Skip to main content

Wenn Fachkräfte den Täter als Opfer sehen

Redaktion free.fem.minds MAGAZIN


Für gewaltbetroffene Frauen sind gemeinsame Termine mit dem Täter beim Jugendamt oft mit einer bitteren Erkenntnis verbunden. Beide werden zum Termin der gemeinsamen Kinder wegen geladen. Beide müssen erscheinen. Und während für sie das Aufeinandertreffen mit ihrem Täter psychischen Stress bedeutet, mimt er das eigentliche Opfer.

Seine Story: Sie habe ihn schon immer unterdrückt, betrogen, verlassen wollen und jetzt wolle sie die Kinder und sein Geld. Er habe sie geliebt und sie habe die ganze Beziehung über psychische Gewalt ihm gegenüber ausgeübt.

Frauen, die das von ihrem Schläger und Vergewaltiger hören, brechen an dieser Stelle zusammen. In Echtzeit können sie meist beobachten, wie der Wind sich dreht. Sie wird vom Opfer zur Täterin erklärt. Die Gewalt wird zum Paarkonflikt herabgestuft.

Tätern glauben – das Pendant dazu, warum sie nicht gegangen ist

Zum Teil passiert das, weil Täter charmante Lügner und gute Schauspieler sind. Nicht aus Talent. Es ist ihr Freifahrtsschein heraus aus den Gerichten. So viele Menschen im System fragen Frauen, warum sie nicht gegangen sind, fallen aber dann genau auf diese Täter ebenfalls herein. Wer Frauen vorwirft, bei missbräuchlichen Männern zu bleiben, muss sich fragen, warum er oder sie diesen Männern selbst so bereitwillig glaubt.

Sogar im Hilfesystem strotzt es vor Stigmatisierungen gegen gewaltbetroffene Frauen. Unglaublich? Leider nicht. Was Frauen in Beratungen berichten, klingt in den Teilen des Landes überall gleich. Es gibt Fachstellen, die von sich selbst sagen, dass sie Frauen bei Gewalt helfen, dann jedoch auf Basis der nachfolgenden Mythen agieren und kommunizieren.

Häufig basieren die Vorurteile über Frauen und Mütter bei Gewalt auf Einzelerfahrungen und gelernten Klischees. Behauptet ein Mann, er sei das Opfer, wollen Fachkräfte sich oft betont neutral positionieren, im Zweifel pro Kind. Dass jede Relativierung von Gewalt oder ein Infragestellen des Opfers dem Täter einen Vertrauensvorschuss gewährt, bleibt dabei unerkannt.

Folgende Sätze stammen von realen Fachkräften im System:

  • „Diese Frauen sind alle Borderlinerinnen.“

  • „Die Frauen gehen alle zurück zum Täter.“

  • „Solche Frauen hinterlassen Schutzwohnungen renovierungsbedürftig.“

  • „Diese Frauen wollen sich an ihren Ex-Männern rächen.“

  • „Frauen ziehen im Gericht ihre Aussagen wieder zurück.“

  • „Gewaltbetroffene Frauen sind alle zu belastet, um erziehungsfähig zu sein.“

  • „Solche Frauen sind Teil des Konflikts.“

  • „Mütter sind alle manipulativ.“

  • „Die Frauen wollen nur das Geld.“

Diese so geäußerten Sätze stammen von Therapeut:innen, von Fachkräften in Jugendämtern, von Frauenhausleitungen (!), von Polizist:innen, von Fachkräften aus der Kinderhilfe und von Verfahrensbeteiligten in Familiengerichten.

Genau diese Leute müssten den Gewaltschutz für Frauen und damit für die Kinder gewährleisten. Und genau mit diesen Aussagen tun sie das nicht. Im Gegenteil, denn sie agieren mit diesen Aussagen über Betroffene indirekt pro Täter. Sie stigmatisieren von Gewalt betroffene Frauen und belegen sie mit nicht fundierten Klischees, die genau die Narrative bedienen, in denen hilfesuchende Frauen als intrigant, geldfokussiert und als verantwortungslose Mütter generalisiert werden. Das ist das Fundament jeder Täter-Opfer-Umkehr.

Fachkraft bedeutet noch nicht das nötige Mindset

Weisen Betroffene und Betroffenen-Initiativen darauf hin, dass kein Gewaltschutz noch Kinderschutz so funktioniert, dann kreischt es aus den Ecken „Aber wir sind die ausgebildeten Fachkräfte.“ Ja? Wenn der Orthopäde eine Patientin mit Migräne vor sich hat, ist auch er die medizinische Fachkraft. Verschreibt er ihr jedoch eine Lösung für einen nicht vorhandenen verstauchten Knöchel, dann weiß sie sehr wahrscheinlich besser, dass er ihr nicht wird helfen können.

Neutralität des Systems bei Gewalt ist strukturelle Gewalt

Manche Akteure haben kein fundiertes Wissen zu Gewalt, Täterstrategien, Kinderschutz bei Männergewalt, Coercive Control oder dem Einfluss patriarchaler Ausbildungsinstitute auf Verfahrensbeteiligte. Sie wenden stattdessen Narrative der Parität zwischen Männern und Frauen an und betonen, neutral und „pro Kind“ zu agieren.

Nur so funktioniert Gewaltschutz eben nicht. Weder über eine 50/50 Schuldannahme, noch über eine Selbstüberhöhung per Neutralität. Wer bei Gewalt beim Opfer Mitschuld und Auslöser sucht, agiert pro Täter.

Wer seine Sätze mit „diese Frauen sind alle“ formuliert, zeigt vor allem, dass er oder sie großen Aufholbedarf in Sachen Gewaltschutz und Kinderschutz bei Gewalt gegen die Mütter hat. Zudem offenbaren diejenigen, dass ihre Haltung vielleicht allgemein gegen Gewalt, aber nicht pro Opfer ist. Das macht in Summe ein Hilfesystem, das in sich ein Schutzrisiko darstellt.1

  1. Teile des Textes stammen aus Bildungs-Initiative-Gewaltschutz 2025

Topic Gewalt gegen Frauen

0 comments

Would you like to be the first to write a comment?
Become a member of free.fem.minds MAGAZIN and start the conversation.
Become a member