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Warum brauchen wir Biodiversität? # 1: Im Wasser und an Land

Schmetterlinge, Wölfe, Fische, Spinnen: Manche Tiere mögen oder brauchen wir, andere eher nicht. Warum also nicht jene schützen, die uns begeistern oder nützen – und weg mit dem restlichen „unnützen Gedöns“?

Wild lebende Tiere sind Freude, Arbeit, Nahrung, Kribbelfaktor – oder einfach nur schöne Fotomotive. Aber ist die natürliche Vielfalt unbedingt nötig? Verlieren wir wirklich etwas, wenn einige Arten verschwinden? Wichtige Fragen, um die es in dieser zweiteiligen Reihe geht. Der erste Teil dreht sich um tierische Gestalter im Wasser und an Land.

Bannerbild mit dunkelgrünem Hintergrund. Links eine hellgrüne Eulen-Grafik mit dem Text: Biodiversität im Fokus. Rechts steht in Weiß: Tierisch Vielfältig! Der Newsletter.

Wir leben von und mit der Natur! Eigentlich eine Binsenweisheit. Aber wenn ich einmal darüber nachdenke, wie vielfältig wir (ursprünglich) wilde Tiere nutzen, bin ich doch überrascht.

Angler genießen die Ruhe beim Warten auf den nächsten Fang, Gartenbesitzer das Singen der Amsel, Zoobesucher ein Herbst-Selfie mit röhrendem Hirsch. Forelle blau hat keinen Schwips, sondern ist eine angesehene Delikatesse (wenn auch nicht bei mir, ich mag kein Essen, das mich anschaut). Glückliche Nachfahren der Wildschweine quieken fröhlich auf dem Biobauernhof. Lachs gehört zu Silvester und ganz Mutige gönnen sich einen Insektenburger. Wir reiten auf domestizierten Pferden, gehen mit zahm gewordenen Wölfen nach Feierabend eine Runde Gassi. Bienen jeglicher Art bestäuben nicht nur die Rosen, sondern rund ein Drittel aller Gemüse- und Obstpflanzen weltweit.

Ein Meer aus weißen Obstblüten vor blauem Himmel. Die Blütten haben fünf Blütenblätter und einen langen Stiel. An einer nascht eine Biene, von der man nur das Hinterteil sieht.

Die tierische Vielfalt ist uns Lebensgrundlage und Vergnügen zugleich. Bei all diesen Nutztieren stellt sich jedoch eine Frage: Warum brauchen wir die wilde Vielfalt dann noch?

Eine gute Frage für diese Newsletter-Ausgabe und den Vorsitzenden des Regensburger Instituts für Biodiversität (Ibn), Axel Paulsch. Ein Gespräch über die Rolle der Tiere in einem Ökosystem – und die Bedeutung der Biodiversität für uns Menschen (Teil 1).

Axel Paulsch kurz vorgestellt: Schon seit der Kindheit von Natur und Vögeln begeistert, früher bei einigen Naturschutzverbänden aktiv, später Studium der Geoökologie. Heute ibn-Vorsitzender, bewegt sich zwischen Politik, Forschung und Natur.

Tiere als Landschaftsarchitekten

Wir Menschen gestalten gerne unser kleines Stück Natur, doch viele Tiere stehen uns da in nichts nach. Sie sind wie tierische Landschaftsarchitekten, bauen, pflanzen, düngen oder stabilisieren mit ihren Fußtritten ganze Deiche. Auch die Vergesslichkeit von Vögeln wie Kleiber (Opens in a new window)und Eichelhäher (Opens in a new window)hat laut Axel Paulsch einen Sinn. Sie verstecken gerne Nüsse und Samen – und zwar so gut, dass sie Teile ihrer Wintervorräte nicht mehr wiederfinden. Diese bleiben unentdeckt „und im nächsten Frühjahr sprießt aus einer [vergessenen] Nuss vielleicht ein neuer Baum“. Ein Lieblingshobby, dass die vergesslichen Vögel mit Eichhörnchen teilen 😉.

Ein rotbraunes Eichhörnchen gräbt mit der Nase im Boden vor einem Baumstamm. Man sieht seinen Puschelschwanz und im Hintergrund Blätter.

Die Entwicklung vieler natürlicher Ökosysteme hänge „davon ab, wie sie durch Tiere genutzt werden“, so der Geoökologe. Oft seien zudem fruchtfressende Tiere für die Verbreitung von Samen zuständig.

Sollte also mal wieder eine Amsel die Kirschen aus dem Garten mopsen, ist das in begrenztem Umfang gar nicht so schlimm. Kirschen haben Kerne, diese werden „mitgeschluckt und von den Tieren an anderer Stelle wieder unbeschadet ausgeschieden“. So verbreiten sich viele Pflanzen und Bäume.

Tiere als Bioindikatoren

Dazu eignen sich viele Tiere, auch Rebhühner (Opens in a new window). Deren Zahl sei in den letzten Jahrzehnten um 90 Prozent zurückgegangen, erklärt der Experte. Ein Grund hierfür sei das Insektensterben. Der Rest ist Mathematik: Je weniger Insekten vorhanden sind, desto weniger Rebhühner können sich von ihnen ernähren.

