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Newsletter - dein kreativer Journaling Kurs #22

Newsletter – dein kreativer Journaling Kurs #22

Schreiben für dich vs. für andere

Intimität vs. Öffentlichkeit

 

1. Warum diese Unterscheidung wichtig ist

 

„Was passiert mit deinen Tagebüchern, wenn du mal nicht mehr bist?“ - eine Frage, die mich sehr oft erreicht, wenn es ums Tagebuch schreiben geht. Vielleicht, weil diese Frage viele Menschen irgendwie umtreibt: Was passiert mit ihren aller intimsten Gedanken, wenn sie nicht mehr leben? Ich habe die Antwort für mich eigentlich sehr klar, denn ich schreibe mein Tagebuch allein für mich und das soll auch so bleiben. Sprich: auch nach meinem Ableben möchte ich nicht, dass all diese Gedanken an die Öffentlichkeit kommen bzw. auch nur, dass meine Kinder sie einmal lesen werden. Deswegen lasse ich diese Info immer mal wieder fallen: „Verbrennt meine Tagebücher, wenn ich nicht mehr lebe“. Da ich aber mal optimistisch davon ausgehe, dass ich alt werden möchte, überlasse ich das in meinen Gedanken nicht dem Zufall, sondern plane, mich eigeninitiativ von meiner großen Journal Sammlung zu trennen. Mit Anfang 20 gab es einen großen Bruch in meinem Leben, als ich mich von meiner wilden Jugend distanzierte und mich in streng religiösen Kreisen beheimatete. Mit den weltoffenen, freien und feministischen Gedanken meiner Teenager Jahre mochte ich mich nicht mehr identifizieren, daher habe ich mich schon einmal von 12 Jahren Tagebuchschreiben getrennt und alle meine bis dato geschriebenen Bücher vernichtet. Heute denke ich schon manchmal bedauernd an diesen Moment zurück, weil ich meinem Jugendlichen Ich heute mehr Liebe und Verständnis entgegenbringen könnte als die junge Frau, die ich Anfang 20 war. Was ich einerseits bedaure, hat mich aber andererseits gelehrt: ich kann mich trennen und das ist okay. Es kommt nur äußerst selten vor, dass ich in meinen alten Tagebücher nochmal nachlese, was ich geschrieben habe, es sind reiche „Arbeitsaufzeichnungen“ für mich, die nicht sowas wie meine Memoiren sind oder gar autobiographisch gelesen werden könnten. Vielleicht geht es dir wie mir und du möchtest lieber nicht so gerne, dass später irgendwer in deinen alten Aufzeichnungen schmökert. Vielleicht macht dir dieser Gedanke aber gar keine Angst, sondern fühlt sich eher schön an und du denkst „Jetzt möchte ich das vielleicht nicht, aber für später kann ich mir schon vorstellen, dass mein Partner, meine Kinder oder sogar Enkelkinder in meinen Tagebüchern lesen. Es ist nicht unbedingt notwendig, das final für dich zu klären, aber du solltest im Hinterkopf behalten, dass vermutlich deine Schreibe eine andere sein wird, wenn du ganz für dich schreibst – gegenüber dem Schreiben für andere. Daher soll diese Lektion beleuchten, wie unterschiedlich schreiben wirken kann, je nachdem, wer die Zielgruppe ist: Du selbst oder ein imaginären Publikum.

 

2. Schreiben für dich: der private Raum

 

Wenn du in erster Linie für dich selbst schreibst, dann hältst du dir selbst den Raum. Durch das Schreiben eröffnest du dir einen geschützten Denkraum, in dem Gedanken unfertig sein dürfen, Gefühle chaotisch und Formulierungen „roh“ und ungeschützt. Deine Worte liegen nicht auf der Goldwaage, denn sie müssen nur dir allein genügen. Wenn du zB ganz für dich alleine schreibst, würdest du vielleicht ganz ungeschützt mal raus hauen „Ich bin so genervt von meinem Partner“, weil du dir ja der Ambivalenz dieses Gefühls bewusst bist, weißt, dass es sich um eine Momentaufnahme handelt und auch nicht deine komplette Realität abdeckt. Du hältst diesen wütenden Gedanken fest, weißt aber, dass das ja nicht alles ist, ohne dass du das der Vollständigkeit halber mit dazu schreiben musst. Jetzt darf diese eine, isolierte, tendenziöse und vielleicht sogar unsachlich übertriebene Gedanke Raum haben, weil dir das gerade hilft, weil es raus muss, weil dieser Gedanke ausgesprochen werden muss, damit du auf seelischer Ebene Entlastung verspürst. Das private Schreiben erlaubt situative Ehrlichkeit ohne Rücksicht auf Reaktionen, Bewertungen oder Erwartungen anderer und das macht etwas mit der Art und Weise, wie du formulierst. In dieser Ehrlichkeit entsteht ein hohes Maß an Intimität und Unmittelbarkeit deinen eigenen Gefühlen gegenüber. Du bist vollkommen authentisch ohne jegliche Art von Performance. Aus psychologischer Sicht wird durch diese Art des Journalings der Selbstkontakt verstärkt und auch die Selbstregulation in gewisser Weise (das kann nämlich das Schreiben für andere auch, aber dazu gleich). Wenn du nur für dich selbst schreibst, regulierst du, weil deine Gefühle einfach erstmal sein dürfen, ohne dass sie geglättet oder verpackt werden müssen. In der Psychologie nennt man das „expressive Verarbeitung“: Gefühle bekommen Raum, können kommen und gehen, was wie ein Druckventil wirkt. Auf diese Weise wird physiologische Erregung gesenkt. Wenn du für dich selbst schreibst, dann muss das nicht „schön“ sein, es darf einfach funktionieren.

