Was und vor allem wie wir aus der Vergangenheit der Menschheitsgeschichte lernen können. Ein Rant, der versehentlich zum Long-read wurde.
Meike Stoverock

Wer Lösungen für das Morgen sucht, muss ins Gestern blicken - das gilt für Psychotherapien genauso wie für gesellschaftliche Entwicklungen. Im Gestern können wir Schlüsselmomente entdecken, Ursachen für Entwicklungen, Kardinalfehler. Aus dem Gestern lässt sich jenseits von bloßer Nostalgie fraglos mehr lernen als aus dem Heute.
Jahrzehnte mit niedrigen Geburtenraten, wachsenden Scheidungszahlen und aktuell der Trend zum weiblichen Heterofatalismus (der sich zugegeben bislang überwiegend online zeigt) offenbaren eine Krise des romantisch-familiären Zusammenlebens. Alle Themen in diesem Bereich - Sorge-/Umgangsrecht, Ehestatus, Adoptionsrechte, Abtreibung - werden mit großer Empörungsbereitschaft diskutiert. In einer solchen Situation des schmerzhaften Wandels ist es also sehr angemessen, mal ins Gestern zu gucken. Und weil die uns umgebenden Strukturen über Jahrtausende entstanden sind, muss man bisweilen sehr weit zurückschauen. Und dann uralte Zustände behutsam ins Heute einordnen.
Natürlich wäre es supitoll, wenn Menschen ab der Sesshaftwerdung so freundlich gewesen wären, die Entwicklungen jeder Generation schriftlich für die Nachwelt zu dokumentieren. Dummerweise wurde die Schrift erst grob 5000 Jahre später erfunden. Man muss sich also auf archäologische Funde stützen, die längst nicht so häufig gemacht werden wie wünschenswert wäre. Mit Hilfe moderner Methoden müssen Funde analysiert, ihre Entstehung und Bedeutung für das frühe Menschenleben entschlüsselt werden. Archäologie ist per se weniger eine Wissenschaft der harten Beweise (i.S. eindeutiger Funde), eher eine der gut informierten Interpretation.
Doch das ficht JournalistInnen nicht an, immer wieder überspitzt, dramatisierend oder schlicht falsch über die Menschheitsgeschichte zu berichten. In den letzten Wochen habe ich mich mal wieder formidabel über zwei Texte über die frühe Kulturgeschichte aufgeregt. Rechtschaffen wutschäumend wollte ich einen leicht snackbaren Rant über mediale Erzählungen über die menschliche Frühgeschichte schreiben, aber ich bin schlecht darin, nur mal schnell Wut abzulassen. Deshalb ist das hier kein Rant, sondern ein Long-Read. Lest ihn trotzdem, bittedanke.
Der erste Aufregertext war ein Interview beim ORF (Opens in a new window) mit Barbara Horejs, Leiterin des Österreichischen Archäologischen Instituts der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, über die Anfänge der männlichen Vorherrschaft, vulgo: Patriarchat, in Mitteleuropa. Die Archäologin erklärt im Wesentlichen, dass der Weg des Patriarchats aus der Levante nach Mitteuropa nicht nur geografisch, sondern auch zeitlich lang war. Über archäologische und genetische Funde kann auch nach der Entstehung von Ackerbau und Viehzucht in Mitteleuropa noch matrilineare Verebung nachgewiesen werden.
Im Teaser steht: “Mit Landwirtschaft und Sesshaftigkeit kam das Patriarchat, besagte eine lange gültige These. Neue Forschungsergebnisse zeichnen für Europa aber ein anderes Bild: Männliche Herrschaft ist um einige Jahrtausende jünger als die Landwirtschaft.” Das impliziert, dass der Zusammenhang Sesshaftwerdung - Patriarchat überdacht werden muss, die These nicht mehr gültig ist.
Der zweite Text (Opens in a new window) stammt aus der Süddeutschen Zeitung fragt beinahe frivol: “Gab es Patchwork-Familien schon in der Jungsteinzeit?” Kurz zusammengefasst hat die Genetik herausgefunden, dass nur wenige Leichen in neolithischen Gemeinschaftsgräbern Mitteleuropas blutverwandt waren, dass Menschen also wohl eher aufgrund ihrer sozialen und weniger ihrer genetischen Beziehung gemeinsam bestattet wurden. Sie waren Teil einer Gemeinschaft, ohne mit irgendjemandem aus ihr blutsverwandt zu sein. So weit, so faszinierend. Doch die Fragestellung und damit Prämisse des gesamten Textes ist rundheraus falsch.
