
Redaktion free.fem.minds Magazin
Fast täglich ein Femizid und immer wieder die Annahme, diese Morde an Frauen seien tragische Einzelschicksale, die sich nicht verhindern oder vorher absehen lassen. Doch diese Theorie stimmt nicht. Es gibt Anzeichen für Femizide und wer sie kennt, kann Leben retten.
Vor rund einem Jahr veröffentlichte die New York Times einen Fragebogen der Organisation Danger Assessment (www.dangerassessment.org (Opens in a new window)). Die Homepage widmet sich wissenschaftlich und anhand empirischer Daten der Frage, wie hoch die Wahrscheinlichkeit für einen Femizid ist. 20 Fragen zur individuellen Situation ermöglichen eine Risikoeinschätzung für die Frau und mitbetroffene Kinder. Die Anzeichen für einen Femizid zu kennen, kann von Gewalt betroffene Frauen wirksam schützen. Vorausgesetzt, Polizei und Behörden reagieren.
Was fragt der Risiko-Test genau ab?
Die Fragen zur Einschätzung des Gefahrenpotentials sollen klären, welche Faktoren sich hinsichtlich Gewaltfrequenz, soziale Situation und allgemeine Gewaltbereitschaft des Täters verschärfend auf die Lage der Frau auswirken können. Hier einige Beispiele:
Frequenz:
Gab es eine frequentielle Zunahme der Gewalt innerhalb des letzten Jahres? (Sind die Abstände zwischen den Taten kürzer geworden?)
Je häufiger es zu Gewalt kommt, desto geringer die Hemmschwelle. Die Gefahr getötet zu werden steigt mit der Häufigkeit und Frequenz der Taten.
Trennung:
Hat die Frau ihn/die gemeinsame Wohnsituation vor Kurzem verlassen? Hat sie es angekündigt?
Frauen sollten ihre Flucht - es ist eine Flucht, keine reguläre Trennung - nie vorher ankündigen und stattdessen heimlich, begleitet und sehr gut vorbereitet gehen. Der Zeitpunkt einer (räumlichen) Trennung birgt ein vielfach erhöhtes Risiko einer Tötung.
Schwangerschaft:
Hat er Gewalt ausgeübt, während das Opfer schwanger war/ist?
Die Situation einer Schwangerschaft ist für die Frau eine hoch vulnerable. Für den Täter bedeutet sie oft Druck und inneren Stress, da die Partnerin für ihn weniger zur emotionalen und physischen Verfügung steht. Übt ein Täter hier Gewalt aus, obwohl sie „sein“ Kind trägt, belegt das seine äußert geringe Hemmung. Weitere Taten sind abzusehen.
Morddrohungen:
Männern, die Morde ankündigen, setzen sie auch um. In vielen Fällen von Femiziden, hat die Betroffene bereits Schutz und Hilfe gesucht, weil der Täter den Mord ihr gegenüber oder im Umfeld angekündigt hatte.
Nicht jeder Mann, der das sagt, ermordet seine Partnerin auch. Dennoch kündigen Täter ihre Taten häufig an. „Er sagt das nur so“ ist eine Fehleinschätzung und nimmt grob fahrlässig den Tod einer Frau in Kauf.
Vergewaltigung/sexualisierte Gewalt:
Hat er sein Opfer je zu sexuellen Handlungen gezwungen, wenn sie nicht wollte?
Fallanalysen zeigen, wer machtvoll Kontrolle und Gewalt ausübt,
geht bis zum Äußersten.
Selbstmorddrohungen:
Hat er je gedroht, sich (im Fall einer Trennung) selbst zu töten?
Femizide sind häufig erweiterte Suizide. Wer bei Gewalt oder dem Ende einer Beziehung Selbsttötung in Aussicht stellt, birgt für sein Umfeld ein hohes, reales Risiko.
Rauschmittelkonsum:
Trinkt er regelmäßig Alkohol? Nimmt er Drogen?
Alkohol- und Drogenkonsum gehen in vielen Fällen mit verübten Femiziden einher. Beides verringert die Hemmung und verstärkt Wut, Frustration und Gewaltbereitschaft.
Strangulation:
Hat er seine Partnerin oder Ex-Partnerin je gewürgt?
Strangulation gilt als eines der bedeutendsten Vorzeichen von Femiziden. Bei vorheriger Strangulation erhöht sich die Wahrscheinlichkeit für eine spätere Tötung der Frau signifikant. Die Schwere einer Verletzung sowie Bewusstlosigkeit oder Tötung sind für den Täter beim Strangulieren nicht zu kontrollieren. Es besteht damit immer eine Tötungsbereitschaft.
Waffen:
Hat er je eine Waffe zur Einschüchterung benutzt oder damit gedroht, eine Waffe zu benutzen?
Der Einsatz oder die potentielle Einbeziehung einer Waffe macht Gewalt unkontrolliert und verschärft die Situation rasch. Täter, die Waffen gegen Frauen einsetzen, sind bereit zu töten.
Kinder:
Droht er damit, die Kinder zu töten?
Wer Kinder mitbedroht, hat bereits eine Grenze des Denkbaren hinter sich gelassen. Kinder werden bei Femiziden häufig getötet, allein weil sie zum Tatzeitpunkt mit anwesend sind.
Lebt ein Kind mit im Haushalt, das nicht von ihm ist?
Besonders interessant: Täter neigen Erhebungen zufolge dazu, gewaltbereiter bis hin zur Tötung zu sein, wenn Kinder im Haushalt leben, die nicht ihre eigenen sind.
Die Anzahl der mit Ja beantworteten Fragen in der Risikoeinschätzung gibt Aufschluss über ein potentielles Risiko einer bevorstehenden Tötung - 0 = gering bis 20 = extrem hohes Risiko.
Gut zu wissen:
Erstkontaktstellen wie Polizei, Arztpraxen, Jugendämter, Gerichte etc. müssen über dieses Wissen verfügen und sich direkt für den Schutz der Frau und involvierter Kinder einsetzen. Wer die Warnzeichen bewusst negiert, obwohl Auswertungen belegen, dass darauf Morde folgen, wird zum Mittäter oder zur Mittäterin.
In den Fällen einiger Femizide der letzten Jahre haben die Frauen bei Polizei, Gerichten und Jugendämtern vorher die Gewalt benannt. Diese wurde ignoriert und die Gewalt als ungefährlich eingestuft. Viele dieser Femizide sind auf strukturelles Versagen im Gewaltschutz zurückzuführen. Beratende, insbesondere Personen aus dem Kinderschutz, sollten sich diese Informationen speichern und die Risikofaktoren erlernen.
Hilfe für Betroffene und Angehörige:
Für von Gewalt betroffene Frauen, deren Angehörige und beratende Fachkräfte bietet das Hilfetelefon Gewalt gegen
Frauen eine telefonische Beratung rund um die Uhr in
16 Sprachen sowie Online.

Urheber: Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben