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Wir sind alle Antifa…

…oder eben doch nicht?

weißes Transpi mit schwarzer Schrift "Wir sind alle Antifa - mit allen notwendigen Mitteln", Demo in Nürnberg anlässlich des Urteils gegen Hanna

Wie sehr dieser oft benutzte Demo – Spruch zutrifft, muss sich noch zeigen und ich befürchte, da wird es böse Überraschungen und Enttäuschungen geben wie so oft, wenn es an der Zeit ist, dass „die Gesellschaft“ zeigen und unter Beweis stellen muss, wie ernst es ihr mit leider am Ende doch allzu oft leichtfertig skandierten Slogans auf symbolischen Massendemonstrationen ist.

Eigentlich sollte es logisch und selbstverständlich sein – „wir sind alle Antifa“

Natürlich, was denn auch sonst!? Aber wenn passiert, was aktuell in immer mehr Ländern passiert und wenn es dadurch nicht mehr bequem, nicht mehr ungefährlich, nicht ohne mehr Einsatz als bloße Anwesenheit auf Demos und nicht mehr (vermeintlich) allgemeingültig ist, ist es für viele leider doch verhandelbar und nicht mehr selbstverständlich, dass wir alle Antifa sind. Das sind Erkenntnisse, die wir immer wieder ziehen müssen, ob es um Klimaschutz, Klimagerechtigkeit, nie wieder Krieg, Gleichberechtigung…geht. Wenn sich der Wind dreht und wieder einmal die aktuelle Regierung den populistischen, rechten Schreihälsen nachläuft, werden vermeintliche Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt und ihre Verteidigung wenigen auferlegt und überlassen. Ich bin gespannt, aber leider wenig zuversichtlich, dass das selbst beim Thema Antifaschismus in Deutschland (aber nicht nur hier) anders sein wird.

Die Verfolgung hat begonnen

Das faschistische Trump – Regime legt (ohne gesetzliche Grundlage und trotz weiterer Absurditäten) per Dekret vor, Ungarn zieht nach, die Niederlande gehen ebenfalls mit. Das wird nicht das Ende dieser braunen Fahnenstange sein. Auch in Deutschland ist quasi greifbar, dass schon jetzt politisch in diesem Sinne agiert wird und das Scharren der Hufe derjenigen, die auch gesetzlich einen entsprechenden Weg einschlagen wollen, ist nicht zu überhören. Der sogenannte Verfassungsschutz, Polizei- und Repressionsbehörden können die Hufeisen kaum noch heben, die sie werfen wollen, so schwer und groß sind diese inzwischen. Hanna wird in einem politischen Prozess, gebaut auf Indizien zu 5 Jahren Haft verurteilt, Lina wurde 2023 bereits zu 5 Jahren und 3 Monaten verurteilt, Maja leidet in ungarischer Isolationshaft und muss sich nach rechtswidriger Auslieferung durch deutsche Justiz und Polizist:innen einem politisch motivierten Schauprozess stellen, dessen Ausgang in einer Katastrophe enden kann, im Rahmen des sogenannten Budapest – Komplexes beginnen in Kürze weitere Prozesse gegen Menschen, die sich im letzten Jahr selbst gestellt haben, weitere Auslieferungen nach Ungarn sind noch nicht endgültig vom Tisch. Die Liste kann fortgesetzt werden, denn auch diejenigen, die (noch) nicht in den Fängen von Staat, Justiz und Polizei sind, spüren bei jeder Demo was aktuell gerade massiv verrutscht bzw. einstürzt.

Transpi "Danke Antifa - Freiheit und Glück für die inhaftierten und untergetauchten Antifaschist*innen"