Doch der Reihe nach.
(Opens in a new window)Denken im Kontinuum
Gesellschaftlich-kulturelle Entwicklung unterscheidet sich insofern gar nicht so sehr von evolutionär-genetischer, als sich Veränderungen graduell vollziehen. Jede Generation trägt schrittweise dazu bei, dass sich eine Struktur oder ein Phänomen etabliert. Und da eine Menschengeneration üppige 25 Jahre dauert, liegt man bei einstelliger Generationszahl schon bei dreistelligen Jahreszahlen. Das liegt nicht nur an der Lahmarschigkeit unserer Vorfahren, sondern auch daran, dass Ideen und Strukturen in einer Welt, in der Rad und Schrift noch nicht erfunden waren, zumeist ein bisschen geografische Wegstrecke überwinden mussten, um sich zu verbreiten.
Der Ursprung der meisten sesshaften Kulturen liegt im südöstlichen Mittelmeerraum, genauer: den fruchtbaren Anbaugebieten zwischen Euphrat und Tigris (damals: Mesopotamien, heute: Syrien). Man nennt den Landstrich auch Levante oder Fruchtbaren Halbmond. Neben der Sesshaftigkeit hatte die Gegend auch bei der Erfindung des Rades, der Schrift, und der frühesten verschriftlichten Gesetzestexte die Nase vorn. Viele der Entwicklungen mussten von dort aus erst einmal loslaufen beziehungsweise nach der Zähmung von Pferden losreiten, bevor sie irgendwo in der restlichen Welt nachweisbar werden konnten. Über die heutige Türkei, Grichenland, Italien und den Balkan kamen nicht nur die ersten Bauern nach Europa. sondern auch die in der Levante entstandenen Ideen, die der neuen langwirtschaftlichen Lebensweise folgten.
Die Sesshaftwerdung war eine der rasantesten Entwicklungen der modernen Menschen, aber selbst sie dauerte von den ersten archäologischen Nachweisen gezielten Pflanzenanbaus (um 11.000 v. Chr.) bis zu jenen dauerhafter Siedlungen (um 8500 v. Chr.) mindestens zweitausend Jahre. Wenn wir Phänomene der weit zurückliegenden Vergangenheit erkennen und verstehen wollen, müssen wir also als allererstes den zeitlichen Maßstab unseres Denkens aufziehen. Weit aufziehen.
Der starke geografische Charakter der Kulturgeschichte bedeutet außerdem, dass wir bei der Deutung aller mitteleuropäischen Funde und Erkenntnisse die Levante immer einbeziehen müssen. Dort sind so viele menschliche Phänomene als erstes entstanden und nachgewiesen worden, dass es aus meiner Sicht mehr Sinn ergibt, einen mitteleuropäischen Fund nicht mit dem heutigen Mitteleuropa oder allenfalls noch der griechisch-römischen Antike zu vergleichen, sondern mit dem zeitlich entsprechenden Entwicklungsstand in der Levante. Statt also das mitteleuropäische Heute auf eine Kultur zu legen, die etwa 1500 Jahre nach der Sesshaftwerdung bestand, scheint es mir sinnvoller, diese Kultur an mesopotamische Gesellschaften 1500 Jahre nach der Sesshaftwerdung anzulegen, um etwaige Muster zu entdecken.
Zeit und Ort bilden in der Geschichte der Sesshaftigkeit ein Kontinuum, in dem sich Entwicklungen mäandernd und ineinanderfließend vollzogen haben, ohne dass sich (bisher) die eine Kultur oder die eine Epoche als Ursprung benennen lassen. Panta rhei - Alles fließt - gilt dummerweise nicht nur für esoterisch angehauchte Großstadtmenschen, sondern auch für eins der härtesten Phänomene der Menscheitsgeschichte: das Patriarchat.
