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Dopamingarantie durch Striche

Mit meinen rezidivierenden Depressionen suche ich ja immer nach Wegen, mit meiner Gehirnchemie Freundschaft zu schließen. Hier ist einer.

Mein Gehirn ist eine Karre Mist, das sollte nun wohl schon auch die letzte Person mitbekommen haben. Ich habe Depressionen, war mindestens zehn Jahre lang angstgestört und Zeit meines Lebens eine sehr sensible Kreatur. Die Welt hat zwar nicht immer, aber sehr oft so viel Macht über mich, dass sie mich knicken kann wie einen Zahnstocher.

Aus dem Grund nehme ich jede Möglichkeit auf einen kurzfristigen Dopaminfix mit. Guilty Pleasures aller Art gönne ich mir ohne lange drüber nachzudenken oder schlechtes Gewissen. Dummerweise habe ich nicht viele davon und die wenigen sind mit Kosten verbunden, so dass ich sie mir nicht so oft gönnen kann, wie ich möchte. Ein Hobby, das mich zuverlässig und für länger als drei Tage mit Dopamin versorgt, habe ich nicht. Das heißt: bis jetzt.

2018, als ich mit Panikattacke und Grübelzwang in meine bis dato extremste Krise fiel, versuchte ich es mit Häkeln. Aber das ist nicht nur sehr teuer (habt Ihr mal gesehen, wie teuer Biobaumwolle ist?!), sondern dauert auch ungefähr hundert Jahre, bis man Ergebnisse sieht. So lange, dass die Dopaminausschüttung gegen den betriebenen Aufwand etwas mager ausfällt. Ungefär so, wie jeder Buchvorschuss an Wucht verliert, weil sich das Schreiben über Monate, bisweilen Jahre hinzieht. Der Stundenlohn liegt dann nämlich oft unterhalb des gesetzlichen Mindestlohns. Ich habe zwar immer noch Tonnen von Wolle hier liegen, merke aber, dass ich wohl nie wieder ernsthaft mit Häkeln beginnen werde.

Als nächstes haben wir Möbelaufbereitung. Gott, das gibt viel Dopamin. Ich werde nie vergessen, wie ich mich gefühlt habe, nachdem ich der runtergerockten Lackierung meines Küchenschränkchens eine Generalüberholung angedeihen ließ. Industriefön, Lack ab, von Hand schleifen, neu klar lackieren. Der Wahnsinn. Dummerweise habe ich nicht genug Möbel, um mir regelmäßig einen Dopaminschuss durch Generalüberholung zu setzen.

Zeichnen ist eine Sache, die ich bei anderen immer bewundert habe und die immer etwas in mir zum Vibrieren gebracht hat. Zeichnen gehörte zu den Anforderungen meines Biologiestudiums, in verschiedenen Kursen waren wir Studierende dazu angehalten, Dinge, die wir seziert oder unter dem Mikroskop hatten, abzuzeichnen. Bei diesen Gelegenheiten konnte ich feststellen, dass es mir zwar höllisch Spaß macht zu zeichnen, ich aber in Bezug auf das Ergebnis völlig talentfrei bin. Dinge abzuzeichnen, bedeutet immer auch, dass es einen messbaren Vergleich mit der Realität gibt. Sieht meine Zeichnung so aus wie das, was wirklich auf dem Objektträger oder in meiner Sezierschale lag? Die Antwort lautete öfter Nein als Ja. Obwohl ich also einen inneren Bezug zum Zeichnen hatte und immer noch habe, trennte ich mich von der Idee, das Zeichnen ein Hobby werden könnte.

Auftritt Doodling.

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Doodling ist eine Art des Zeichnens, bei der einfach Muster und Formen mitunter repetitiv miteinander kombiniert werden. Dabei entstehen wunderschöne Bilder, deren Betrachtung allein schon satisfying ist und Dopamin springen lässt. Erst verbrachte ich nur eine Zeit mit dieser Betrachtung, sammelte bei Instagram einfach ein paar Konten in meine Timeline, deren Doodling-Bilder und -Videos mir Wohlbefinden bereiteten, unter anderem das von Aiko (Opens in a new window). Nach und nach merkte ich, wie einfach Doodling ist. Und eines Tages dachte ich: “Das kann ich auch.”

Als Belohnungsjunkie ist so eine Niederschwelligkeit für mich perfekt. Ich will mich nicht anstrengen müssen, umständlich und kostenaufwändig Techniken und Fertigkeiten lernen oder (teures) Equipment anschaffen müssen. Einen Zeichenblock und ein paar Filz- und Buntstifte hatte ich hier seit meinem Abitur, das immerhin dreißig Jahre zurückliegt, herumliegen, und ich holte alles hervor.

Das Schöne beim Doodling: Es gibt kein Richtig und Falsch. Keine Realität, mit der man das eigene Schaffen abgleichen muss. Man erfindet einfach Formen, füllt sie mit Mustern und es spielt keine Rolle, ob die Formen ebenmäßig oder irregulär, ob die Muster unkonventionell oder repetitiv sind, absolut alles kann zum eigenen Stil werden.

Mein Impostorsyndrom, das mir ständig mitteilt, dass es mir nicht zusteht, mich einer Leidenschaft oder Profession anzuschließen, weil ich nicht gut genug bin, hält mich ständig davon ab, Dinge zu tun oder auszuprobieren, und es versuchte es auch diesmal. Aber weil Doodling Freiheit bedeutet, weil im Grunde alles egal ist, und es kein “richtiges” Ergebnis gibt, sagte ich ihm, dass es seine verdammte Fresse halten soll, und fing an.

