mit hinein, die nötig wären, damit Saudi-Arabien gut zurecht kommt. [Link] (Opens in a new window) Vor dem Angriff Israels und der USA auf Iran hatten Analysten für 2026 einen Ölpreis von 60 Dollar pro Barrel erwartet.

Stand der OPEC auf der Klimakonferenz 2024 in Baku

Die Blockade der Straße von Hormus hat die Preise international zwar deutlich hoch katapultiert, gleichzeitig aber auch den Absatz des saudischen Öls schwierig gemacht. Auch Verwerfungen innerhalb des Ölkartells OPEC könnten für Ungemach sorgen. Denn die Vereinigten Arabischen Emirate sind zum 1. Mai ausgetreten. Vorausgegangen war dem ein Streit über die Fördermengen. Saudi-Arabien hatte seine Macht im Bündnis lange genutzt, um die Fördermengen allenfalls moderat zu erhöhen, eben um die Preise stabil zu lassen. Die VAE wollten aber mehr fördern – das können sie jetzt.

VAE vs. Saudi Arabien, es ist eine Konfliktlinie, die sich immer stärker abzeichnet. Beide Staaten(bünde) beanspruchen für sich, die Boomregion am Persischen Golf sein zu wollen. Beide nutzen dafür das Geld, das sie mit fossilen Energien verdienen. Geld, das korrupte Systeme wie die FIFA am Laufen hält. Die ihrerseits mit der WM 2026 in gleich drei Staaten einen erheblichen CO2-Ausstoß verursacht. Die WM 2030 wird in Europa, Nordafrika und verschiedenen Staaten Südamerikas ausgetragen, ein Flugverkehrsspektakel, während die Folgen der globalen Erwärmung immer spürbarer werden.

Wenn die WM 2034 nach Saudi-Arabien kommt, wird sie in einem Land stattfinden, das ohne Klimaanlagen gar nicht mehr bewohnbar sein wird. Noch funktioniert das in den Glitzerstädten am Golf. In stabilen politischen Systemen mit ausbalancierten Finanzen ist es für die Reichen kein Problem sich unter hohem Einsatz von Ressourcen Räume zu schaffen, in denen man das Leben genießen kann – ein klimatisiertes Stadion zum Beispiel. Wer genug Geld für Entsalzungsanlagen hat, muss sich auch in der Wüste keine Sorgen um Trinkwasser machen.

Bis ein feindlicher Staat die Entsalzungsanlagen bombardiert. Bis die Einnahmen wegbrechen, weil andere Staaten weniger Öl und Gas importieren – sei es, weil sie auf Erneuerbare umsteigen oder weil ihr politisches System im Zuge der Erderwärmung zusammen bricht und damit auch die Wirtschaft.

Das fossile Fundament Saudi-Arabiens wird in den kommenden Jahren brüchig. So wie vieles, was uns jetzt noch selbstverständlich erscheint. Die Fußball-WM mag uns ein paar Wochen davon ablenken. Aber die Hitzewelle der vergangenen Tage hat uns einen bitteren Vorgeschmack auf die Zukunft gegeben. Wenn Sie das nächste Mal in der Fernsehübertragung den Namen „Aramco“ lesen, denken Sie daran: Dieses Unternehmen hat großen Anteil daran.

Danke für Ihr Interesse
Teilen Sie diesen Newsletter gerne, z.B. mit Freund:innen, die sich zwar für Fußball interessieren, bisher aber wenig fürs Klima.
Bis zum nächsten Mal
Frau Büüsker