Der älteste physische Hinweis auf patriarchale Strukturen stammt ausgerechnet nicht aus der Levante, sondern aus dem Mitteleuropa des 7. Jahrtausends v. Chr., die älteste Verschriftlichung Männer begünstigender und Frauen entrechtender Gesetze dann aber wieder aus Mesopotamien, genauer aus dem späten 2. und frühen 3. Jahrtausend v. Chr. (siehe Codex Ur-Nammu und Codex Hammurapi). Und weil Volks- und Kulturbewegungen seit der Sesshaftwerdung tendenziell eher vom südöstlichen Mittelmeerraum nach Europa erfolgten, seltener umgekehrt, scheint mir trotz fehlender archäologischer Funde die Annahme erlaubt, dass patriarchale Strukturen eben auch dort begannen und nicht etwa in Mitteleuropa neu entstanden sind und in die Levante getragen wurden, wo man sie verschriftlicht hat.
Zwischen diesen gemessen an der unbestreitbaren Weltherrschaft patriarchaler Kulturen nur wenigen physisch nachgewiesenen Wegmarken: fließende Übergänge, lokale und zeitliche Ausnahmen und Zeiträume, in denen zu denken ganz offensichtlich vielen Menschen schwerfällt. Das Patriarchat lässt sich eben bislang weder zeitlich noch geografisch auf einen klippen und klaren Ursprung festnageln. Das ist in einer Zeit, in der sich viele gesellschaftlichen Streitthemen nach absoluten Antworten geradezu sehnen, nicht nur frustrierend, sondern - so scheint es mir - auch überfordernd.
Fortschitt oder Anfang von etwas?
Die Frage der Süddeutschen Zeitung, ob Steinzeitmenschen schon in Patchworkfamilien lebten, impliziert, dass vergangene Kulturen beim Überwinden genetisch-patriarchaler Familienmodelle schon einmal viel weiter waren als heutige Gesellschaften, in denen mit großer Vehemenz um die monogame Kernfamilie und ihre angrenzenden Themenbereiche gestritten wird. Als sei die patriarchale Kernfamilie ein Rückschritt. Dabei ist die Formulierung rundheraus falsch.
Würde man die genetischen Funde in ein zeitlich-geografisches Kontinuum einordnen, wie es sich gehört, muss die Überschrift lauten: In der Jungsteinzeit lebten Menschen noch in Patchworkfamilien. Noch. Kein Fragezeichen, kein “Wir waren doch schon einmal so viel weiter!” Das klickt fraglos weniger gut, aber es ist näher an der Wahrheit als zu implizieren, dass das europäische Patriarchat doch nicht nach der Sesshaftwerdung entstanden ist oder Steinzeitmenschen gemessen an unserer westlichen Engstirnigkeit regenbogenfreundliche Freigeister waren.
Ebenso falsch, beinahe mutwillig irreführend, ist es, den griechischen oikos oder die römische familia, den Privathaushalt, in dem ein Vater oder Ehemann die alleinige Macht über alle diesem Haushalt angehörigen Menschen hatte, mit der bürgerlichen Kernfamilie gleichzusetzen und damit näher an das Heute heranzurücken. Das ist augenwischende Romantisierung, nicht mehr. Wahr ist, dass dem oikos oder der familia nicht nur Ehefrauen und Blutsverwandte angehörten, sondern auch rechtlose SklavInnen und Leibeigene. Da der männliche Haushaltsvorstand uneingeschränkt Gewalt gegen die ihm Untergebenen ausüben konnte, gab es mitunter illegitimen Nachwuchs mit besagten Sklavinnen, der im besten Fall im Haushalt wohnen bleiben konnte oder an Ammen übergeben wurde. Im schlechteren (und wie ich vermute häufigeren) wurde er ausgesetzt, getötet, oder im Falle von Mädchen in die Prostitution verkauft.
Der griechische und römische Privathaushalt hat nichts, aber auch gar nichts mit einer Patchworkfamilie zu tun. Der Vergleich hinkt nicht nur, er hat zwei abbe Beine. In gleicher Weise scheint es mir geradezu fahrlässig, aus der Tatsache, dass sich in Europa bis zur griechisch-römischen Antike immer noch Hinweise auf Matrilinearität und Matrifokalität finden lassen, abzuleiten, dass das Patriarchat nicht die direkte Folge der Sesshaftigkeit war.