Ich legte mir ein Instagramkonto nur für Doodling an: Doodlepoodelofhearts (Opens in a new window). Meiner Natur gemäß bin ich bei Instagram schnell in der Bubble der neurodivergenten Doodler gelandet und habe dabei gelernt, dass es Menschen gibt, die bei Doodling gerade das Ebenmäßige und Repetitive beruhigend finden. Mich jedoch lockt eher die Freiheit, absolut alles tun zu können.

Wie gehirngewaschen man mit diesem Richtig und Falsch ist, merkt man ja auch erst, wenn man zum ersten Mal versucht, sich ein “Anders” zu erlauben. Vor jedem neuen Bild sage ich mir: “Denk dran, Meike, du darfst alles tun”, und trotzdem merke ich, dass ich immer noch viel zu sehr inside the box zeichne. Meine Formen und Muster sind noch immer - ich habe am 12. Oktober 25 damit angefangen - sehr konservativ. Aber auch das ist in Ordnung. Ich fühle mich derzeit wie eine Pionierin, die neues Gelände erobert, und dabei ist jeder Schritt erlaubt. Jede Zeichnung, die sich am Ende als nicht befriedigend entpuppt, ist Lernkurve. Lernen nicht im Sinne von objektiver Richtigkeit, sondern einzig im Sinn meines subjektiven Ästhetikempfindens. Das Dinge angenehm finden darf, die falsch sind, hässlich, unförmig.

Keine Worte dieser Welt können ausdrücken, wie wohl, geborgen, selbstsicher ich mich fühle, wenn ich mich nach der Schreibarbeit des Tages in mein Bett kuschele, zusammen mit dem Katzi und Gruselhörspielen, mein Stift eine Sekunde über dem Papier verharrt, ich mir sage “Denk dran, Meike, du darfst alles tun” und mich dann ganz den Bewegungen überlasse, die meine Hand ausführen will.

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Der Flow, in den ich dabei regelmäßig gerate, ist schon stabilisierend genug. Es ist eine Kontrollabgabe, ich überlasse mich völlig den Bewegungen meiner Hand, die eine Art Eigenleben führt. In meinen Ohren lösen Lady Bedfort oder Sherlock Holmes irgendwelche spannenden oder gruseligen Mordfälle und meine Hand bewegt sich, ohne den Umweg über mein bewusstes Denken zu nehmen.

In den sozialen Medien ist öfter von “muscle memory”, einem Muskelgedächtnis, die Rede und irgendwie weiß ich immer diffus, was damit gemeint ist. Eine Bewegung, die ohne Beteiligung bewusster Wahrnehmung oder Entscheidung abläuft. Natürlich erinnert sich mein Körper nicht im engeren Sinn an die Bewegungen, die zum Zeichnen nötig sind, weil ich es ja nie länger betrieben habe, aber ich glaube, näher an diese “muscle memory” als beim Doodling komme ich nicht.

Ich denke nicht “Welchen Strich zeichne ich als nächstes, damit es schön oder richtig wird?”, ich setze einfach den Sakura Fineliner auf das Papier und lasse Dinge passieren. Es liegt etwas höchst Meditatives darin, das ich noch nie in meinem Leben bei irgendeiner Tätigkeit gefühlt habe.

Das bedeutet auch, dass ich beim Zeichnen nie weiß, ob am Ende etwas Befriedigendes herauskommt oder nicht. Oft merke ich erst am Ende, wenn ich beschließe, dass ein Bild fertig ist, wie sehr mich der Zeichenvorgang geerdet hat. Manchmal passiert es aber auch, dass ich schon bei den ersten Strichen merke, dass ein Bild so toll wird, dass es mich nicht nur während des Zeichnens erdet, sondern mir am Ende aufrichtige Freude bescheren wird. Dann gehe ich schlafen, beende den Tag mit einem letzten und beginne den neuen Tag mit einem ersten Blick auf ein wunderschönes Outlining, freue mich auf die nächsten Schritte, etwa Schattierung oder Kolorierung, so dass der Dopaminboost über den Augenblick des Zeichnens hinaus anhält.

Zum ersten Mal tue ich Dinge wirklich für mich und nicht für eine Audienz. Ich freue mich natürlich darüber, in der kurzen Zeit schon 300 Follower gewonnen zu haben, aber im Gegensatz zu allen anderen Konten in Sozialen Medien sind mir dort tatsächlich die Likezahlen egal, weil das Wohlbefinden nicht aus der Bestätigung von Außen kommt, sondern aus dem Prozess an sich.

Ich merke zwar, dass ich noch mehr Alkoholmarker mit Pinsel- (Brush-)Spitze (Opens in a new window) und ein Skizzenbuch, das bleed-proof ist (Opens in a new window), brauche, weil der Vorgang des Kolorierens noch eine Extraschicht Befriedigung gibt. Ich wehre mich gewiss nicht, wenn mir ein freundlicher Geist diese Dinge schenken will. Aber sie nicht zu besitzen, schmälert meinen Dopaminausstoß nicht.

Was ich mit all dem sagen will? Falls Ihr auch ein dysfunktionales Gehirn und Euch bisher wegen Impostor-Blabla nicht getraut habt, Euch kreativ auszutoben, dann probiert es mit Doodling. Falls es in Euch verfängt, kann es in seiner stabilisierenden Wirkung mit jedem Antidepressivum mithalten.

Und wer jetzt immer noch nicht genug hat von mir, kann mir bei Instagram (Opens in a new window) oder Bluesky (Opens in a new window) folgen.

Topic Psychische Gesundheit

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