Es fühlt sich inzwischen teilweise tatsächlich ziemlich einsam an, Antifa zu sein und es bleibt auf unseren Straßen erschreckend still, zumal es unzählige Anlässe gibt, die Straßen und Plätze mit wütenden Menschen in Aktion füllen müssten: Klimaschutz war einmal, repressive Maßnahmen aller Art gegen Schutzsuchende, Migrant:innen,  Bürgergeldempfänger:innen, Menschen mit Behinderungen, Queere, Trans-Personen, finanziell Arme, Rentner:innen, ganz frisch die Pflegebedürftigen – das faschistische Handbuch wird offen und exemplarisch Schritt für Schritt auf Regierungsseite durchgespielt. Wo Kämpfe und Widerstand sichtbar werden, wird mit massiver Gewalt reagiert. Ob Proteste gegen blinde Militarisierung, Angriffe auf das Selbstbestimmungsgesetz, den laufenden Genozid und die ethnische Säuberung durch das israelische Regime in Gaza, drohende Rodungen für Straßen und anderen fossilen Irrsinn – diejenigen, die sich widersetzen sind überschaubar und unterlegen angesichts der Gewalt, die ihnen entgegenschlägt und die schon lange im wahrsten Sinne des Wortes auch tatsächliche Gewalt jeglicher Art ist. Liebe und Respekt geht raus an alle, an jede:n Einzelne:n, die kämpft und sich widersetzt mit den Mitteln, die ihr möglich sind. In gleichem Maße wächst in mir aber auch Verachtung für und Wut gegen all die, die uns allein lassen, obwohl es ihnen möglich wäre, etwas zu tun. Zu sehen, dass oft ausgerechnet die, die nicht oder weniger privilegiert sind, die tatsächlich etwas zu verlieren haben, auch diejenigen sind, die handeln, ist bezeichnend für einen zu großen Teil „der Gesellschaft“. Es ist Teil des Problems und es ist das Gegenteil von der allzu oft plakativ beschworenen Solidarität.

Das Schweigen ist zu laut, das Mitlaufen zu entschlossen, das sich-raus-halten zu gefährlich und die Gleichgültigkeit im Endeffekt eben doch zu-eindeutig-Position-beziehend

Wenn die Entwicklungen bezüglich der Kriminalisierung und Verfolgung von Antifaschist:innen und Aktivist:innen, die sich für Menschenrechte und Klimagerechtigkeit, gegen Krieg und Völkermord, für queere und Transrechte einsetzen so fortschreiten, wie sie das momentan tun, ist Schweigen keine Option und jede:r die schweigt, wird Mittäter:in. Engagiert euch und sucht euren Platz unter uns – ob in einem besetzten Wald, bei solidarischen Prozessbegleitungen, bei Aktionen und zivilem Ungehorsam gegen fossile Konzerne und Krieg, mit Redebeiträgen auf Demonstrationen, Mahnwachen, schreibt Briefe an Gefangene…die Möglichkeiten sind vielfältig, aber ihr müsst sie nutzen. Es ist und kann nicht mehr unsere Aufgabe sein, wieder und wieder zu versuchen, euch alle an der Haustür abzuholen, euch zu überzeugen und zu motivieren. Das, was gerade vor unser aller Augen passiert, muss für jede:n Einzelne:n schon längst ausreichend Motivation sein. Wir, die wir draußen sind und Widerstand leisten, haben alle Hände voll zu tun und sie reichen nicht. Es kann nicht auch noch unsere Aufgabe sein, euch alle abzuholen. Wir haben es viele Jahre versucht und dadurch oft Kompromisse gemacht, die nicht immer zielführend und richtig waren. Ich sage das mit ziemlich viel Wut und Enttäuschung, denn ich höre es immer wieder: „davon habe ich noch nie gehört, das muss mir doch jemand sagen, woher soll ich denn wissen, dass…“ Doch, ihr könnt es wissen, wenn ihr nur wollt und wenn es euch interessieren würde. Ihr könnt es wissen, wenn ihr nicht nur an euch selbst denkt, sondern mit offenen Augen durch die Welt geht. Es fehlt nicht an Wissen und Information. Es fehlt an Willen und das nicht nur bei Politiker:innen und Regierungen, sondern bei allen, die zu Hause bleiben und nichts tun.

Wir alle haben Angst und die ist nicht unbegründet, aber Angst ist keine Entschuldigung für Tatenlosigkeit. Die Angst vor dem, was aus Tatenlosigkeit folgt, sollte größer sein als die Angst vor den Konsequenzen des Kämpfens.

In diesem Sinne – und das ist nun doch nochmal ein Aufruf geworden – Wir sind alle Antifa. Zeigen wir es!

Transpi, rote Schrift: "Die Antifaschistische Aktion aufbauen. Solidarisch. Kollektiv. Überregional."

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