Selbst heute, mit allen technischen Errungenschaften, braucht es seine Zeit, bis neue Ideen sich herumsprechen. Und selbst dann reagiert jede Kultur anders auf diese Ideen. Es gibt Progress und Backlash, es bilden sich Allianzen dafür und dagegen und es dauert mindestens Jahrzehnte, bis Politik und Justiz einen offiziellen Kurs formulieren. Auch dieser Kurs kann die Ideen annehmen oder ablehnen.
Die Annahme, Menschen in einer Zeit ohne Rad und Schrift hätten in zwei, drei Generationen nach dem ersten Pflanzenanbau in einem fix und fertigen Patriarchat gelebt, ist so … wirr. Jede Generation hat zu seiner Entstehung beigetragen und wegen der erwähnten Generationsdauer dauert es, bis ein vorläufiger Endzustand eintritt. Wenn die Archäologie also herausfindet, dass Frauen und Männer in den allerersten sesshaften Kulturen Mitteleuropas noch relativ egalitär lebten und dass viele Menschen der frühen Siedlungsgemeinschaften trotz fehlender Blutsverwandtschaft als zur Gruppe zugehörig empfunden (und entsprechend bestattet wurden), dann schreibt das nicht die Geschichte des Patriarchats neu, sondern zeigt lediglich, dass es vieler Generationen bedurfte, um dorthin zu gelangen.
Die Menschen, die sich mit Ideen im Gepäck zu Fuß oder zu Pferde in ein fremdes Land mit nach wie vor überschaubarer Siedlungsdichte aufmachten, trafen in Mitteleuropa nicht alle zwanzig Minuten auf einen Stamm, dem sie leidenschaftlich von den Neuigkeiten berichteten, worauf dieser sofort überzeugt war und seinerseits zu Fuß loszog, um andere Stämme zu bekehren. Wahrscheinlicher ist aus meiner Sicht, dass jede Kohorte von Pionieren aus dem südöstlichen Mittelmeerraum eine begrenzte Route nahm, auf der sie nur eine begrenzte Anzahl noch nomadisch lebender Stämme traf. Diesen haben sie wegen Sprachbarrieren eher gezeigt als erzählt, wie Pflanzenanbau und Viehzucht funktionieren. Das dauert fraglos etwas länger als ein Youtube-Tutorial. Weitere Kohorten nahmen andere Routen, trafen andere Stämme und so weiter. Zwischen den Routen: Auch weiterhin nomadisch lebende Stämme, die noch nie etwas von Ackerbau und Sesshaftigkeit gehört haben und sich - blissfully unaware - um ihre matrifokalen und -lokalen Angelegenheiten kümmern.
Texte über frühe sesshafte Kulturen so zu formulieren, als hätte es eine im wahrsten Sinn des Wortes flächendeckende Überzeugungskampagne von der Levante aus gegeben, ist auch so … wirr. Als seien alle Menschen, alle Stämme unabhängig von ihrer geografischen Position und Lebensweise in kurzer Zeit in die gleiche Richtung gelaufen. Nach und nach sind sie zwar in die gleiche Richtung - nämlich die steilhierarchisch organisierter, von Männern untereinander aufgeteilten, auf Ausbeutung von Arbeits- und Kampfkraft beruhender, Frauen entrechtender Gesellschaften -, aber das dauerte doch, Herrschaftszeiten!
Wie war es denn nun? Heuristisch und evolutionär logisch!
Nichts wünsche ich mir seit meiner Kindheit mehr als Zeitreisen in die Vergangenheit, um herauszufinden, wie die Dinge wirklich waren. Käme morgen jemand vorbei und böte mir zum Preis meiner Seele die Möglichkeit, jeden Ort in der Vergangenheit besuchen zu können, ich würde nicht eine Sekunde zögern, den Satanskontrakt zu unterzeichnen. Ich will damit sagen: auch ich sehne mich nach Klarheit und eindeutigen Beweisen. Allein schon, um den x-ten random Andreas, der die Existenz des Patriarchats anzweifelt, und die x-te random Leonie, die den Einfluss biologisch-evolutionärer Faktoren auf menschliches Verhalten leugnet, ein für alle mal zum Schweigen zu bringen.
