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Bruch in der Biografie – Von Stille, Sprache und der Kraft der Gemeinschaft

Vor einem Jahr - OP zweites CI

Es gibt Einschnitte im Leben, die keine kosmetischen Korrekturen erlauben. Sie sind so tief, so gravierend, dass sie sich unauslöschlich in die Biografie einschreiben. Die späte Ertaubung ist ein solcher Bruch. Nicht bloß medizinisches Ereignis, sondern ein existenzieller Einschnitt, der das Selbstbild erschüttert.

Ein Lebensfaden, der reißt und neu geknüpft werden will.

Ich erinnere mich noch gut an den Moment, an dem mir die Tragweite bewusst wurde. Von einem Tag auf den anderen stellte sich die Frage: Wer bin ich ohne das Hören? Nicht das harmlose „Noch“, das ein nostalgisches Restvermögen beschwört, sondern das schmerzhafte „Jetzt“. Wer bin ich jetzt, da der Sinn, der mir Orientierung, Gleichgewicht, Sicherheit und Teilhabe schenkte, verstummt ist?

Es ist eine Zäsur. Manchmal erlebe ich sie wie eine Katharsis, die mich reinigt, ordnet, neue Klarheit schenkt. Und manchmal fühlt sie sich an wie eine Tabula rasa, ein leeres Blatt, das sich neu beschreiben lässt – auch wenn die alten Worte noch durchscheinen. Drei Worte, die nicht alles erklären, aber vieles andeuten, was es heißt, mit einem solchen Bruch zu leben.

Manchmal hadere ich mit dieser Beschreibung, manchmal beschreibt sie alles ganz genau. Denn es ist, was es ist: ein Bruch in der Biografie. Und doch richte ich den Blick nach vorn. Ich sehe das bunte Leben, die Möglichkeiten, die Liebe, Freundschaft, Vertrauen und Wachstum.

Ich hoffe, dass mich Hörlibert und Hörmine – meine beiden Cochlea-Implantate – noch viele Jahre, Jahrzehnte begleiten. Aber selbst wenn sie pausieren, bin ich nicht abgeschnitten. Ich kann kommunizieren, auch ohne Lautsprache. Ich kann Gebärden einsetzen, Augen und Hände, Gestik und Mimik.

So schneide ich niemanden von der Gemeinschaft ab – und niemand schneidet mich ab.

Das ist mir wichtig. Denn es macht mich traurig, wie viele Menschen im Alltag auf Dolmetscher angewiesen sind – auf Messen, in Behörden, in Gesprächen – weil es an Schrifttafeln, Infotafeln, Hinweisen fehlt.

📌 Faktenkasten: Späte Ertaubung

Verlust des Gehörs im Erwachsenenalter – oft durch Krankheit, Hörstürze, genetische Faktoren oder Unfälle.

Der Kontrast zum früheren Hören macht die Umstellung besonders einschneidend.

Folgen: Identitätskrisen, soziale Isolation, berufliche Einschränkungen.

Strategien: Cochlea-Implantat, Gebärdensprache, technische Hilfsmittel, psychosoziale Unterstützung.

Meine Begleiter auf diesem Weg tragen bezeichnende Namen: Hörlibert und Hörmine, meine beiden Cochlea-Implantate.

Sie sind mehr als Technik – sie sind Komplizen. Hörlibert, der Verlässliche, schenkt mir Klangräume, die mir entglitten waren. Hörmine, die kleine Rebellin, wagt mit mir Pionierwege als Teil eines Vollimplantat-Studienprojekts.

Ja, manchmal leisten sie Großes, manchmal nehmen sie sich Pausen. Ich übe mich in Geduld – und in Humor: Auch Technik darf schlechte Laune haben.

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