Die dritte Staffel von Ryan Murphys Serienkiller-Anthologie befasst sich mit dem berüchtigten Serienmörder, Grabräuber und Leichenschänder Ed Gein. Im Zentrum stehen dessen krankhafte Bindung zu seiner Mutter und wie Misshandlung und Isolation zu seinen Psychosen führten, in denen er all die grausamen Taten beging. Die Serie beleuchtet Eds Leben, das als Inspiration für berühmte Horrorfilmfiguren wie Norman Bates, Leatherface oder Buffalo Bill diente.
Nach dem grandiosen Auftakt mit der Geschichte von Jeffrey Dahmer und der herben Enttäuschung über die zweite Staffel, in der es unverständlicherweise um ein Familiendrama und nicht um einen Serienmörder ging, steht endlich wieder ein - mit Thomas De Quincey gesprochen - echter Künstler im Mittelpunkt: Ed Gein. Wahrscheinlich hat kein anderer Killer das Horrorfilmgenre so inspiriert wie er.
Die dritte Staffel ist eine Liebeserklärung an den Horrorfilm und thematisiert neben Ed Geins Lebensgeschichte auch die Klassiker Psycho (1960) von Alfred Hitchcock, Blutgericht in Texas (1974) von Tobe Hooper und Das Schweigen der Lämmer (1991) von Jonathan Demme. Charlie Hunnam spielt den Ed Gein. Hunnam, der mir bisher nur mit eher eindimensional-hypermaskulinen Rollen aufgefallen ist, zeigt hier eindrucksvoll, wozu er schauspielerisch in der Lage ist. Darüber hinaus muss eine Reihe von sehr gut gespielten weiblichen Rollen genannt werden, allen voran Suzanna Son als Adeline Watkins, Vicky Krieps als Ilse Koch und Laurie Metcalf als Eds Mutter Augusta Gein.
Einen sanften Hauch von Kritik - oder besser: eine Richtigstellung - muss ich dennoch anbringen. Die Darstellung von Eds Psychosen ist gelungen; wie auch schon in der "Dahmer-Staffel" tauchen wir tief in die Psyche des titelgebenden Protagonisten ein. Man weiß hin und wieder nicht, was nun Realität ist und was in Eds Vorstellung stattfindet. Die plötzlichen Schwenks zu Ilse Kochs Nazi-Partys sind recht verwirrend am Anfang. Aber das muss so ein, denn Verwirrung ist der Kern von Psychose und Betroffene wissen oft auch nicht, was Wirklichkeit und was Wahn ist.
Bezüglich Ed Geins Sexualität sind allerdings Mythen und Fakten sehr vermischt worden. Eds Beziehung zu Adeline Watkins und die Darstellung von Ed als potentielle Transgenderperson sind mehr als aufgebauscht. Die populäre Vorstellung, Ed Gein sei transsexuell gewesen, entstammt einer sensationalistischen Berichterstattung der Medien und der Mythenbildung seiner Zeit. Hier zeigt sich der abgrundtiefe Hass der westlichen Kultur gegenüber jeglicher Geschlechtsnonkonformität. Gerüchte über seine vermeintliche Transsexualität oder seinen Transvestismus spiegeln die damaligen psychologischen und gesellschaftlichen Ängste und Erklärungsversuche wider. Gerade in den USA ist diese Darstellung auch heute wieder Wasser auf den Mühlen der Trumpisten, Evangelikalen und Rechtsradikalen. Doch es gibt keine echten Belege dafür, dass Ed Gein eine Transfrau war oder sich als solche identifizierte. Zwar soll er in den Polizeiverhören angegeben haben, darüber nachgedacht zu haben, eine Frau zu sein; auch sein Cross-Dressing und das Verlangen, weibliche Haut zu tragen, deuten in Richtung einer Autogynophilie. Doch das sind lediglich Indizien - ein Beweis für Transidentität, vor allem im heutigen Sinne, ist das keineswegs. Der Mythos speist sich letztendlich vor allem auch aus den fiktiven Figuren Norman Bates und Buffalo Bill, die den Stereotyp des transweiblichen Serienkillers in der Popkultur etablierten und die Gerüchte um Gein selbst verstärkten.
In der siebten Folge wird die sexualwissenschaftliche Ungenauigkeit dann auf die Spitze getrieben: Hier klärt die amerikanische Schauspielerin, Sängerin, Aktivistin und Transfrau Christine Jorgensen den verwirrten Ed darüber auf, dass er gynäkophil, anstatt transsexuell sei, und beschreibt dies als den Grund dafür, dass Ed Frauen misshandelte und tötete. Das ist in seiner Ungenauigkeit ziemlich problematisch, denn gynäkophil bezeichnet lediglich die romantische, emotionale und sexuelle Anziehung zu erwachsenen Frauen - heute häufig von nicht-binären Menschen verwendet, die sich mit dem Begriff heterosexuell schwertun. Und schon gar nicht kann dies der Grund dafür sein, warum Ed Gein Frauen ermordete.
Letztendlich bleibt vieles in der Geschichte von Ed Gein unbewiesen, wie der mysteriöse Tod seines Bruders. Die dritte Monster-Staffel entscheidet sich dafür, sämtliche Mythen und Gerüchte aufzugreifen und in die Erzählung einzuarbeiten. Ed Gein war, da können wir sicher sein, vor allem eines: psychisch schwer krank. Aber auch hier mangelt es wieder an psychologischer Akkuratesse; so bezeichnet Eds behandelnder Psychiater in der vorletzten Folge die schizoide Persönlichkeitsstörung und die Schizophrenie als dieselbe Erkrankung, obwohl das zwei komplett unterschiedliche Störungen sind.
Doch das filmische Gesamtbild wird durch diese Detailfehler nicht gestört. Ich habe seit Jahren keine Serie mehr so sehnlichst erwartet und auch so schnell weggesuchtet wie diese. Die acht extrem spannenden Folgen vermischen Mythen, Fakten und Fiktion; die Serie sieht sich eher in der Tradition von Horrorfilmklassikern, die ebenso verfuhren, und weniger als korrekte Biografie des Serienmörders. Das sollte man bei Monster: Die Geschichte von Ed Gein im Hinterkopf behalten.
Doch Vorsicht: Diese Staffel ist nichts für schwache Nerven, empfindliche Menschen sollten besser Abstand nehmen. Für die vierte Staffel ist die Geschichte von Lizzie Borden geplant. Ich freue mich drauf.
https://www.imdb.com/de/title/tt13207736/ (Opens in a new window)