Da nun aber Zeitreisen derzeit physikalisch unmöglich sind, bleibt mir nur das Rasiermesser. Ockhams Rasiermesser (Opens in a new window) nämlich. Der Begriff bezeichnet eine Denkmethode, nach der bei Vorhandensein mehrerer hypothetischer Erklärungen die einfachste vorzuziehen ist. Rasiermesser, weil man im Grunde alles Unnötige wegschneidet und nur den Kern übriglässt. Grundlage für Ockhams Rasiermesser ist die Schule der Heuristik, die trotz unvollständiger Informationen rein aufgrund von Wahrscheinlichkeit und Logik zu Aussagen über ein System und/oder praktikable Lösungen von Problemen kommt. Vereinfacht ausgedrückt ergänzen heuristische Denkmodelle fehlende Bausteine durch die wahrscheinlichsten und logischsten Annahmen. Sherlock Holmes nennt es Deduktion: Aus dem Vorhandenen mit Hilfe von Mustererkennung und Extrapolation die sinnvollsten Schlüsse zu ziehen.
Aus meiner Sicht empfiehlt sich sowohl für für JournalistInnen als auch Forschende in keinem anderen Wissensbereich heuristisches Vorgehen so sehr wie in der Archäologie, denn da wimmelt es nur so von fehlenden Informationen. Wenn wir einen physisch (durch archäologische Funde und schriftliche Überlieferung) nachweisbaren Endpunkt, das Patriarchat, haben, müssen wir bei spärlicher Beweislage die Logik bemühen. Und zwar eine Logik, die Kenntnisse aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen (unter anderem der Biologie, der Genetik, der Psychologie) berücksichtigt.
Ich halte Matrilokalität, also die Zuordnung von Nachwuchs zu einer Mutter, und Matrifokalität, also die Ausrichtung von Gemeinschaftsverhalten an den Notwendigkeiten der - zu dem Zeitpunkt - unlösbaren Mutter-Kind-Einheit, für den natürlichen ursprünglichen Zustand menschlichen Zusammenlebens. Nicht aus feministischer Verblendung, sondern weil dieser Zustand logisch ist.
Evolutionär gesehen hat das Überleben des Nachwuchses oberste Priorität. Diese Priorisierung des Wohlergehens von Nachwuchs findet sich bei zahlreichen sozial lebenden Tierarten. Elefantenherden, die per se aus Kühen und Jungtieren, nicht jedoch aus geschlechtsreifen Bullen bestehen, nehmen bei drohender Gefahr sofort die Jungen in ihre Mitte, bilden eine schützende Phalanx gegen potentielle Aggressoren. Mit der Matrifokalität einher geht - sofern eine Art territorial lebt - oft die Matrilokalität. Mütter verbleiben mit ihrem leiblichen Nachwuchs an einem Ort, männlicher Nachwuchs wird bei seiner Geschlechtsreife vertrieben und muss sich ein eigenes Territorium suchen (zu beobachten bei mehreren Menschenaffen und Löwen). Weibliche Jungtiere können dagegen neben ihren Müttern geschlechtsreif werden.
Besitz in menschlichen Sinne gibt es zwar bei Tieren nicht und folglich auch keine mütterliche Erblinie, aber weiblicher Nachwuchs darf zumindest in einem angestammten Gebiet aufwachsen beziehungsweise mit dem Muttertier mitziehen, während sich Männchen auf Wanderschaft begeben und irgendwo - möglichst weit entfernt - ein neues Territorium erobern müssen. Sowohl Matrifokalität als auch Matrilokalität halte ich weniger für ein kulturelles als vielmehr für ein biologisches Prinzip. Es geht dabei nicht um Machtausübung oder Kontrolle, sondern um die Priorisierung des Überlebens der Jungen sowie die Vermeidung von Inzucht und sozialen Spannungen durch blutsverwandte Männchen.
Und weil sich in einer Welt ohne industriell hergestellte Babynahrung und staatliche Kinderbetreuung ein Säugling nicht ohne seine Mutter (oder zumindest eine milchgebende Frau) denken lässt, behandele ich die Mutter-Kind-Einheit auch der Menschen am Übergang zur Sesshaftigkeit als obligatorisch. Wenn man also das Überleben des Nachwuchses sichern will, muss man zwangsläufig auch das Überleben der Mutter (oder milchgebender Frauen) priorisieren. Damit Frauen in ausreichendem Umfang Milch geben können, müssen sie gut ernährt und körperlich sicher sein. Und natürlich endet diese evolutionäre Gemeinschaftsausrichtung nicht schlagartig, nur weil es random Walter gelungen ist, Dinkel anzubauen.
