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Neben Klimagerechtigkeit und sozialer Gerechtigkeit betritt jetzt Disasterjustice die Bühne

Naturkatastrophe: Wasser, Schlamm, Trümmer, Tiere

Wir leben in einer grundsätzlich sehr ungerechten Welt. Das ist systemisch und strukturell bedingt, politisch genauso gewollt und ist sowohl „Kleinen“ als auch im „Großen“ so. Bei den auf uns zukommenden Katastrophen und auch bei denen, die schon mitten unter uns sind, wird die Gerechtigkeit noch weiter auf der Strecke bleiben, obwohl sie eigentlich nur noch viel relevanter wird.

Die Rufe nach sozialer Gerechtigkeit und Klimagerechtigkeit klingen uns allen noch in den Ohren, oft sind sie inzwischen bloße Platzhalter, weil uns, die wir diese Forderungen haben, oft die Mittel fehlen, diese Gerechtigkeit direkt und radikal umzusetzen und weil die, die es zumindest Schritt für Schritt mit entsprechenden Maßnahmen könnten, es nicht wollen. Es gibt aber durchaus auch unterschiedliche Vorstellungen davon, was Gerechtigkeit bedeutet – meinen wir damit gleiche Bedingungen, gleiche Rechte, gleiche Möglichkeiten, gleiche (finanzielle) Mittel und Ressourcen…? Liberale verstehen unter Gerechtigkeit sicher gleiche Chancen auf ganz viel Geld für alle, die „fleißig“ sind und sich durch „harte Arbeit“ in Managerpositionen hochgearbeitet haben. Partei-Linke würden diese Sicht zumindest noch mit der Forderung nach Berücksichtigung der jeweiligen Chancen und Möglichkeiten, bestimmt durch Herkunft, Zugang zu Bildung etc. garnieren und sehen Gerechtigkeit oft in großen Teilen auch darin, dass „alle mehr“ vom kapitalistischen Kuchen bekommen. Das alles hat nichts mit Gerechtigkeit und schon gar nichts mit globaler Gerechtigkeit zu tun, die meiner Meinung überhaupt erst gelingen kann, wenn wir auch über Anerkennung von Schuld(en) und Fehlern und ernsthaft über Wiedergutmachung (z.B. durch Reparationen) sprechen. Linksradikale und (panisch so bezeichnete) Linksextremist*innen stehen an völlig anderen Punkten, was die Diskussion um und den Blick auf „Gerechtigkeit“ angeht und das ist gut, richtig und wichtig. Hier fehlt es aber oft auch an entsprechender Lautstärke und Vehemenz, um wahr- und ernst genommen zu werden. Doch heute möchte ich eigentlich auf etwas anderes hinaus.

Fakt ist – und das möchte ich jetzt loswerden, weil sich inzwischen zwar das Kollapsbewusstsein mehr und mehr etabliert, Menschen sich damit auseinandersetzen und in größerem Umfang anfangen (müssen), der diesbezüglichen Realität vorsichtig ins Auge zu blicken, ein paar unter uns organisieren sogar ein Kollapscamp (meldet euch an: kollapscamp.de (Opens in a new window)) – im Zuge von Kollaps[1] (Opens in a new window), sei er schleichend in der stetigen Verschlechterung unseres sogenannten Alltags, im kontinuierlichen Verlust von Optionen (staatliche Hilfen, Lebensraum, Zugang zu xyz) oder in zeitlich und räumlich begrenzten Katastrophenereignissen (z.B. Flut, Hurrican, Walsbrände, Anschläge), wird der Ruf nach Kollapsgerechtigkeit aufkommen. Ich sehe es schon von mir: von 17 Teilnehmer*innen des nächsten globalen Klimastreiks halten zwei Pappschilder hoch: „What do we want? Disaster justice! When do we want it? Now“ und Luisa Neubauer gibt ihrem nächsten Buch diesen Titel…

Fakt ist auch, diese weitere Facette von Gerechtigkeit ist wie alle anderen eine, die nicht einfach da ist oder die kommt, wenn wir sie nur fordern und als weitere Floskel auf Demoschilder malen. Diese Gerechtigkeit ist und bleibt – um es z.B. mit Ende Gelände zu sagen Handarbeit, wie es auch Klimagerechtigkeit und soziale Gerechtigkeit sind. Gerade Bewegungsakteur*innen und Aktivist*innen sollten jetzt, im Entstehungsprozess eines neuen Bewegungsaspektes auf der Hut sein und aus vorherigem lernen. Fangen wir in diesem Raum, der sich aufgrund von Klimakollaps, Kollaps im Zuge von Faschisierung, Kriegen, Ökoziden…öffnet, anders an und überspringen das Fordern von und Appellieren an Gerechtigkeit. Noch haben wir die Möglichkeit, den Raum von Anfang an strategisch zu nutzen und mit Handarbeit (im wahrsten Sinne des Wortes) zu erobern. Dadurch schaffen wir es auch, den Rechten das Narrativ „Preppen“ wieder streitig zu machen und das schon jubelnd heiß laufende kapitalistische Übergreifen auf das Feld des Preppens („kauft dieses, baut jenes“) in die Schranken zu weisen. Preppen ist nämlich definitiv mehr, als Lebensmittelvorräte und die beste und leichteste Campingtoilette zu kaufen und an den „sichersten Orten der Welt“ (unangenehme Wahrheit: die gibt es im Kollaps nicht) den tiefsten Bunker bauen zu lassen etc.

Preppen, wie es linke Strukturen und Akteur*innen verstehen sollten, bedeutet gemeinsames, solidarisches Handeln und damit wir das können, müssen wir lernen, Dinge in Handarbeit selbst zu machen. Ob es nun um Selbstverteidigung, direkte Aktionen von Entwaffnungen von Infrastruktur, Strom- und Wasserversorgung, die Versorgung mit Lebensmitteln, 1. Hilfe, fehlende ärztliche Versorgung, Medikamentenmangel…geht. Wir müssen uns darüber austauschen, was auf uns zukommt, welche Themen in diesem Zusammenhang relevant werden können (Spoiler: es wird mehr sein, als wir auf den 1. Blick denken, es wird abhängig von Ort, Zeit und einzelner Person völlig unterschiedliche Dinge betreffen), wo und wie wir alle gemeinsam handeln und helfen können, um solche Szenarien gut abfangen oder eventuell gar nicht erst aufkommen zu lassen. Wir müssen aber ebenso einen Weg finden, mit unausweichlichen Konsequenzen (und den damit verbundenen Emotionen) klarzukommen, die nicht zu verhindern sein werden: z.B. den endgültigen Verlust von Lebensräumen und Situationen, in denen es 0 Handlungsoptionen abgesehen vom „strategischen Rückzug“[2] (Opens in a new window) mehr gibt.

Das alles versuchen wir mit dem Kollapscamp im August zu starten und auf den Weg zu bringen. Und genau das ist dabei ein wesentlicher Aspekt: es kann nur ein Anfangspunkt sein, denn es gibt jede Menge zu tun, um im Kollaps für (etwas mehr) Gerechtigkeit zu sorgen, ganz praktisch in Handarbeit und vieles davon haben wir noch nicht mal auf dem Schirm (oder Demoschild).

Demoschild: climate justice now

 


[1] (Opens in a new window) Kollaps meint hier einen kontinuierlichen Prozess, der unseren Alltag in vielen Bereichen dramatisch (und teilweise dauerhaft) verändert, kombiniert mit einzelnen Katastrophenereignissen

[2] (Opens in a new window) Tadzio Müller "Friedliche Sabotage" (Opens in a new window)

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