Die Zahl der Rebhühner lässt also Rückschlüsse auf die Zahl der Insekten in ihrem Lebensraum zu. Man kann diesen so genannten Brutvogelindex „nutzen, um etwas über den Zustand eines Ökosystems auszusagen“, so Paulsch.

Tiere in der Landschaftspflege

Große Pflanzenfresser säen nicht, sie knabbern – und zwar vor allem an Büschen und jungen Bäumchen. So halten sie die Landschaft offen. Früher haben dies hierzulande oft mächtige Auerochsen oder Wisente übernommen. Vor etwa 100 Jahren wurde das letzte Wisent geschossen, nun werden sie an manchen Stellen wieder angesiedelt. Nicht immer ohne Probleme, einige der Hornträger streifen wild umher und fressen auch die Rinde und Knospen von forstwirtschaftlich genutzten Bäumen.

Auf einer Wiese dösendes Ziegen-Kitz. Der Körper ist weiß, der Kopf rotbraun, die Ohren sehr lang.

Ihre Aufgabe als Landschaftspfleger übernehmen daher vielerorts Ziegen und Schafe, etwa auf Magerwiesen. Diese sind laut Paulsch durch Schlehen, Kiefern oder Robinien aus dem Mittelmeerraum bedroht. Werden die Großpflanzen nicht entfernt, wächst die Fläche zu und geschützte Orchideenarten haben keine Chance mehr. Um zu verhindern, dass solche Flächen verbuschen, würden heutzutage oft Schäfer bezahlt.

Beruf: Ökosystem-Ingenieur

Biber nagen nicht nur an Bäumen. Sie verändern ganze Ökosysteme. Durch ihre Dämme staut sich Süßwasser, ein kleiner Teich bildet sich. Außerdem gibt es „Verlandungszonen oder Zonen, in denen es moorig werden kann“, beschreibt der Geoökologe das Bauprinzip. Die tierisch guten Baumeister sind somit Ökosystem-Ingenieure, indem sie inmitten eines Flüsschens neue Lebensräume schaffen, „die wertvoll für alle möglichen anderen Arten sind.“ Wenn Rehe, Hirsche, Störche, Reiher, Frösche, Molche und Insekten wie Libellen, Schmetterlinge oder Heuschrecken in ihrer Nachbarschaft einziehen, erhöht sich auf natürlichem Wege die Biodiversität.

Manchmal können Biberdämme sogar vor Hochwasser schützen. Bei starken Regenfällen wirken Feuchtflächen in der Nähe der Bauten wie ein natürliches Rückhaltebecken. Sie entstehen dort, „wo das Wasser durch den Biberdamm zurückgehalten wird und erstmal in eine Art Aue läuft und dort eine Weile steht“, bevor es wieder in den Hauptfluss abläuft. Auf diese Weise fließt das Wasser rund um den Damm wesentlich langsamer ab, als in begradigten Flussläufen. Hochwasserschutz auf Biber-Art.

Tiere als Gewässerschützer

Muscheln gelten zwar als Delikatesse (nicht bei mir), doch sie können mehr! Was der Biber (teilweise) an Land, das leisten Muscheln im Wattenmeer. Dort befinden sich Miesmuschelbänke und Austernriffe im stetigen Wettkampf mit dem Meeresspiegel. Aktuell wachsen (Opens in a new window) die Riffstrukturen (noch) schneller, als der Meeresspiel ansteigt. Dadurch könnten diese „eine Art Wellenbrecherfunktion haben, die anstürmendes Wasser verlangsamt und damit die dahinterliegende Küste schützt“, bestätigt Paulsch. Gute Nachrichten für alle Wattwürmer, Krebse und Schnecken. Wäre das Watt dauerhaft überschwemmt, würden sie ertrinken. Muschelbänke verhindern dies.

Drei braunschwarze Schalen von Miesmuscheln, ohne Fleisch, schon vor Jahrzehnten an der See gesammelt. In einer Schale sieht man die Perlmutt-Innenseite.

Auch in Binnengewässern spielen die Weichtiere eine wichtige Rolle. Muscheln reinigen das sie umgebende Wasser, indem sie „Kleinstlebewesen, Zooplankton und Phytoplankton“ aufnehmen. Fehlen die Muscheln „werden diese kleinen Organismen nicht gefressen, sondern sterben irgendwann ab. Der Zersetzungsprozess verbraucht Sauerstoff, so dass kleinere Gewässer kippen können“, erklärt Paulsch. Der Sauerstoffmangel wirkt sich auch auf die Fische aus. Ist er zu groß, funktioniert die Kiemenatmung nicht mehr und die Fische sterben.

Muscheln sind also ebenso wichtig für den Nährstoffhaushalt von Binnengewässern – und für deren Biodiversität.

Übersicht über jene Bereiche, in denen Biodiversität für den Menschen wichtig ist: Ökosystem-Pflege, Hochwasser-Schutz, Wasserwelten, Landwirtschaft, Gartenbau und Fischerei, Gesundheit und Medizin, Tourismus und Freizeit.

Doch Biodiversität ist nicht nur an Land oder im Wasser wichtig, auch im Boden tummelt sich das Leben. Ein ganzer Kosmos, der nötig ist, um unsere Lebensmittel zu produzieren.

In zwei Wochen folgt der zweite Teil dieser Reihe (Opens in a new window). Dann wird es um kleine Tiere und große Strategien gehen.

Ausblick

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Mehr zum Thema
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