 

3. Schreiben für andere: Kommunikation statt Selbsterkundung

Wenn du dasselbe Thema so schreiben würdest, dass eine andere Person es lesen könnte, würdest du fast automatisch in den Erklärmodus switchen: „Ich war wütend, weil...“, „Ich fand verletzend, dass... vielleicht wollte die andere Person aber auch...“. Auf diese Weise verschmelzen Reflexion und Verarbeitung und man begibt sich quasi automatisch in eine Stimmung, die selbst-beruhigend wirkt. Hier werden Emotionen auch verarbeitet, jedoch weniger körperlich, weil der erste Impuls gedämpft und kanalisiert wird, sondern eher intellektuell. Auf diese Weise reguliert das Schreiben für andere durch Einordnung. Das ist ebenso hilfreich, aber energetisch dennoch ganz anders.

Das zeigt recht schön, dass sich der Fokus des Schreibens verändert, sobald man für andere schreibt. Man wählt bewusster Formulierungen, prüft das Geschriebene auf mögliche Missverständnisse hin und strukturiert vermutlich auch seine Gedanken klarer, damit sie für einen anderen Menschen verständlich sind. Man könnte diese Form des Journalings fast mit einem Übersetzungsprozess vergleichen (du übersetzt dein Innenleben für andere), der ganz nebenbei aber auch zu einer Art Selbstklärung beiträgt. Was auf der einen Seite Fokus und Klarheit schafft, wirkt auf der anderen Seite aber begrenzend, was die Rohheit und die Unmittelbarkeit der Gedanken angeht. Es kann hilfreich sein, sich immer wieder selbst kritisch zu hinterfragen: Sortiere und kläre ich gerade und tut mir das gut? Oder führt die insgeheim gedachte Mitleserschaft dazu, dass ich beginne Gefühle sozial akzeptiert darzustellen – aus Rücksicht oder aus Scham? Inwiefern das Schreiben für andere den Horizont erweitert oder einschränkt, ist höchst individuell.

 

4. Intimität vs. Öffentlichkeit: Zwei verschiedene Energien

 

Es handelt sich um zwei verschiedene Energien, die sich nicht zwangsläufig ausschließen: Denn „Öffentlichkeit“ meint hier nicht die unbegrenzte Öffentlichkeit und kann sich schon eine einzige potentiell mitlesende Person beziehen. Intimität beim Schreiben entsteht, wenn du dich nicht beobachtet fühlst, und das geschieht schnell, wenn du für andere Personen schreibst. Aber auf der anderen Seite kann Intimität ja auch zwischen dir und anderen Menschen entstehen: Es kann eine sehr tief verbindende Erfahrung sein, wenn deine Kinder auf deinen Wunsch hin vielleicht später man an deinen Tagebuch-Gedanken teilhaben dürfen.

Vielleicht möchtest du eigentlich nur für dich schreiben, hast jedoch Angst, dass jemand dein Tagebuch in die Hände bekommen und heimlich lesen könnte. So kann die Angst vor der ungewollten Öffentlichkeit auch den Prozess des Schreibens „nur für sich selbst“ beeinflussen oder beeinträchtigen. Auf der anderen Seite kann Intimität etwas sein, was man zu einem späteren Zeitpunkt ganz bewusst für andere Menschen öffnet. Tendenziell dienen öffentliche Texte der Verbindung nach außen und intime Texte der Verbindung nach innen. Beide Formen sind sehr wertvoll, aber sie erfüllen unterschiedliche psychologische Funktionen und fühlen sich daher schon im Prozess des Schreibens unterschiedlich an.

Da ich die Angst vor der ungewollten Öffentlichkeit kenne und ihr eine Zeit lang dadurch „entflohen“ bin, dass ich meine Texte „verklausuliert“ habe und in einer Art und Weise geschrieben habe, die nur mir verständlich war, möchte ich dem Thema „Chiffren – dein versteckter Geheimcode beim Schreiben“ nächste Woche nochmal eine Extralektion widmen. Man kann nämlich durch die Art der Schreibe die eigenen Gedanken sowohl ungefiltert ehrlich zu Papier bringen als auch für die Öffentlichkeit quasi unzugänglich machen. Ich zeige euch, wie.

