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Der große Unsympathler

Das grundlegende Menschenbild der modernen Wirtschaftswissenschaft - und damit auch das Wirtschaftspolitik - ist das des rationalen Nutzenmaximierers, also des homo oeconomicus. Der trifft eben jede Entscheidung so, dass er den maximalen Nutzen hat. Und das stößt manchen sauer auf, denn was für eine Wirtschaft und was für eine Politik können schon rauskommen, wenn man als Grundlage annimmt, dass alle Menschen nur Egoisten wären.

Aber das ist ein Missverständnis, denn der Homo oeconomicus ist kein eiskalter, rücksichtsloser, emotionsloser Egoist, das sagt das Modell gar nicht. Wenn ein Passant vom Anblick eines armen oder obdachlosen Menschen so bewegt ist, spontan zwei Euro in dessen Hut am Boden zu werfen, dann hat er das getan, was er gerade am Besten fand. Und zwar weil er es am Besten fand, und nicht, weil irgendeine andere Person es am Besten fand.

Eine zweite häufig geäußerte Unbehaglichkeit in Diskussionen lautet: Das Modell sei viel zu einfach, der wahre Mensch sei doch viel komplexer und vielfältiger. So einfach kann man das doch nicht sehen. Oh doch, man kann und manchmal soll man. Natürlich ist das Modell simpel. Über acht Milliarden Menschen berücksichtigen bei jeder einzelnen Entscheidung ihres Lebens unzählige verschiedene Gründe und Gewichtungen. Das kann kein Modell vollständig abbilden. Aber es soll es auch nicht. Der Homo oeconomicus ist wie die große Weltkarte im Atlas: Ganz grob, also viel weniger präzise als ein detaillierter Stadtplan, aber genau richtig, wenn man grob Orientierung braucht.

Dafür ist er praktisch, das ist sein Zweck.

Schauen wir uns das im Detail an. Der Homo oeconomicus ist also ein rationaler Nutzenmaximierer, gliedern wir das auf und beginnen wir mit dem Begriff „Nutzen“.

Das Modell sagt: Vor einer Entscheidung bewertet jeder Mensch die Optionen nach ihrem Nutzen, und zwar nach seinen Kriterien, nicht nach denen eines anderen. Was genau er aber nützlich findet, dazu sagt das Modell nichts. Das lässt sich umgekehrt dann aus einer Entscheidung schließen.

Ein Beispiel: Jemand steht vor der Wahl zwischen schwarzen und weißen Schuhen. Die schwarzen sind praktischer, die weißen schöner. Der Homo oeconomicus zieht alle Kriterien zusammen, gewichtet sie – und am Ende steht ein Wert, den wir „Nutzen“ nennen. Entscheidet er sich für die weißen Schuhe, hat er den ästhetischen Aspekt höher bewertet und die weißen Schuhe haben den höheren Nutzen für ihn. Nimmt er die schwarzen, hat der praktische Aspekt für ihn mehr Nutzen gebracht.

Wichtig: Diese Bewertung muss nicht sachlich oder logisch sein. Sie kann emotional sein. Wenn jemand einem Obdachlosen Geld gibt, dann vielleicht weil er in diesem Moment seine Emotionen wichtiger bewertet als die zwei Euro und das Spenden für ihn mehr Nutzen hat.

Und genau hier liegt der große Missverständnis: Das Modell sagt nicht, warum jemand etwas höher bewertet. Es beschreibt nur: Wenn jemand spendet, dann hat er diese Handlung höher gewichtet als das Nicht-Spenden. Das ist alles. Wenn wir sehen, dass jemand spendet, können wir nachfragen oder forschen, um seine Bewertung zu verstehen.

1. Maximierung

Zweiter Begriff: „Maximierung“.
Der Homo oeconomicus entscheidet sich für die beste Option. Klingt trivial – was sonst sollte man tun? Aber es steckt eine Bedingung dahinter: Man kennt alle Möglichkeiten und Bewertungskriterien, die in diesem Moment relevant sind.

Wenn man sich in einem Schuhgeschäft mit 1.000 verschiedenen Paar Schuhen zur Auswahl darauf konzentriert, ob man das praktische schwarze oder das ästhetische weiße Paar kauft, schließt man alle anderen aus. Und genau das macht der Homo oeconomicus: Er bewertet nur die Möglichkeiten, die er gerade hat oder bewusst berücksichtigt, alle anderen kommen im Modell gar nicht vor. Sein Wissen ist vollständig, sagt man.

2. Das Satisficing-Modell

Der Ökonom Herbert Simon war damit unzufrieden. Er entwickelte das Satisficing-Modell. Vereinfacht sagt es: Menschen kennen am Ausgangspunkt nicht alle möglichen Lösungen und Kriterien, aber sie haben einen Anspruch, wie hoch der Nutzen mindestens sein muss.

