Ich habe Angst, das, was nun folgt, zu schreiben: Auf meinem Nachttisch liegt ein Rosenquarz und ich weiß, wann Neumond ist. All das habe ich von meiner Oma beigebracht bekommen. Sie war es, die mich in den 80er-Jahren, in denen ich als Kleinkind schwere Neurodermitis hatte, ins Reformhaus schleppte und mit Dinkelvollkornprodukten versorgte. Diesen Teil der Geschichte meiner Kindheit erzähle ich heute, wo bestimmte Nahrungsmittel als Trigger für chronisch-entzündliche Hauterkrankungen anerkannt sind, gerne. Den Teil, dass ich dank meiner Oma im Alter von fünf Jahren Wörter wie „Lapislazuli“ und „Aszendent“ fehlerfrei schreiben konnte, nicht so gerne. Ich habe Angst, dann als aufgeklärte Feministin nicht mehr ernst-, sondern als abgedrehte Esoterikerin wahrgenommen zu werden.
In dieser Kolumne über das, was als Esoterik gelabelt wird, geht es nicht um 5G, Maskenverweigerung oder Chemtrails. Ich werde mich nicht an denjenigen abarbeiten, die unter dem Deckmantel von „alternativem Wissen“ gefährliche Desinformation verbreiten, wissenschaftliche Fakten relativieren und Menschenleben riskieren. Verantwortungsloser Irrationalismus verdient keine Verteidigung. Wenn er sich mit Verschwörungsdenken, autoritären Fantasien und rechtem Gedankengut paart, erst recht nicht. Die Unterscheidung ist simpel: Spirituelles Wissen setzt auf Ganzheit. Evidenzresistente Weltbilder auf Spaltung.
Doch genau diese Differenzierung geht verloren, wenn alles, was nicht westlich-akademisch codiert ist, pauschal in die Esoterik-Tonne kommt. So landen indigene Heiltraditionen, (biologisch) weibliches Körperwissen und jahrhundertealte Erfahrungsmedizin auf derselben Müllhalde wie Reichsbürger*innen-Telegramkanäle. Solch eine intellektuelle Verwechslung ist fatal – und hat System.
Sobald eine Person auf Instagram über ein Leben im Einklang mit ihrem Zyklus spricht, wird ihr immer noch gerne per Kommentar ein Aluhut überreicht. Spricht sie auch noch vom Mond, schießen sie viele direkt auf selbigen und raus aus ihrer Timeline. Der Esoterik-Verdacht ist schnell ausgesprochen, begleitet von einem süffisanten Lächeln und dem Untertitel: unwissenschaftlich, naiv, gefährlich. Doch wie viel kulturelle Arroganz und patriarchale Dominanz steckt in dieser vermeintlich aufgeklärten Skeptik? Wer entscheidet innerhalb dieser Machtdiskurse, welches Wissen legitim ist?
Wenn wir überlieferte Heilpraktiken und ganzheitliche Metaphoriken pauschal als Geschwurbel diffamieren, während wir zeitgleich jahrtausendealte indigene Medizin in Retreats konsumieren, dann ist das Kolonialismus, der nach Palo Santo riecht. Und auch die misogyne Gleichsetzung von zyklischem Frauenwissen mit unwissenschaftlichem Öko-Fantum spielt genau jenen in die Karten, die Spiritualität ideologisch vergiften.
Dabei könnte vieles, was als esoterischer Humbug gilt, nüchtern erklärbar sein. Die Sache mit dem Rosenquarz begreife ich etwa so und warte darauf, dass meine Theorie durch eine Studie belegt wird (mir fehlen Zeit und Geld, sie selbst durchzuführen): Edelsteinkunde ist keine Magie, sondern Farbpsychologie. Zahlreiche Studien zeigen, dass die Farbe von medizinischen Tabletten die wahrgenommene Wirkung beeinflusst. Depressive Patient*innen sprechen besser auf gelb gefärbte Tabletten als auf grüne oder rote an. Beruhigungsmittel entfalten ihre beste Wirkung, wenn sie in blauer Tablettenform daherkommen. Braune Tabletten wirken hingegen am stärksten abführend. Das ist kein Hokuspokus, sondern ein belegter Placebo-Effekt, der zeigt, wie stark visuelle Reize unser Nervensystem regulieren. Warum also sollte die Betrachtung und Berührung eines Steins, gekoppelt an Farbe und haptische Wahrnehmung, nicht ebenfalls eine somatische Wirkung haben?
Keine Vermutung, sondern ein faktisches Beispiel für abgewertetes Weltwissen ist der Neembaum. Er wird in Indien seit Jahrhunderten als antiseptisches Heilmittel genutzt. Auch ihn kenne ich von meiner 1980er-Jahre-Oma: Sie bestellte Neemöl damals bei einem der wenigen Öko-Versandhandel jener Zeit namens „Waschbär“. Westliche Pharmaunternehmen erklärten das Wissen um den Neembaum so lange für folkloristisch, bis ein US-Konzern in den 1990ern versuchte, Neem-basierte Wirkstoffe patentieren zu lassen. So wurde aus der belächelten Naturkräuter-Spinnerei plötzlich ein milliardenschweres Geschäftsmodell. Erst nach internationalem Protest wurde das Patent im Jahre 2000 wieder aufgehoben. Biopiraterie nennt sich das, und sie folgt dieser Logik: Indigenes Wissen gilt so lange als Aberglaube, bis es ein akademisches Papier zur Wissenschaft erklärt und es sich monetarisieren lässt.
Kommen wir zum Mond und seinen Phasen, die als Banner in meinem Flur hängen: Als Metapher für den weiblichen Zyklus ist er keine pseudowissenschaftliche Behauptung, sondern nicht mehr und nicht weniger als eine poetische Sprache für zyklische Körperrealität. Nicht jede Metapher erhebt den Anspruch, ein Laborbericht zu sein. Manchmal will sie nur ausdrücken, dass unsere Körper keine linearen Produktionsapparate sind. Damit werden die Mondphasen in meinem Flur zu einer sinnlich-dekorativen Kritik an der Wachstumslogik eines patriarchal geprägten Kapitalismus.
„Esoterisch“ ist das neue „hysterisch“. Ein Etikett, um Erfahrung von marginalisierten Gruppen zu delegitimieren. Doch wer Intuition, Körperwissen und spirituelle Praxis reflexhaft verspottet, schützt die Wissenschaft nicht. Er*sie verteidigt nur ihre patriarchalste Auslegung.
Nein, mein vom Mond beschienener Rosenquarz ist nicht esoterisch. Vielleicht ist er mein politischster Stein des Anstoßes fürs Patriarchat.