Wenn man davon ausgeht, dass diese auf Mutter und Kind ausgerichtete Lebensform evolutionär über hunderttausende von Jahren gewachsen und tief in unseren Instinkten verankert ist, verwundert es noch weniger, dass die Durchsetzung eines gegenteiligen Modells - Patrifokalität, -lokalität und -linearität - seine liebe Zeit brauchte. Zurück bei den Menschen finden wir in der Levante eine Lebensweise, die allen bisherigen menschlichen Instinkten zuwider läuft. Die Priorität soll sich vom Wohlergehen der Mutter-Kind-Einheit zum Besitz des Mannes verlagern. Auch darin liegt zwar eine gewisse Logik: Wenn ein Mann viel besitzt, profitieren auch seine Frau(en) und Kinder davon. Das ist der marktwirtschaftliche Trickle-Down-Effekt (Opens in a new window) im Maßstab des Privathaushaltes.
Dass eine Frau sich nach der Erfindung von Ackerbau und Viehzucht in das durch die Landwirtschaft neu entstandene Territorium, Ackerland und später die Behausung des Mannes begibt, erscheint mir daher eine logische Konsequenz, in der noch nicht zwingend patriarchale Frauenunterdrückung zu Tage tritt. Doch nach und nach merken die Männer, dass sie Frauen und Kinder in ihrem Privathaushalt nicht nur versorgen müssen, sondern sie auch kontrollieren können. Und hier zeigt sich, dass das alte System durch mehrere Instinkte, das neue aber nur durch einen Instinkt - nämlich den männlichen Sexualtrieb - gestützt wird.
Die neue Versorgungssituation versetzte Männer in die Position, ihrerseits etwas für die Versorgung zu verlangen. Und dieses Etwas waren Sex und Nachwuchs. Ab diesem Punkt lässt sich die Geschichte des Patriarchats nicht mehr ohne die biologisch-evolutionäre Sexualität verstehen, die dank des am weitesten verbreitete Paarungssystems der Female Choice dafür gesorgt hat, dass Männer einen konstanten sexuellen Mangel empfinden. Nachdem sich männliche Individuen über Millionen von Jahren dem Prinzip der Female Choice beugen mussten, in dem sie etwas leisten müssen, um von Weibchen als Sex- und Fortpflanzungspartner erwogen zu werden, hatten sie plötzlich etwas in der Hand, um Sex von Frauen zu erpressen. Das ist die Keimzelle des Patriarchats.
Aber selbst dieser spektakuläre Paradigmenwechsel, der bis heute Milliarden von Männern sofort überzeugt, musste sich erst einmal herumsprechen. Wenn also die allerersten Bauernkulturen ihre Frauen nicht sofort entrechtet und in das Abhängigkeitsverhältnis der lebenslangen Zangsehe genötigt und also das Patriarchat etabliert haben, dann heißt das nicht, dass diese Kulturen fortschrittlicher waren als wir. Es heißt nur, dass die Männer noch nicht begriffen hatten, welch mächtiges Werkzeug zur Unterdrückung der weiblichen Sexualinstinkte der Female Choice ihnen Ackerbau, Seshaftigkeit und schlussendlich Privatbesitz in die Hände gegeben hatten.
Aus meiner Sicht ist es wahrscheinlich, dass die frühesten Kulturen mit männlicher Macht jene in Mesopotamien waren, auch wenn die ersten genetischen Nachweise von Patrilinearität aus Mitteleuropa stammen. Schlicht und ergreifend aufgrund der Tatsache, dass auch die Landwirtschaft hier ihren Anfang nahm und es logisch ist, dass dortige Gesellschaften hinsichtlich der Neuorganisation nach der Sesshaftwerdung mindestens mehrere Jahrhunderte, wenn nicht gar Jahrtausende längere Erfahrung und damit auch beim Fortschritt die Nase vorn hatten.