Wenn mehrere Optionen über diesem Anspruch liegen, wählt man davon die beste und ist fertig. Liegt keine darüber, sucht man weiter, bis man eine findet. Aber was, wenn es die gar nicht gibt? Das kann man ja nie wissen, es geht ja eben um unbekannte Optionen. Suchen wir dann ewig? Nein, sagt Simon. Deshalb sinkt unser Anspruch mit der Zeit, und irgendwann nimmt man auch eine Option, die anfangs nicht gut genug schien.

Wenn wir abends hungrig den Kühlschrank viermal kontrollieren, checken wir nicht, ob wir etwas Neues darin zu essen finden, sondern ob unser Anspruch schon so weit gesunken ist, dass wir aus dem vorhandenen etwas auswählen. Der homo oeconomicus würde beim ersten mal zugreifen oder nie wieder schauen.

3. Rationalität

Der dritte Begriff: „Rationalität“.
Das meint nicht kalte Logik wie bei Mr. Spock, sondern etwas viel Einfacheres: Die Bewertungen müssen in eine widerspruchsfreie Reihenfolge gebracht werden.

Wenn im Kühlschrank Wurst, Käse und Obst liegen, und jemand mag Wurst lieber als Käse, Käse lieber als Obst – dann muss er auch Wurst lieber als Obst mögen. Alles andere wäre ein Kreislauf, also irrational.

Genau das heißt Rationalität: Man kann die Optionen widerspruchsfrei ordnen. Jedes neue Element kann an einem bestimmten Platz eingeordnet.

Auch hier zeigt die ökonomische Forschung, dass es wirklich relevante Abweichungen gibt, je nachdem wie ein Mensch Information aufnimmt. Experimente aus der der Verhaltensökonomik zeigen hoch interessante Effekte, wie diese Listen in unserem Kopf und damit unsere Entscheidungen schon durch simple Formulierungsänderungen beeinflusst werden können.

Natürlich zeigt die Forschung, dass diese Reihenfolgen durch Informationen beeinflusst werden – durch Werbung, Propaganda oder subtile Formulierungen. Sonst würde Werbung ja gar nicht wirken. Die Verhaltensökonomik hat da hochspannende Effekte in Experimenten herausgearbeitet, dazu können wir hunderte Folgen machen. Aber trotzdem: Der Homo oeconomicus selbst nimmt keine Informationen auf. Er erstellt seine Liste erst, nachdem er alle Werbungen gesehen hat und schon beeinflusst wurde. Ab diesem Punkt ist die Liste eben fix und konsistent.

4. Warum das wichtig ist

Damit haben wir den Homo oeconomicus vollständig. Er ist wirklich ganz simpel: Er nimmt seine persönlichen Bewertungskriterien, wendet sie auf eine begrenzte Zahl von Möglichkeiten an, ordnet sie in eine Liste und entscheidet sich für die beste Option.

Mehr ist es nicht. Aber auch nicht weniger.

Warum ist dieses banale Modell so wichtig? Weil man im echten Leben nicht alle individuellen Faktoren jedes einzelnen Menschen berücksichtigen kann. Man braucht eine grobe Karte.

Wenn es auf dem Markt Käufer von Autos mit E-Motor und fossilen Treibstoffen gibt, sagt das Modell also: Jeder von diesen hat erst im Kopf zumindest unterbewusst eine Liste angelegt, diese nach seinen Kriterien bewertet, entsprechend gereiht und dann die beste Option genommen. Das heißt: Wenn man den Verkauf von E-Autos ankurbeln will, muss man die Rahmenbedingungen so gestalten, dass sie in der Reihung für mehr Menschen auf den ersten Platz kommen. Man kann die Kriterien ändern, zum Beispiel durch eine Diskussion über die Klimakatastrophe oder durch Förderungen, die die Preisstruktur verschieben. Man kann die berücksichtigten Optionen ändern, zum Beispiel durch Werbung einer bestimmten Marke. Wenn die Politik Verbrennermotoren ganz verbietet, streicht sie diese damit auch völlig aus den Listen der rationalen Nutzenmaximierer. Und so weiter. Und für solche ganz grundsätzlichen Überlegungen ist der homo oeconomicus hilfreich, gerade weil er so absolut simpel anzuwenden ist. Das ist sein Existenzgrund.

Darf man sich auf ihn verlassen? Natürlich nicht, niemand navigiert durch all die diversen Innenstädte der Welt und versucht das mit der Weltkarte zu schaffen. Wenn man ins Detail gehen muss, gibt es viel zu berücksichtigen. Wir werden uns daher in diesem Podcast noch eindringlich mit dem Satisficing-Modell und der Verhaltenskönomie beschäftigen. Und mit hunderten anderen spannenden Dingen, die spannend sind. Versprochen.