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“Der Schutz vor Diskriminierung ist in Schulen viel schlechter als am Arbeitsplatz”

Ein Interview mit Sebastian Öhner, dem Leiter der Kinder- und Jugendanwaltschaft (KIJA) Wien, über das Kopftuchverbot für Schülerinnen unter 14, Mobbing und Gewalt gegen Mädchen.

Wie sieht die Kinder- und Jugendanwaltschaft das neu beschlossene Kopftuchverbot an Schulen für Mädchen bis 14 Jahren? 

Gerade bei solchen Themen ist es wichtig, auch die jungen Menschen mit einzubinden. Das finden wir ganz oft, dass man nicht mit den betroffenen Personen, in deren Leben es ja eingreift, spricht. Wir finden das strukturell immer sehr schwierig, weil junge Menschen ein Recht darauf haben, mitzubestimmen. Ein anderer wichtiger Aspekt ist, dass jedes Kind, jeder junge Mensch, verfassungsrechtlich das Recht darauf hat, sich bestmöglich zu entwickeln und zu entfalten. Das bezieht sich auf alle Lebensbereiche. Man muss sich überlegen, welche Strukturen junge Menschen, in diesem Fall junge Mädchen, brauchen, damit sie sich gut entwickeln und ein selbstbestimmtes Leben führen können. Teil davon ist, Informationen über die eigenen Rechte zu haben. Kinderrechte und allgemeine Grundrechte sind noch nicht genug in den Lehrplänen verankert. Ich glaube, dass wir alles mit den Kinderrechten oder mit den Menschenrechten lösen können und auch müssen. 

Chefredaktion: Was sind aktuelle Themen, mit denen ihr euch zurzeit beschäftigt? 

Sebastian Öhner:  Aktuell ist auf jeden Fall das Thema Kinderrechte im Internet, also alles, was im digitalen Raum stattfindet, ein großes Thema für uns. Da geht es um Sachen wie Cybermobbing oder Sexualdelikte im digitalen Raum. Das zweite Thema, was immer relevant bei uns ist, ist Gewaltschutz in allen möglichen Formen. Da geht es um Gewalt in der Familie, aber auch um Gewalt in anderen Kontexten, wie in der Schule. Ein dritter Bereich ist das Thema Diskriminierungsschutz. Das heißt jetzt: von sexistischen, rassistischen Diskriminierungen, aber auch von Diskriminierungen zum Beispiel im Kontext von Menschen mit Behinderungen.

Welche Strukturen sind vor allem für junge Mädchen wichtig, um sich vor Gewalt zu schützen? 

Junge Mädchen brauchen Informationen zu ihren Rechten. Hier geht es vor allem darum, Probleme aus ihren Leben zu thematisieren und für sie verständlich zu erklären. Zusätzlich sind auch Stellen wichtig, bei denen sich junge Mädchen melden können und klare Strukturen, wie sie unterstützt werden können.

Welche Themen beschäftigen im Moment junge Migrant*innen, die sich an euch wenden? 

Bei uns melden sich junge Menschen vor allem mit Diskriminierungsschutz generell, aber auch in Schulen. Es geht vor allem um Beleidigungen oder verschiedene Formen von Gewalt. Man muss ganz ehrlich sagen: Der Schutz in Schulen ist viel schlechter als am Arbeitsplatz. Das Diskriminierungsverbot, dass alle möglichen Formen von  Diskriminierung vorbeugen soll, gilt in vollem Umfang nur an Berufsbildendenschulen. Junge Menschen, junge migrantische Menschen wissen zwar in manchen Fällen, dass sie das Recht haben, zum Beispiel nicht beleidigt zu werden. In der Realität passiert aber oft das Gegenteil. Sie werden beleidigt und es passiert wenig. Wir haben da Lücken im Diskriminierungsschutz. Diese Lücken machen es auch schwierig, in Schulen das Verständnis dafür zu bekommen, dass Kinderrechte verletzt werden.  Ein wichtiges Thema ist auch, dass sich junge Menschen oft nicht gehört fühlen. Sie haben das Gefühl ihre Meinung zählt nicht viel und sie können nicht mitbestimmen. Dabei haben sie sogar durch die Verfassung das Recht auf Teilhabe bei allen sie betreffenden Entscheidungen.

Was sind vermehrt Themen bei der Beratung, mit denen die Kinder und Jugendlichen zu euch kommen? 

Online- sowie Offline-Mobbing ist immer ein großes Thema bei uns. Psychische Gesundheit kommt auch oft vor, das sagen uns die Jugendlichen jetzt nicht direkt. Es ist eher das versteckte Problem dahinter, wo wir während der Beratung merken: „Okay das ist etwas, wo man ansetzen müsste.“ Da gilt es dann, die Jugendlichen gut zu unterstützen und passende Lösungen zu finden. Die Belastung durch Armut kommt auch immer wieder vor. Wenn man kein Geld hat, bringt das einiges mit sich, was dann das ganze Leben schwieriger macht, sowohl in der Schule als auch in der Freizeit.

Gibt es derzeit eine Problematik im Bereich der Kinder- und Jugendrechte, bei der ihr als KIJA das Gefühl habt, dass sie nicht genug Aufmerksamkeit bekommt?

Ja, das Thema Verbindlichkeit. Wir haben sehr starke Rechte von Kindern und Jugendlichen. Aber es ist dann immer schwer, diese Rechte wirklich in die Realität zu heben. Systeme sind noch nicht alle darauf ausgelegt, dass Kinder und Jugendliche ihre Rechte wirklich durchsetzen können. Da geht es nicht nur um konfrontatives Durchsetzen, also um einen rechtlichen Streit, sondern um das Klarstellen: Das sind die Rechte von Kindern und Jugendlichen und daran müssen wir uns halten. Diese Verbindlichkeit fehlt noch. 

Was ist Ihnen wichtig, dass Kinder und Jugendliche über ihre Rechte wissen?

Ihr habt starke Rechte und wir können euch dabei unterstützen sie durchzusetzen. Ihr könnt euch jederzeit bei uns melden.

Die Wiener Kinder- und Jugendanwaltschaft (KIJA WIEN) ist als Ombudsstelle eine weisungsfreie Einrichtung der Stadt Wien, die sich parteilich für die Interessen von Kindern und Jugendlichen einsetzt.

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