 

5. Wie du erkennst, in welchem Modus du gerade schreibst

 

Möglicherweise ist dir, wenn du dich zum Schreiben hinsetzt, manchmal gar nicht so bewusst, für wen du eigentlich schreibst. Es könnte sein, dass du dich ganz allein mit dir selbst wähnst, aber dein Unterbewusstsein dir dennoch die geheime Zensur auferlegt. Tatsächlich ist uns das nicht immer so bewusst. Deswegen lohnt es sich, sich immer mal wieder bewusst die Frage zu stellen: Für wen schreibe ich das hier gerade? Schreibst du in dem Bewusstsein, dass du diese Worte einmal „vernichten“ wirst oder ist der Gedanke „meine Kinder werden das Lesen“ doch dein geheimer Co-Korrektor? Man kann sich dieser Frage auch dadurch bewusst werden, dass man sein eigenes Körpergefühl beim Schreiben beobachtet: Schreibst du frei und fließend oder überlegst du bei jedem Satz? Feilst du an Formulierungen oder schreibst du wie dir „der Schnabel gewachsen“ ist? Du kannst auch auf formale Marker in deinem Text achten, die darauf hindeuten, dass du eigentlich eine stille Audience hast, die mitliest: Achte zB darauf, ob du dich erklärst, rechtfertigst oder Schönwetterformulierungen wählst. Auch „Schönschreibe“ wie stilistische Finesse, Metaphern oder Bilder können ein Hinweis darauf sein, dass du dir unbewusst ein Publikum mitdenkst. Vielleicht kann es deinem Bewusstsein helfen, wenn du mit dieser Frage („Für wen schreibe ich?“) im Hinterkopf deine Texte im Nachhinein nochmal scannst und dazu notierst „dieser Gedanke/dieser Ausdruck ist nur für mich“ oder aber „ich schreibe das, um verstanden zu werden“. Vielleicht kommt es dir seltsam vor, gleichsam Autor und Lektor deiner Texte zu sein, aber glaub mir: Das ist ein hochspannender Akt, der deine Selbsterkenntnis vertiefen und dein Verständnis für deine unbewussten Antriebe schärfen wird.

 

6. Übungen für die kommende Woche

 

Übung 1 nenne ich den „den doppelten Absatz“: Schreibe, wenn du genug Zeit hast, mal ein Thema, das gerade akut ist, nur für dich auf. Falls du schon ahnst, dass du dazu neigst, dich gerne zu zensieren, nimm dir ein Blatt, das du hinterher vernichten darfst. Schreib spontan, ohne Rücksicht und ohne Filter. Dann schreibe denselben Gedanken auf, als würdest du ihn einer vertrauten Person erzählen. Werde dir dazu bewusst: Welchen imaginären Leser hast du dabei im Kopf? Deinen Partner? Deine Kinder? „Die Nachwelt“? Glaubst du, dass du für deine Kinder anders schreiben würdest als für eine anonyme Öffentlichkeit? Vergleich anschließend, wie sich dein Ton, deine Klarheit und deine Emotionalität verändern. Oder verändert sich nichts? Woran könnte das wiederum liegen?

Eure 2. Übung ist eine Wiederholung im Sachen „Timer für weniger Zensur“: Stelle den Timer auf 10 Minuten und schreibe durchgehend ohne den Stift abzusetzen und über deine Wortwahl nachzudenken. Übe dich immer mal wieder in dieser Taktik des „Fließenlassens“, denn das fördert den Modus des „nur für mich“.

3. Grenzmarkierung: Unterteile nach einer Journaling Einheit mal eine Seite deines Journals in zwei Seiten und nenne sie „privat“ und „teilbar“ und sortiere die Gedanken deiner letzten Session mal und frage dich, in welche Spalte sie eher gehören. Viele werden durch diese Übung vielleicht überrascht entdecken, dass sie ihre Schreibe bisher zu öffentlich gedacht haben (oder umgekehrt).

4. Moderiere dich selbst: Du kannst auch im Prozess des Schreibens selbst moderierende oder analysierende Sätze einfügen, die mit dem Gegenüber aus öffentlich und privat spielen. Wenn du zB merkst, dass eine bestimmte Formulierung eher die „angepasste Variante“ für eine etwaige Außenwelt und Leserschaft ist, dann kannst du so etwas schreiben wie „Das ist die Art und Weise, wie mein vorsichtiges Ich diesen Gedanken präsentiert, um ehrlich zu sein fühlt es sich aber eher an wie“. Ich mache das oft, dass ich im Schreibprozess meine Schreibe reflektiere: „In meinem Kopf formt sich das Urteil „so ein Blödmann“, aber eigentlich würde ich mich an dieser Stelle am liebsten mal auskotzen, was für ein riesen Arschloch er ist“. Oder „Ich bin so frustriert und möchte gerade nur verbal rumheulen, aber ich weiß, dass es an dieser Stelle sinnvoll wäre, den Fokus wieder auf das Positive zu richten. Vielleicht darf beides an dieser Stelle Raum haben!“ So nehme ich auch manchmal die „für eine gedachte Audience“ Schreibhaltung ein (reflektiert, vernünftig, sachlich), weil diese mir selbst hilft, obwohl ich nach wie vor der Überzeugung bin, dass ich diese Zeilen niemals irgendwem zu lesen geben will.

 

Viel Spaß beim Schreiben und Ausprobieren – und bis nächste Woche

 

Eure Sina

 

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Topic Journaling Kurs

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