“Die Fliege ist das Symbol der Impertinenz” (Arthur Schopenhauer)
Fliegen tauchen in der Kunst nicht zufällig auf. Sie erfüllen eine unbequeme Funktion: Sie zerstören die Illusion des Bildes.
Das erste Bild lässt diesen Riss erkennen. Die folgenden Bilder zeigen, wie verschiedene Künstler sie einsetzen, um den Blick des Betrachters zu manipulieren.
Den vollständigen Artikel findest du hier:
Fliegen sollten eigentlich nicht da sein.
Sie sind fast unsichtbar. Außerdem sind sie hässlich. Sie passen nicht in die Logik eines sorgfältig gestalteten Bildes. Und doch tauchen sie immer wieder in der Malerei auf.
Man findet sie an den unerwartetsten Orten.
Manchmal sogar auf einem heiligen Körper.
Manchmal auf einem Porträt, das für die Ewigkeit geschaffen wurde.
Oder genau dort, wo sie am meisten stören.
Sie scheinen kein Detail zu sein. Aber sie sind auch kein Fehler.
Es gibt Elemente in der Kunst, die man, sobald man sie einmal entdeckt hat, immer wieder sucht. Und findet.
Fliegen gehören dazu. Wenn sie auftauchen, können sie die Bedeutung von allem, was du siehst, verändern.
Eine Fliege als Störfaktor
(Opens in a new window)Jahrhundertelang war es das Ziel der Künstler, die Realität überzeugend darzustellen. Sie wollten, dass ihre Werke lebendig wirken. Dazu bedienten sie sich kleiner Details wie Wassertropfen, Spiegelungen, Transparenzen oder Insekten.
Dieses Werk von Giovanni Santi (1435–1494) hat jedoch etwas Beunruhigendes an sich. Auf den ersten Blick bietet es dir, was du von einem Renaissance-Werk erwartest: Ausgewogenheit und eine ruhige Schönheit, sogar in der Farbgebung. Zwei Engel stützen den auferstandenen Christus, der seine Wunden zeigt.
Als Betrachter sieht man einen verletzlichen Körper, eine Präsenz. Alles scheint zu passen. Bis du die Fliege auf der Brust Christi entdeckst. Sie sitzt dort, wo sie nicht sein sollte. Es scheint, als befände sie sich eher auf der Oberfläche des Bildes als auf seinem Körper.
Um zu verstehen, was hier vor sich geht, möchte ich dich daran erinnern, wer Giovanni Santi war. Er war ein gebildeter Mann, Hofmaler in Urbino und Vater des Malers Raffael. Seine Malerei spiegelt die Klarheit von Piero della Francesca wider, blickt aber nach Norden, hin zur detailreichen flämischen Kunst.
Die Fliege gehört zu dieser detailverliebten Welt. Sie ist weder eine Laune noch eine Unachtsamkeit. Sie ist eine Aussage. Sie gehört nicht zur Christus-Szene. Sie gehört zur Welt des Betrachters. So scheint es zumindest.
Aber hier geschieht noch etwas anderes. Denn sie sitzt auf dem auferstandenen Körper und die Fliege verweist auf die verwesende Materie. Daraus entsteht die Spannung. Während Christus Erlösung verspricht, beharrt die Fliege auf der Materie, auf dem Physischen, das nicht transzendiert.
Dieses kleine Insekt durchbricht die Perfektion des Bildes. Es lässt Zweifel an der Klarheit der Botschaft aufkommen. Wenn man es einmal gesehen hat, kann man es nicht mehr ignorieren. Hier fungiert die Fliege jedoch noch als Unterbrechung. Wie ein Riss im Bild.
In den folgenden Bildern zeige ich dir, wie diese Mechanismus in verschiedenen Kontexten funktioniert.