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Was wäre, wenn (fast) alles gut geht?

Seit ein paar Jahren könnte man meinen, die Welt geht unter. Doch was, wenn zumindest einige kulturelle Katastrophen überraschend gut enden? Ein heiteres Gedankenexperiment bei 36 Grad.

Ja, das ist meine echte Hand!

Wir schreiben das Jahr 2040. Alles ist scheiße.

Doch Halt!

Manche Dinge hätten mit Verlaub schlimmer kommen können. Sieben Mikrotrends, über die in der Zukunft niemand spricht, weil alle längst mit neuen Problemen beschäftigt sind.

1. Botox ist nur eine liebenswerte Subkultur

Das Nervengift, das die Welt einst in Spannung hielt, wird nicht mehr als verzweifelter Kampf gegen das Altern gelesen, sondern einfach als eine von vielen Arten, mit dem eigenen Aussehen zu spielen. Einige liebten es, andere würden es nie anfassen. Viele würden mal damit experimentieren und wieder aufhören. Nach den überfüllten Gesichtern der 2020er startete eine Soft-Aging-Gegenbewegung. Die Botox-Ultras fanden neben Elfenohr-Freaks und Body-Modification-Enthusiast*innen ihren festen Platz in der Subkultur.

2. Das Gym bereitete den Weg für Everyday Fitness

Das Fitnessstudio stellte sich als Übergangslösung heraus. Menschen lernten dort ihren Körper kennen und nahmen ihn dann wieder mit nach draußen. Nach Hyrox und Co. wurde Bewegung zum integralen Bestandteil des Alltags. Erwachsene entwickelten seltsame Angewohnheiten. Sie sprangen beim Zähneputzen auf einem Bein, lieferten sich Wettrennen auf dem Heimweg, liefen Treppen im Zickzack hoch, balancierten auf Bordsteinkanten, hangelten sich casual an U-Bahn-Haltestangen entlang und trugen zentnerschwere Wocheneinkäufe nach Hause. Irgendwann wunderten sich Historiker*innen darüber, dass Menschen früher ernsthaft mit dem Auto ins Fitnessstudio fuhren, um dort Gehen auf dem Laufband zu simulieren.

3. Langeweile wurde zum Hype

Menschen erkannten, dass jede große Idee aus Langeweile entspringt. Bevor sie verstanden, wie sie Langeweile selbst herstellen konnten, begannen sie, sich welche zu kaufen. Legendär wurde die 4.000 Euro teure Waiting Experience in den späten 30er Jahren: Ein ehemaliger Bahnhof, ein Kiosk und sechs Stunden, in denen garantiert nichts passierte. Berliner Agenturen mieteten Schafherden, damit Führungskräfte ihnen beim Grasen zusehen konnten. Airport Retreats (Drei Stunden am Gate sitzen, ohne zu fliegen), Premium Queueing (Gemeinsam anstehen, aber ohne Ziel) und Silent IKEA (Samstags allein durch ein leeres IKEA laufen – natürlich gegen Gebühr) reihten sich ein. Die angesagtesten Innovations-Retreats fanden in Regionalzügen der Deutschen Bahn statt. Vier Stunden zweite Klasse, kein Empfang, niemand durfte arbeiten. Manche Teilnehmer*innen beschrieben die Erfahrung später als spirituell.

4. Die Menschheit lernte streiten

Die Debattenkultur der 2020er galt lange als Zeichen des Verfalls. Dann stellte sich heraus, dass es einfach die Kinderkrankheit einer neuen Öffentlichkeit war. Menschen hatten Jahrtausende lang mit Nachbar*innen gestritten, plötzlich diskutierten sie mit Fremden aus der ganzen Welt. Erst langsam lernten sie, dass nicht jeder Dissens Gewalt ist und Meinungsänderungen keine Niederlagen sind. Historiker*innen sprechen heute vom Großen Missverständnis. Ab den 2030ern entstanden die ersten Streitclubs. Diskutiert wurde über Dinge wie das Wahlrecht für KI-Agenten, die Rechte genetisch optimierter Kinder oder ob Erinnerungen an Verstorbene trainiert und weiterleben dürfen. Punkte bekam nicht, wer gewann, sondern wer seine Meinung änderte. Als beste Debattierer*in galt, wer den Satz „Da habe ich mich geirrt“ elegant aussprechen konnte.

5. Die Ära der Pathologisierung endete

Die Welle aus Selbstdiagnosen, Bindungstypen und TikTok-Psychologie schlug zurück. Therapieplätze fehlten, aber Sprache und Konzepte wanderten in Freundeskreise, Selbsthilfegruppen und Teams. Das ersetzte keine Therapie, schaffte aber eine psychologische Allgemeinbildung, wie es sie in der Menschheitsgeschichte noch nie gegeben hatte. Nachdem sich alle eingehend mit sich selbst beschäftigt hatten, wuchs ganz natürlich das Interesse an den Motiven des Gegenübers. Psychologische Begriffe verloren ihren diagnostischen Eifer und wurden wieder zu dem, was sie eigentlich sein sollten: Einladungen zum Verstehen statt Etiketten

6. Frauen wurden nicht unsichtbar (noch nie!)

In einer bahnbrechenden globalen Studie im Jahr 2032 stellte sich überraschend heraus, dass Frauen mit dem Alter nie unsichtbar wurden. Sie hatten es sich nur über Generationen gegenseitig erzählt. Psycholog*innen sprechen rückblickend von einem besonders hartnäckigen Fall des Illusory Truth Effect: Je öfter wir einen Satz hören, desto wahrer erscheint er uns. So wurde aus einer Beobachtung irgendwann ein irriges Naturgesetz wie „Männer können nicht über Gefühle reden“ oder „Kinder brauchen eine Mutter“. Erst viel später merkte die Zivilisation: Hoppla, war nur ‘ne Geschichte.

7. KI adelte ausgerechnet Geisteswissenschaften

Als Wissen billig wurde, wurden Interpretation, Ethik, Geschichte und Bedeutung plötzlich wertvoll. Nach einer jahrzehntelangen Historie des Belächelns endete die Ära als „brotlose Kunst“ für die Geisteswissenschaften abrupt und endgültig. Innovative Unternehmen suchten händeringend Fachkräfte, pensionierte Taxifahrer*innen wurden aus dem Ruhestand geholt. Plötzlich saßen Sprachwissenschaftler*innen in Produktteams, Historiker*innen in Ministerien und Literaturwissenschaftler*innen in KI-Ethikkommissionen.

Natürlich lag die Menschheit auch 2040 noch regelmäßig daneben. Aber immerhin nicht bei allem gleichzeitig.

Fly away on Venga Airways 🍹🫧
Deine Katrin

https://www.youtube.com/watch?v=MXXRHpVed3M (Opens in a new window)