Und von dort marschierte die neue patriarchale Lebensweise Richtung Westen über Anatolien nach Griechenland und Rom, Richtung Osten nach Persien. In Mitteleuropa lebten am Beginn der griechischen Antike die meisten nachgewiesenen Völker bereits sesshaft. Griechenland und Rom waren keine überschaubaren Nationalstaaten im heutigen Sinn, sondern riesige Reiche, in denen unterschiedliche Volksgruppen lebten. Griechenland war ein Zusammenschluss mehrerer hellenischer Stämme, die eine wirtschaftliche und kriegerische Allianz gegen äußere Kräfte gebildet hatten. Rom hingegen hatte sich durch Eroberungskriege Ländereien in Mitteleuropa und Nordafrika einverleibt, deren jeweilige Bevölkerung als “Römer” galten. Über Handel gab es überdies auch lebhafte Beziehungen zu nicht assimilierten Völkern, etwa dem alten Ägypten. Sowohl die Hellenen als auch die, nennen wir sie Ur-Römer waren bereits harte Patriarchate, wie durch unzählige Textüberlieferungen belegt ist. Da durch einheitliche “Reichssprachen”, nämlich Griechisch beziehungsweise Latein, und lebendigen Handel das Netzwerken erleichtert wurden, nahmen auch alle gesellschaftlichen Konzepte von da an Fahrt auf. Vom Beginn der griechischen Antike im frühen ersten Jahrtausend vor der christlichen Zeitrechnung bis zu dem der römischen Antike ab 800 v. Chr. dauerte es nur noch gute einhundert Jahre. Eine unglaubliche Beschleunigung zwar, aber immer noch mindestens vier Generationen. Nach Rom gelangten altgriechische Konzepte etwa über griechische Sklaven, die dort nicht selten die Aufgabe von Hauslehrern übernahmen. Frauen sind außer als Sexpartnerinnen, Tänzerinnen und Dicherinnen zu diesem Zeitpunkt bereits weitgehend gesellschaftlich bedeutungslos, die männliche Sprachform ist hier also kein generisches Maskulinum, sondern faktische Beschreibung.
Ich halte es für wahrscheinlich, dass der eigentliche Siegeszug des Patriarchats in Mitteleuropa erst im ersten Jahrtausend v. Chr. begann. Weil es erst ab der Antike dank technischem Fortschritt eine kritische Masse erreichen konnte. Alle Hinweise auf patrilineare Vererbung und männliche Macht, die bei älteren Kulturen gefunden wurden, scheinen mir eher eine Art Vorhut einzelner Stämme zu sein. Ich widerspreche also nicht dem Interview mit der österreichischen Archäologin, die ja im Grunde nur sagt, dass das europäische Patriarchat um einige Jahrtausende jünger ist als gedacht, sondern der journalistischen Aufbereitung dieses Interviews, die impliziert, dass die Sesshaftwerdung nicht der Ausgangspunkt des Patriarchats war.
Sie war es, ohne jeden Zweifel. Erst sie schuf die Voraussetzungen für die männliche Machtergreifung.
Und damit dies am Ende wenigstens ein bisschen wie ein Rant wirkt, hier meine Forderung: Denkt nach, bevor Ihr über die Steinzeit schreibt. Informiert Euch interdisziplinär über den Kern des Geschlechterverhältnisses. Macht Euch Zeiträume klar. Denkt in einem großen, sehr großen zeitlichen Maßstab. Und denkt, um Himmels Willen, kulturelle und biologische Faktoren zusammen, bevor Ihr Schlagzeilen, Teaser und Texte raushaut, die die Pixel nicht wert sind, auf denen sie geschrieben sind.
Weder ist das Patriarchat ohne Vorgeschichte fix und fertig aus dem Gebüsch gesprungen, noch waren die ersten sesshaften Bauernkulturen im siebten Jahrtausend vor Christus hinsichtlich des patriarchalen Familienbegriffs weiter als wir. Nichts an diesen beiden Texten ändert auch nur das geringste Bisschen an der logischen Schlussfolgerung, dass a) die Sesshaftigkeit ursächlich für die Entstehung des Patriarchats war und b) die Kernfamilie (die ich wegen ihres fehlenden biologischen Grundgerüsts ablehne) etwas anderes als patriarchaler Fortschritt war.
Männer bekamen durch die Sesshaftwerdung die Möglichkeit zur Machtausübung und sie haben sie fucking ergriffen. Diese Entwicklung vollzog sich lediglich über mehr Generationen und mehr geografische Umwege als sich offensichtlich heutige Medienschaffende vorstellen können.
Nicht-Rant Ende.
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